Nachwuchs | 29.03.2020

NLZ-Videoanalysten

Alle im Blick

Im Profifußball ist Videoanalyse längst nicht mehr wegzudenken. Auch im Nachwuchs gewinnt der Bereich stetig an Bedeutung. Moderne Technik unterstützt die Trainerteams dabei, ihre jungen Talente nachhaltig zu entwickeln. Auch und besonders dann, wenn kein normales Fußballtraining möglich ist.

201 Minuten. So viel Zeit verbringen junge Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren laut Daten des Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen pro Tag im Internet.  „Die Jungs sind heutzutage sowieso ständig am Handy. Dann können sie sich im Bus auch mal eben ein paar ihrer Spielszenen anschauen“, sagt Sven Herrmann, Leiter der Videoanalyseabteilung im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) und Videoanalyst der FC-U21. Gemeinsam mit seinen Kollegen der U19 und U17 versucht er, aus den Gegebenheiten der neuen Mediennutzung einen sportlichen Mehrwert zu ziehen.

Ab der U15 werden die Nachwuchsmannschaften des 1. FC Köln von einem eigenen Analysten begleitet. Dabei verfolgt die Kamera aber nicht jeden einzelnen Schritt der Spieler. Die Technik wird punktuell eingesetzt, angepasst auf die jeweiligen Altersklassen.

„In der U15 und U16 geht es noch sehr viel um das eigene Team und die persönliche Entwicklung.  Ab der U17 und U19 kommt die Gegneranalyse ergänzend hinzu“, so Herrmann.  Jeder Spieler kann per App oder Laptop auf eine Online-Plattform zugreifen. „Dort können sie alle Szenen ansehen, die ich ihnen freigebe. Zum Beispiel die Gegneranalyse inklusive aller Tore und Standardsituationen.“ Nach dem Spiel bekommen die Spieler zudem die Spielnachbearbeitung sowie individuelle Szenen von sich selbst. Daraus wird ein Stärken- und Schwächen-Profil erstellt, mit einem Kommentar vom Analysten und dem Trainerteam versehen. Hierauf können die Spieler mit ihrer Sicht der Situation antworten und so in den direkten Dialog treten.

Die Profis zum Vorbild

Beim Nachwuchs kommt das Angebot gut an. „Natürlich wollen sie gerne schöne Szenen von sich sehen, wie einen Beinschuss oder ein geiles Tor – die sollen sie auch haben“, sagt Herrmann. „Aber sie sind auch sehr wissbegierig und man merkt, dass sie schnell aus dem Gesehenen lernen.“

Wie lange die Nachwuchsspieler mit dem Videostudium verbringen ist sehr unterschiedlich. Wichtiger ist für Herrmann die Regelmäßigkeit. „Das ist speziell im Bereich der U19 und U17 sehr hilfreich, wo die Spieler nicht jederzeit greifbar sind, weil sie noch zur Schule gehen. Aber sie haben immer mal fünf Minuten Zeit, um sich die Videos anzugucken und darauf zu antworten.“

Trotz der individuellen Beschäftigung mit den Clips, wird die Videoanalyse auch weiterhin in Mannschaftsbesprechungen eingebaut. Die Lust auf ausufernde Vorträge hält sich bei den meisten Spielern aber eher in Grenzen, insbesondere nach einem anstrengenden Schultag. Um die Aufmerksamkeit gerade bei den jüngeren Jahrgängen hochzuhalten, lassen die Analysten sich einiges einfallen. „Wir arbeiten gerne mal mit Musterszenen von unseren Profis oder aus der Champions League. Und manchmal kommt auch die Taktiktafel zum Einsatz.“

Die Verzahnung mit der Profi-Mannschaft ist auch im Bereich der Videoanalyse sehr eng, obgleich es klare Abstufungen gibt. „Wir nutzen dieselben Programme, wenn auch in einer etwas abgespeckten Version. Wenn ein Spieler von uns es in den Profibereich schafft, soll er da nochmal mehr Input bekommen können. Es soll Entwicklungsspielraum geben und gleichzeitig einen roten Faden“, sagt Herrmann.

