Profis | 14.01.2022

Hüben wie drüben

„Ich bin van Basten dankbar“

1987 wechselt Jürgen Kohler als 21-jähriger Innenverteidiger für eine damalige Rekordablöse von 2,1 Millionen Mark innerhalb der Bundesliga von Waldhof Mannheim zum 1. FC Köln. Für den robusten Abwehrspieler ist der Wechsel von Mannheim nach Köln ein Kulturschock und der Start einer imposanten Karriere zugleich.

„Ich bin aus der kleinen Stadt Mannheim in die Millionenstadt Köln gezogen, verrät der Weltmeister von 1990. Eine Sache hatte der Waldhof mit dem FC gemein: „Beide Vereine verband die Nachwuchsarbeit. Beiden Clubs hat das geholfen, um eine Identität, eine Spielphilosophie zu schaffen, die für den Verein prädestiniert war. Das war damals die große Kunst“, erzählt der heute 56-Jährige.

Die Verpflichtung von Kohler lässt sich der FC einiges Kosten. Um den Transfer zu stemmen, müssen Einnahmen generiert werden. „Ich war zu der Zeit mit einer Ablösesumme von 2,1 Millionen Mark der teuerste Spieler, der innerhalb der Bundesliga gewechselt ist. Unter anderem Klaus Allofs hat der FC verkauft, damit ich verpflichtet werden konnte“, erinnert sich Kohler. Jener Allofs ist der letzte Torschütze der Saison 1986/87, als sich der FC am 34. Spieltag mit 1:2 gegen Werder Bremen geschlagen geben muss und die Saison als zehnter im Mittelmaß der Bundesliga abschließt. Mit der Verpflichtung Kohlers erhofft sich der FC eine Rückkehr in erfolgreiche Zeiten. „Wir waren ambitioniert und wollten den FC Bayern vom Thron stoßen. In den Jahren hatten wir eine fantastische Mannschaft.“

Die erste Saison mit dem beinharten Innenverteidiger schließt der FC in der Bundesliga als Dritter ab, punktgleich mit dem FC Bayern München. Deutscher Meister wird der SV Werder Bremen. Im DFB-Pokal ist nach der zweiten Runde für den FC Schluss, das Team des damaligen FC-Cheftrainers Christoph Daum scheidet gegen den Zweitligisten SV Viktoria Aschaffenburg aus. Kohler kommt in seiner ersten Spielzeit beim FC wettbewerbsübergreifend in 32 Partien zum Einsatz, in denen er zwei Treffer erzielt und elf Gelbe Karten sammelt.

In seiner zweiten Saison wird Kohler mit dem FC hinter den Bayern Vizemeister, im DFB-Pokal ist gegen seinen Ex-Verein Waldhof Mannheim erneut in der zweiten Runde Endstation. Im UEFA-Pokal erreicht der FC nach Siegen über Royal Antwerpen und die Glasgow Rangers das Achtelfinale, in dem Kohler und sein Team auf Real Sociedad treffen. Nach einer knappen 0:1-Niederlage bei den Spaniern, trennt sich der FC im Rückspiel von Sociedad mit 2:2. Erst in der 90. Minute gelingt den spanischen Gästen der Ausgleich, sodass der FC denkbar knapp ausscheidet.

Ausgerechnet die Partie am 31. Spieltag der Bundesliga-Saison 1988/89 gegen den FC Bayern München, die der FC mit 1:3 verliert, ist das letzte Spiel Kohlers mit dem Geißbock auf der Brust. Mit dieser Niederlage verspielt der FC die Chance auf den Titel. In den drei verbleibenden Saisonspielen steht Kohler nicht mehr im FC-Aufgebot. Nach zwei Jahren am Geißbockheim schließt sich der Verteidiger dem deutschen Rekordmeister an und wechselt nach München. „Ich habe beim FC tolle Menschen kennenlernen dürfen, Trainer, Mitspieler, Fans oder das Funktionsteam. Das war eine außergewöhnliche Zeit damals. Der FC steht manchmal über dem Dom, was die Popularität angeht.“

Vom Rhein an die Isar

Mit dem Wechsel 1989 zum FC Bayern verändert sich für den „Kokser“, wie Kohler genannt wird, nicht nur der Standort, sondern auch die mediale Berichterstattung. Die Aufmerksamkeit wächst, der Druck steigt. „Unter Jupp Heynckes habe ich nochmal eine Entwicklung durchmachen dürfen. Der Club war größer, die Aufmerksamkeit war höher. Wir haben im Landesmeistercup mit 3:2 in Nikosia gewonnen, da hat eine große deutsche Zeitung getitelt, nachdem mein Gegenspieler zwei Tore gemacht hat: ,Vom Weltmeister zum Waldmeister‘. Solche Ereignisse verdeutlichen die Bedeutung eines Vereins. Ich habe viele Kämpfe mit Journalisten gefochten. Man durfte sich nicht im Schneckenhäuschen verkriechen. Man musste den Leuten damals auch zeigen: ‚bis hierhin und nicht weiter‘. Hinter dem Sportler steckt immer auch ein Mensch. Früher ging die Meinungsfreiheit in beide Richtungen. Heutzutage haben die Berater einen großen Einfluss auf die Medien.“

