Profis | 18.04.2020

FC-Cheftrainer im Gespräch

Gisdol: „Fußball würde Freude bringen”

In einer Videokonferenz mit Medienvertretern sprach FC-Cheftrainer Markus Gisdol über eine mögliche Fortsetzung der Saison unter Ausschluss der Öffentlichkeit, fehlende Trainingselemente aufgrund geltender Abstandsregelungen – und Verhaltensänderungen der Trainer bei Spielen ohne Zuschauer.

Markus Gisdol sprach am Montag am Geißbockheim über:

...die Frage, welche wichtigen Komponenten im Training wegen der einzuhaltenden Abstandsregelungen zurzeit fehlen: 

Wir müssen schauen, was in der aktuellen Zeit machbar ist. Das ist eine große Herausforderung, da körperbetonte Komponenten, die einen wesentlichen Teil unseres Spiels und unseres Sports ausmachen, nicht in unsere Trainingsgestaltung mit einfließen dürfen. Obwohl es im Wettkampf auf das Zweikampfverhalten ankommt, auf das Verhalten gegen den Ball, um dem Gegner den Ball abzujagen und ihn nicht zum Torabschluss kommen zu lassen. Normalerweise erarbeiten wir im Training Lösungen, um in Ballbesitz Lücken gegen eng stehende Gegner zu finden. Auch dieses Element fehlt momentan im Training. 
Dafür arbeiten wir viel im technischen und athletischen Bereich. Situationen, die im Spiel auftreten, versuchen wir zu simulieren. Dazu zählen Abbremsbewegungen oder auch Sprünge gegen Hindernisse. Das bildet nie exakt die Belastung während eines Spiels ab, wenn die Spieler einen Schlag abbekommen oder Körperkontakt in intensiven Zweikämpfen haben. 
Am Freitagmorgen sind die Spieler in unterschiedlichen Geschwindigkeiten 6,3 Kilometer gelaufen. Sie mussten dribbeln, in Sprints dem Ball entgegenkommen und Wendeläufe absolvieren, denn Richtungswechsel sind im Spiel häufig gefragt.

...die Frage, ob er sich mit Trainerkollegen angesichts der aktuellen Herausforderungen über neue Trainingsformen ausgetauscht hat:

Nein, das hat nicht stattgefunden. Ich hatte, als ich neulich darüber gesprochen habe, auch eher an den Austausch mit Trainern aus dem Amateurbereich gedacht, die im Vergleich zu Bundesligatrainern nicht die nötige Zeit haben, um sich über neuartige Trainingsmethoden Gedanken zu machen. Für diese Gruppe eine Plattform zu schaffen, auf der wir gemeinsam mit unseren Athletiktrainern Übungen und unsere gesammelten Erfahrungen bereitstellen, war mein Gedanke. Dann hätten die Trainer zumindest Ansätze für ihre Trainingsarbeit und wüssten, welche Trainingsformen überhaupt zulässig sind, sobald die Amateurvereine unter Auflagen wieder trainieren dürfen.

...die Frage, wie viel Trainingsvorlauf man vor dem ersten Pflichtspiel mindestens mit der gesamten Mannschaft bräuchte, um guten Gewissens wettbewerbsfähig zu sein:

Ich glaube, wir werden nicht viel Zeit haben. Wenn die Erlaubnis kommt, wird es schnell gehen. Deswegen versuchen wir, unsere Spieler athletisch jetzt so vorzubereiten, dass sie relativ problemlos ins richtige Mannschaftstrainings einsteigen könnten. Nichtsdestotrotz werden wir dann bis zu drei Tage benötigen, um die Spieler wieder an die Belastung eines Mannschaftstrainings und das Führen von Zweikämpfen zu gewöhnen. Ich gehe davon aus, dass wir einen Vorlauf von zehn bis 14 Tagen Mannschaftstraining hätten. Und diese Voraussetzungen hätten dann ja alle, es würde also Chancengleichheit existieren. 

...über das Szenario, dass Bundesligaspiele bis Jahresende ohne Zuschauer stattfinden: 

Es raubt nur Energie, so weit vorauszuschauen. Seit unserem letzten Pflichtspiel Anfang März haben mein Trainerteam und ich bis zu zehn verschiedene Szenarien durchgespielt und aufgeschrieben. Das mussten wir tun, ansonsten würden wir unseren Job nicht gewissenhaft erledigen. Wir haben spekuliert, an welchem Wochenende wir wohl wieder spielen würden, ab wann das Training in Kleingruppen erlaubt ist und zu welchem Zeitpunkt wir wieder ins Mannschaftstraining einsteigen dürfen. Viele der Szenarien haben wir nach drei Tagen wieder wegschmeißen müssen, da sich die Lage fast täglich verändert hat. Deshalb lassen wir uns nur noch auf das ein, was aktuell Stand der Dinge ist. Ich muss ohnehin immer unter Berücksichtigung der aktuell gegebenen Fakten versuchen, das Bestmögliche für mein Team herauszuholen.

Und ich kann sagen, dass das aktuell unheimlich anspruchsvoll ist – auch für die Spieler, die sich im Kopf ständig auf neue Dinge einstellen müssen. Alle, die ihren Beruf aktuell nicht wie gewohnt ausführen können, beschäftigt die Situation. Ich bin davon überzeugt, dass ein Trainerstab in der jetzigen Phase sehr gut funktionieren muss. Man muss das Potenzial jedes Mitglieds des Trainerteams noch mehr ausschöpfen. Jeder hat noch mehr Verantwortung. Wir haben das Glück, dass wir wirklich tolle Leute in unserem Stab haben, die sich super einbringen und ihre Gedanken äußern. Es ist ein hohes Gut, so viele gute Mitarbeiter zu haben. 

