Profis | 02.10.2020

Interview im GeißbockEcho

Marco Höger: „Ich nehme meine Rolle ernst"

Seit mehr als einem Jahrzehnt zählt Marco Höger zu den ­meinungsstarken und anerkannten Leistungsträgern im ­Profifußball. Dass er für seinen Lieblingsverein spielen darf, ist für ihn und sein Umfeld außergewöhnlich, bringt zeitweise aber auch die Kehrseite der Medaille zum Vorschein. Marco Höger trägt Verantwortung und spricht Klartext – in guten wie in anspruchsvollen Zeiten.

Marco, du gehst in deine fünfte Saison beim 1. FC Köln und jede hatte ihre eigene Dramaturgie. Wie ordnest du die bisherigen Spielzeiten beim FC für dich persönlich ein?
„Als ich 2016 zum FC kam, war die erste Saison nahezu perfekt. Es griffen in der Mannschaft und im ganzen Club einfach viele Rädchen reibungslos ineinander. Das habe ich in der Form in meiner Karriere noch nicht erlebt. Auch in meiner zweiten Saison gab es Highlights, die in Erinnerung bleiben. Mit dem FC ­international zu spielen, war ein unbeschreiblich ­gutes Gefühl. Genau das Gegenteil hat sich dann am Saisonende mit dem Abstieg eingestellt.“

Du gehörtest damals zu den gestandenen Profis um Jonas Hector, Marcel Risse und Timo Horn, die den Weg in die 2. Bundesliga mitgegangen sind. Wie bewertest du den Schritt im Nachhinein?
„Es gibt viele Jungs im Team, die sehr mit dem FC, aber auch mit der Stadt und dem gesamten Umfeld verbunden sind. Da war die Entscheidung schnell gefallen, dass wir die große Enttäuschung wiedergutmachen wollten. Das ist uns mit dem direkten Wiederaufstieg auch gelungen. Trotzdem herrschte schon zu dieser Zeit eine gewisse Unruhe im Umfeld. Wir wussten von vornherein, dass es ein unangenehmes Jahr wird. Einige Spieler haben in der 2. Bundesliga in Sachen Anerkennung und Wertschätzung in der Öffentlichkeit einen Knacks bekommen – warum auch immer. Dabei sind wir als Meister aufgestiegen, und man sieht bei anderen Clubs, wie schwer ein Aufstieg ist. Vergangene Saison haben wir dann eine Spielzeit mit zwei schlechten Dritteln und einem sehr guten Drittel in der Mitte erlebt. Nach der Corona-bedingten Unterbrechung konnten wir leider nicht an die vorangegangenen Leistungen anknüpfen. Unterm Strich steht aber, dass wir unser Ziel, den Klassenerhalt, erreicht haben.“

Auch in der aktuellen Saison wurde einzig der ­Klassenerhalt als Ziel ausgerufen. Zwei Spiele sind nun gespielt ...
„… und die sind alles andere als zufriedenstellend verlaufen – da brauchen wir nicht drum herum zu reden. Da sind wir alle selbstkritisch genug. Gegen Hoffenheim konnte ich nach der Halbzeitpause nicht mehr weiterspielen, da ich einen Schlag auf den Oberschenkel abbekommen hatte. Ich hätte gerne weiter mitge­holfen, den Rückstand zu drehen. Insgesamt hätten wir einen Punkt verdient gehabt. Wenn man wenige Minuten vor Schluss den Ausgleich erzielt, muss man den Punkt mitnehmen. Leider haben wir uns nicht clever genug angestellt.“

Hat sich Bielefeld am vergangenen Samstag cleverer angestellt?
„Sagen wir es so: Auch in dem Spiel war mehr für uns drin. Um in der Bundesliga Punkte einzufahren, müssen wir als Team wieder das Gesicht zeigen, dass wir in der Mitte der vergangenen Saison gezeigt haben. Mit unbändigem Willen und Mut. In unserer Situation hilft nur, alles um uns herum auszublenden, fokussiert zu bleiben und mit Selbstvertrauen in die ­nächsten Aufgaben zu gehen.“

