Profis | 19.03.2021

Hüben wie drüben

Kringe: „Aus dem aktiven Halmasport zurückgezogen“

Mit dem BVB wurde er dreimal Deutscher Meister, im Trikot des FC stieg er auf. Florian Kringe bestritt 192 Bundesligaspiele, ohne Verletzungspech wären es wohl deutlich mehr. Im Gespräch blickt der Mittelfeldspieler auf seine Zeit in Dortmund und Köln zurück – und erzählt, wieso ein Wechsel zu Leverkusen für ihn nie infrage kam.

Die Rotorenblätter drehen sich, immer rascher, die Turbinen heulen auf. Ein Flugzeug hebt von der Landebahn ab. Schon bald verhallt das Motorengeräusch in der Ferne. Es scheint, als wäre alles wie immer am Düsseldorfer Flughafen rund um die Mittagszeit des 14. März 2005. Doch weit gefehlt. In einer früheren Abfertigungshalle versuchen Menschen eifrig, eine Bruchlandung zu vermeiden. Nicht die eines Flugzeugs. Dazu gibt es glücklicherweise keinen Anlass. Sondern den Absturz von Borussia Dortmund. Dem BVB droht die Insolvenz, Schulden in dreistelliger Millionenhöhe belasten den Club. Nur wenn die Haupteigentümer des Westfalenstadions dem Sanierungsplan bei dem Treffen zustimmen, ist der Verein gerettet. Ansonsten droht eine harte Landung in der Kreisliga C. „Entscheidend is auf'm Flugplatz“, titelt der Tagesspiegel. 

Auf dem Trainingsplatz in Dortmund geht die Arbeit derweil weiter. „Ich kann mich noch an die Einheit vor der Gläubigerversammlung erinnern“, sagt Florian Kringe. „Wir wussten nicht, was nachmittags passiert. Ob am nächsten Tag überhaupt noch Training sein würde oder ob wir den Laden zumachen müssen.“ Kringe ist damals 22 Jahre alt und spielt für den BVB. „Die Spieler fallen in solchen Situationen ja oftmals noch weich, aber es hingen auch unheimlich viele andere Jobs an dem Schicksal des Vereins.“ 

Zehn Jahre zuvor, im Jahr 1994, wechselt Kringe als Zwölfjähriger in die Nachwuchsabteilung von Borussia Dortmund. Der BVB ist damals ein Spitzenverein in Europa, wird zweimal in Folge Deutscher Meister und gewinnt 1997 die Champions League. Als Fan verfolgt Kringe die Spiele der Profis vor dem Fernseher. Er selbst ist in den Jugendmannschaften des BVB Leistungsträger und deutscher Junioren-Nationalspieler. In der Saison 2001/02 unterzeichnet Kringe bei Borussia Dortmund seinen ersten Profivertrag. Der BVB wird Meister, Kringe gehört ohne Einsatz zum Kader. „Ich habe als junger Kerl zwar bei den Profis mittrainiert, aber als Meister habe ich mich nicht wirklich gefühlt.“ Die Dortmunder Mannschaft ist damals gespickt mit deutschen Nationalspielern wie Ricken, Frings und Kehl. Teure ausländische Stars wie Amoroso und Rosicky brillieren. „Es war klar, dass ich mich da als junger Spieler nicht mal so eben ins Team spielen würde.“

Aufstiegsheld und Zivi

Um mehr Spielpraxis zu bekommen, wechselt Kringe im Sommer 2002 auf Leihbasis für zwei Jahre zum Bundesliga-Absteiger 1. FC Köln. „Mir war klar, dass der FC um den Aufstieg mitspielen würde. Das war eine runde Sache für alle. Ich konnte dem FC helfen und mich gleichzeitig auf hohem Niveau weiterentwickeln.“ Kringe ist mit 20 Jahren der jüngste Spieler im Profikader, etabliert sich schnell als Stammspieler und überzeugt mit starken Leistungen. Parallel absolviert er in Ehrenfeld seinen Zivildienst in einem Seniorenzentrum. „Das war eine sehr wertvolle Erfahrung. Der Umgang mit alten, pflegebedürftigen Menschen – generell die Auseinandersetzung mit dem Alter und dem Tod – sind Dinge, die formen.“ 

Eines Tages kommt eine Seniorin auf ihn zu, weil sie gegen Kringe Halma spielen möchte. „Ich dachte mir, das wird ganz witzig.“ Doch der FC-Profi verliert die erste Runde. „Dann meinte die Frau: ‚Komm, lass nochmal spielen.‘ Und ich so: ‚Okay, wieso eigentlich nicht?‘“ Doch auch die zweite Runde gewinnt die Seniorin. „Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich habe eine dritte Runde eingefordert und wurde ein drittes Mal abgezogen. Danach habe ich mich vom aktiven Halmasport zurückgezogen.“

Bedeutend besser läuft es für den Mittelfeldspieler im Trikot des FC. Bereits am 30. Spieltag der Zweitligasaison 2002/03 steht die Rückkehr in die Bundesliga fest. „Das war der erste große Erfolg, zu dem ich wirklich etwas beitragen konnte“, sagt Kringe. „Die Saison war außergewöhnlich, wir haben tollen Fußball gespielt. Da hat man gesehen, wie viel Spaß Fußball in Köln machen kann, wenn es gut läuft.“ Allgemein fühlt sich der gebürtige Siegener in der Domstadt pudelwohl. „Ich habe viele Freunde in Köln kennengelernt. Ich mag die offene Art der Menschen. Das kam mir sehr entgegen.“ Auch mit seinen Mitspielern versteht sich Kringe prächtig. „Ich weiß noch an Karneval, da hat der Lotte Doppel-CDs mit Karnevalsliedern für alle gebrannt und zu mir gesagt: ‚Hier, kannste schon mal Texte lernen.‘“ Was Kringe selbstverständlich tat. „Wenn es sportlich läuft, ist automatisch auch im Alltag eine gewisse Leichtigkeit da.“

