Profis | 06.11.2021

Porträt im GeißbockEcho

Dejan Ljubicic: Immer etwas mitnehmen

Er war der erste Transfer, der bereits vor Ende der vergangenen Saison verkündet wurde. Dejan Ljubicic hat sich früh für den FC entschieden. Bereits in jungen Jahren lernt der Österreicher mit bosnisch-kroatischen Wurzeln, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für seine Karriere, seine junge Familie, sein Heimatland – aber auch für einen großen Fehler.

„Man lernt hier sehr viel Disziplin und Respekt. Das braucht man auch im privaten Leben.“ In der ersten Folge der aktuellen FC-Doku-Staffel von „24/7 FC“ ist zu sehen, wie Rekrut Dejan Ljubicic das Ende seiner vierwöchigen Grundausbildung bei der österreichischen Bundeswehr feiert. Anders als in Deutschland besteht in Österreich noch immer die allgemeine Wehrpflicht. Das bedeutet, dass alle wehrtauglich ­eingestuften, männlichen Österreicher einen Grundwehrdienst über sechs Monate leisten müssen. Ein neunmonatiger Zivildienst ist die Alternative. Dejan hat sich für den Wehrdienst entschieden – überwiegend aus pragmatischen Gründen. „Es machen auch viele Fußballer Zivildienst, aber das dauert dann eben drei Monate länger.“ Zu Beginn des Wehrdienstes steht eine vierwöchige Grundausbildung an. Diese hat ­Dejan im Juni absolviert. „Die restliche Zeit muss ich nachholen, wenn ich vor meinem 35. Geburtstag nach Österreich zurückkehre.“ Bis zur Vollendung des 34. Lebensjahrs muss in Österreich der Wehrdienst angetreten werden. Erst danach verfällt die Wehrpflicht. „Da sind die Regeln knallhart.“

Knallhart ist auch die Grundausbildung für den im Juni noch 23-jährigen Profifußballer. „Die vier Wochen waren sehr anstrengend. Es war so, wie man sich das vorstellt: Früh aufstehen, Märsche, Nachtwache und immer alles ordentlich halten.“ Letzteres bedeutet ­jedoch keine große Umstellung für Dejan. „Ich bin von Haus aus recht diszipliniert. Als Kinder haben mein zwei Jahre jüngerer Bruder Robert und ich ein gemeinsames Kinderzimmer gehabt. Da war ich auch schon ordentlich.“ Dejan Ljubicics Vertrag beim 1. FC Köln beginnt am 1. Juli. Deswegen hat er die Grundausbildung noch vor seinem Wechsel absolvieren können. Für im Ausland lebende Österreicher ruht die Wehrpflicht bis zu ihrer Rückkehr. Fußballer, die in Österreich ihrem Beruf nachgehen, werden nicht befreit. „Aber es wird schon Rücksicht genommen. Nach der vierwöchigen Grundausbildung muss man morgens in der Kaserne erscheinen und seine Trainings- und Spielzeiten angeben. Für diese Stunden und Tage wird man während der verbleibenden fünf Monate meist freigestellt.“

Aktuell ist nicht vorhersehbar, wann Dejan die verbleibenden fünf Monate absolvieren wird. Noch am Tag der feierlichen Abschlusszeremonie zum Ende der Grundausbildung ist Dejo, wie er von allen genannt wird, nach Köln geflogen. Dort beginnt ein neues ­Kapitel fernab der Wiener Heimat. Auf dem Weg zum Flughafen bleibt nur kurz Zeit, um sich von seiner Frau Magdalena und der sieben Monate alten Tochter Gabriela zu verabschieden und sich mit gepackten Koffern auf den Weg nach Köln zu machen. Wenige Wochen später ziehen seine Frau und Tochter nach.

