Frauen | 04.03.2021

Porträt über Marith Müller-Prießen

Kein Selfie mit der Kanzlerin

Marith Müller-Prießen gewann in ihrer Karriere bereits die Champions League. Viele Erinnerungsfotos von der Siegerehrung wurden gemacht, aber ein besonderes fehlt.

Es war ein besonderer Moment, als Marith Müller-Prießen die Champions-League-Trophäe am 14. Mai 2015 in den Berliner Nachthimmel stemmte. Der 1. FFC Frankfurt hatte Paris Saint-Germain in einem spannenden Finale durch ein Tor von Mandy Islacker in der Nachspielzeit mit 2:1 bezwungen. Müller-Prießen stand in der Startelf und bildete die Verteidigung zusammen mit ihrer jetzigen FC-Mitspielerin Peggy Kuznik. „Wenn ich an das Spiel zurückdenke, kommt es mir vor wie ein Film. Ich kann mich nicht mehr detailliert an alles auf dem Platz erinnern, aber der Moment, in dem Mandy den Siegtreffer erzielt hat, habe ich noch ganz genau im Kopf. Das war so emotional“, erzählt Marith-Prießen. „Danach haben wir ausgelassen die ganze Nacht gefeiert.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel schaute sich das Spiel zusammen mit 17.146 anderen Besuchern im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark an und fieberte auf der Tribüne mit. „Ich habe Angela Merkel danach spontan gefragt, ob sie mit in die Kabine kommt und ein Kabinen-Selfie mit uns macht. Sie hat ganz sympathisch gesagt, dass sie das gerne machen würde, sie aber zum nächsten wichtigen Termin muss“, erzählt die 30-jährige Müller-Prießen. Ohne Foto mit der Bundeskanzlerin, aber als beste Mannschaft Europas trat der FFC nach einer kurzen Nacht die Heimreise an. Für Müller-Prießen war es der Höhepunkt ihrer Karriere, den sie sich durch ihren Ehrgeiz verdient hatte und die auf kuriose Art und Weise begann.


 

Kicken statt reiten

Marith Müller-Prießen wurde in Kempen am Niederrhein geboren, ihre Eltern besaßen dort einen Reiterhof. „Für kleine Mädchen ist es eigentlich das Größte, eigene Pferde zu haben“, sagt sie heute rückblickend. Sie fing an zu reiten, ihr zwei Jahre älterer Bruder spielte Fußball. „Irgendwann habe ich mit ihm zusammen gekickt und gemerkt, wie viel Spaß mir das macht“, erzählt sie. Ihr erster Verein wurde der TSV Wachtendonk/Wankum, sie spielte zunächst im Tor und später im Feld. Müller-Prießen vernachlässigte das Springreiten und machte die großen Sprünge stattdessen beim Fußball. „Stattdessen hatte mein Bruder irgendwann nicht mehr viel Lust auf Fußball und hat sich auf das Reiten konzentriert. Dass in einer Familie das Mädchen lieber Fußball spielt und der Junge lieber reitet, ist wahrscheinlich auch nicht ganz gewöhnlich“, sagt Müller-Prießen lachend.

Ihre Fußballkarriere nahm danach rasant an Fahrt auf. Über den SV Walbeck ging es im Jahr 2005 zum FCR Duisburg, dort wurde sie bereits in ihrer ersten Saison Spielführerin in der U17. Sie spielte auf der Zehn und führte ihre U17 zur Deutschen Meisterschaft. In derselben Saison kam sie bereits in der zweiten Mannschaft des FCR zum Einsatz, die in die 2. Bundesliga aufstieg und durfte sogar in der ersten trainieren. Auch die deutschen Nationalmannschaften der Juniorinnen durchlief sie, bis sie sich mit 16 Jahren einen Kreuzbandriss im Knie zuzog. „Das war in einer guten Phase ein harter Rückschlag für mich“, sagt sie. Nach einer Operation und einer monatelangen Rehazeit ging es zurück auf den Platz. Als sie wieder fit war, kam auch der Erfolg zurück. Mit dem FCR Duisburg wurde sie UEFA Women’s Cup-Siegerin 2009 und DFB-Pokalsiegerin 2009 und 2010 und wechselte anschließend mit ihrer jetzigen Teamkollegin Eunice Beckmann nach Leverkusen. Im gleichen Jahr wurde sie mit Deutschland U20-Weltmeisterin. „Vor dem Turnier gehörte ich eigentlich gar nicht zum Stammpersonal. Ich habe aber im Training hart gearbeitet und meine Chance gleich zu Beginn des Turniers bekommen und sie genutzt. Letztendlich habe ich dann jedes Spiel gemacht“, sagt Müller-Prießen. Das Finale bestritten die DFB-Juniorinnen vor 24.633 Zuschauern in Bielefeld gegen Nigeria. „Wir waren im gleichen Teamhotel wie die Nigerianerinnen. Die haben am Tag vor dem Finale einen riesigen Krach veranstaltet, laut Musik gehört und getanzt. Das wollten wir dann auf dem Platz bestrafen“, erinnert sie sich schmunzelnd. Es gelang. Deutschland siegte mit 2:0 und holte sich den WM-Titel.
 

