Profis | 10.02.2019

FC-Stürmer

Die Geschichte des Jhon Cordoba

Wie es Jhon Cordoba – Matchwinner beim 4:1 gegen St. Pauli – aus einer kolumbianischen Krisenregion in den deutschen Profifußball geschafft hat.

Jeden Winter zwischen Weihnachten und Neujahr macht Jhon Cordoba etwas, wovon das Auswärtige Amt dringend abrät. Er reist nach Kolumbien, in den Nordwesten des Landes, in die Provinz Choco. Dort, so warnt das Auswärtige Amt auf seiner Internetseite, seien „Entführungen, Raub und andere Gewaltdelikte bis hin zu offenen Kämpfen krimineller Banden jederzeit möglich“. Natürlich weiß Jhon Cordoba um die Gefahr. Der Stürmer des 1. FC Köln ist mit ihr aufgewachsen. Denn in Choco liegt seine Heimat.

Jhon Cordoba stammt aus Istmina, einer kleinen Stadt nahe der kolumbianischen Westküste an einer Flussgabelung mitten im Pazifik-Dschungel. Bretterbuden und Häuschen aus unverputztem Backstein mit rostroten Wellblechdächern säumen das Ufer. „Die Armut ist sehr groß und überall spürbar, trotzdem ist es ein lebhaftes Städtchen mit fröhlichen Menschen“, sagt Cordoba. Die Mehrheit der etwa 25.000 Bewohner ist afrokolumbianisch. Ihre Vorfahren waren afrikanische Sklaven, die einst in den Goldminen von Choco schuften mussten. 

Guerillas, Milizen, Drogenkartelle 

Noch immer gibt es enorme Goldvorkommen in Cordobas Heimatregion, doch die Schürfrechte sind im Besitz von Großkonzernen – und der illegale Goldabbau wird von linken Guerillagruppen, rechten Milizen und den Drogenkartellen kontrolliert. Kolumbien ist ein Land, in dem nach mehr als einem halben Jahrhundert Bürgerkrieg auch heute vielerorts das Recht des Stärkeren gilt. 

Bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Guerillas, Paramilitärs, dem Staat und später auch Drogenkartellen haben seit Mitte der 1960er-Jahre mindestens 220.000 Menschen das Leben gekostet. Choco gehört zu den von diesen Konflikten besonders betroffenen Gebieten. Zwar haben die kolumbianische Regierung und die größte Rebellengruppe, die Farc, im Jahr 2016 ein Friedensabkommen unterzeichnet – doch in das entstandene Machtvakuum drängen jetzt andere Guerillas und Gruppierungen der organisierten Kriminalität.

„Wir hatten immer etwas zu essen“

Über die Gewalt und Kriminalität in seiner Heimat möchte Jhon Cordoba selbst nicht viele Worte verlieren. Nur so viel: „Ich habe noch Verwandte in Istmina. Im Vergleich zu anderen Orten der Region Choco ist es dort recht sicher.“ Jhon Cordoba wird dort 1993 geboren und wächst als drittes von fünf Geschwistern auf. Die Mutter kümmert sich um die Kinder, während der Vater in den 1980er- und 90er-Jahren als Fußballprofi durch die kolumbianische Liga tingelt und es sogar in die Nationalmannschaft schafft. Reich wird er damit nicht, doch er verdient genug, um die Familie zu ernähren. „Ich bin in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, ohne Luxus. Aber wir hatten immer etwas zu essen“, sagt Cordoba. 

Seine Kindheit verbringt er mit dem Ball am Fuß. „Wir haben jeden Tag Fußball gespielt, barfuß auf der staubigen Straße. Vom Schotter hatte ich oft Schürfwunden.“ Meist kicken Jhon und die Kinder aus seinem Viertel am nahegelegenen Krankenhaus. Der Parkplatz für den Krankenwagen ist mit einem massiven Gitterzaun gesichert, den die Kinder als Tor nutzen. Mit sieben Jahren schließt sich Jhon der örtlichen Fußballschule an. Er träumt davon, eines Tages Profifußballer zu werden. So wie sein Vater. Mit der Zeit wird klar, dass er das in den Tiefen des Regenwalds versteckte Istmina dafür verlassen muss. 

Ein Lehrer stellt Kontakt her zum Envigado FC, einem für seine ausgezeichnete Jugendarbeit bekannten Club, bei dem unter anderem James Rodriguez vom FC Bayern ausgebildet wurde. Jhon ist begeistert, doch seine Mutter möchte den damals Zwölfjährigen nicht gehen lassen. Denn Envigado liegt am Rande von Medellin. Und Medellin ist eine völlig andere Welt. In die 305 Kilometer entfernte Millionenmetropole braucht man damals von Istmina mit dem Auto zwölf Stunden. Über Schotterpisten, die sich durch den Dschungel schlängeln. Doch die Cordobas haben zu der Zeit ohnehin keinen Wagen. 

„Meine Mutter hatte Angst um mich“ 

Und es ist auch nicht so sehr die Distanz, die der Mutter so Sorgen macht, sondern die Sicherheitslage. Medellin ist als Drogenhochburg berüchtigt, in den 1990er-Jahren galt sie nicht nur wegen ihrer hohen Mordrate als wohl gefährlichste Stadt der Welt. „Meine Mutter hatte Angst, dass mir etwas passieren könnte“, sagt Jhon, „ich selbst hatte aber keine Angst. Ich wollte unbedingt meinen Traum verwirklichen.“ Er bleibt hartnäckig. Als er 15 ist, gibt die Mutter den Widerstand auf und lässt ihn ziehen. 

