Profis | 17.10.2020

Aus dem GeißbockEcho

Hüben wie drüben: Markus Pröll

Markus Pröll spielte in seiner Karriere sowohl für den 1. FC Köln als auch Eintracht Frankfurt, stieg mit beiden Vereinen ab – und wieder auf. Er spielte im Europapokal und schaffte es in die beste Elf der Welt. Heute ist er leidenschaftlicher Unternehmer. Im Gespräch blickt er auf die Zeit in beiden Clubs zurück.

Es war im Oktober 1998. Der 1. FC Köln bereitete sich auf sein Zweitligaspiel gegen die Stuttgarter Kickers vor, als Bernd Schuster eine Idee kam. Der damalige FC-Cheftrainer wandte sich an die etatmäßige Nummer drei im Tor – an Markus Pröll. Der Jüngste im Team sollte sein Profidebüt feiern. „Markus, wat is? Trauste dir das zu?“, fragte Schuster. Pröll antwortete: „Ich mach das, Trainer. Stell mich auf. Ich rocke das Ding.“

Das FC-Eigengewächs war 19 Jahre alt und gerade von der A-Jugend in die Profimannschaft aufgerückt. Bei seinem ersten Profitraining pfiffen ihm die Bälle nur so um die Ohren. „Ich habe mich gefragt, wie ich jemals einen Ball halten soll“, erinnert sich Pröll. „Aber ­irgendwie musste es ja möglich sein, die Dinger zu halten.“ Er gab in jeder Einheit hundert Prozent, warf sich furchtlos in ­jeden Ball. Er hechtete, faustete und fing. „Ich habe damals alles reingeschmissen. Das gefiel Bernd Schuster offenbar.“

"Wat is los?"

Im Sommer 1998 war der 1. FC Köln nach 35 Jahren Bundesliga-­Zugehörigkeit erstmals abgestiegen. Schuster sollte den FC umgehend zurück in die Bundesliga führen. Ein Mann der vielen Worte war er nicht. „Während der Saison hat Bernd Schuster dreimal mit mir gesprochen“, sagt Pröll schmunzelnd. „Zum ersten Mal kurz vor meinem Debüt. Irgendwann anders, ich weiß nicht mehr in welchem Zusammenhang, fragte er: ‚Wat is los?‘ Und einmal ­sagte er: ‚Markus, sensationell.‘ Das war es.“ 

Für Schusters Vertrauen ist Pröll aber bis heute dankbar. Bis zu seinem Debüt wechselten sich Andreas Menger und Sebastian Selke im Tor ab, aber 23 Gegentore nach elf Partien veranlassten Schuster zu einer personellen Veränderung. Der FC verlor gegen die Stuttgarter Kickers mit 0:1. Doch Pröll erreichte bei seinem Debüt Zweitliganiveau, wie das Sportmagazin „Kicker“ berichtete. Der FC spielte die schlechteste Saison der Vereinsgeschichte und wurde am Ende Zehnter. Schusters Abschied war besiegelt, doch Pröll hatte sich als Stammtorhüter etabliert.

"Rösele, du Arschloch"

Zur neuen Spielzeit übernahm Ewald Lienen das Traineramt. Pröll verpasste keine Spielminute und der FC schaffte im Mai 2000 den vorzeitigen Aufstieg in die Bundesliga. „Sogar Ewald hat an dem Abend etwas getrunken. Das kam nicht alle Tage vor“, sagt Pröll. 

Die erste Bundesliga-Saison nach dem Aufstieg beendete der FC als Tabellenzehnter. Es lief zunächst gut unter Lienen, der Pröll ­einen unvergessenen Moment bescherte. Die Mannschaft versammelte sich zu einer Besprechung. Zuvor hatte es ein gemeinsames Mittagessen gegeben, das dem ökologisch bewusst lebenden Lienen keine Ruhe ließ. „Ihr habt ja heute leckeres Filet gegessen“, begann Lienen seine Ansprache. „Schön tranchiert lag das Fleisch auf euren Tellern. Aber wer von euch würde es denn übers Herz bringen, so ein armes Kälbchen zu schlachten?“, fragte er, um dann selbst zu antworten: „Außer Rösele, du Arschloch. Du ­würdest das machen.“ Lienen zeigte auf den Mittelfeldspieler. Pröll ist bis heute amüsiert. „So etwas bleibt hängen“, sagt er.

