Profis | 17.03.2020

FC-Geschäftsführer im Gespräch

Heldt: „Unserer Verantwortung gerecht werden“

Am Dienstag sprach FC-Geschäftsführer Horst Heldt über die Saisonpause bis mindestens Anfang April, das vorerst individuelle Training der FC-Profis – und die Bedeutung der Bundesliga für 56.000 Arbeitsplätze.

Horst Heldt sprach am Geißbockheim über…

… die aktuelle Situation beim FC: Der Fußball unterscheidet sich da nicht allzu viel von anderen Bereichen des Lebens – ob privat oder beruflich. Es ist eine außerordentlich schwierige Situation. Wir haben jetzt den allgemeinen Trainingsbetrieb erst einmal eingestellt und den Spielern mitgeteilt, dass sie in den nächsten zehn Tagen individuell trainieren werden. Wir sehen uns auch gesellschaftlich in der Verantwortung. 

… Alternativpläne, falls der Spielbetrieb Anfang April aufgrund unvorhersehbarer Entwicklungen nicht aufgenommen werden kann: Ich kann nur betonen, dass wir die Saison zu Ende spielen wollen. Alle 36 Vereine haben sich darauf festgelegt, alles daran zu setzen. Wir sind aber zur Zeit genauso fremdbestimmt wie jeder andere Mensch. Da gibt es keine Ausnahmen. Wir müssen uns daran orientieren, was Experten uns vorgeben. Deswegen ist vieles offen. Dadurch, dass es täglich neue Meldungen, Handlungsempfehlungen und -anweisungen gibt, spielen wir viele Szenarien im Kopf durch. Natürlich wollen wir spielen, aber man muss sich auch mit Plan B und C beschäftigen. Das tun wir. Auch darüber haben wir am Montag intensiv gesprochen mit der gesamten Liga. Trotz alledem ist es wichtig, an Plan A festzuhalten. Letztlich benötigt jeder Mensch aktuell Orientierung. Ich glaube, dass das wichtig ist. Es ist unsere Verantwortung, den Club zu führen und den Menschen Handlungsoptionen zu geben, ihnen gleichzeitig aber auch einen Plan zu vermitteln.

… die finanzielle Lage des FC: Die ist genauso kritisch wie für viele andere auch, nicht nur im Fußball, aber eben auch im Fußball. Es ist wichtig, noch einmal zu betonen, dass es nicht um die sogenannten Fußballmillionäre auf dem Rasen geht. Man muss mal damit aufhören, es immer nur damit in Verbindung zu bringen. Christian Seifert (Geschäftsführer der DFL), der es im Übrigen gestern hervorragend gemacht hat und schon seit Tagen ein exzellentes Krisenmanagement an den Tag legt, hat den 36 Vereinen die Situation aus Sicht der Geschäftsführung der DFL exzellent dargelegt. Es geht um 56.000 Arbeitsplätze. Auch um die Journalisten, die demnächst vielleicht nichts mehr über den Fußball zu schreiben haben und nicht mehr mit der Kamera am Fußballplatz stehen. Ich glaube, man muss unbedingt ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es nicht nur um die 22 Spieler auf dem Platz geht, sondern um die vielen anderen Menschen, die vom Wirken des Fußballs leben und deren Existenz davon abhängt. Deshalb kämpfen wir und wollen den Spielbetrieb aufrechterhalten. Wir sehen uns in der Verantwortung, zu gewährleisten, dass ganz viele Menschen weiter in der Lage sind, ihr Leben zu finanzieren.

… die potenziell drohende Insolvenz von Vereinen und die daraus resultierenden Folgen: 56.000 Menschen leben direkt vom Fußball, sind vom Fußball abhängig. Träten Szenarien ein, wonach kein Fußball mehr gespielt wird – was wir alle nicht hoffen – wäre dies existenziell bedrohlich. Dass wir die Saison zu Ende spielen, wenn auch mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne Zuschauer, ist überlebenswichtig für viele Bereiche, vor allem für viele Fußballvereine. Würde es die Hälfte der Erst- und Zweitligisten im nächsten Jahr nicht mehr geben, weiß ich nicht, wie die Liga ohne Vereine betrieben werden soll.

… die Fragen, wann spätestens wieder gespielt werden muss, damit es für die Vereine finanziell nicht zu bedrohlich wird: Jeder hat die Hausaufgabe bekommen, einen Kassensturz zu machen. Das tun wir und das hat auch schon vorher stattgefunden. Wir müssen unserer Verantwortung gerecht werden. Dazu zählt auch die gesellschaftliche Verantwortung, der wir gerecht werden wollen. Die Politik gibt gewisse Rahmenbedingungen vor, und an die werden wir uns genauso halten wie jeder andere Mensch auch. Das ist wichtig und richtig, denn letztlich geht es darum, das Virus einzudämmen. Da sind wir genauso gefragt wie jeder andere Mensch. Jeder hat eigenverantwortlich noch etwas draufzulegen für die Gesellschaft. Und das sollten wir auch vorleben. Unter anderem deshalb haben wir entschieden, kein Mannschaftstraining durchzuführen.

