Club | 21.12.2017

Fan-Interview mit Alexander Wehrle

„Der Verein ist stabil“

Im Interview mit FC-Fan Jörg Weitz spricht FC-Geschäftsführer Alexander Wehrle über die Gründe für die sportliche Krise, die Außendarstellung und andere Themen, die viele Fans bewegen.

Am 3. Dezember veröffentlichte FC-Fan Jörg Weitz auf der Facebook-Seite des 1. FC Köln einen kritischen Brief an die FC-Führung. Daraufhin lud ihn der FC zu einem Gedankenaustausch am Geißbockheim ein. In einem zweiten Gespräch hat Weitz seine Fragen und die Fragen anderer Fans formuliert – und FC-Geschäftsführer Alexander Wehrle stand Rede und Antwort.

Jörg Weitz: Herr Wehrle, vielen Dank für die Möglichkeit, Ihnen kritische Fragen stellen zu können, welche ich selbst habe und die mich nach meinem Offenen Brief auf der Facebook-Seite des 1. FC Köln von anderen Fans erreicht haben. Ich glaube, dass diese Themen sehr viele Fans interessieren, bzw. auch aktuell tatsächlich irritieren. Die erste, sehr oft gestellte Frage, die ja auch ursprünglich der Anlass für meine persönliche Wut war, ist: Warum die „Entlassung“ von Peter Stöger – ausgerechnet nach dem Schalke-Spiel?

Alexander Wehrle:
Ich weiß, dass der Zeitpunkt schwer zu erklären ist und dass wir mit unseren Erklärungen offenbar viele Fans nicht erreicht haben. Deshalb freue ich mich tatsächlich über die Gelegenheit, das nochmal beantworten zu können. Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt für eine solche Entscheidung. Und man kann Entscheidungen nun einmal nicht im Nachhinein treffen, sondern immer nur in einem bestimmten Moment. Die Trennung von Peter Stöger war und ist keine „Strafe“ für eine schlechte Bilanz und schon gar keine Reaktion auf das Schalke-Spiel, sondern es ging einzig und allein darum, die letzte Chance zu ergreifen. Nach vier Jahren, die unglaublich erfolgreich waren, und einem halben Jahr ohne Sieg in der Liga brauchte die Mannschaft eine andere Ansprache, einen anderen Trainertyp. Darum ging es uns. Zwischen Peter Stöger und mir war geklärt, dass wir nach dem Spiel auf Schalke unabhängig vom Resultat die Zusammenarbeit beenden, weil es so nicht weiterging und weil das Binnenverhältnis zwischen Trainer und Mannschaft Risse bekommen hatte. Wir waren uns darüber einig. Natürlich gibt es erstmal Enttäuschungen auf allen Seiten, wenn man sich trennt, aber am Ende sind wir sauber auseinandergegangen. Das war uns wichtig.

Damals ein riskanter Schritt

Aber wenn Sie die Bilanz ansprechen und von einer neuen Ansprache reden: Warum wurde überhaupt so lange an Peter Stöger festgehalten? Hätte man sich dann nicht viel früher trennen müssen, statt alle dieser langen Ungewissheit auszusetzen?

Wehrle:
Was heißt Ungewissheit? Peter Stöger hatte bei uns einen Vertrag bis 2020 und wir haben seine Position öffentlich nie in Frage gestellt, auch nicht, als – etwa nach dem Hoffenheim-Spiel – im Umfeld eine Trainerdebatte begann. Mir wird bei der Kritik an den Umständen der Vertragsauflösung von Peter Stöger zu oft vergessen, welche gemeinsame Geschichte wir haben. Wir haben Peter Stöger und Manni Schmid im Juni 2013 als Zweitligist aus ihrem Vertrag in Wien herausgekauft. Das klingt heute, wo selbst Co-Trainer Ablöse kosten, normal, aber damals war es ein extrem ungewöhnlicher und riskanter Schritt. Und von da an haben wir mit dem Trainerteam, das in Köln kaum einer kannte, eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Wir waren lange davon überzeugt, dass Trainer und Team gemeinsam die Wende schaffen. Erst in der Woche nach dem Hertha-Spiel haben wir diese Überzeugung nicht mehr gehabt.

Kritik wird ernst genommen

Nicht nur bei dieser Personalie hört man in letzter Zeit oft: Den Vorstand interessiert die Meinung der Fans und Mitglieder nicht.

