Profis | 06.11.2021

Hüben wie drüben

Maxi Thiel: „Der Aufstieg kam ein Jahr zu früh“

Als frischgebackener Abiturient wechselte Maximilian Thiel aus der 3. Liga zum 1. FC Köln und stieg 2014 in die Bundesliga auf. Es folgten drei Jahre bei Union Berlin, in denen er als Leistungsträger überzeugte – wenn er auf dem Platz stehen konnte. Schlimme Verletzungen warfen ihn immer wieder zurück und machten ihm mental zu schaffen. Doch vielleicht war es Schicksal. Denn in den dunkelsten Stunden seiner Fußballerkarriere lernte er die Liebe seines Lebens kennen.

Maximilian Thiel ist am Flughafen. Morgens um sechs Uhr. In München. Gleich geht sein Flieger. Zügig huscht er durch die Sicherheitskontrolle, beißt zweimal in sein Brötchen, steigt in die Maschine – Abflug. Nur eine Stunde dauert der Flug. Dann landet Thiel in Berlin. Viel Zeit hat er nicht an diesem Morgen. Hastig packt er in seiner Wohnung die Sporttasche und macht sich nochmal frisch. Dann düst der 22-Jährige nach Köpenick. Eigentlich ist er müde, doch anmerken lassen darf er sich nichts. Um zehn Uhr ist Training. Thiel spielt für Union Berlin. Die Vormittagseinheit des Zweitligisten steht an. Es ist das Jahr 2016.

„Das sind Sachen, die man eigentlich so nicht machen sollte“, sagt Thiel. „Aber ich war verliebt.“ Seine neue Freundin wohnt damals in München. „Ich wollte sie einfach möglichst häufig sehen. Sie hat mir damals geholfen, wieder glücklich zu werden.“ Thiel fällt während seiner Zeit in Berlin in ein tiefes Loch. „Ich hatte psychisch richtig zu kämpfen. Die vielen Verletzungen haben mich fast aufgefressen.“

Sorgen, die einige Jahre zuvor – im Sommer 2013 – noch in weiter Ferne liegen. Im Alter von 20 Jahren verlässt Thiel sein bayerisches Heimatdorf Burgkirchen, um in Köln seinen Traum zu verwirklichen. Er möchte 2. Bundesliga spielen. In der Saison 2012/13 hatte der Linksaußen in der 3. Liga für Wacker Burghausen zehn Treffer erzielt. Mehrere Zweitligisten bekunden Interesse. „Paderborn und der FC waren in der engeren Auswahl.“ Beide Clubs sind damals Zweitligisten. „Als es mit dem FC konkreter wurde, stand mein Entschluss fest. Ich wollte den größeren der beiden Schritte gehen, in eine große Stadt, zu einem großen Verein.“

Der 1. FC Köln hatte gerade erst den direkten Wiederaufstieg verpasst und im Sommer 2013 einen großen Umbruch eingeleitet. Nur acht Spieler stehen beim Trainingsauftakt auf dem Platz. Torwarttrainer Alexander Bade und Physiotherapeut Klaus Maierstein leiten die Einheit. Ein Cheftrainer ist noch nicht da. „Das war eine ganz lustige, kleine Truppe zum Reinkommen.“ Erst vier Tage später wird Peter Stöger am Geißbockheim vorgestellt, ehe zum Saisonstart ein Großteil des Kaders feststeht.

„Jetzt führen wir dich mal richtig aus“

In der ersten DFB-Pokalrunde bei Eintracht Trier kommt Thiel zu seinem ersten Pflichtspieleinsatz und trifft kurz vor Schluss zum 2:0-Endstand. Mit satten 109 km/h hatte der Linksfuß den Ball aus 25 Metern ins Tor gedroschen. Die wahre Feuertaufe aber sollte am Abend folgen – in Köln. „Gefühlt die halbe Mannschaft – allen voran Dome Maroh – kam auf mich zu und sagte: ‚So Maxi, jetzt führen wir dich mal richtig aus.‘ Wir sind dann da in einen Club einmarschiert – unglaublich. Ich habe zum ersten Mal gemerkt, wie es ist, so richtig feiern zu gehen. Das kannte ich vom Dorf ja gar nicht.“ 

In der Hinrunde gehört Thiel meistens zum Kader. Am vierten Spieltag wird er beim Heimspiel gegen Sandhausen erstmals vor 50.000 Zuschauern im RheinEnergieSTADION eingewechselt. „Das war unbeschreiblich.“ Zu mehr als sechs Pflichtspielen reicht es in der Saison 2013/14 jedoch nicht. Zu groß ist die Konkurrenz in der Offensive. Leistungsträger wie Slawomir Peszko und Patrick Helmes verstärken den FC im Laufe der Spielzeit. Der Konkurrenzkampf wird größer. Bisweilen muss Thiel sogar in der U21 aushelfen.

