Stiftung | 05.03.2021

Aus dem GeißbockEcho

Niklas Wolff: Der härteste Gegner

Niklas Wolff wird von der FC-Stiftung mit einem Deutschlandstipendium gefördert. Der 26-Jährige ist Student der Deutschen Sporthochschule Köln, FC-Fan – und spielte als Stürmer jahrelang selbst Fußball. Seinen mit Abstand härtesten Gegner aber besiegte er abseits des Platzes.

Im Sommer 2018 merkt er zum ersten Mal, das etwas nicht stimmt. Niklas Wolff verbringt einen sonnigen Nachmittag im Garten bei einem Freund. Gemeinsam zocken sie Fußball. „Da habe ich gemerkt, dass koordinativ bei mir fast gar nichts mehr ging. Ich wusste nicht mehr, wann ich einen Ball annehmen oder wie hart ich schießen musste“, erinnert sich der damals 24-Jährige. Die Fähigkeit, einen Pass zu spielen, für den er gleichzeitig Füße und Augen benötigt, ist ihm von einer Sekunde zur anderen abhandengekommen. „Das kann man sich gar nicht vorstellen, aber es war einfach weg.“ In den Tagen zuvor war ihm schon mehrfach schwindelig geworden, „aber da habe ich es noch auf das Wetter geschoben.“ 

Es ist ein außergewöhnlich heißer Sommer in Deutschland, das Thermometer zeigt Temperaturen über 30 Grad Celsius an. Wolff aber sitzt täglich stundenlang am Schreibtisch, um für seine anstehenden Klausuren zu lernen. Er studiert „Sportmanagement und Kommunikation“ an der Deutschen Sporthochschule Köln. Doch eines Tages kritzelt er nur noch auf sein Blatt Papier. „Ich konnte plötzlich nicht mehr schreiben“, erinnert er sich. „Da habe ich endgültig gemerkt, dass etwas nicht stimmt.“ Gemeinsam mit seiner Mutter fährt er in die Notaufnahme nach Frechen. Eine Computertomographie soll Klarheit bringen. Dann der Schock. Wolff hat Krebs. Einen Hirntumor. „Das war so unbegreiflich für mich. Meine Mama und ich haben erstmal geweint“, erzählt Wolff mit leiser werdender Stimme. „Keine Ahnung, wo der Tumor herkam. Ich habe nie geraucht, sehr wenig Alkohol getrunken und auch auf meine Ernährung geachtet. Klar fragt man sich da, wieso jetzt ausgerechnet ich. Das bleibt nicht aus.“

Zwei Jahre Ungewissheit

Bereits vier Jahre zuvor muss Wolff einen Schicksalsschlag verkraften. Er ist ein talentierter Fußballer, spielt fast seine gesamte Jugendzeit beim Bedburger BV in der Nähe seiner Heimat Elsdorf. Und das auf hohem Niveau. In der B- und A-Jugend spielt der schnelle Angreifer in der Mittelrheinliga, 2013 folgt der Übergang in den Herrenbereich. Er ist auf Anhieb Stammspieler und erzielt 19 Treffer in 25 Spielen. „Der Fußball hatte einen sehr hohen Stellenwert für mich“, sagt Wolff, der seit seiner Kindheit mit dem 1. FC Köln sympathisiert. „Ich wohne zischen Aachen, Gladbach und Köln. Entweder sympathisiert man hier mit Gladbach oder mit Köln. Und ich bin halt für Köln.“ Als Kind ist sein Lieblingsspieler Lukas Podolski. „Ich war neun Jahre alt, da habe ich ein FC-Trikot mit der Zehn und Podolski geschenkt bekommen. Das war das Größte für mich. Also Poldi, falls du das hier liest: Ich würde mich freuen, wenn wir uns mal auf einen Kaffee treffen würden.“ Ähnlich wie bei seinem Vorbild ist auf dem Fußballplatz auch Wolffs größte Stärke das Tore schießen. Er wechselt zum Fünftligisten Viktoria Arnoldsweiler, wo er in der Hinrunde der Saison 2014/15 neunmal in 14 Partien trifft.

