Profis | 21.05.2021

Interview im GeißbockEcho

Jonas Hector: Fokus aufs Finale

Hochspannung vor dem letzten Spieltag. Eine aufreibende Spielzeit mit Höhen und Tiefen steht vor richtungsweisenden 90 Minuten am 34. Spieltag. Ein Jahr, das allen sehr viel abverlangt hat: den Fans, den Spielern, den Verantwortlichen und dem Kapitän. Jonas Hector beißt fürs Saisonfinale auf die Zähne. Der 30-Jährige ist Führungsspieler: laut auf dem Platz und klar in seiner Haltung. Ungeachtet der Ab­hängigkeit von anderen Ergebnissen zählt für ihn einzig die eigene Leistung. Dabei geht Jonas Hector seinen eigenen Weg – und als ­Kapitän voran.

Jonas, zunächst die wichtigste Frage. Wie geht es deinem Fuß und wirst du im Heimspiel gegen Schalke auf dem Platz stehen können?
„Davon gehe ich aus. Es hätte zwar gerne schneller gehen können, aber es wird von Tag zu Tag besser. Es ist eine ungünstige Stelle am Fuß, aber bis Samstag wird es sicher gehen.“

Du bist seit elf Jahren beim FC und seit drei Spielzeiten Kapitän. Ist die nun zu Ende gehende Saison die schwierigste?
„Es waren auf jeden Fall welche dabei, in denen es über die gesamte Spielzeit angenehmer war. Was wir in all den Jahren leider nie geschafft haben, ist, dass wir ins ruhige Fahrwasser gekommen sind – noch nicht mal in der Europa-League-Saison. Die jetzige Spielzeit ist auf jeden Fall die nervenaufreibendste. Wir hatten nur das Rückspiel gegen Bielefeld, das wir relativ souverän runtergespielt haben. Ein paar Spiele waren schon früh entschieden, aber gefühlt standen 30 von 33 Spielen bis zur letzten Sekunde auf Messers Schneide. In diesem Zusammenhang ist die Saison sehr anstrengend. Auch die Spiele ohne Zuschauer seit einem Jahr machen es – gerade für uns – nicht leichter. Da bricht uns etwas weg, das uns extrem fehlt und uns in der guten Phase der vergangenen Saison erst so stark gemacht hat. Das tut natürlich weh. Insgesamt kommt Woche für Woche Ballast für den Kopf dazu, der nicht immer einfach zu verdauen ist.“

Schon am ersten Spieltag haben wir zu Hause gegen Hoffenheim in der Nachspielzeit ein Gegentor zur Niederlage gefangen. War die Partie symptomatisch für alles, was danach kam?
„Ich fand unser Spiel zuletzt gegen Hertha bezeichnender, weil wir einfach zu oft unsere Durchschlagskraft haben vermissen lassen. Das i-Tüpfelchen wäre gewesen, wenn Hertha kurz vor Schluss noch ein Tor geschossen hätte. Es hält sich aber insgesamt die Waage. Es gab auch Spiele, in denen die Gegner ­hundertprozentige Chancen kurz vor dem Abpfiff ­vergeben haben, beispielsweise im Hinspiel in Dortmund. Deswegen ist für mich das 0:0 bei der Hertha eher symptomatisch für die Saison.“

Nach dem Derbysieg im Februar herrschte große Euphorie. Hat man sich von einzelnen Ergebnissen etwas täuschen lassen und vielleicht die falschen Spiele gewonnen?
„Es ist nicht zu leugnen, dass man sich von Ergebnissen manchmal zu sehr blenden lässt. Das würde ich nicht nur auf den Fußball, sondern auf das Leben allgemein beziehen. Wenn es gut läuft, wird man vielleicht etwas nachlässig, obwohl es nicht angebracht wäre. In der Nachbetrachtung hätten wir in der ein oder anderen Phase sicher anders agieren müssen.“

Verletzungsbedingt konntest du erst 18 Ligaspiele absolvieren. Wie schwer fällt dir das Zuschauen?
„Als Fußballer ist Zuschauen nie schön. Speziell auf meine Verletzung in der Hinrunde bezogen war es frustrierend, da es lange keinen Ansatzpunkt gab, wie ich das Problem (Anm. d. Red.: Nackenwirbelsäule) in den Griff kriegen könnte. In der Europa-League-Saison hatte ich einen Syndesmosebandriss. Da war die Reha-Zeit relativ klar definiert. Jetzt war es umso bitterer, weil ich der Mannschaft nicht helfen konnte und nicht klar war, wann ich wieder voll einsteigen kann. Und auf der Tribüne sitzt sowieso kein Fußballer gern.“

