Profis | 20.01.2022

3:2-Sieg in Bochum 2001

Lottner: „Der Koffer hatte dann ein Loch“

0:2-Rückstand, vier Platzverweise – und mit acht Mann trotzdem gewonnen. Im Frühjahr 2001 traf der 1. FC Köln in einer denkwürdigen Partie im Ruhrstadion auf den VfL Bochum. Wie erlebte Kapitän Dirk Lottner den Auswärtssieg? Was hat seine Ehe damit zu tun, dass er damals vom Platz flog? Und wieso war der Siegtorschütze verkatert?

Es ist der 10. März 2001, ein milder Samstagnachmittag in Bochum. Tausende FC-Fans strömen ins Ruhrstadion, wo der 1. FC Köln am 25. Bundesliga-Spieltag beim VfL Bochum antritt. „Es war ein hochemotionales Spiel, mit dem ich viele besondere Erinnerungen verbinde“, sagt Dirk Lottner, der den FC damals als Kapitän aufs Feld führt. „Die Stimmung war grandios. Wenn ich das mit den Geisterspielen von heute vergleiche. Da kommen mir die Tränen. 750 Zuschauer im Stadion – das ist doch Driss.“ 

Damals jedenfalls ist das Ruhrstadion proppenvoll. Die Bochumer sind Tabellenletzter, sieben Zähler bis ans rettende Ufer. Der FC als Zehntplatzierter ist Favorit, doch in der 23. Minute trifft Delron Buckley mit einem Distanzschuss zur Führung für den VfL. Keine zehn Minuten später erhöht Sebastian Schindzielorz auf 2:0 und FC-Verteidiger Moses Sichone fliegt nach harter Grätsche mit Rot vom Platz. „Umso erstaunlicher ist es, dass wir in der Lage waren, zurückzukommen“, sagt Lottner.

Mit Restfahne zum Siegtreffer

Noch vor der Halbzeit erzielt Archil Arveladze den Anschlusstreffer, Bochums Zdravko Drincic sieht Gelb-Rot. Zehn Kölner sind den zehn Bochumern in der Folge überlegen. Nach Vorlage von Lottner trifft Markus Kreuz in der 61. Minute zum Ausgleich. Zehn Minuten vor Abpfiff folgt dann der große Moment des Darko Pivaljevic. Eigentlich hätte der Angreifer gar nicht im Kader stehen sollen. Nur weil Markus Kurth sich über Nacht einen Magen-Darm-Infekt einfängt, nominiert Trainer Ewald Lienen den Serben nach. Erst am Spieltag – kurz vor dem Mittagessen – trudelt Pivaljevic im Bochumer Hotel ein. „Dazu muss man wissen, der Junge hatte noch eine kleine Restfahne“, erzählt Lottner schmunzelnd. „Er war am Vorabend unterwegs. Vor uns Spielern hat er das auch direkt zugegeben, dem Trainer haben wir es natürlich nicht erzählt. Umso schöner war es, dass Pivo das 3:2 gemacht hat.“

Mit zwei schnellen Haken lässt er im Sechzehner seinen Gegenspieler stehen und entscheidet mit einem satten Rechtsschuss die Partie. Die mitgereisten FC-Anhänger rasten völlig aus, etliche von ihnen besteigen freudentrunken den Tribünenzaun. „Die Westkurve in Bochum war ja immer in Kölner Hand. Es hat immer Spaß gemacht, dort zu spielen, weil es ein enges Stadion war, relativ klein“, sagt Lottner. „Ich weiß, als wäre es gestern, dass es ein Spiel war, in dem ich meine Emotionen nicht so im Griff hatte. Eigentlich nach jeder strittigen Aktion habe ich mit dem Schiri gehadert.“

Entschuldigungsbrief an den Schiri

Wegen Meckerns sieht Lottner in der 85. Minute Gelb-Rot. Bereits in der ersten Hälfte hatte der Kapitän sich zu lautstark bei Schiedsrichter Lutz Michael Fröhlich beschwert. Auch Christian Springer fliegt vom Platz. Der FC spielt in der Schlussphase zu acht. „Irgendwann wurde es dem Schiri zu bunt. Im Nachhinein muss ich gestehen, dass die Platzverweise berechtigt waren. Ich habe Herrn Fröhlich ein paar Tage später noch einen Brief geschrieben und mich dafür entschuldigt, dass ich in dem Spiel so emotional war und ein paar Dinge gesagt habe, die nicht unbedingt sein mussten.“

Doch im Moment des Platzverweises ist Lottner außer sich. Wutentbrannt läuft er quer über das Feld in Richtung Spielertunnel. Auf dem Weg dorthin rufen die FC-Fans lautstark seinen Namen. Lottner applaudiert ihnen noch auf dem Rasen, dreht sich noch einmal zu seinen Mitspielern um und heizt ihnen für die Schlussminuten noch einmal ein. Bevor Lottner die Treppen zum Kabinentrakt hinabsteigt, tritt er vor der Auswechselbank noch mit Wucht gegen einen Arztkoffer. „Das war der Arztkoffer unseres damaligen Physiotherapeuten Jürgen Schäfer. Der Koffer hatte dann ein Loch. Die Kabinentür hat auch noch ein bisschen gelitten.“

Rot führt zur Liebe

Lottner benötigt einen kurzen Moment, um sich zu beruhigen. Dann geht er den langen unterirdischen Flur des Ruhrstadions entlang in Richtung der Treppen, die hoch auf den Rasen führen. Auf einer der mittleren Stufen bleibt er stehen. Weiter darf er nicht. „Ich wollte zumindest noch die Stimmung wahrnehmen und mitbekommen, wie das Spiel ausgeht. Wir waren nur noch acht Mann, es war ja nicht selbstverständlich, dass wir das 3:2 mit nach Hause nehmen.“ Doch es sollte reichen. Der FC gewinnt.

Und ausgerechnet die gelb-rote Karte sorgt in den Tagen nach der Partie dafür, dass Lottner seine heutige Ehefrau kennenlernt. Wegen des Platzverweises bekommt der FC-Kapitän eine Strafe in Höhe von 5.000 D-Mark aufgebrummt, die er für einen guten Zweck spenden soll. „Meine jetzige Frau hat damals Fördergelder für das Elefantenhaus im Kölner Zoo gesammelt, das gerade neu entstand. Ich habe das Geld dahin gespendet und sie dadurch näher kennengelernt. Der Kontakt zwischen uns ist dann intensiver geworden und wir haben uns ineinander verliebt.“

Ob aus der Partie am kommenden Samstag, 22. Januar, 18.30 Uhr, erneut eine Ehe entspringt? „Ich bin gespannt, was am Samstag passiert.“

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PL.VereinPkt.
6Sport-Club Freiburg55
71. FC Köln52
81. FSV Mainz 0546

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