In Erinnerung geblieben ist auch die Spielzeit 2001/02. Der FC stieg als Tabellen-17. ab. Es folgte der direkte Wiederaufstieg 2003, aber Markus Pröll saß nur auf der Bank. Der neue FC-Cheftrainer Friedhelm Funkel hatte sich auf Alexander Bade als Stammtorwart festgelegt. Als noch Stefan Wessels verpflichtet wurde, wechselte Pröll zu Eintracht Frankfurt. „Am liebsten hätte ich den FC nie verlassen. Aber ich wollte Spielpraxis sammeln.“

Pröll war zunächst aber nur Ersatztorwart und Frankfurt stieg ab. In der Aufstiegssaison 2004/05 nahm er dann eine wichtige Rolle ein und wurde zum Spieler der Saison gewählt. In neun Heimspielen in der Rückrunde kassierte Pröll nur einen Gegentreffer. „Wir haben uns damals in einen Lauf gespielt und viele knappe Siege geholt.“ Nach dem Aufstieg setzte ihn eine Schultereck­gelenksprengung wochenlang außer Gefecht.

In der Weltelf der "Gazetta dello Sport"

Von der Tribüne aus beobachtete er, wie seine Mannschaftskollegen bis ins DFB-Pokalfinale vordrangen. Pröll wäre im Endspiel einsatzfähig gewesen, doch Nikolov spielte. So erlebte er am Spielfeldrand mit, wie seine Eintracht gegen den FC Bayern mit 0:1 verlor. In der ­Saison 2006/07 war Pröll wieder die Nummer eins. Als Pokal­finalist hatte sich Frankfurt für den UEFA-Pokal qualifiziert. Die Eintracht schied in der Gruppenphase aus, aber Pröll überzeugte. In der Liga parierte er drei Elfmeter in Folge. Der „Kicker“ kürte ihn zum besten Torhüter der Hinserie, die italienische ­Tageszeitung „Gazzetta dello Sport“ berief ihn sogar in die „Beste Elf der Welt“. „Das war eine große Ehre für mich“, gesteht Pröll.

Auf seinem sportlichen Höhepunkt erhielt er dann kurz nach der Winterpause eine bittere Diagnose. Wegen eines Rippenbruchs fiel er fast die komplette Rückrunde aus. Immer wieder warfen ihn Verletzungen zurück. In der Saison 2007/08 setzte ein Syndesmosebandriss Pröll wochenlang außer Gefecht, in der darauffolgenden Spielzeit verlor er nach einer Operation am Sprunggelenk seinen Stammplatz an Nikolov. Trotzdem zählte Pröll zum Mannschaftsrat und war Publikumsliebling. Vor dem letzten Heimspiel der Saison 2009/10 wurde er unter Applaus verabschiedet.

Keine halben Sachen

Insgesamt hat er 105 Pflichtspiele für die SGE bestritten. Nach einem halben Jahr ohne Verein spielte Pröll bis zum Sommer 2011 bei Panionios Athen, ehe er seine Karriere mit 31 Jahren beendete. Nach der Verletzung am Syndesmoseband hatte sich Narben­gewebe gebildet, das beim Abspringen Schmerzen verursachte. „Ich bin Perfektionist. Durch diese Beeinträchtigung war ich nicht mehr so dynamisch“, sagt Pröll. „Ich mache keine halben Sachen. Ich konnte nicht mehr abrufen, was ich von mir gewohnt war.“ 

Während seiner dennoch langen Laufbahn tauschte Pröll mit ­vielen seiner Kollegen Trikots, die lange Zeit in Koffern zu Hause gelagert waren. „Für jedes Trikot einen teuren Rahmen zu kaufen, wäre kostspielig gewesen. Es musste eine günstigere und praktischere Lösung her. So kam ich auf die Trikothüllen.“ Ein Jahr lang tüftelte Pröll rum, ehe seine Hüllen aus transparenter Weich-PVC Folie auf den Markt kamen. Neben dem Design und Vertrieb von Kulturtaschen sind die Trikothüllen sein zweites geschäftliches Standbein. „Es war ein langer Weg, aber ich bin stolz auf das ­Geschaffte. Ich vertreibe die Hüllen über meinen Online-Shop ­trikothuelle.de.“ Pröll selbst hat 25 Trikots bei sich zu Hause ­aufgehängt – im Büro, im Kraftraum, an den Dachschrägen und am Gartenzaun. Laschen an den Folien machen das möglich. „Und nass werden können sie auch. Das macht gar nichts.“

Für den FC und die Eintracht wünscht sich der Unternehmer eine sorgenfreie Saison. „Es wäre schön, wenn es beide Klubs ins mittlere Tabellendrittel schaffen.“ Und auch wenn mal Unwägbarkeiten im Laufe einer Saison auftauchen, muss nicht der Kopf in den Sand gesteckt werden. Kaum jemand weiß das besser als Markus Pröll.

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
15Hertha BSC3
161. FC Köln1
17FC Schalke 041