Beim FC Bayern lernt Kohler schnell, welche Bedeutung die Mentalität bei den Münchnern hat: „Ich bin dem FC Bayern sehr dankbar. Dort habe ich gelernt, dass der zweite Platz der erste Verlierer ist. Diese Mentalität und der unbedingte Siegeswille sind bemerkenswert. Uli Hoeneß war der Protagonist, der Kopf, der Leader. Er hat es sehr gut verstanden, dir in einfachen und knallharten Worten zu erklären, welche Philosophie beim FC Bayern gelebt wird. Wenige Spieler, die dann dorthin gegangen sind, haben das verstanden und konnten sich in München behaupten.“

In seiner ersten Spielzeit bei den Münchnern gewinnt Kohler die Deutsche Meisterschaft, vor dem FC, der erneut Vizemeister wird. Im Pokal der Landesmeister platzt für die Bayern im Halbfinale der Traum vom Titel. Nachdem das Halbfinal-Hinspiel beim AC Mailand mit 0:1 verloren wird, geht das Rückspiel nach 90 Minuten in die Verlängerung. Obwohl der FC Bayern die Partie gegen die Mailänder mit 2:1 für sich entscheidet, zieht Mailand aufgrund der Auswärtstorregelung ins Endspiel ein.

Für den Verteidiger war der Karriereschritt von Waldhof Mannheim über den FC zum FC Bayern optimal. Gerade jungen Spielern würde der Weltmeister von 1990 diesen Weg ebenfalls nahelegen, vor allem sei ein Faktor dabei enorm wichtig: die Spielpraxis.

„Ich würde jedem Spieler empfehlen, nicht direkt zum Ligaprimus oder zu Spitzenteams zu wechseln, sondern sich einen ambitionierten Verein zu suchen, bei dem die Möglichkeit besteht, Spielpraxis zu sammeln. Bei Bayern München ist das schwierig, weil sie den Anspruch haben, immer Erster zu werden und in der Champions League um den Titel spielen. Der Schritt über Köln war für mich ideal, weil ich noch mehr gereift und erfahrener geworden bin. Gerade auch für die Persönlichkeitsentwicklung war dieser Schritt enorm wichtig. Wir sind damals zu einer gewissen Selbstständigkeit erzogen worden. Wir haben selbst die Tasche getragen oder die Schuhe geputzt. Wichtig ist, dass junge Spieler sich in Ruhe entfalten können. Eine heutige Fußballerkarriere ist länger als zu meiner Zeit.“

Generell bemängelt der ehemalige Weltklasse-Verteidiger die Ausrichtung vieler Fußballvereine in der heutigen Zeit. Während früher, wie bei Waldhof Mannheim und beim FC, auf den Nachwuchs gesetzt wurde, holten sich viele Vereine heutzutage teure Spieler von außerhalb. „Heute redet man viel davon, den Nachwuchs vermehrt zu fördern, aber dann werden externe Transfers getätigt oder andere Entscheidungen getroffen. Das ist so, als hätte ich eine Herz-OP, gehe aber zum Orthopäden. Die Struktur ist verloren gegangen, der Plan, die Strategie ist bei einigen Clubs nicht mehr klar erkennbar.“

Auch sei es in der Vergangenheit viel schwieriger gewesen, in die Nationalmannschaft zu kommen. Die Entwicklung, die der Fußball in den vergangenen Jahren genommen habe, mit dem ganzen Geld, was durch Investoren und Sponsorendeals geflossen sei, stößt Kohler bitter auf. „Heutzutage macht ein Spieler drei gute Spiele und ist plötzlich Nationalspieler und 50 Millionen Euro wert. Darüber lache ich mich dann kaputt, weil es einfach nur der Markt ist, der das dann hergibt. Zu meiner Zeit mussten die Spieler über zwei Jahre außergewöhnliche Leistungen zeigen, um überhaupt in die Nationalmannschaft zu kommen. Man hört dann immer von der anderen Zeit und den anderen Generationen. Wir müssen schon aufpassen, dass keine Verweichlichung stattfindet.“

Die Begegnung mit dem Marsmensch

Dass man mit halber Kraft bei Kohler nicht weit kommt, haben seine Gegenspieler schon zu Beginn seiner Fußballerlaufbahn zu spüren bekommen. Am 24. September 1986 läuft Kohler erstmals, damals noch als Spieler von Waldhof Mannheim, für die A-Nationalmannschaft auf. Nach dem 2:0-Sieg im Freundschaftsspiel gegen Dänemark adelt der dänische Stürmer Preben Elkjaer-Larsen Kohler mit dem Vergleich, dass nur ein Marsmensch gegen Kohler einen Zweikampf gewinnen könne.