Wie sehr nagt es am Selbstvertrauen, wenn man sich – insbesondere als Kölner – teils harscher Kritik ausgesetzt sieht?
„Das ist manchmal schon schwer. Einerseits ist es schön, in meiner Heimatstadt zu spielen. Andererseits ist es in negativen Phasen umso schwerer, da ich Freunde, Familie und mein ganzes Umfeld hier habe. Und alle bekommen hautnah mit, was passiert. Dann kann man manches eben nicht so leicht ausblenden oder nicht so nah an sich ranlassen, obwohl das sicher besser wäre. Ich kann grundsätzlich mit Kritik umgehen, wenn sie sachlich und berechtigt ist. Damit habe ich kein Problem. Problematisch wird es, wenn es auf die persönliche und unseriöse Ebene geht. Wenn die ­Bundesligatauglichkeit infrage gestellt wird, obwohl man schon unzählige Male unter Beweis gestellt hat, dass man es kann. Ich bin selbst einer meiner größten Kritiker und lasse andere Meinungen auch zu. Wenn ein Spiel nicht gut gelaufen ist, bin ich der Erste, der das zugibt. Aber die Ausmaße und die Form der Kritik haben sich teilweise schon in eine bedenkliche Richtung ­entwickelt. Da fehlt mir dann das Verständnis.“

Du sagtest in deinem letzten Gespräch mit dem GeißbockEcho, dass besonders dein Vater dein größter Kritiker sei. Wie fällt sein Urteil aus?
„Er ist und bleibt mein größter Fan, aber auch mein größter Kritiker. Für ihn als Vater ist es umso schwerer zu verdauen, wenn ich unsachlicher Kritik und persönlichen Beleidigungen ausgesetzt bin. Darüber rede ich auch oft mit meinen Eltern und sogar mit meinen Großeltern. Die nehmen sich das noch mehr zu Herzen als ich. Das macht mich manchmal schon traurig, weil ich mein ganzes Herzblut für die Aufgabe hier beim FC gebe und alles für den Club auf dem Platz lasse.“

Wie stehst du dem Argument gegenüber, dass Fußballprofis Kritik aushalten müssten, weil sie ja auch genug Geld verdienen?
„Wie gesagt, wenn ich schlecht gespielt habe und sachlich kritisiert werde, dann kann ich damit um­gehen. Aber leider wird oft mit Beleidigungen um sich geschmissen, die auch meine Familie treffen. Da hört mein Verständnis absolut auf. Und bei diesem Thema spielt Geld überhaupt keine Rolle. Nur weil jemand mehr Geld auf dem Konto hat, muss er dafür nicht hinnehmen, beschimpft, beleidigt oder angepöbelt zu werden. Wer sich auf sachlicher Ebene mit mir auseinandersetzen will, ist jederzeit herzlich willkommen. Dass bei einem Fußballspiel die Emotionen über­kochen, verstehe ich total. Aber spätestens nach dem Schlusspfiff sollte es sachlich zugehen – auch und ­insbesondere in den sozialen Medien.“

Am Samstag steht ein weiterer emotionaler Höhepunkt auf dem Spielplan: Das Derby gegen Gladbach. Mit Derbys kennst du dich aus. Dreimal hast du mit dem FC gegen Gladbach auf dem Platz gestanden. Zwei Siege, eine Niederlage sind dabei eine gute Bilanz. Insgesamt hast du vereinsübergreifend in acht Spielen gegen Gladbach nur drei Niederlagen einstecken müssen und fünf Siege gefeiert.
„Derbys sind immer etwas Besonderes und die ­Vorfreude auf diese Spiele ist noch größer – wer etwas anderes sagt, der lügt (lacht). Wenn man hier aufgewachsen ist und den FC im Herzen trägt, weiß man, was das Spiel gegen Gladbach bedeutet. Statistiken sind für mich aber eher zweitrangig. Aber wenn sie in dem Fall für uns spricht, möchte ich diesen Trend gerne fortsetzen. Es wird keine ­leichte Aufgabe, aber wir werden alles reinwerfen, um endlich wieder ­etwas Zählbares aus einem Spiel mitzunehmen.“

Das komplette Interview mit Marco Höger gibt es hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

  • empfehlen

Tabelle

Menu
Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
15Hertha BSC3
161. FC Köln1
17FC Schalke 041