Wehrle: Allein das Beispiel Ihres Offenen Briefs zeigt doch, dass das nicht stimmt. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Club, der so in der Kritik steht, seine Facebook-Seite für Besucherbeiträge offenhält – die Funktion könnten wir auch einfach abschalten und die kritischen Kommentare unter Postings löschen. Stattdessen lesen unsere Mitarbeiter in der Medienabteilung solches Feedback, sie bewerten es und geben es an Vorstand und Geschäftsführung weiter. Wir veranstalten darüber hinaus regelmäßig Mitgliedertreffen, Vorstandsmitglieder besuchen Fanclubs in ganz Deutschland. Allein Toni Schumacher ist jede Woche mindestens einmal irgendwo bei einem Fanclub. Jetzt in der sportlichen Krise wird der Vorstand diesen direkten Kontakt noch einmal intensivieren, ab Januar sind mehrere Mitgliederstammtische geplant. Deshalb glaube ich schon, dass wir ein gutes Gefühl für das haben, was die Fans bewegt. Wobei: „Die“ Fans ist nicht richtig, unsere Fans haben sehr unterschiedliche Meinungen zu vielen Themen und es ist wichtig, dass man nicht die lauteste Gruppe oder die, die im Netz am übelsten schimpfen, für repräsentativ hält. 

Viele Leute an Transfers beteiligt

Über Jahre haben Interna kaum nach draußen gefunden. Wie kann es sein, dass in letzter Zeit „interne Themen“ wie Personalplanungen (z.B. Horst Heldt oder Dietmar Beiersdorfer) an die Öffentlichkeit gelangen?

Wehrle:
Es ist sehr schwer, vereinsintern die von Mitgliedern geforderte Transparenz zu leben und trotzdem nichts nach außen dringen zu lassen. Das ist uns trotzdem über Jahre gelungen und dass gezielt Dinge durchgesteckt werden, das gab es erst recht lange nicht beim FC. So sollte es auch bleiben. Aber an wichtigen Themen wie etwa Transfers sind sehr viele Leute beteiligt. Und alle stehen unter ständiger Beobachtung von sehr gut vernetzten Journalisten. Deshalb ist es in der Bundesliga eher die Ausnahme als die Regel, dass wichtige Personalien nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Bei den Personalien zur Nachfolge von Jörg Schmadtke haben wir es über Wochen geschafft, dass kein einziger Name kursiert – oder, besser: kein Name von jemandem, mit dem wir wirklich gesprochen haben. Der Fall Horst Heldt wurde nicht von uns öffentlich gemacht. Und Dietmar Beiersdorfer wurde von einem Hotelgast erkannt. So etwas kann man nie ausschließen, auch wenn man es verhindern sollte. Glauben Sie mir: Wir freuen uns immer, wenn wir eine Personalie als erste verkünden können, und zwar dann, wenn sie perfekt ist. So wie bei Armin Veh.

Müssen wir Angst davor haben, im Club ähnliche Verhältnisse wie im Jahr 2012 zu bekommen?

Wehrle:
Ich verstehe diese Angst, sie wird von vielen Fans geäußert. Aber die Gefahr besteht im Club sicher nicht. Der Verein ist stabil, er ist wirtschaftlich kerngesund, die Mannschaft ist trotz der sehr schlechten Hinrunde intakt und das Team am Geißbockheim gut aufgestellt. Es herrscht kein Chaos und keine extreme Aufregung, gerade, wenn man bedenkt, wie dramatisch die sportliche Situation ist. Außen rum gibt es schon Hektik, das stimmt. Das liegt daran, dass es bei uns zuletzt sehr viel zu berichten gab, während vorher lange Ruhe herrschte. Im Konflikt mit dem harten Kern der Ultras sind wir allerdings leider gerade in einer Phase, die sich wie 2012 anfühlt, das stimmt – das hat aber ironischerweise nicht mit der sportlichen Situation zu tun, sondern damit, dass diese kleine Gruppe eine andere Agenda hat und nun versucht, ihre vereinspolitischen Themen durchzusetzen.

Transferpolitik beim FC

Aber nochmal zur sportlichen Seite: Wer trägt die Verantwortung für die Transferpolitik? War das alles ein Alleingang von Jörg Schmadtke oder haben die Kontrollgremien dahinter mitgeplant?

Wehrle:
Der Vorstand und die Geschäftsführung einigen sich in jeder Saison auf einen Budgetrahmen. Innerhalb dieses Rahmens muss die sportliche Leitung frei in ihren Personalentscheidungen sein. Ab einer bestimmten wirtschaftlichen Größe müssen aber auch Transfers oder Vertragsverlängerungen vom Gemeinsamen Ausschuss abgesegnet werden, in dem unter anderem zwei Vertreter des Mitgliederrates sitzen.

Wie kann es sein, dass wir seit nahezu zwei Jahren eine überdurchschnittliche Quote an verletzten Spielern haben? Geht man dieser Thematik auf den Grund?

