Profis | 08.05.2021

Hüben wie drüben

Freis: „Ein anderer Menschenschlag“

Sebastian Freis hat für den 1. FC Köln und in Freiburg gespielt. Weil er zweimal im Winter wechselte, stieg er mit beiden Vereinen nicht ab. Mit dem SC Freiburg betrat er sogar die europäische Bühne. Im Gespräch erinnert sich der Stürmer an turbulente Jahre in Köln – und Politikstunden mit Christian Streich.

Der Himmel ist wolkenlos, die Luft heiß. Das türkisfarbene Wasser der Dreisam glitzert in der Sonne, deren Strahlen auf den Nacken der 22 Spieler auf dem Rasen des Schwarzwald-Stadions brennen. Es ist Samstag, der 28. April 2012. Am vorletzten Spieltag der Bundesliga-Saison 2011/12 empfängt der SC Freiburg den 1. FC Köln. Während die Freiburger seit neun Spielen ungeschlagen sind und den Klassenerhalt sicher haben, bangt der FC als Tabellen-16. um den Ligaverbleib.

Es läuft die 90. Minute. Freiburg führt mit 3:1, als Sebastian Freis eine Flanke von der rechten Seite im zweiten Versuch verwertet. Tor. Noch wenige Monate zuvor hätten sich die FC-Fans über einen Treffer des Mittelstürmers gefreut, doch an diesem Tag jubeln die Freiburg-Fans. Noch in der Hinrunde hatte Freis für den FC gespielt. Weil er aber nur selten zum Einsatz kam, wechselte er in der Winterpause zum SC Freiburg. An besagtem Samstagnachmittag bringt Freis auch wegen seines Treffers den FC in noch größere Abstiegsnot. Während Freiburg die Saison auf dem zwölften Tabellenplatz beendet, ging es für den FC im abschließenden Schicksalsspiel gegen Bayern München noch darum, im Fernduell mit Hertha BSC zumindest den Relegationsplatz zu verteidigen. „Dass die Saison so eine Wende nehmen würde, hatte ich bei meinem Wechsel im Winter nicht für möglich gehalten“, sagt Freis.

Aber von vorne. Im Sommer 2009 wechselt Freis vom Karlsruher SC ans Geißbockheim. FC-Trainer Christoph Daum hatte den deutschen U21-Nationalspieler in Gesprächen von einem Wechsel überzeugt. Doch ehe Freis sein erstes Training für den FC absolviert, erfährt er in der Sommerpause überraschend aus den Medien, dass Daum seinen Vertrag beim FC vorzeitig gekündigt hat, um Trainer von Fenerbahce Istanbul zu werden. Doch auch unter Zvonimir Soldo, Daums Nachfolger beim FC, spielt Freis häufig von Beginn und steuert drei Treffer und vier Vorlagen dazu bei, dass der FC nie wirklich in Abstiegsgefahr gerät. „Die erste Saison lief sehr gut. Ich glaube, darauf hätte ich aufbauen können.“

Schulterverletzung und kein Stammspieler

Doch Freis kugelt sich am sechsten Spieltag der Saison 2010/11 im Heimspiel gegen Hoffenheim seine Schulter aus. „Es war sehr regnerisch an dem Tag. Ich bin ohne Fremdeinwirkung ausgerutscht und ganz unglücklich auf die Schulter gefallen.“ Zwei Monate fällt er aus. Freis muss sogar operiert werden. „Als Fußballer denkt man vielleicht, wenn etwas an der Schulter ist, ist das nicht so tragisch, man braucht ja nur die Füße. Aber es hat sich als schwerwiegender herausgestellt.“

Freis fällt es nach der Verletzung schwer, an seine Leistungen aus der Anfangszeit beim FC anzuknüpfen und spielt im weiteren Saisonverlauf nur sporadisch. „Die Schulterverletzung hat mich als Schwachstelle durch meine restliche Karriere begleitet. Das war für meinen Körper und den Kopf nicht leicht.“ Zudem herrscht zu dieser Zeit rund um den FC zunehmend Unruhe. Vier Trainer erlebt Freis während seiner zweieinhalb Jahre im Verein. „Diese Unruhe hat mich zusätzlich beschäftigt. Ich war nie ganz frei.“

Unter Stale Solbakken muss Freis in der Hinrunde der Saison 2011/12 fast ausnahmslos auf der Bank Platz nehmen. In dem Offensivspieler reift der Wunsch nach einem Vereinswechsel, Dabei fühlt er sich in Köln eigentlich wohl. „Ich habe die Stadt, die Menschen und Fans total angenehm in Erinnerung. Ein anderer Menschenschlag, der sehr positiv ist“, sagt er. „In Köln herrscht eine gewisse Lockerheit, die im Süden Deutschlands, wo ich hauptsächlich gespielt und gewohnt habe, nicht in dem Maße ausgeprägt ist. Trotzdem war für mich damals wichtig, woanders wieder mehr zu spielen.“

Fulminante Aufholjagd mit Freiburg

Der SC Freiburg ist interessiert, befindet sich als Tabellenletzter allerdings in akuter Abstiegsgefahr. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit Freiburg absteigen würde, hatte ich einkalkuliert“, sagt Freis. Ausschlaggebend für seinen Wechsel ins Breisgau ist Christian Streich. Streich hatte das Traineramt bei den Freiburgern erst spät in der Hinrunde übernommen. In den Weihnachtsferien fuhr er extra nach Karlsruhe zur Wohnung von Freis, um ihn dort von einem Wechsel zu überzeugen. „Christian hat sich wahnsinnig viel Zeit genommen, wir haben über Fußball weniger gesprochen als über zig andere Themen. Christian sieht immer auch den Menschen hinter dem Sportler.“