„Dann wechselst du nicht nach Leverkusen“

Doch nach dem Aufstieg tut sich der FC schwer, in der Bundesliga Fuß zu fassen und steigt als Tabellenletzter mit nur 23 Punkten wieder ab. „Das war der bitterste Moment in meiner Karriere. Auch ich habe in vielen Spielen nicht gut gespielt.“ Von den ersten sieben Ligaspielen verliert der FC sechs. „Im Sommer war noch alles super. Zwei Monate später war dann gefühlt alles katastrophal.“ Schon früh in seiner Karriere erlebt Kringe, wie nah Freud und Leid im Fußball beieinander liegen können. 

Doch eben jene Erfahrung hilft ihm nach seiner Rückkehr zum inzwischen finanziell schwer angeschlagenen BVB. „Ich habe den FC mit einem weinenden Auge verlassen, wusste gleichzeitig aber auch um die große Chance, beim BVB Fuß zu fassen.“ Die Insolvenz wenden die Dortmunder nach rund siebenstündiger Verhandlung am Düsseldorfer Flughafen ab. Viele teure Stars verlassen den Verein, der Spieleretat wird deutlich gesenkt. 

Kringe ist jetzt Stammspieler. Obwohl es eine sportlich schwierige Zeit für den BVB ist, kommt er wegen seiner Malocher-Qualitäten auf dem Platz gut an bei den Anhängern. 2007 zeigen sportlich und wirtschaftlich besser aufgestellte Vereine wie Bremen, Wolfsburg und Leverkusen Interesse an Kringe, doch er verlängert in Dortmund. „Wenn du mit Schwarz-Gelb groß geworden und Stammspieler beim BVB bist, regelmäßig vor 80.000 Zuschauern spielst, dann gehst du nicht mal eben zu Leverkusen.“

„Der Fette mit die Sechs“

Eine Ska-Band widmet Kringe sogar liebevoll ein Lied. „Wir haben keinen Ronaldinho, wir brauchen keinen Becks, wir haben den Florian Kringe, der Fette mit die 6“, heißt es im Refrain. Kringe kann darüber schmunzeln. „Ich werde noch heute häufig darauf angesprochen. Es war ganz lustig, aber der Text in Zusammenhang mit dem Profisport ist natürlich semi cool. Aber ich weiß ja, dass es wertschätzend und humorig gemeint war.“ Sein vielleicht bestes Spiel für den BVB macht Kringe im DFB-Pokalfinale 2008 gegen Bayern München. Erst in der Verlängerung verliert die Borussia mit 1:2. „Ganz Berlin war schwarz-gelb“, erinnert sich Kringe. „Es wäre ein sehr viel geileres Fest geworden, wenn wir den Pott geholt hätten. Bayern war zu erfolgsverwöhnt, das hat man auch bei der Siegerehrung gemerkt. Wir wären ekstatischer gewesen. Da bin ich mir sicher.“

Zur neuen Saison wird Jürgen Klopp Trainer bei Borussia Dortmund und ein märchenhafter Aufstieg des Vereins beginnt. Kringe aber spielt mit der Zeit immer weniger, woran er zu knabbern hat. In der Saison 2009/10 wird er an Hertha BSC verliehen, bricht sich jedoch im ersten Spiel für den neuen Club den Mittelfuß. Vier Monate dauert es, ehe er auf den Platz zurückkehrt. Er bestreitet zwölf Ligaspiele für die Hertha – und bricht sich dann erneut den Mittelfuß. Verletzt kehrt Kringe im Sommer 2010 zum BVB zurück und absolviert in der Meistersaison 2010/11 kein Spiel. An die Feier mit den Fans erinnert er sich dennoch gerne zurück. „Das war geil. 600.000 Borussen waren auf den Straßen, die B1 war gesperrt und wir sind auf einem Truck durch die Menge gefahren.“

Doublesieger mit dem BVB

In der darauffolgenden Spielzeit gewinnt Kringe mit dem BVB das Double, wird aber nur in zwei Pflichtspielen eingesetzt. Sein Vertrag läuft aus. „Als die Südtribüne mir zum Abschied applaudiert hat, war ich sehr bedächtig und dankbar. Mir wurde bewusst, dass ich diese Atmosphäre als Spieler zum letzten Mal erlebe. Ich habe das alles nochmal ganz anders aufgesaugt“, erinnert sich Kringe. „Insgesamt hatte ich großes Glück mit meinen Vereinen. Da gibt es von der Stimmung her schlechtere Clubs, für die man spielen kann.“

Von 2012 bis 2015 spielt Kringe für den FC St. Pauli, ehe er seine Karriere beendet. Mittlerweile ist er verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt wieder in Köln. „Wir mögen es hier einfach. Auf der einen Seite ist Köln eine Großstadt, gleichzeitig ist es aber doch irgendwie auch ein Dorf und sehr familiär.“ Beruflich ist er in der Agentur seines langjährigen Beraters tätig. Dem FC und dem BVB drückt er für die restliche Saison fest die Daumen. „Ich hoffe, der BVB erreicht die Champions League und der FC bleibt über dem Strich.“

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
16DSC Arminia Bielefeld26
171. FC Köln23
18FC Schalke 0413

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