Einen weitaus wagemutigeren und lebensverändernden Weg haben Dejans Eltern hinter sich. Inmitten des Balkankrieges Anfang der 1990er-Jahre flüchten Vater Zoran und Mutter Ruzica – damals auf getrennten Wegen, da sie sich noch nicht kannten – aus der Nähe von Sarajevo nach Österreich, um dort ein neues Leben zu beginnen. „Wir sind sehr glücklich, dass Österreich meinen Eltern diese Chance gegeben hat.“ Durch einen glücklichen Zufall lernen sich Dejans Eltern 1994 in der österreichischen Hauptstadt kennen, verlieben sich Hals über Kopf und gründen nur kurze Zeit später eine Familie. Bereits ein Jahr nach ihrem Kennenlernen kommt Tochter Ljubica zur Welt – im Abstand von ­jeweils zwei Jahren die Brüder Dejan und Robert. Das Nesthäkchen und Kind Nummer vier ist die 2006 geborene Tochter Maria.

Vater Zoran ist gelernter Schlosser und spielt nebenbei auch Fußball bei unterklassigen österreichischen Clubs. Familie Ljubicic lebt im Wiener Stadtteil Favoriten nur wenige Minuten vom Trainingsplatz des Favoritner AC entfernt. Dort beginnen Dejan und später auch Bruder Robert das Fußballspielen – in einer fußballbegeisterten Familie fast schon selbstverständlich und anfangs ohne jegliche Ambition, später Profi zu werden. Schnell zeigt sich das Talent des schlaksigen Dejo, der als Kind zunächst im Sturm spielt und regelmäßig Tore erzielt. Naturgemäß haben die großen Wiener Clubs, Rapid und Austria, die jungen Talente der Stadt im Blick. Austria Wien liegt ebenso im 10. Bezirk wie der Favoritner AC, aber die Wahl beim Vereinswechsel fällt dennoch auf den Westen der Stadt, auf Hütteldorf und auf den österreichischen Rekordmeister Rapid Wien, was zunächst vor allem logistische Gründe hat. „Ich habe mich für Rapid entschieden, da meine Eltern ein Grundstück etwas außerhalb im Wiener Westen gekauft hatten und dort ein Haus gebaut haben. Das lag dann wesentlich näher an Rapid.“

Dejans fußballerische Laufbahn nimmt bei den ­Hütteldorfern über die Jahre an Fahrt auf. Berufungen in die U-Nationalmannschaften Österreichs befeuern den Willen des jungen Talents, es bis zum Profi­fußballer zu schaffen. Als Jugendlicher interessiert er sich auch für die Bundesliga des großen Nachbarlandes. „Ich habe sonntagsmorgens sehr oft die ­Bundesliga-Highlights auf Sport1 geschaut. Damals hieß es ja noch DSF“, sagt Dejo begeistert. Nach seinen Vorbildern gefragt, nennt er meist Sergio Busquets, Andrea Pirlo und Luka Modric. „In Deutschland hat mir Ilkay Gündogan bei Dortmund auch immer sehr gefallen.“ Bei Rapid hat sich der Mittelfeldspieler durch disziplinierte Arbeit über die zweite Mannschaft einen Profivertrag erarbeitet, den er im ­Sommer 2017 unterschreibt. Um regelmäßig Spiel­praxis zu sammeln, wird er nach der Vertragsunterschrift zum Kooperationsverein von Rapid Wien, dem SC Wiener Neustadt, verliehen. Dort kommt er aber nur wenige Wochen zum Einsatz und kehrt bereits im August 2017 zurück zu Rapid. Die Hütteldorfer ­plagen Verletzungssorgen und Ljubicic kommt früher als ­erhofft zu seinem Profidebüt.

Im Laufe einer jungen Karriere können unbedachte Aktionen schnell zu einem jähen Ende aller Hoffnungen führen. Mit 20 Jahren begeht das aufstrebende Fußballtalent den größten Fehler seines Lebens. „Ich war so ein Blödmann“, sagt er leise auf das Geschehene angesprochen. Seine Bestürzung und die Unfähigkeit, diesen Aussetzer zu erklären, sind mehr als deutlich greifbar.

Das komplette Porträt über Dejan Ljubicic gibt es hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

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11Eintracht Frankfurt15
121. FC Köln15
13VfL Bochum 184813

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