Obwohl es sportlich nicht seine beste Saison ist, erinnert sich Thiel gerne an das Jahr beim FC zurück – mit dem Bundesliga-Aufstieg 2014 als Krönung. Bereits am 31. Spieltag macht der FC mit einem Heimsieg gegen Bochum den Aufstieg perfekt. „Beim Feiern war ich dann vorne mit dabei“, erzählt Thiel mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Wir sind mit Bier durch den VIP-Raum gelaufen und in der Kabine gab es eine Pool-Party.“ Abends zog die Mannschaft weiter in die Innenstadt. „Wir sind von Club zu Club gezogen. Wir hatten eine junge Clique mit Jonas Hector, Kevin Wimmer und Maurice Exslager. Wir waren bis fünf oder sechs Uhr morgens unterwegs und haben die Hütte richtig abgebrannt.“

Leistungsträger und Verletzungspech bei Union

Wegen der guten Stimmung innerhalb der Mannschaft fällt es Thiel besonders schwer, den FC 2014 nach nur einem Jahr wieder zu verlassen. „Der Aufstieg kam für mich persönlich ein Jahr zu früh. Wären wir ein Jahr länger in der 2. Liga geblieben, hätte ich bestimmt mehr Einsätze bekommen.“ Nach offenen Gesprächen mit Jörg Schmadtke und Jörg Jakobs wird Thiel zur Saison 2014/15 an Zweitligist Union Berlin ausgeliehen – inklusive Kaufoption. „Ich hatte eine wahnsinnig schöne Zeit in Köln. Die Menschen in Köln sind sehr offen und schließen einen schnell ins Herz. Das habe ich gemocht“, sagt Thiel. „Gefühlt hatte ich meine Wohnung auch gerade erst richtig eingerichtet, da musste ich die Stadt schon wieder verlassen. Das war ein bisschen schade.“

Doch die Leihe zahlt sich aus. Zunächst zumindest. Bei Union ist Thiel auf Anhieb Stammspieler. Acht Scorerpunkte sammelt er in 16 Saisonspielen. Dass es nicht mehr Partien werden, liegt an einer Schulterverletzung, die ihn zwischenzeitlich mehrere Monate außer Gefecht setzt. „Ich war richtig gut drauf. Wäre ich verletzungsfrei geblieben, hätte ich vielleicht sogar zu einem Erstligisten gehen können.“ So ziehen immerhin die Köpenicker ihre Kaufoption und verpflichten Thiel bis 2017.

In der Saison 2015/16 läuft es für den schussgewaltigen Linksfuß zunächst wieder gut. Er ist Leistungsträger und führt die Mannschaft einmal sogar als Kapitän aufs Feld. Doch wegen zwei Muskelfaserrissen und anhaltender muskulärer Probleme bestreitet Thiel erneut nicht einmal die Hälfte der maximal möglichen Spiele. Das Verletzungspech plagt ihn mehr und mehr. Er sucht Rat bei Physiotherapeuten und Osteopathen, nimmt an Ernährungstrainings teil. „Ich habe alles probiert. Vielleicht war es am Ende auch einfach die Psyche, weil ich mit dem Druck nicht klargekommen bin“, sagt Thiel. „Es ging für mich damals auch um eine weitere Vertragsverlängerung. Ich habe mir viel zu sehr einen Kopf gemacht.“

Verliebt in München

Und das Verletzungspech hält weiter an: Wegen einer Schultereckgelenksprengung verpasst Thiel auch die ersten zwölf Spiele der Saison 2016/17. In der Folge macht ihm ein Sehnenriss zu schaffen. Seine Reha absolviert er für einige Wochen bei einem Spezialisten in München. Während dieser Zeit lernt er seine jetzige Frau kennen, die in einem Münchener Krankenhaus als Kinderkrankenschwester arbeitet. „Ich war wegen der ganzen Rückschläge eigentlich am Boden zerstört. Sie war definitiv der Grund, dass ich aus meinem Loch wieder rausgekommen bin.“

Die Beiden gehen mehrmals gemeinsam in München essen und schreiben sich viel. Weihnachten 2016 werden sie offiziell ein Paar. „Mit ihrer fürsorglichen Art war ich für sie ein gefundenes Fressen“, sagt Thiel mit einem Augenzwinkern. Mittlerweile kann er mit einer gesunden Prise Humor über jene schwierige Zeit sprechen. „Mit mir hatte meine Freundin einen Patienten, den sie wieder aufbauen konnte. Das hat sie mit Bravour gemeistert.“ 

Nach der Reha muss Thiel zurück nach Berlin. Sein Vertrag läuft noch ein halbes Jahr. Mal besucht er seine Freundin in München, mal kommt sie in die Hauptstadt. Im Sommer 2017 endet Thiels Zeit bei Union und er wechselt zum 1. FC Heidenheim. „Auch Holstein Kiel wäre infrage gekommen, aber ich wollte in der Nähe meiner Freundin sein. Von Heidenheim nach München waren es nur eineinhalb Stunden.“ Weil Thiels Verletzungspech auch in seinen drei Jahren in Heidenheim anhält, wagt er im Sommer 2021 einen Neuanfang beim Drittligisten SV Wehen Wiesbaden. Mit Erfolg. Thiel ist fit und hat in 14 Partien bereits sechs Scorerpunkte gesammelt. „Ich fühle mich wohl hier.“ 

Parallel befindet er sich in den letzten Zügen seines Bachelorstudiums in Sportmanagement. „Dann habe ich zumindest schonmal etwas in der Hand.“ In wenigen Wochen erwarten er und seine Frau zudem ihr erstes Kind. „Das ist fast wie ein Märchen.“ Aus Thiels dunkelster Zeit ist die große Liebe entsprungen – und bald auch Nachwuchs.

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
11Eintracht Frankfurt15
121. FC Köln15
13VfL Bochum 184813

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