Von diesem gemeinschaftlichen Konzept profitieren die Spieler auch, wenn sie kurz vor dem großen Sprung stehen. „Als zum Beispiel Spieler wie Noah Katterbach oder Iso Jakobs schon bei den Profis mittrainiert haben, aber am Wochenende noch für die U21 aufliefen, haben wir gemeinsam mit André Pawlak und Marc Zimmermann ihre Szenen angeschaut und besprochen. So konnten wir aufzeigen, woran sie noch arbeiten können, um auch im Profikader Spielzeit zu bekommen. Das hat ja ganz gut geklappt", sagt Herrmann und lächelt dabei.

Überall einsatzfähig

Ein Kernbestandteil von Herrmanns Arbeit, neben der Begleitung der Trainingswoche, ist auch der Einsatz am Spieltag. Dann ist er während der gesamten 90 Minuten per Headset mit dem Co-Trainer verbunden. Der Analyst kategorisiert schon während des Spiels alle Szenen nach bestimmten „Events“, wie zum Beispiel Balleroberungen, und kann ihm auf Wunsch bestimmte Sequenzen direkt auf ein Tablet schicken, das auf der Trainerbank bereit liegt. Gemeinsam mit den anderen Trainern verständigt er sich auf einige Szenen, die der Mannschaft noch in der Halbzeitpause gezeigt werden sollen. 

„Zuletzt haben wir gegen Schalke zur Halbzeit 0:1 zurückgelegen. Da brauchten wir einen Input. Wir hatten die Möglichkeit, direkt Szenen zu zeigen, die nicht so gut gelaufen sind – und mögliche Lösungen, wie zum Beispiel: Wenn du hier drei Meter weiter rechts stehst passiert das nicht“, sagt U19-Co-Trainer Lukas Kraus. „Wenn die Spieler ihre Fehler direkt sehen, können sie das viel besser umsetzen. So haben wir das Spiel dann auch noch 2:1 gewonnen.“

Die Möglichkeit der Live-Analyse ist ein Privileg, auf das die wenigsten Konkurrenten zurückgreifen können. Durch mobile Beamer und Leinwände ist das Set-Up der Analysten auch bei jedem Auswärtsspiel einsetzbar. Wo aber entsteht der eigentliche Mehrwert im Vergleich zur herkömmlichen Kabinenansprache? „Es hilft den Spielern ungemein. Sie müssen im Training oder Spiel immer wieder neu situativ entscheiden. Wenn sie dann Szenen aus einer Perspektive sehen, in der alle Spieler und bestimmte Räume zu erkennen sind, können sie es für sich noch einmal rekapitulieren und neu bewerten: Habe ich mich richtig oder falsch entschieden und weshalb? Im Idealfall kommen sie in der Zukunft in eine ähnliche Situation und können gedanklich schneller die möglichen Optionen abrufen, weil sie noch die andere Perspektive im Kopf haben.“

Wie viel aber bleibt am Ende wirklich im Kopf hängen? Kann man, angesichts der alltäglichen medialen Überflutung der gesamten Gesellschaft, überhaupt erwarten, dass die Nachwuchsspieler sich die vorgeführten Szenen merken?  „Ab und zu erlauben wir es uns, Spieler punktuell abzufragen“, sagt Herrmann. Zuletzt geschehen bei den Torhütern der U21. „Sie sollten in einer Sitzung die Vorlieben der möglichen Elfmeterschützen des Gegners benennen. Die Antworten kamen so schnell, als hätten die Keeper bereits darauf gewartet:  Schütze, Lieblingsecke, starker Fuß. Sie waren allesamt korrekt.“ Kleine Erfolge unterstützt durch moderne Technik bei der nachhaltigen Entwicklung junger Talente.

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PL.VereinPkt.
14Sport-Club Freiburg7
151. FC Köln6
161. FSV Mainz 055