Club | 29.05.2020

Interview im GeißbockEcho

FC-Geschäftsführer: Auf Hochdruck im Shutdown

Plötzlich alles anders: Im globalen Shutdown wegen Corona mussten die FC-Geschäftsführer Horst Heldt und Alexander Wehrle elementare Entscheidungen treffen und kreative Lösungen finden. Nicht nur im Sinne der Fußballprofis – sondern mit Blick auf den gesamten 1. FC Köln und die Arbeitsplätze der Mitarbeiter. Ein Gespräch über politische Vorgaben in der Krise, das Konzept der DFL und die gesellschaftliche Verantwortung des Profifußballs.

Alexander Wehrle, Horst Heldt, wir erleben aktuell außergewöhnliche Zeiten. Wie gehen Sie persönlich mit der Corona-Pandemie um? Können Sie schon einordnen, was sie für die Zukunft bedeutet?
Horst Heldt:
„Es sind auf jeden Fall intensive Zeiten. Alex und ich mussten in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit mit dem Vorstand gemeinsam die Probleme in den Griff bekommen, die die Krise mit sich gebracht hat. Man macht sich permanent Gedanken um das Große und Ganze, um den Club, die Mitarbeiter, aber auch und besonders um die Familie. Wir haben uns intensiv mit dem Thema Schule beschäftigt, wie jeder, der Familie mit Kindern hat. Zu Beginn des Shutdowns war ich ja bei meiner Familie in München und da ging auch das Homeschooling nicht an uns vorbei. Jetzt sind wir in der glücklichen Lage, einiges aufzufangen. Aber es wird den Familien in der aktuellen Zeit sehr viel abverlangt. Jede Familie will doch das Beste für ihre Kinder. Ich kann sehr gut verstehen, wenn man dabei an gewisse Grenzen stößt.“

Alexander Wehrle: „Ich denke, mir geht es da wie allen anderen, weil ich es nie für möglich gehalten hätte, dass sich nahezu von heute auf morgen die komplette Welt verändert. Für mich gab es zwei Welten. Die ­private Welt mit der zentralen Frage ‚Wann sehe ich meine Liebsten wieder‘, und auf der anderen Seite den FC. Vielleicht war es sogar von Vorteil, dass wir im Club und in der Liga so unter Strom standen, dass man in einem gewissen Tunnel war. So hat man manche Dinge auch etwas verdrängt. Mittlerweile kann ich schon sagen, dass sich die Wahrnehmung verschoben hat. Das, was mal normal war und man nicht mehr 
so richtig wahrgenommen hat, ist heute etwas Beson­deres. Das nehme ich aus der Zeit auf jeden Fall mit.“

Wie haben Sie besonders während der zwei Monate ohne Fußball die Mitarbeiter, die Trainer und das Team erreicht beziehungsweise zusammengehalten?
Horst Heldt:
 „Wir hatten verschiedene Phasen unter sich ändernden Umständen zu bewältigen. Ganz zu Beginn durfte man sich ja noch treffen, dann wurden die Vorgaben schärfer. Über digitale Lösungen kann man aber mittlerweile problemlos Konferenzen mit vielen Teilnehmern organisieren. Aber auch hier war es schon kurios, dass ich mich mit Alex über Video-Chat unterhalten haben, obwohl wir nur zwei Büros auseinander saßen. Es war uns aber immer wichtig, alle Regeln einzuhalten.“

Alexander Wehrle: „Im Grunde haben wir den FC in zwei Teams aufgeteilt. Ein Team im Homeoffice und ein Team am Geißbockheim. Dabei haben aber maximal zwei Personen in einem Büro gesessen. Wir hatten bislang unzählige virtuelle Meetings auf allen Ebenen – mit dem Vorstand, allen Gremien und natürlich ­unseren Mitarbeitern. Mit virtuellen Mitarbeiterversammlungen haben wir den Kontakt und Austausch aufrechterhalten. Zudem haben wir versucht, alle neuen Entwicklungen im Intranet mitzuteilen. ­Obwohl man physisch nicht beisammen war, hat die Kommunikation zugenommen. Wir versuchen, alle auf Ballhöhe zu halten, auch wenn das wirklich schwierig ist über räumliche Trennung hinweg. Umso mehr freut mich, dass in dieser Zeit der Zusammenhalt nicht verlorengegangen ist. Ich erlebe den FC und insbesondere unsere Mitarbeiterschaft sogar noch gefestigter und solidarischer untereinander. Wir haben sehr viele Herausforderungen der Krise team- und abteilungsübergreifend angenommen und sehr viele Mitarbeiter haben noch mehr gearbeitet als vorher schon, während andere in Kurzarbeit mussten, weil ganze Bereiche wie Fanshops und Gastronomie weggebrochen sind. Aber wir sind nicht auseinandergeflogen, sondern zusammengerückt.“