...über Stimmen aus der aktiven Fanszene, die sich gegen Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgesprochen hat: 

Es wird immer verschiedene Stimmen geben, denn es gibt immer ein Für und Wider. Aber aus den Gesprächen mit Alexander Wehrle, der im ständigen Austausch mit der DFL ist, weiß ich, dass sich alle im deutschen Fußball sehr viele Gedanken machen und sehr verantwortungsvoll mit der Situation umgehen. Nichts darf am Ende in irgendeiner Form der Gesellschaft schaden. Und es soll auch nicht heißen, der Fußball habe eine Sonderstellung. Unter diesen Gesichtspunkten machen sich die Verantwortlichen im Fußball sehr intensiv Gedanken. Aber speziell in Deutschland ist der Fußball nun mal die beliebteste Nebensache. Wir würden sicher ganz viele Freude bringen, wenn die Bundesliga läuft. Obwohl die Spiele leider zunächst einmal ohne Zuschauer stattfinden müssten, gäbe es zumindest andere Dinge – weniger negative Dinge – über die gesprochen werden kann. Klar, es gäbe vielleicht mal ein negatives Ergebnis, aber auch darüber könnte man dann diskutieren. Es gäbe neuen Gesprächsstoff. Fußball nimmt in unserem Leben einen so schönen Teil ein und ist besonders in Deutschland sehr anerkannt und populär. Wenn Spiele wieder stattfinden, wäre das ein Schritt in Richtung Normalität. So banal es vielleicht wäre, wieder über Fußball zu sprechen – so schön wäre es auch.

...über Besonderheiten in der Gegnervorbereitung nach der langen Pause:

Wir wissen ja noch nicht einmal zu hundert Prozent, gegen wen wir überhaupt als erstes spielen würden. Sobald ich das aber weiß, wird es nichts anderes geben, als sich auf diesen Gegner vorzubereiten. Wir werden unserer Mannschaft dann die letzten Auftritte des Gegners zeigen. Dennoch wird es keine gewöhnliche Vorbereitung auf den Gegner. Bei jeder Mannschaft wird die Pause etwas ausgelöst haben. Manche werden bisherige Defizite beseitigt haben, andere werden plötzlich womöglich Defizite in neuen Bereichen haben. Es ist ein wenig vergleichbar mit dem ersten Pflichtspiel nach der Sommerpause. Man weiß nicht zu hundert Prozent, was man vom Gegner erwarten kann. Wir werden unserer Mannschaft natürlich die positiven Dinge zeigen, ihnen verdeutlichen, wie weit wir als Team vor der langen Pause schon waren. Aber dabei geht es hauptsächlich um uns. Was die Analyse des Gegners betrifft, werden wir eine etwas andere Herangehensweise wählen, als es bei einem normalen Saisonablauf der Fall gewesen wäre.

...die Frage, ob es Vorteile mit sich bringt, bereits ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit bestritten zu haben:

Erfahrung ist immer gut. Es ist nicht von Nachteil, solch ein Spiel schon bestritten zu haben. Ich glaube, wir können Erfahrungswerte aus der letzten Partie ziehen – alleine was das Geräuschverhalten und die Art des Coachings angeht. Aber das Spiel ist auch schon eine Weile her. Wir müssen unter diesen besonderen Bedingungen versuchen, auf dem Platz schnellstmöglich in den Wettkampfmodus zu kommen. Am Anfang werden sich alle Beteiligten an den ungewohnten Umständen stören, aber das legt sich, denn alle müssen die Situation so annehmen.

...die Frage, ob es bei Spielen ohne Zuschauer eine Rolle spielt, dass man hört, welche Anweisungen der gegnerische Trainer seiner Mannschaft gibt:

Man ist sich in dem Moment vor allem bewusst, dass der andere einen auch hört. Das war zumindest mein erster Gedanke, als ich den Trainerkollegen gehört habe. Natürlich habe ich mal hingeschaut, wenn er einen Spieler zu sich geholt und ihm etwas gesagt hat. Man hört über fünf oder zehn Meter Entfernung in der Regel schon, was der andere sagt. Mein erster Impuls war, vorsichtig zu sein, da mich der andere Trainer hört, wenn ich etwas sage. Umso wichtiger ist es, vor dem Spiel in der Kabine wichtige Mechanismen klar zu besprechen, damit sie auf dem Platz bestenfalls greifen. Die Detailanweisungen während des Spiels sollten nicht über den gesamten Platz gerufen werden, auch wenn die Möglichkeit bestünde und es eigentlich schön ist, auch den Spieler auf der gegenüberliegenden Seite mit einem Zuruf erreichen zu können. Alles wird gläsern. Die Art und Weise des Coachings ist tatsächlich anders. Im ersten Spiel ohne Zuschauer hatte ich den Eindruck, dass man etwas gereizter reagiert hat, wenn es auf der gegnerischen Bank beispielsweise nach Foulaktionen emotional wurde. Wenn man etwas hört, blökt man vielleicht mal rüber – wie der gegnerische Trainerstab auch. Das war zu Beginn der Partie auffällig, hat sich mit zunehmender Spieldauer aber auch beruhigt.
 

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
10FC Schalke 0437
111. FC Köln34
12Eintracht Frankfurt32