Profis | 29.01.2021

Interview im GeißbockEcho

Jan Thielmann: Auf dem Weg zum Abschluss

Nur wenige Menschen werden sich exakt daran erinnern, was sie im Alter von 17 Jahren, sechs Monaten und 18 Tagen erlebt haben. Die Mehrheit der Teenager drückt die Schulbank, freut sich auf die Volljährigkeit und uneingeschränkte Fahrerlaubnis, oder sie bereitet sich auf ihren Schulabschluss vor. Auf Jan Thielmann trifft all dies auch zu – aber eben noch ein unvergessliches Detail mehr: An genau diesem Tag hat er das Prädikat Bundesligaspieler erlangt. Seitdem sind nicht nur seine offensiven Abschlussqualitäten mit dem Fuß bei den FC-Profis gefragt, sondern auch Thielmanns Köpfchen wird in den nächsten Monaten eine wichtige Rolle spielen.

Jan, oder soll ich dich Jan-Uwe nennen?
„(lacht) Jan-Uwe nennt mich eigentlich niemand. In der Datenbank der DFL steht mein voller Name und erscheint deshalb auf den vielen Aufstellungsbögen – besonders bei Auswärtsspielen. Dann kommt es schon mal vor, dass die Stadionsprecher mich so ­nennen. Auch mancher Reporter sagt das, aber ich kriege das eigentlich nie mit. In der Mannschaft werden hier und da auch mal Witze gemacht, aber für mich ist das kein Problem. Das ist eben mein vollständiger Name. Wie bei vielen ist mein Zweitname der Name meines Patenonkels, Uwe.“

Dann bleiben wir natürlich bei Jan. Du bist mit deinem ersten Bundesligaspiel am 14. Dezember 2019 der erste Spieler deines Jahrgangs 2002 in der Bundesliga gewesen. Warst du dir dieser Besonderheit damals bewusst?
„Dass ich tatsächlich der Erste meines Jahrgangs in der Bundesliga war, das war mir am Spieltag nicht ­bewusst und hätte ich mir niemals erträumen können. Der Traum, es in den Profifußball zu schaffen, war ­natürlich immer da. Und wenn es dann klappt, ist das Gefühl einfach nur großartig. Die Freude bei mir und meiner Familie ist riesengroß, schließlich habe ich sehr viel Zeit und Energie in den vergangenen Jahren aufgebracht, um dieses Ziel zu erreichen.“

Wie genau hat dieser Weg aus deiner rheinland-pfälzischen Heimat Föhren begonnen?
„Eigentlich ganz normal. Mit sechs Jahren habe ich in meinem Heimatort das Fußballspielen begonnen. Viele damalige Mitspieler und Trainer sagen, dass damals schon erkennbar war, dass mein Weg mal zu einem größeren Verein führen kann. Mir war das eigentlich nie so bewusst – ich hatte einfach Spaß am Fußball.“

Trotz deiner bescheidenen Selbstwahrnehmung ging es dann mit 13 Jahren zu Eintracht Trier. War das der nächste logische Schritt?
„Es gab schon bevor ich zu Eintracht Trier gewechselt bin Kontakt zu anderen Clubs, beispielsweise zu Eintracht Frankfurt, aber das war mir und meinen Eltern noch zu früh. Uns war es wichtig, zunächst nah der Heimat zu bleiben. Da war Trier die logische Konsequenz. Ich bin mit einem Mitspieler aus Föhren dorthin gewechselt, und dann haben seine und meine ­Eltern eine Fahrgemeinschaft gegründet und uns zu Trainings und Spielen gefahren. Die Fahrzeit nach Trier war rund 20 Minuten, also alles im Rahmen.“

Wie wichtig waren die beiden Jahre in Trier für ­deine Entwicklung?
„In Trier hatte ich zwei kurze und sehr schöne Jahre. In dieser Phase wurde ich erstmals für die Junioren-­Nationalmannschaft nominiert und entsprechend viel Aufmerksamkeit wurde auf mich gelenkt. Ich konnte mich in Trier aber in aller Ruhe spielerisch und körperlich weiterentwickeln. Und dann ging es eben fix, dass ich zum FC gewechselt bin.“

Gab es bereits vorher Berührungspunkte zum 1. FC Köln? Schließlich gibt es in Rheinland-Pfalz ­bekanntermaßen eine große Zahl an FC-Fans.
„Tatsächlich war mein Onkel Uwe nicht ganz unbe­teiligt. Er ist glühender FC-Fan und hat seinen Sohn, meinen Bruder und mich schon früh mit zum FC ins Stadion genommen. Ein paar Jahre vor meinem tatsächlichen Wechsel zum FC wollte er mich sogar zu einem Probetraining in Köln anmelden, aber dazu ist es nie gekommen. Trotzdem sind wir mit ihm das ein oder andere Mal zu Spielen ins RheinEnergieSTADION gefahren und so hat er seine Liebe zum FC an uns ­weitergegeben.“