Haben Sie den Club in dieser Zeit nochmal anders kennengelernt?
Horst Heldt:
„Das gesamte System wurde weltweit auf nahezu Null runtergefahren. Das ist eine derart außergewöhnliche Situation, dass man zwangläufig alles neu und besser kennenlernt. Es war und ist absolutes Neuland. Ich bin froh, dass der FC schnell und effektiv in der Lage war, sich den Problemen zu stellen und sie zu lösen. Wir haben viele Ideen entwickelt in dieser Phase und sind nochmal stärker zusammen­gewachsen. Alex hatte dabei ja nicht nur den FC zu ­managen, sondern als DFL-Präsidiumsmitglied auch noch die ganze Liga. Davor ziehe ich meinen Hut.“

War das die intensivste Phase Ihrer bisherigen ­beruflichen Laufbahn?
Alexander Wehrle:
„Ja. Obwohl wir hier am Geißbockheim in den letzten Jahren nicht gerade wenig erlebt haben (lacht). Aber geballt in diesem Zeitraum von zwei, zweieinhalb Monaten war es schon intensiv. Ich bin mit dem Thema eingeschlafen und wieder aufgewacht. Klar, zu Beginn meiner Tätigkeit in Köln 2013 gab es auch Probleme, aber rein finanzieller ­Natur, die wir zum Glück in den Griff bekommen haben.“

Horst Heldt: „Aber auch schon vor Corona war es ­sicher nicht langweilig hier.“

Alexander Wehrle: „Stimmt.“

Horst Heldt: „Man steigt auf, spielt gut, holt aber zu wenig Punkte. Dann ist man in einer sportlichen Krise und wechselt den Trainer und den Manager. Es war vorher schon ein außergewöhnlich turbulentes Jahr.“

Alexander Wehrle: „Eigentlich hatten wir gedacht, dass wir das Schlimmste hinter uns hatten – und dann kommt Corona.“

Wie hart war die Zeit des Kampfs um die Wieder­aufnahme des Spielbetriebs?
Alexander Wehrle:
„Es war eine ganz wichtige Entscheidung. Nicht nur für die Bundesliga, sondern für den gesamten Profi-Sport in Europa, vielleicht sogar weltweit. Aber damit einhergehend auch ein brutal wichtiges Signal für den Amateurfußball. Wir sind noch nicht durch, das ist klar. Wir müssen unseren Weg diszipliniert und konsequent weiterführen. Aber dann werden sich die Amateurligen auch einfacher tun, wieder in den Spielbetrieb zu kommen. Das darf man nie außer Acht lassen.“

Horst Heldt: „Es gibt eine sportliche und eine wirtschaftliche Sichtweise. Wir haben nie einen Hehl ­daraus gemacht, dass die Fortsetzung des Profifußballs auch aus wirtschaftlichen Aspekten wichtig ist. Aber ich als ehemaliger Fußballer kann sagen, dass es mir zudem wichtig ist, den sportlichen Wettbewerb zu Ende zu bringen. Die Mannschaft war Tabellenletzter, niemand hat mehr mit uns gerechnet. Dann haben wir uns da rausgekämpft und eine super Serie hin­gelegt. Dann ist es doch völlig logisch, dass man als Sportler möchte, dass das nicht alles umsonst war. Das hätte uns allen, den Spielern und auch dem ­Trainerteam, sehr wehgetan.“

