Profis | 03.10.2020

GeißbockEcho

Hüben wie drüben: Der Sekunden-Rahnsinn

Fast 20 Jahre lang galt Uwe Rahn unter ehemaligen Wegbe­gleitern und Mitspielern als verschollen. Als deutscher National­spieler hatte er aber nur 19 Sekunden gebraucht, um auf der Bildfläche zu erscheinen. Er schoss viele Tore, gewann jedoch nie einen Titel. Er spielte für Gladbach und den FC, später auch in Japan. Seit einigen Jahren handelt Rahn mit Aktien – fern des Fußballrummels.

Rahn hat Fußballgeschichte geschrieben. Das ist nichts Neues, würden viele sagen. Selbst jene, die mit Fußball nichts oder kaum etwas am Hut haben, wissen das. Die meisten wüssten sogar, in welchem Jahr Rahn ein besonderes Kapitel deutscher Fußballgeschichte schrieb – und an welchem Ort. 1954. Bern. Rahn traf zum 3:2, Deutschland wurde erstmals Weltmeister. Doch um ­jenen Rahn geht es in dieser Geschichte gar nicht. Denn wer wüsste, dass sich 30 Jahre später erneut jemand in den Geschichts­büchern der deutschen Nationalmannschaft verewigt hat, der auch den Namen Rahn trägt? 

Mittwoch, 17. Oktober 1984, Müngersdorfer Stadion. In der 75. Minute des WM-Qualifikationsspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden wechselt Bundestrainer Franz Beckenbauer einen 22-jährigen Debütanten ein. Er trägt langes blondes Haar, einen Schnäuzer – und heißt Rahn. Uwe Rahn. Nicht verwandt oder verschwägert mit Helmut Rahn, dem aus Essen stammenden Helden von Bern. Doch allein sein Nachname sorgt für Aufsehen. Spätestens an besagtem Abend in Köln macht Uwe sich dann aber selbst einen Namen. Dafür benötigt er 19 Sekunden.

19 Sekunden vergehen nach seiner Einwechslung, bis Uwe Rahn erstmals an den Ball kommt – und prompt das 1:0 erzielt. Ein ­Rekord für die Ewigkeit. Bis heute ist es das schnellste Tor eines Debütanten der deutschen Nationalelf. „Rahnsinn“ titelt der ­Boulevard am nächsten Morgen. „Das Tor war ein Traum, den ich gar nicht geträumt hatte“, sagt Rahn dazu Jahrzehnte später in einem Interview mit dfb.de. Der junge Stürmer von Borussia Mönchengladbach steigt binnen kürzester Zeit zum Star auf, nichts ahnend, dass er da im Nationaltrikot schon den Gipfel erreicht hatte – und dort nicht lange bleiben würde.

Bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko zählt Rahn zum Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft, zum Einsatz kommt er aber nicht. Vor dem Turnier war er monatelang verletzt gewesen, weshalb ihm Spielpraxis fehlt und er im Sturm das Nachsehen gegenüber erfahreneren Spielern wie Karl-Heinz Rummenigge, Dieter Hoeneß oder Rudi Völler hat. Missen will Rahn die Ein­drücke aus Mexiko aber nicht, wie er vor einiger Zeit mal erzählte. Während des ­Endspiels, das Deutschland mit 2:3 gegen Argenti­nien verliert, begegnet Rahn in den Katakomben des Azteken­stadions Diego Maradona. Ein Erlebnis, das ihm bis heute viel bedeutet. Nur wenige Spieler haben es überhaupt bis dahin ­geschafft. Insgesamt brachte es Rahn auf 14 A-Länderspiele. ­Gemessen an seiner Qualität sind das viel zu wenig. 

Was er sportlich zu leisten imstande ist, stellt der Mittelstürmer in der Bundesliga-Spielzeit 1986/87 im Trikot von Borussia ­Mönchengladbach unter Beweis. Für die Fohlenelf erzielt er 
24 Saisontreffer, wird Torschützenkönig und zum Fußballer des Jahres in Deutschland gekürt. Die Gladbacher profitieren von ­ihrem Torjäger enorm, werden in der Liga Dritter und erreichen das Halbfinale im UEFA-Pokal. VfL-Manager Grashoff fordert im Sommer 1987 kolportierte 15 Millionen Mark als Ablöse für Rahn. Nach damaligen Maßstäben eine sehr hohe Summe – und aus Sicht der Verantwortlichen des PSV Eindhoven zu hoch. Sie wollen Rahn gerne, aber nicht um jeden Preis als Nachfolger von Ruud Gullit verpflichten, der gerade Weltfußballer geworden und dem Lockruf des AC Mailand gefolgt war.  