Jhon kommt bei der Familie eines Cousins unter und gut zurecht. „Ich hatte mein Ziel vor Augen und habe alles dafür getan, es zu erreichen.“ Im Alter von 17 Jahren wird er in Envigado zu den Profis befördert. Drei Monate später, am 8. Oktober 2010, läuft er zum ersten Mal in der ersten kolumbianischen Liga auf. Das Datum seines Debüts hat er sich auf die Innenseite des Oberarms tätowieren lassen, dazu ein Kreuz.

„Dass ich meinen Traum vom Profifußball wahrmachen konnte, habe ich Gottes Hilfe und meiner persönlichen Willenskraft zu verdanken“, sagt Jhon. Noch heute feiert er seine Tore, indem er mit beiden Zeigefingern in Richtung Himmel zeigt – wie am Freitag, bei seinem Hattrick gegen den FC St. Pauli. 

Während seiner zweiten Profisaison fällt er den Spähern des mexikanischen Erstligisten Chiapas FC auf. Eigentlich beobachten sie seinen Teamkollegen, den Verteidiger Leiton Jimenez. Der überzeugt sie. Doch mindestens genauso beeindruckt die Scouts Envigados junger, wuchtiger Stürmer namens Jhon Cordoba, der an diesem Tag zwei Tore erzielt. „Also haben sie uns beide verpflichtet, noch in derselben Woche.“ 

Doch in Mexiko fällt dem zu diesem Zeitpunkt 19-Jährigen die Eingewöhnung nicht so leicht wie zuvor in Medellin. „Ich hatte bis dahin noch nie in meinem Leben Kolumbien verlassen. Für mich war das damals schwierig, ich habe meine Familie sehr vermisst, das hat sich auch auf meine Leistungen ausgewirkt.“ 

Wechsel nach Barcelona

Dafür blüht er im Kreis der kolumbianischen U20-Nationalmannschaft auf. Mit ihr wird er Anfang 2013 Südamerikameister und erzielt bei dem Turnier vier Tore. Im folgenden Sommer, bei der U20-Weltmeisterschaft in der Türkei, scheiden die Kolumbianer zwar im Achtelfinale unglücklich im Elfmeterschießen gegen Südkorea aus – doch Cordoba macht mit zwei Treffern in vier Spielen die internationalen Talentscouts auf sich aufmerksam. Der spanische Erstligist Espanyol Barcelona leiht ihn ein Jahr aus. 

Zwar ist der Schritt nach Spanien fußballerisch wie geographisch ein deutlich größerer als der von Kolumbien nach Mexiko, doch in Barcelona kommt der Angreifer nach einigen Wochen Eingewöhnungszeit regelmäßig zum Einsatz, häufig als Joker. Am Ende seiner ersten Saison stehen für ihn 28 Einsätze und vier Tore zu Buche. Nach Ablauf seiner Leihe bleibt Cordoba in Spanien: Espanyols Ligakonkurrent FC Granada verpflichtet ihn. Auch in Granada ist Cordoba häufig die erste Einwechseloption von der Bank, trifft viermal in 26 Spielen. 

Im folgenden Sommer, die neue Saison läuft bereits, sucht der 1. FSV Mainz 05 Verstärkung für die Sturmspitze. Jhon Cordoba passt genau ins Anforderungsprofil. Die Mainzer verständigen sich mit Granada auf eine Leihe mit anschließender Kaufoption. In den ersten Monaten in Mainz wird Cordoba noch von muskulären Problemen und Adduktorenbeschwerden gebremst, in der Rückrunde zeigt er jedoch seine Klasse. In den letzten 13 Spielen der Saison 2015/16 erzielt er fünf Tore und bereitet zwei weitere vor. Damit trägt er wesentlich dazu bei, dass die 05er einen starken sechsten Platz belegen und sich für die Europa League qualifizieren.

„Es hat gut funktioniert“, sagt Cordoba über seine Zeit in Mainz. Logische Konsequenz: Die 05er ziehen die Kaufoption und verpflichten ihn fest. Auch im zweiten Jahr überzeugt Cordoba als Stammspieler. Entsprechend ungern lassen ihn die Mainzer im Sommer 2017 zum 1. FC Köln ziehen.

Die Skeptiker überzeugt 

In seinem ersten Jahr beim FC gelingt ihm zwar in der Europa League auswärts beim FC Arsenal mit einem Fernschuss aus etwa 30 Metern ein Traumtor. Doch in der Bundesliga trifft er in der gesamten Abstiegssaison keinmal. Öffentlich muss er dafür viel Kritik einstecken, Teile der Fans pfeifen ihn aus. 

Beklagt hat sich Jhon Cordoba darüber nie. Er hat Taten sprechen lassen. In dieser Saison ist er mit seinem unermüdlichen Einsatz, seiner spektakulären Spielweise und mittlerweile zehn Saisontoren zum Publikumsliebling geworden. Auch Skeptiker hat er von sich überzeugt.

Es ist nicht die erste schwere Situation, die Jhon Cordoba in seinem Leben gemeistert hat.

Dieser Text erschien in ähnlicher Form erstmalig im GeißbockEcho.

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL. Verein Pkt.
14 FC Augsburg 4
15 1. FC Köln 3
16 1. FSV Mainz 05 3

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