Der SC Freiburg wird auf Wolff aufmerksam und lädt ihn Anfang Januar 2015 für ein Wochenende zum Probetraining bei der U23 ein. Die Freiburger teilen ihm anschließend mit, dass sie ihn in der Rückrunde gerne weiter beobachten würden, um dann im Sommer eine Entscheidung zu treffen. „Der Traum, höher Fußball zu spielen, war von klein auf da. Ich kam ihm zwischendurch mal etwas näher – aber dann war er auch ganz schnell wieder ganz weit weg.“ 

Nach dem Besuch im Breisgau steigt Wolff bei der Viktoria Arnoldsweiler in die Vorbereitung auf die Rückrunde ein. Eine Woche vergeht, Straßen und Fußballplätze im Rheinland sind mit Schnee bedeckt. „Der Kunstrasen war leicht gefroren, es war etwas glatt“, erinnert sich Wolff. Bei einem schnellen Ausfallschritt rutscht er ohne Fremdeinwirkung weg und macht dabei ungewollt einen Spagat. Sofort spürt er ein Stechen und Ziehen in der Leistengegend. Der Schmerz lässt bei bestimmten Bewegungen auch in den darauffolgenden Wochen nicht nach. „Ich habe dann zig Physiotherapeuten und Orthopäden abgeklappert, aber monatelang konnte niemand den Grund für die Leistenprobleme erkennen.“ 

Insgesamt eineinhalb Jahre lebt Wolff in Ungewissheit, kann kein Fußball mehr spielen und muss sich auch im Studium umorientieren, weil er aufgrund der Verletzung einen Großteil der praxisorientierten Anforderungen im Studiengang „Sport und Leistung“ nicht mehr erbringen kann. Bis zu den chronischen Leistenbeschwerden hatte er sich durch den Fußball problemlos sein Studium finanzieren können. Das fiel auf einmal weg. Doch das war nicht das Schlimmste, da er stattdessen fortan als Nebenjob in einem Sportgeschäft arbeitete. Viel schwieriger zu verkraften war für Wolff, dass er nicht mehr machen konnte, was er von klein auf liebte. Fußball spielen. Erst 2016, zwei Jahre nach dem Trainingsunfall, ist er wieder schmerzfrei, nachdem ihm ein Orthopäde in München endlich helfen konnte und Hyaluron in die schmerzende Stelle spritzte. „Nach fünf Spritzen war der Schmerz verfolgen. Aber es war dann nicht mehr möglich für mich, im höherklassigen Fußball Fuß zu fassen.“

Berufswunsch Spielanalytiker

Zwei Jahre später erhält er die niederschmetternde Diagnose: Krebs. Es folgen eine Operation, die Strahlentherapie und zahlreiche Chemotherapien, um die Krebszellen zu bekämpfen. Schnell verliert er an Gewicht, fühlt sich häufig schwach. „Aber meine Familie, meine Freundin und mein enger Freundeskreis haben mir in dieser Zeit sehr viel Halt gegeben. Gemeinsam mit ihnen habe ich das durchgestanden.“ Eineinhalb Jahre nach der Diagnose kommt dann die gute Nachricht: Wolffs Körper hat sich erfolgreich gegen die Krankheit gewehrt. „Ich würde mich aktuell als gesund bezeichnen.“ Innerlich hat ihn die schwierige Zeit geprägt. „Die Sicht auf viele Dinge hat sich verändert. Ich bin dankbarer. Auch für Dinge, die andere Leute vielleicht als Kleinigkeiten ansehen.“

Als offiziell geheilt gilt Wolff erst, wenn er fünf Jahre krebsfrei geblieben ist. Unter den körperlichen Langzeitfolgen der Krebstherapie leidet er noch. Es gibt Tage, an denen er sehr erschöpft ist. Er leidet am sogenannten Fatigue-Syndrom. Ihm fällt es schwerer als früher, sich Uni-Lernstoff anzueignen. Manchmal hat er noch Konzentrationsschwächen, weil durch die Bestrahlung sein Gehirn angegriffen wurde. „Die Therapie hat mich körperlich und geistig mitgenommen. Es ist noch nicht alles wie vor der Krankheit“, sagt Wolff. Dennoch ist er fest entschlossen, sein Bachelorstudium in „Sportmanagement und Kommunikation“ abzuschließen. „Es fehlen insgesamt noch vier Kurse und ein paar Hausarbeiten und Klausuren, die ich in den vergangenen zwei Jahren wegen der Therapie verpasst habe.“ Nach Beendigung des Studiums möchte er gerne ein Praktikum in der Spielanalyse- und Scoutingabteilung eines Bundesligisten absolvieren. Dafür hat Wolff bereits den zweijährigen Zertifizierungsstudiengang „Spielanalyse-Team Köln“ an der Sporthochschule abgeschlossen.

Wie die Stiftung 1. FC Köln Niklas Wolff fördert und das komplette Porträt des 26-Jährigen gibt es hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

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PL.VereinPkt.
16DSC Arminia Bielefeld26
171. FC Köln23
18FC Schalke 0413

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