Alexander Wehrle: „Es ist auch immer eine Frage der Alternativen. Wir alle konnten und wollten es uns zunächst gar nicht vorstellen, ohne Zuschauer zu spielen. Aber irgendwann mussten wir erkennen, was es bedeuten würde, wenn wir nicht diesen mutigen Schritt vollzogen hätten. Es ist mehr als fraglich, dass es alle Vereine ausgehalten hätten, zu warten, bis es einen Impfstoff gibt. Die Liga ist auch jetzt noch lange nicht gesichert. Daher war es enorm wichtig, diesen schwierigen Schritt auch gegen massiven Gegenwind weiterzugehen. Keiner wusste, wie es funktionieren wird. Und keiner weiß, ob die Saison zu Ende gespielt werden kann. Aber wenn man es nicht versucht, kann man es nie herausfinden.“

Dann die ersten positiven Tests ausgerechnet bei uns: Was haben Sie da gedacht?
Horst Heldt: „Das war am letzten freien Wochenende vor der Quarantäne-Phase. Wir hatten beide vor, noch mal nach Hause zu unseren Familien zu fahren. Irgendwie haben wir aber entschieden, so lange zu warten, bis die Ergebnisse vorlagen. Nicht, dass wir etwas geahnt hätten, aber es war schon klar, dass es ein wichtiger Moment für alle ist.“

Alexander Wehrle: „Donnerstagsnachts um 1 Uhr ­erreichte mich die erste Nachricht von unserem Doc. Da war mir schon klar, dass ich am 1. Mai ins Büro muss.“

Horst Heldt: „Man darf nicht vergessen, dass wir nicht der erste Club waren, bei dem es Corona-Fälle gab. Die Fälle in Hannover, Berlin und Paderborn ­waren ja vorher schon bekannt.“

Alexander Wehrle: „Aber wir waren die ersten in der Testreihe – zudem am Medienstandort Köln. Umso wichtiger war es, dass alle Maßnahmen fortan koor­diniert und sauber ablaufen. Wir haben ein Konzept erstellt und es dem Gesundheitsamt vorgelegt, das es intensiv geprüft hat.“

Horst Heldt: „Das Gesundheitsamt hat vollumfänglich einen professionellen Job gemacht und die Thematik mehr als ernstgenommen. Der Fußball hat in keiner Weise eine Bevorzugung erfahren. Es wurde alles ­geprüft und geschaut, ob das Konzept eingehalten wurde und weiterhin standhalten kann. Wir waren froh und erleichtert, dass unser System Sicherheit ­geboten und die gewissenhafte Arbeit des Gesundheitsamts dies bestätigt hat. Aber auch mit unserem eigenen, internen Management der Krise bin ich ­zufrieden, auch wenn man im Nachhinein im Detail ­immer wieder Dinge entdeckt, wo man sagt: ‚Da ­hättest du es anders machen sollen.‘ Unterm Strich haben wir auch diese Tage gut gemeistert, ohne dass wir uns an irgendjemandem orientieren konnten.“

Stichwort Tests: Um die positiven Tests in der Liga gab es viel Aufregung, logischerweise. Aber was ­passiert mit den Ergebnissen all der anderen Tests? Sie ergeben doch eine riesige Studie im Kampf gegen das Virus …
Alexander Wehrle: „Richtig. Durch die Tests in der Bundesliga kann ein wichtiger wissenschaftlicher ­Beitrag geleistet werden. Es werden rund 1.500 Personen bundesweit über acht Wochen hinweg getestet. Da werden sicher hochinteressante Ergebnisse zum ­Vorschein kommen. Wir hatten ja schon zwei positiv getestete Spieler, die fünf Tage später negativ getestet wurden. Darüber hinaus haben Antikörper-Tests ­ergeben, dass insgesamt vier Spieler bereits über Antikörper verfügen – also zwei weitere neben den positiv getesteten. Auf unseren Kader gesehen sind es also rund 15 Prozent der Spieler, die Antikörper aufweisen. Das sehe ich als interessantes Detail. Ich bin überzeugt, dass am Ende eine Feldstudie über alle Tests der Bundesliga sehr wichtige Informationen bezüglich der Virenlast und ihrer Entwicklung liefern wird.

Das komplette Interview mit Horst Heldt und Alexander Wehrle gibt es hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
131. FSV Mainz 0537
141. FC Köln36
15FC Augsburg36