Wehrle:
Natürlich analysieren wir das intensiv, denn die Spieler sind unsere wichtigsten Personen im Club. Wir werten Verletzungsstatistiken natürlich aus. Übrigens haben wir nicht seit zwei Jahren eine überdurchschnittliche Quote, sie war zwei Jahre lang (2014 und 2015) extrem unterdurchschnittlich und im letzten Jahr – statistisch gesehen – relativ normal. Da wir aber einen eher kleinen Kader hatten und unter den Verletzten viele Stammspieler waren, ist der sportliche Verlust trotzdem sehr groß gewesen. So viel zu Statistiken. In dieser Saison haben wir eine wirklich auffällige Verletztenmisere, zumal wir erstmals ein gewisses Muster schwerer Muskelverletzungen feststellen. Woran das liegt, ist aber nicht so einfach zu analysieren, sonst hätte man es ja abgestellt. Viele Faktoren spielen da eine Rolle: Trainingssteuerung, psychische Belastung, die ungewohnten Reisen etc. – wir arbeiten daran, einen Schlüssel zu finden. Auch die Platzverhältnisse am Geißbockheim nehmen wir dabei unter die Lupe.

Ein Thema, das eigentlich seit Monaten vorbei sein müsste, aber immer noch viele bewegt, ist der Modeste-Transfer. War ein Verkauf sowohl aus sportlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht zwingend notwendig, oder entsprach man tatsächlich dem Wunsch des Spielers?

Wehrle:
Sportlich hätten wir Tony Modeste gerne behalten, das ist völlig unstrittig – wobei natürlich niemand weiß, ob er nochmal eine solche Saison gespielt hätte und wir uns heute in diesem Fall nicht die Kritik anhören müssten, dass wir die Chance eines Verkaufs nicht genutzt haben. Noch im März/April, als wir ein Tief in der Liga hatten, hat man uns ja genau das vorgeworfen, dass wir im Februar nicht die Kohle für Tony mitgenommen haben, statt ihn zu halten. Jetzt ist es umgekehrt. So ist das im Fußball. Aber wirtschaftlich war es nicht möglich, ihn zu halten. Das Angebot aus China bedeutete eine zig-fache Erhöhung seines Gehalts für Tony und war auch für den FC außergewöhnlich gut. Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir Tony hätten halten sollen, sondern ob es uns gelungen ist, seinen Abgang zu kompensieren.

Ohne sportlichen Erfolg ist alles Nichts

Was werden Sie unternehmen um wieder Ruhe im Umfeld hinzubekommen?

Wehrle:
Unruhe kam durch die Vakanz auf der Position der sportlichen Leitung auf, die ist mit Armin Veh jetzt perfekt ausgefüllt. Zudem freue ich mich über die Formulierung Ihrer Frage: Die Unruhe herrscht im Umfeld in der Tat mehr als im Club. Es ist doch erstaunlich und aus meiner Sicht ein Kompliment für die Arbeit im Club, dass wir gemessen an der sportlichen Situation über Monate vergleichsweise Ruhe hatten und die Fans immer noch hinter dem Team stehen. Wir haben in den allermeisten Themen am Geißbockheim im zweiten Halbjahr 2017 genauso gearbeitet wie in den vier Jahren zuvor. Und während es in den Jahren davor nur Lob gab, ist nun plötzlich alles falsch. Aber für richtige Ruhe im Umfeld kann ein Fußballclub nur sorgen, wenn er gewinnt. Da muss ich mich als Nicht-Sportler leider selbst zitieren mit einem Satz, den ich immer und immer wieder gesagt habe: Ohne sportlichen Erfolg ist alles Nichts.

Abschließend: Wie wollen Sie das „verlorene Vertrauen“ der Mitglieder und der Fans wieder zurückgewinnen?

Wehrle:
Dass wir in den letzten Wochen Fehler gemacht und uns nicht immer glücklich präsentiert haben, darüber brauchen wir nicht zu reden. Ich weiß aber, dass viele Fans und Mitglieder bei aller Kritik nach wie vor grundsätzlich Vertrauen in die Führung des 1. FC Köln haben. Die Mails, die Briefe, die Anrufe und die persönlichen Gespräche belegen das. Deshalb gibt es für uns nur einen Weg: Noch mehr mit Fans und Mitgliedern kommunizieren und seriös weiterarbeiten. Wir sind im zweiten Halbjahr 2017 sehr tief und sehr schmerzhaft gefallen, auch, weil wir uns selbst ein Bein gestellt haben. Jetzt sammeln wir über Weihnachten Kraft und neuen Mut, und dann greifen wir 2018 voll an. 

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PL. Verein Pkt.
1 1. FC Köln 0
1 Hamburger SV 0
1 Holstein Kiel 0

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