Die Ersatzbank ist unter Corona-Bedingungen auf der Tribüne. Was sind die negativsten Aspekte an Fußballspielen vor leeren Rängen, oder gibt es auch Positives?
„Man kann sich auf jeden Fall auf sein Fußballspiel fokussieren. Von außen wird man kaum – egal ob negativ oder positiv – beeinflusst. Die Kommunikation auf dem Platz ist in einem leeren Stadion wesentlich einfacher als bei voller Hütte, wenn die Post abgeht. Aber die Unterstützung der Fans fehlt ungemein. Das vermisst jeder Fußballer – vor allem wir. Vor Corona haben wir in guten Phasen mit unseren Fans im ­Rücken die Gegner nicht fußballerisch auseinandergenommen, sondern eher niedergerungen. Das ist mit 50.000 Fans im Rücken natürlich eher möglich. Wenn bei einer Grätsche das ganze Stadion jubelt, dann ist das eben nicht zu ersetzen. Wir haben definitiv mit Fans Punkte und Siege eingefahren, die uns ohne Fans wesentlich schwerer gefallen wären.“

Die Pandemie hat in den vergangenen Monaten ­dafür gesorgt, dass sich der Blick auf viele Bereiche des Lebens – nicht nur den Fußball – verändert hat. Was hat sich aus deiner Sicht am meisten geändert?
„Diese Krise zeigt deutlich, wo die Probleme in der ­Gesellschaft tatsächlich liegen. Da geht es uns Fuß­ballern wirklich sehr gut. Wir dürfen unserem Beruf nachgehen, was derzeit nicht selbstverständlich ist. Das müssen sich alle vor Augen führen. Ich bin diesbezüglich sehr dankbar. Ich wünsche mir sehr, dass möglichst bald wieder für alle Normalität einkehrt.“

Das Stadion ist leer und der Trainingsplatz ist auch abgeschirmt. In den vergangenen Wochen haben Fans und auch die FC-Mitarbeiter zahlreiche Aktionen zum Support umgesetzt. Wie kommen diese Aktionen bei der Mannschaft an?
„Wir nehmen jede Aktion auf und sprechen als Mannschaft auch darüber. Wir wissen, welche Bedeutung der Verein für so viele Menschen hat. Es ist natürlich alles schwerer einzuordnen, weil die Nähe gerade nicht da ist. Sonst haben wir an jedem Spieltag und bei fast jedem Training immer eine Menge Feedback bekommen. Aber wir sehen, trotz aller Probleme, wie wichtig der FC den Kölnern und allen Fans ist. Wir werden alles daranlegen, den Fans etwas davon zurückzugeben. Jede Art des Corona-konformen Supports und jede Art der Unterstützung werden wir für die 90 Minuten in Positives auf dem Platz umwandeln.“

Du hast einen großen Erfahrungsschatz. Mit 272 Pflichtspielen stehst du auf Rang 25 aller FC-Spieler seit 1948. Bedeuten dir solche Zahlen etwas?
„Ich beschäftige mich nicht mit Zahlen (lacht). Es sollen ja noch ein paar Spiele dazukommen.“

Von den aktiven Spielern steht nur Timo Horn in dieser Rangliste vor dir – zudem lauter Legenden. Solche Zahlen sind Beleg für die Verbundenheit zu einem Verein und untermauern den sportlichen Stellenwert. Welche Beziehung hast du im Laufe der Jahre zum FC aufgebaut?
„Ich würde nicht soweit gehen, mich als Kölner zu bezeichnen, aber ich fühle mich unheimlich wohl in der Stadt. Sie ist meine zweite Heimat geworden und der FC bedeutet mir unheimlich viel. Auch nach meiner Karriere wird Köln mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit mein Lebensmittelpunkt bleiben.“

Stichwort: Ehrenmänner. Nach dem Abstieg 2018 bist du den Gang in die 2. Bundesliga angetreten. Was hat dich damals zu dieser für sehr viele Menschen überraschenden Entscheidung gebracht?
„Für mich gab es keinen Grund, den Verein zu wechseln. So lässt es sich eigentlich gut auf den Punkt bringen.“

Gibt es schon Pläne für deine Zeit nach dem Fußball?
„Natürlich denke ich über die Zeit nach der Karriere nach. Ich werde ja bald auch schon 31. Bis zum für mich geplanten Ruhestand ist eben nicht mehr allzu viel Zeit. Da überlegt man schon, was in Frage käme. Mein Vertrag läuft ja aber noch bis 2023.“

