Club | 24.03.2020

55 Jahre Liverpool-Drama

Ein Münzwurf für die Ewigkeit

Ein Zufall entscheidet für den 1. FC Köln über Weiterkommen oder Ausscheiden im Viertelfinale des Europapokals gegen den FC Liverpool 1965. Vor 55 Jahren findet das denkwürdige Duell nach 300 Minuten seinen Sieger im Schlamm von Rotterdam.

Robert Schaut wirft mitten im Pulk aus Spielern, Fotografen und Wachleuten seine rot-weiße Holzmünze in die Höhe. Bange Blicke folgen der Münze in Richtung Nachthimmel. Mehrfach dreht sie sich in der Luft, bevor sie vor den Füßen von FC-Kapitän Hans Sturm und Liverpools Spielführer Ron Yeats in den Morast fällt. Doch anstatt entweder auf der roten oder weißen Seite zu landen, bleibt die hölzerne Scheibe fast senkrecht im matschigen Geläuf stecken – leicht zugunsten des FC geneigt. Für einen kurzen Augenblick sehen sich fragende Gesichter an. Würde die Münze noch zu Boden kippen? Es ist der 24. März 1965, und das Duell um den Einzug ins Halbfinale im Europapokal der Landesmeister zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Liverpool steht vor dem dramatischsten Ende, das man sich vorstellen kann.

Turbulente Reise nach Tirana

Einige Wochen zuvor sind die Augen noch auf die Auslosung der Viertelfinalpartien in Wien gerichtet. Zu den möglichen Kontrahenten zählten neben Inter Mailand auch der portugiesische Titelträger Benfica Lissabon mit Eusebio, Real Madrid um den ungarischen Weltklassestürmer Ferenc Puskás – und eben der englische Meister FC Liverpool. Die seinerzeit wohl beste Vereinsmannschaft Europas wird dem FC zugelost und gastiert zum Auftakt am 10. Februar 1965 in Müngersdorf. In den Runden zuvor hatte sich der 1. FC Köln als erster Deutscher Meister der neu gegründeten Bundesliga gegen Partizan Tirana und Panathinaikos Athen durchgesetzt. Besonders die Reise in die Hauptstadt des kommunistischen Albaniens gestaltete sich dabei kompliziert. In den Wochen vor der Partie durfte der FC keine Scouts in den Balkan entsenden. Jedes Mitglied des FC-Reistross benötigte fünf Passbilder, um Einlass zu erhalten. Von Düsseldorf flog die Mannschaft über Frankfurt nach Rom, anschließend ging es über Bari nach Tirana.

Auf ein 0:0 folgte vor heimischer Kulisse durch Tore von Hansi Sturm und Wolfgang Overath der Einzug in die nächste Runde, wo auf das Team von Georg Knöpfle Panathinaikos Athen wartete.
 
Sieg gegen griechischen Meister

Im ausverkauften Stadion von Panathinaikos sorgten 33.000 Zuschauer für eine unvergessliche Atmosphäre, diesmal waren auch viele FC-Fans dabei. Ein spezielles Angebot mit Hin- und Rückflug sowie zwei Übernachtungen war verlockend. Die Begegnung in der Hitze von Athen endete 1:1. Vor 62.000 Fans im bis auf den letzten Platz gefüllten Oval des Müngersdorfer Stadions drehten Karl-Heinz Thielen und Chistian Müller nach frühem Rückstand durch Giannis Komianidis das Spiel und sicherten den Einzug ins Viertelfinale.

Ohne Schäfer ins Rückspiel

Doch für das Weiterkommen zahlte der FC einen hohen Preis. Hans Schäfer, Kapitän und Herz der Mannschaft, erlitt eine Meniskusverletzung, fiel damit monatelang aus und konnte nach dem kampfbetonten und von Defensive geprägten 0:0 im Hinspiel auch die Reise nach Liverpool nicht antreten. Bereits das erste Aufeinandertreffen beider Spitzenteams hatte großes öffentliches Interesse hervorgerufen. Eurovision übertrug die Partie in sieben Ländern live und sogar Bundeskanzler Ludwig Erhard ließ sich den Schlagabtausch nicht entgehen. Umso größer war die Vorfreude des FC auf die Reise nach England, die so früh angetreten wurde, dass man sich sogar noch das Ligaspiel der Liverpooler bei West Ham United im Upton Park anschauen konnte. Die Mannschaft des 1. FC Köln sah die erste Niederlage der Reds nach zuvor 19 ungeschlagenen Spielen.

Schneesturm in Liverpool

Es hätte ein angenehmer Aufenthalt in England werden können, zumal die Anfield Road am 3. März 1965, Tag des Rückspiels, zum Bersten voll war. Doch es war ungewöhnlich kalt in Englands Hafenstadt. Es haben schon 52.876 Zuschauer die Drehkreuze passiert, als sich der dänische Schiedsrichter Hansen dazu entscheidet, das Spiel wegen heftigen Schneefalls nicht anzupfeifen. 400 FC-Fans mussten nach Köln zurückkehren, ohne eine Minute Fußball gesehen zu haben. Der FC blieb auf der Hälfte der Reisekosten von rund 10.000 D-Mark sitzen. 