Hätte Gladbach einem Wechsel von Rahn in die Niederlande für eine geringere Ablösesumme zugestimmt, hätte der kopfballstarke Rechtsfuß wohl ein Jahr später die Champions League mit ­Eindhoven gewonnen. Stattdessen muss er in Gladbach bleiben, da sich auch ein Wechsel zum FC Bayern zerschlägt. Rahn ist ­unzufrieden und macht daraus keinen Hehl. Denn auch sein ­Mentor und Trainer Jupp Heynckes hat Gladbach in Richtung München verlassen.

Den lehrenden Heynckes und seinen gelehrigen Schüler Rahn verbindet bis heute ein besonderes Verhältnis. Heynckes hatte Rahn als 18-jähriges Talent aus Mannheim zur Borussia geholt. Er schenkte dem sensiblen Techniker auch in schwierigen Phasen das Vertrauen, führte viele Einzelgespräche mit ihm und formte ihn über Jahre zu einem der besten deutschen Angreifer. Einen Titel gewinnen sie während ihrer gemeinsamen Zeit in Gladbach zwischen 1980 und 1987 nicht, qualifizieren sich aber regelmäßig für den europäischen Wettbewerb. Nach Heynckes' Weggang ­verlieren die Fohlen tabellarisch den Anschluss an die Spitze und auch Rahn knüpft nicht an seine Leistungen der Vorjahre an. Das Verhältnis zwischen ihm und den Entscheidern der Borussia hatte Risse erhalten.

1988 verkauft Gladbach Rahn an den 1. FC Köln – für einen Bruchteil der Summe, die ein Jahr zuvor noch Eindhoven auf den Tisch gelegt hätte. Mit FC-Schal, Mütze und Stoffgeißbock lässt sich Rahn bei seiner Vorstellung am Geißbockheim ablichten. FC-­Cheftrainer Christoph Daum verspricht, den Ausnahmekönner wieder zum Nationalspieler zu machen. Doch ein Länderspiel für Deutschland macht Rahn nicht mehr. Dabei zeigt er beim FC auf Anhieb gute Leistungen und erzielt in seiner ersten Saison mit dem Geißbock auf der Brust sieben Bundesligatore. Doch Rahns Wünsche, zur EM im eigenen Land und zur WM 1990 nach Italien zu reisen, bleiben unerfüllt. Deutschland wird in Italien Welt­meister – Rahn bleibt titellos.

Beim FC spielt er mit der Zeit nur noch selten auf seiner Lieblingsposition im Angriff. Daum stellt ihn lieber im offensiven Mittelfeld auf – wenn überhaupt. Obwohl Rahn im zweiten Jahr beim FC acht Pflichtspieltore beisteuert, sitzt er immer öfter auf der Bank. Während Rahns Zeit beim FC wird der FC Vizemeister und erreicht das Halbfinale im UEFA-Pokal (2:3 und 0:0 gegen ­Juventus Turin). Wegen Verletzungen, aber womöglich auch aus anderen Gründen, schafft Rahn in Köln den endgültigen Durchbruch jedoch nicht. Ihm wurde stets ein gewisser Hang zu Süßigkeiten und Cola nachgesagt.

Als Erich Rutemöller 1990 neuer FC-Trainer wird, verlässt Rahn den Club. Vom einst erklommenen Gipfel geht es für ihn sportlich weiter bergab. Hertha zahlt angeblich 1,7 Millionen Mark für Rahns Dienste. Eine Investition, die sich nicht lohnt. Am Saison­ende steigt der Hauptstadtklub ab. Rahn will nicht mit in die 2. Bundesliga, streitet mit der Hertha monatelang vor dem Arbeitsgericht, ehe er im Dezember 1991 zu Fortuna Düsseldorf wechselt. Ein halbes Jahr später steigt Rahn auch mit der Fortuna ab. Es folgt ein Abstecher zu Eintracht Frankfurt, bevor ihn Franz ­Beckenbauer zu den Urawa Red Diamonds vermittelt. In der japanischen J-League lässt er seine Laufbahn ausklingen. Einen Titel gewinnt er in Fernost auch nicht, die Zeit in Japan wird für den leidenschaftlichen Schwimmer und Tischtennisspieler dennoch eine prägende Erfahrung.

Nach seinem Karriereende wird es ruhig um Uwe Rahn. Gelegentlich erzielt er noch für die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft und in der Weisweiler-Elf Tore. 2004 siedelt er nach Italien über, wo er neun Jahre in Varese lebt. Den Bezug zum Fußball verliert er, der Kontakt zu alten Weggefährten reißt für fast zwei Jahrzehnte ab. Mittlerweile wohnt er wieder in Deutschland, in Landshut – und ist leidenschaftlicher Börsen­spekulant. Vom eigenen Schreibtisch aus handelt er mit Aktien, kauft und verkauft nach einem selbst entwickelten System. ­Während andere sonntagabends traurig sind, weil wieder ein Bundesliga-Spieltag vorbei ist, fiebert Rahn schon der Börsen­öffnung am Montag entgegen.   

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
15Hertha BSC3
161. FC Köln2
17FC Schalke 041