Im Sommer wirst du Urlaub machen können und bei der EM zuschauen. Dein Rücktritt aus der Nationalmannschaft aus privaten Gründen im vergangenen Jahr kam für die meisten überraschend. Wie haben es Mitspieler beim FC und der Nationalmannschaft sowie der Bundestrainer aufgenommen?
„Ich habe nicht mit wirklich vielen darüber gesprochen, aber im Grunde haben es alle verstanden. Es haben sich viele gemeldet und für die gemeinsame Zeit bedankt. Die Gespräche mit dem Bundestrainer waren sehr gut und verständnisvoll. Die Reaktionen, die ich auch außerhalb meines Bekanntenkreises mitbekommen habe, waren sehr positiv und haben mich bestärkt, dass es die richtige Entscheidung war. Ich hätte nicht gedacht, dass es ein so großes Echo gibt.“

In den vergangenen Monaten ist viel passiert in deinem Leben. Inwiefern hat sich die Gewichtung der Prioritäten zuletzt verändert?
„Natürlich hat sich durch mein Privatleben die Gewichtung beim Verhältnis Fußball und Familie verändert. Nichtsdestotrotz bleibt meine Einstellung zum Fußball unverändert und professionell. An Emotionalität ist mir auf dem Platz nichts verloren gegangen. Meine Freizeit verbringe ich zugegebenermaßen weniger mit Fußball, aber sobald ich auf dem Platz stehe, ist der Ehrgeiz unverändert – was dann auch schon mal ein Schiedsrichter abbekommt. Aber ich kann den Ärger heute schneller ablegen.“

Konntest du auch den Ärger nach dem nicht gegebenen 2:2 gegen Freiburg aufgrund deines vermeintlichen Handspiels schnell ablegen?
„Ich ärgere mich eigentlich nur noch bis maximal einen Tag nach dem Spiel. In der angesprochenen Situation war es allerdings umso schwerer, weil ich keine richtige Antwort auf meine Fragen bekommen habe. Wenn ich eine Erklärung bekomme, dann ist es okay. Ich weiß, dass die Handregel für alle schwer zu verstehen und für die Schiedsrichter teils schwierig umzusetzen ist. Aber eine einleuchtende Erklärung der Entscheidung hätte geholfen. Das ist vielleicht meine einzige Schwäche – wenn ich Schiedsrichterentscheidungen nicht nachvollziehen kann, dann werde ich schon mal zu wild. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in den letzten Jahren mal mit einem Gegenspieler aneinandergeraten wäre.“

Am Samstag geht es gegen Schalke und die Ausgangslage ist klar. Wie bereitest du dich auf ein solches Spiel vor und macht die eindeutige Ausgangslage die Vorbereitung leichter?
„Das ist von Spieler zu Spieler sicher unterschiedlich. Jeder geht mit diesen Situationen unterschiedlich um, und das lässt sich nicht pauschalisieren. Fakt ist: Wir brauchen den Sieg und deswegen ist es wortwörtlich ein Endspiel. Wenn jemand sagen würde, er hätte noch nicht über Samstag nachgedacht, wäre er ein Lügner. Natürlich spielt man die Szenarien im Kopf durch. Dass eine andere Anspannung herrschen wird als beispielsweise am ersten Spieltag, ist auch klar. Wichtig ist, dass wir uns optimal vorbereiten und das Spiel von Beginn an mit voller Konzentration angehen. Auch in jeder Trainingseinheit müssen wir mit genau dieser Einstellung die bestmögliche Grundlage legen.“

Leider sind wir auch von anderen Ergebnissen abhängig. Hast du Kontakt zu Spielern des VfB Stuttgart oder von Borussia Mönchengladbach?
„(lacht) Nein, nicht direkt. Ich könnte sicher den ein oder anderen ansprechen, aber das ist nicht mein Ding. Im Grunde haben wir letztes Jahr auch in dieser Situation gesteckt – wenn auch auf der anderen Seite. Wir wurden dann verantwortlich gemacht für das sportliche Schicksal anderer Vereine. Da habe ich damals widersprochen und sehe es heute in Bezug auf unsere Situation auch so. Wir hatten genug Zeit, um uns am letzten Spieltag in eine andere Situation zu bringen. Deswegen muss ich jetzt niemanden kontaktieren. Wir müssen unser Spiel gewinnen und um 17.20 Uhr werden wir sehen, wo wir stehen.“

Die Frage nach deinem Lieblingsszenario ist sicher schnell beantwortet.
„Stimmt. Wir gewinnen und ergattern den 15. Platz.“

Das Interview mit Jonas Hector gibt es auch hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
15DSC Arminia Bielefeld35
161. FC Köln33
17SV Werder Bremen31

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