Gibt es noch weitere FC-Fans in der Familie?
„Eigentlich sind es nur mein Onkel, mein Cousin, mein Bruder und ich, die Fans des 1. FC Köln sind. Mein ­Vater ist schon von klein auf Fan des HSV – und einen Verein wechselt man ja nicht, dafür habe ich Verständnis (lacht). Aber natürlich verfolgt jetzt meine ganze Familie in erster Linie den FC. Auch von Freunden und Bekannten erhalte ich nach den Spielen viele Nachrichten, was mich immer freut. Es ist schön, dass so viele Menschen meine Karriere verfolgen.“

Wie kam der Kontakt zum FC damals zustande?
„Ich habe bei einem Sichtungsturnier vom Fußball­verband Rheinland teilgenommen und bin offenbar Martin Bülles (Anm. d. Red.: Chefscout des FC-Nachwuchsleistungszentrums) aufgefallen. Zumindest hat er den ersten Kontakt zu meinen Eltern aufgenommen. Dann wurden Gespräche geführt und wir haben entschieden, dass ich den Schritt wage.“

Aber den Schritt bist du nicht alleine gegangen.
„Parallel zu meinen Gesprächen mit dem FC hat mein dreieinhalb Jahre älterer Bruder Peter überlegt, ob es für ihn eine Option wäre, mit mir nach Köln zu gehen. Dann hat er sich um ein Freiwilliges Soziales Jahr ­beworben, das wurde zugesagt und wir sind beide im Internat eingezogen. Heute studiert er an der Sport­hochschule, die ja direkt neben dem Internat liegt und arbeitet parallel als Wochenend- und Nachtdienstbetreuer im Internat. Gerade zu Beginn meiner Zeit in Köln hat es sehr geholfen, dass mein Bruder ­dabei war. Es war jedenfalls die allergrößte Hilfe, um das Heimweh in Grenzen zu halten. Ich war 15 Jahre alt und in einer völlig neuen Stadt und einem neuen Umfeld. Das Leben im Internat hat mir wahnsinnig geholfen, mich in Köln einzugewöhnen. Dort wohnt man mit 30 bis 40 anderen Sportlern aus unterschiedlichsten Disziplinen unter einem Dach und kann sich gegenseitig unterstützen.“

Hat bei dir im Alter von 15 Jahren und dem Umzug in eine Millionenstadt nie die Gefahr bestanden, dass die Ablenkung zu groß gewesen wäre?
„Der Unterschied von Trier zu Köln war schon gewaltig. Hier muss man sich nur das Straßenbahnnetz anschauen mit seinen unendlich vielen Linien. In Trier gibt es eine Bahn, die in eine Richtung und wieder ­zurück fährt (lacht). Aber ich habe mich nie wirklich ablenken lassen. Dafür bin ich immer zu sehr auf mein Ziel fokussiert. Ich will etwas erreichen. Und da spielt es keine Rolle, ob man in Trier, Köln oder Barcelona wohnt. Außerdem heißt das ja nicht, dass man zu gegebener Zeit nicht auch die Vorzüge einer Großstadt genießen kann. Vor Corona war das ja noch möglich. Man darf es eben nur nicht übertreiben.“

Im Dezember 2019 wurde deine Arbeit mit deinem ersten Bundesligaeinsatz belohnt. Wie hast du den Schritt damals erlebt?
„Es ging irgendwann sehr schnell. Unser U19-Trainer Stefan Ruthenbeck hat mir im Vorfeld des Spiels gegen Leverkusen mitgeteilt, dass ich bei den Profis mittrainieren kann. Das war schon eine tolle Nachricht. Die Trainingseinheiten haben wahnsinnigen Spaß gemacht – bei aller Ehrfurcht, die man vor den gestandenen Profis haben muss. Als es auf das Spiel gegen Lever­kusen zuging, sagte mir Co-Trainer André Pawlak dann, dass ich am Wochenende sicherheitshalber mal meine Tasche packen solle, da ich möglicherweise im Kader sein könnte. So ist es dann auch gekommen. Und am Spieltag kurz vor der Besprechung war es wieder André Pawlak, der mir sagte, dass ich mich mental mal darauf vorbereiten solle, zu spielen. Ab diesem Moment ist mein Puls nicht mehr unter die 160 ge­fallen (lacht). Es war einfach sensationell. In gewisser Weise bin ich in kaltes Wasser geworfen worden, aber ich bin froh, dass es so gekommen ist. Wenn man zu lange über etwas nachdenkt, ist es auch nicht immer gut. Außerdem freue ich mich im Nachhinein, dass ich mein Bundesligadebüt mit Fans im Stadion erleben durfte. Das ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, in einem ausverkauften Stadion zu spielen.“

Das komplette Interview mit Jan Thielmann gibt es hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

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PL.VereinPkt.
13FC Augsburg23
141. FC Köln21
15Hertha BSC18

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