… über die Forderung von Bayerns Ministerpräsident Söder nach einem Gehaltsverzicht der Profi-Fußballer: Machen Sie sich mal keine Sorgen um Fußballprofis, die ihrer Verantwortung gerecht werden wollen. Ich denke es wäre angebracht, dass man sich mit populistischem Mist einfach mal zurückhält. Meine Erwartungshaltung ist, dass man sich auf das konzentriert, was den Menschen wichtig ist. Das ist jetzt zum Beispiel, dass die Politik führt und vorangeht, den Menschen einen Plan mit an die Hand gibt. Und nicht, dass sie sich mit populistischen Vorschlägen in bestimmte Teilbereiche hineinbewegt. Das wird unserem Land nicht helfen. Ich weiß, dass Fußballprofis ein soziales Gewissen haben und finde es unverschämt, das öffentlich in Frage zu stellen. Es ist ein Thema, mit dem wir uns auseinandersetzen und das wir in aller Ruhe miteinander besprechen. Wir müssen erkennen, dass wir alle zusammen in einer schwierigen Situation sind, dass wir Lösungen brauchen und durchhalten müssen. Es ist ein großer Fehler, Menschen in eine Ecke zu stellen und so zu tun, als ob sie sich für gar nichts interessieren würden.

... die finanzielle Bedeutung von möglichen weiteren Spielen ohne Zuschauer: Ich würde mich freuen, wenn man lernt, das richtig einzuordnen. Es sind Spiele, die die Existenz von vielen Menschen sichern. Es geht nicht um die Fußballprofis. Es geht darum, dass beispielsweise Sportjournalisten und Vereinsmitarbeiter nächstes Jahr noch Arbeit haben. Es geht darum, die 60-jährige Clubmitarbeiterin zu bezahlen. Und viele andere Menschen: 450-Euro-Jobs, die wegbrechen, weil Spiele nicht mehr stattfinden. Wir wollen den Menschen gerecht werden. Deswegen ist die Frage verständlich, aber der falsche Ansatz. Es tut mir leid, dass ich das so sagen muss. Es geht nicht darum, "Geldspiele" durchzuführen, sondern darum, der Verantwortung gerecht zu werden, dass Menschen, die vom Fußball abhängig sind, über die Runden kommen.

... über das Gesamtbild des deutschen Fußballs in der Krisensituation: Krisen führen dazu, dass man das ganze System grundsätzlich hinterfragt. Da hat jeder seine Ideen und Ansichten. Ich glaube auch, dass das Gesundheitssystem hiernach hinterfragt wird. Sind wir auf mögliche Krisen in den kommenden Jahren vorbereitet? Natürlich wird der Fußball sich auch hinterfragen. Ist es alles so richtig, wie es hier in den vergangenen Jahren stattgefunden hat? Ich betone auch nochmal, dass die deutschen Profi-Ligen natürlich besser dastehen als andere Ligen. Was wir gerade versuchen zu vermeiden, ist in anderen Ligen unausweichlich, weil sie gar keine Überlebenschance haben. Das ist zumindest meine Einschätzung. Der deutsche Fußball ist schon krisensicher aufgestellt, aber er hat gerade extreme Schwierigkeiten, wie andere Berufszweige auch. 

… die Planung der nächsten Tage: Wir werden uns nächste Woche Freitag wieder treffen, bis dahin natürlich in Zeiten der modernen Technik mit den Spielern im Austausch sein – zum Beispiel über Skype und WhatsApp. Wir werden in den nächsten Tagen einen engen Austausch haben. Dafür gibt es einen Plan. Und natürlich wollen wir auch einen engen Austausch mit unseren Mitgliedern und Fans haben. Es ist ganz, ganz wichtig, gemeinsam durch diese schwierige Krise hindurch zu gehen. Jeder benötigt in diesen Tagen etwas, woran wer sich orientieren kann. Und ich glaube – obwohl wir im Moment nicht richtig stattfinden mit Training und Fußballspielen – es ist wichtig, sich in der Gemeinschaft wohlzufühlen. Da kann ein Fußballverein doch auch helfen. Und dem wollen wir gerecht werden.

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
131. FSV Mainz 0537
141. FC Köln36
15FC Augsburg36