Das offenbar niemals endende Duell wird 35 Tage nach dem ersten Aufeinandertreffen fortgesetzt. Die Liverpool-Fans entfachen eine famose Stimmung und sind für die Reds der 12. Mann. Doch der alles überragende Akteur an jenem Abend ist Toni Schumacher, der mehrere hundertprozentige Torchancen der Liverpooler vereitelt und ein erneutes 0:0 festhält. Liverpools Fans applaudieren ihm und Louis Caplan, Oberbürgermeister der Stadt Liverpool, beglückwünscht den FC-Schlussmann noch in der Kabine.

Entscheidungsspiel in Rotterdam

Zweimal hatte es keinen Sieger gegeben, was nach damaligem Regelwerk ein Entscheidungsspiel auf neutralem Boden vorsah – in Rotterdam unter den Lichtern des De Kuip. Ob mit Auto, Bahn oder Privatflugzeug, tausende FC-Fans machen sich am 24. März 1965 auf den kurzen Weg nach Holland, sorgen dabei für lange Staus und mitunter überforderte Kontrolleure an der Grenze. Nach einer Unterredung zwischen Franz Kremer und dem deutschen Konsulat in Rotterdam verschließt die niederländische Zollbehörde entgegen sonstiger Gepflogenheiten ausnahmsweise die Augen vor den tausenden Touristen aus dem Rheinland und lässt sie passieren. 

Mehr als 20.000 Fans bevölkern noch am selben Tag die Ränge des De Kuip und werden Augenzeugen der unvergessenen Nacht von Rotterdam. Ohne die verletzten Wilden und Schäfer, dafür aber mit dem wiedergenesenen Christian Müller liegt der FC bereits nach etwas mehr einer halben Stunde mit 0:2 hinten, ehe Karlheinz Thielen noch vor dem Seitenwechsel den Anschlusstreffer erzielt. Zu diesem Zeitpunkt humpelt Wolfgang Weber bereits mit gebrochenem Wadenbein über den Platz, spielt aber weiter, da Auswechslungen noch nicht erlaubt sind. Webers Sprung von der Massagebank in der Halbzeitpause ist einer der ewigen Klassiker der FC-Geschichte. In der zweiten Hälfte ist der FC trotz des Verletzungspechs das spielbestimmende Team und schafft durch Hannes Löhr den verdienten Ausgleich. Die FC-Fans verwandeln das De Kuip endgültig in ein Tollhaus und hätten beinahe den Siegtreffer bejubeln dürfen, doch der belgische Unparteiische Schaut verweigert einem offenbar regulären Treffer von Heinz Hornig die Anerkennung und verzichtet darauf, den Liverpooler Ron Yeats nach dessen Tätlichkeit an Hannes Löhr des Feldes zu verweisen.       

Da es auch nach 120 Minuten beim 2:2 bleibt und es noch kein Elfmeterschießen gibt, muss der Münzwurf des Schiedsrichters die Entscheidung bringen. Doch auch das gelingt erst im zweiten Anlauf, da die Münze beim ersten Versuch tatsächlich im Matsch stecken bleibt. Erneut wird die Münze in den Nachthimmel geworfen – und dieses Mal ist rot oben. In rot spielen an jenem Abend die Liverpooler Spieler, an deren Jubel erst die Fans auf den Rängen den Sieger erkennen. Ohne sportlich verloren zu haben, scheidet der FC aus.

Mit Tränen stehen Hansi Sturm und seine Teamkameraden auf dem Platz. Doch sie verdienen sich europaweit Sympathien und erhalten in den darauffolgenden Tagen etliche Briefe und Botschaften von Fans aus aller Herren Länder. Karl-Heinz Thielen erinnert sich, dass sein Team beim ersten Spiel nach dem Drama in der Bundesliga auch von den gegnerischen Fans mit stehendem Applaus begrüßt wurde. „Wir waren damals sehr erfolgreich, aber nicht sonderlich beliebt. Nach dem Münzwurf von Rotterdam aber flogen uns überall die Sympathien zu. Das war ein Trost und hat uns sehr gut getan.“ An diesem 24. März 1965 hatte der FC Fußballgeschichte geschrieben – und bei allen Erfolgen passt es vielleicht ein bisschen zum FC, dass sein bis heute wohl berühmtestes Spiel eine knappe Niederlage war. 

FC-Stammtisch

Die FC-Legenden Karl-Heinz Thielen, Bernd Cullmann, Wolfgang Weber und Toni Schumacher plauderten vor rund zwei Jahren beim Stammtisch anläßlich des 70. Geburtstages des 1. FC Köln aus dem historischen Nähkästchen.

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
9TSG 1899 Hoffenheim36
101. FC Köln34
11Hertha BSC34

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