So gern Streich Freis auch haben wollte, in der Vorbereitung auf die Rückrunde beklagt er sich dennoch öffentlich über die mangelnde Fitness seines Neuzugangs. „Da musste ich mir direkt mal was anhören“, erzählt Freis. „Die Kondition war eigentlich immer eine meiner großen Stärken, ich habe das dann auch relativ schnell wieder aufgeholt.“ Noch sehr gut kann sich Freis an schweißtreibende Joggingläufe entlang der Dreisam erinnern. „Wir haben geackert wie die Schweine. Das ging teilweise eher in Richtung Leichtathletikverein. Aber uns als Mannschaft hat zusammengeschweißt, dass wir gemeinsam über Grenzen gegangen sind.“

27 Punkte holen die Freiburger in der Rückrunde. Der FC hingegen sammelt in der Rückrunde lediglich neun Zähler und steigt am 34. Spieltag nach einer 1:4-Niederlage gegen Bayern München ab. „Rückblickend würde ich schon sagen, dass beim FC damals kein guter Teamgeist geherrscht hat. Das war eine Ansammlung von individuell guten Spielern“, sagt Freis. „Wenn es gut lief, hat der Erfolg automatisch zusammengeschweißt. Aber in dem Moment, als Widerstände aufkamen und in ein paar Spielen plötzlich kein Erfolg mehr da war, führte das schnell zu Konflikten und es ging rapide bergab.“

Politikstunden mit Streich

Während der FC anschließend zwei Jahre in der zweiten Liga verharrt, hält der Erfolg bei Freis und dem SC Freiburg an. „Von der Wahnsinns-Rückrunde haben wir noch einige Zeit gezehrt.“ Als Tabellenfünfter qualifizieren sich die Freiburger in der Saison 2012/13 für die Europa League. Wenn Freis an jene Zeit und die Zusammenarbeit mit Streich zurückdenkt, gerät er ins Schwärmen. „Zwanzig Minuten vor Trainingsbeginn kam Christian meistens in die Kabine. Er hat dann aber nicht über Fußball geredet, sondern erstmal über aktuelle politische Entwicklungen oder andere Themen, die so durch die Presse geisterten. Er hat seine Sicht der Dinge zu bestimmten Dingen geschildert, um uns auch gewisse Werte zu vermitteln und unseren Blick auf Dinge zu schärfen, die außerhalb der viel zitierten Profifußballblase vor sich gingen“, erzählt Freis. „Und es war nie so, dass die Mannschaft nach einer Besprechung mal gesagt hätte: ‚Ey, was will der denn jetzt von uns?‘ Im Gegenteil. Es kam extrem positiv an.“

Doch in der Saison 2013/14 haben die Freiburger mit dem sportlichen Erfolg der Vorjahre zu kämpfen. Viele Leistungsträger verlassen den Verein nach der erfolgreichen Europapokal-Qualifikation, weil sie Begehrlichkeiten bei finanzkräftigeren Vereinen geweckt hatten. Wegen der Dreifachbelastung und des Umbruchs beendet Freiburg die Saison auf dem 14. Tabellenplatz. Die darauffolgende Spielzeit läuft dann ernüchternd. Nach 17 Partien ist Freiburg Letzter. „Die Fluktuation im Kader war zu hoch. Wir haben versucht, uns gegen die Widerstände zu stemmen, aber es hat am Ende leider nicht gereicht“, sagt Freis, der Freiburg im Januar 2015 verlässt, weil der Verein Nils Petersen verpflichtete. „Ich war zuerst natürlich enttäuscht, aber im Grunde haben sie ja nur offen und ehrlich zu mir gesagt, dass ich in der Rückrunde wahrscheinlich nicht mehr viel spielen würde.“ Ohne Freis, der zu Greuther Fürth in die 2. Bundesliga wechselt, steigt Freiburg ein halbes Jahr später in selbige ab. Vier Jahre später, im Sommer 2019, beendet Freis beim SSV Jahn Regensburg seine Karriere.

„Der FC gehört in die Bundesliga“

Mittlerweile arbeitet der leidenschaftliche Pokerspieler und Weinliebhaber auf Honorarbasis als Scout für den Karlsruher SC. Er hat ein Bachelorstudium in BWL mit Schwerpunkt Sportmanagement abgeschlossen, investiert in Immobilien und hat sich selbstständig gemacht. Freis betreut und trainiert junge Fußballtalente, die auf dem Sprung in den Profifußball sind. Den FC verfolgt er nach wie vor intensiv. „Vor zwei Wochen hätte ich gesagt, für den FC geht es wahrscheinlich in die zweite Liga. Aber der Trainerwechsel scheint nochmal einen wahnsinnigen Impuls gegeben zu haben“, sagt Freis. „Es ist noch ein harter Weg, aber ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn der FC den Klassenerhalt schafft. Der FC gehört nirgendwo anders hin als in die Bundesliga.“

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
15DSC Arminia Bielefeld35
161. FC Köln33
17SV Werder Bremen31

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