Nichts geschenkt

Auf Vereinsebene spielte Müller-Prießen anschließend vier Jahre in Leverkusen, dann nahm sie eine neue Herausforderung an. Der Spitzenclub 1. FFC Frankfurt verpflichtete sie. Dort war die Konkurrenz im Kader groß, Müller-Prießen musste sich durchbeißen, um zu spielen. „Das war wohl typisch für meine Karriere. Mir ist nie etwas zugeflogen und ich habe selten davon profitiert, dass ich zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle war. Ich habe mir stets meine Spielzeiten und Erfolge erarbeiten müssen“, schildert Müller-Prießen. Auch in Frankfurt wurde sie schließlich Stammspielerin und feierte als solche ihren größten Triumph: den Champions League-Sieg 2015. Den größten europäischen Club-Titel hatte sie gewonnen, aber eine Auslandserfahrung fehlte in ihrer Karriere noch. Im Sommer 2019 wechselte sie nach Frankreich zum FC Paris. „Die Bedingungen waren top, man musste sich als Spielerin neben dem Platz um nichts kümmern. Das Trainingszentrum war sehr professionell, aber auch für Fans abgeriegelt. Manchmal kam es einem wie ein Hochsicherheitstrakt vor“, erzählt Müller-Prießen lachend. Allerdings wurde die französische Liga bereits im März 2020 wegen der Corona-Pandemie abgebrochen. Es entstand der Kontakt zum 1. FC Köln und Müller-Prießen kehrte im vergangenen Sommer nach Deutschland zurück. Beim FC hatte Müller-Prießen, möglicherweise auch durch die coronabedingte Wettkampfpause, zunächst mit Muskelproblemen zu kämpfen. „Man hält sich zwar mit eigenen Läufen und Übungen fit, aber die Intensität von Spielen ersetzt das nicht“, sagt Müller-Prießen, die sich wieder herankämpfte. Sie bestritt einen Kurzeinsatz im Pokalspiel gegen die TSG Hoffenheim, danach wurde die Saison der FC-Frauen unterbrochen.
 

Zudem konnte sie im coronageprägten Jahr Köln als Stadt nicht so kennenlernen, wie sie sich das zuvor erhofft hatte. Dennoch ist sie froh, in der Domstadt zu sein. Müller-Prießen sagt: „Der FC ist ein so familiärer Club. Das Trainingszentrum ist wunderschön im Grüngürtel gelegen. Natürlich ist es von der Infrastruktur und den Bedingungen nicht mit dem FC Paris zu vergleichen, aber die herzliche Atmosphäre ist mir viel wichtiger. Ich freue mich über die kleinen und persönlichen Dinge. Wenn man wie hier vom Club ein Schreiben zum Geburtstag bekommt oder zu Weihnachten eine liebevoll gestaltete Lunch-Box, mit der man sich im Restaurant am Geißbockheim mittags etwas zu essen holen kann.“ Doch auch sportlich soll es nun mit weiteren Einsätzen nach oben gehen, mit den FC-Frauen möchte sie den Aufstieg in die Bundesliga schaffen. Am 21. März 2021 wird die Saison unter strengen Hygieneauflagen fortgesetzt. Müller-Prießen sagt: „Ich war immer schon ein Teamplayer. Der mannschaftliche Erfolg ist mir wichtiger als meine Einsatzzeiten. Aber ich weiß auch, was ich leisten kann, wenn ich fit bin, und habe den Anspruch, meinen Teil zum Erfolg beizutragen, damit die FC-Frauen wieder dort spielen, wo sie hingehören – und das ist in der Bundesliga.“ Vielleicht ergibt sich dann ja auch irgendwann ein Selfie mit der Bundeskanzlerin.

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PL.VereinPkt.
16DSC Arminia Bielefeld26
171. FC Köln23
18FC Schalke 0413

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