1988 macht Kohler die seltene Begegnung mit einem solchen Marsmenschen. Bei der EM im eigenen Land trifft das DFB-Team nach Siegen gegen Spanien und Dänemark sowie einem Unentschieden gegen Italien im Halbfinale auf die Niederlande. Ronald Koeman und Marco van Basten entscheiden die Partie zugunsten der Niederländer, nachdem Lothar Matthäus Deutschland per Strafstoß in Führung gebracht hatte. Der damalige Weltklasse-Stürmer Marco van Basten war Kohlers Gegenspieler und ließ den deutschen Defensivmann das ein oder andere Mal alt aussehen – für Kohler ein lehrreiches Spiel. „Ich bin Marco van Basten dankbar. Viele haben gedacht, dass man dadurch einen Knacks bekommt. Bei mir hat es genau das Gegenteil bewirkt. Ich habe dann erst richtig gemerkt, dass man immer an sich arbeiten und härter trainieren muss, um der besten in seinem Fach zu werden. Wenn man dies nicht tut, hat man nie die Chance das herauszufinden.“

Zwei Jahre später gewinnt Deutschland den Weltmeistertitel, Andreas Brehme trifft im legendären Finale gegen Argentinien im Olimpico di Roma in der 85. Minute per Elfmeter ins deutsche Glück. Kohler ist Weltmeister. „Der Weltmeistertitel ist das höchste, was ein Fußballer erreichen kann. Ich bin nichtsdestotrotz dankbar über jeden Titel, den ich gewinnen konnte. Ohne meine Mitspieler hätte ich das alles nicht erreicht.“ 1996 wird Kohler mit Deutschland in England Europameister. Ein Jahr später gewinnt er mit Dortmund Champions League und Weltpokal. Der „Fußballgott“ – wie ihn die Fans im Westfalenstadion betiteln – wird im selben Jahr zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählt.

„Ich rechne nicht auf ein Jahr, sondern auf eine Dekade“

Mit Blick auf die heutige Generation der Innenverteidiger, gibt es wenige, die von Kohler das Attribut Weltklasse bekommen würden: „Sergio Ramos bei Real Madrid hat mir immer sehr gefallen oder Carles Puyol vom FC Barcelona. Das waren für mich Spieler in der heutigen Zeit, die über viele Jahre hinweg ihr Können bewiesen haben. Ich rechne nicht auf ein Jahr, sondern auf eine Dekade. Im Moment sehe ich im deutschen Fußball nicht so viele Verteidiger, die an die Klasse von Guido Buchwald oder an einen Karlheinz Förster herankommen.“

Jürgen Kohler hat in seiner Karriere nahezu alles erreicht und fast jeden Titel gewonnen, den ein Fußballer auf nationaler und internationaler Ebene gewinnen kann. Auf jeweils zwei Jahre in Köln und München folgen vier Jahre bei Juventus Turin und sieben bei Borussia Dortmund. Eine Medaille ist jedoch nicht in seiner Vitrine zu finden: die des DFB-Pokalsiegers. „Leider war mir das nicht vergönnt. Aber beim Blick auf meine gesamte Karriere kann ich verkraften, diesen Pott nicht gewonnen zu haben.“

Am Samstag, 15. Januar 2022, trifft der 1. FC Köln in der laufenden Bundesligasaison auf den FC Bayern München. Beiden Clubs hat der Abwehrspieler viel zu verdanken. „Ich mag beide Vereine sehr gerne und bin ein großer Fan. Ich habe bei beiden Teams angefangen, meine eigene Geschichte zu schreiben“, sagt Kohler.

Der heute 56-Jährige, der mittlerweile an zwei Unternehmen im Immobilien-Sektor beteiligt ist, ist immer noch häufig in deutschen Stadien unterwegs und beobachtet die möglichen Talente von morgen – auch auf den Nachwuchsplätzen am Geißbockheim. „Ich schaue mir gerne Fußballspiele an, damit ich eine gute Marktübersicht habe. Ich würde schon von mir behaupten, dass ich im nationalen und internationalen Bereich eine gute Übersicht bis runter in die Oberliga habe. Fußball hat über die Hälfte meines Lebens eine tragende Rolle gespielt. Solange ich gesund bleibe, werde ich den Sport bis an mein Lebensende begleiten. Fußball ist und bleibt meine Passion.“

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PL.VereinPkt.
8Eintracht Frankfurt28
91. FC Köln28
101. FSV Mainz 0527

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