Profis | 17.04.2019

FC-Talent

Nikolas Nartey: Ein Augenblick im Tunnel

Wissenschaftlich gesehen dauert ein Augenblick bis zu sechs Sekunden. Es ist die Zeitspanne, in der die Augen ununterbrochen geöffnet sind. Nikolas Nartey erlebte in dieser Saison sechs besondere Sekunden.

Es wird nur ein Augenblick, nur sechs Sekunden, aber sie sind für Nikolas Nartey das Highlight dieser Saison: Heimspiel der FC-Profis gegen den FC St. Pauli. Die Nummer 38 leuchtet Grün auf der Wechseltafel. Narteys 38. Er wird eingewechselt. Es ist Narteys erster Einsatz in der 2. Bundesliga. Nicht sein erster für die FC-Profis, aber sein Bundesligadebüt eine Liga höher lag zu diesem Zeitpunkt bereits 439 Tage zurück. Im Heimspiel gegen Hertha BSC war er am 26. November 2017 sechs Minuten vor Spielende für Matthias Lehmann eingewechselt worden. Als 17-Jähriger. „Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich das Zeichen bekommen hatte, dass ich ins Spiel kommen soll“, sagte Nartey. Die Atmosphäre im RheinEnergieSTADION, die Blicke von fast 50.000 Augenpaaren, die Anspannung – all das nahm Nartey kaum wahr. „In diesen Momenten ist man einfach im Tunnel.“

Mehr als anderthalb Jahre dauert es, bis Nartey so einen besonderen Moment wie gegen Hertha wieder erleben kann. Verletzungen warfen den Mittelfeldspieler zwischenzeitlich zurück. Mittlerweile ist er wieder verletzungsfrei – und gegen St. Pauli bekommt er seine nächsten Spielminuten als FC-Profi. Er wird für Dominick Drexler eingewechselt, als bereits die 90. Spielminute läuft.

„Ich bin auf den Platz gerannt und habe nur gedacht, bitte Schiri, gib mir einen Ballkontakt. Ich will wenigstens einen Ballkontakt“, sagt Nartey lachend. Doch Schiedsrichter Sören Storks pfeift sechs Sekunden später das Spiel ab. Was dann passierte, entlockt Nartey bis heute ein Lächeln. „Jonas Hector kam lachend auf mich zu, Jorge Meré hat den Daumen gehoben und gerufen: gut gemacht. Ich habe den Ball leider nicht berührt, aber es war eine witzige Situation.“ Der FC postete ein Video von Narteys Sechs-Sekunden-Einsatz mit dem Hashtag „Fehlerfrei“. Mehr als 265.000 Aufrufe erzielte der Beitrag allein auf der FC-Facebookseite. 

Auch wenn es nur ein Augenblick war, hatte es sich für Nikolas Nartey gelohnt, in den vergangenen 439 Tagen an seinen Qualitäten zu arbeiten. Nartey wurde im dänischen Bagsværd geboren, einem Vorort von Kopenhagen. Sein Vater stammt aus Ghana, seine Mutter ist Dänin. Beide Kulturen finden sich bei Nartey wieder. „Ich bin in Dänemark aufgewachsen, aber es gibt auch viele Dinge, die ich an Afrika mag – zum Beispiel das Essen oder die Musik.“ Er trägt eine Kette mit dem afrikanischen Kontinent um seinen Hals und er schwärmt für Fufu, ein Nationalgericht Ghanas. Es wird hauptsächlich aus Fufupulver, das aus der Maniokwurzel besteht, zubereitet und zusammen mit einer scharfen Tomaten-Rindfleischsuppe serviert. „Zu viel sollte man davon aber nicht essen, das ist nicht so gut für den Leistungssport“, sagt Nartey lachend.

Champions League der Jugend

Der Weg in den Leistungssport hatte für ihn früh begonnen. Mit acht Jahren absolvierte er ein Probetraining beim FC Kopenhagen. Mehr als 100 Kinder waren zu Gast – und Nartey überzeugte. Er wurde Leistungsträger in Kopenhagens U19, die in der UEFA Youth League spielte. „Es war so organisiert, dass wir die Spiele am selben Tag wie unsere Profimannschaft in der Champions League hatten. Deshalb sind wir bei Auswärtsspielen zusammen in einem Flugzeug geflogen. Es war ein tolles Erlebnis und für uns sehr motivierend, mit Spielern wie Thomas Delaney in einer Maschine zu reisen“, sagt Nartey. Die U19 des FC Kopenhagen traf auf den FC Porto, Leicester und den FC Brügge. „Wir wussten zwar, dass diese Spiele eine Chance waren, international bekannt zu werden. Aber damit haben wir uns nicht großartig beschäftigt. Wir wollten einfach unsere Spiele gewinnen.“

Alles Weitere erledigten sowieso die Scouts. Auch dem FC fiel das außergewöhnliche Talent auf. Im Januar 2017 setzte sich der FC gegen einige Mitbewerber durch, die Nartey ebenfalls verpflichten wollten, und überzeugte ihn von einem Wechsel nach Köln. Mit 16 Jahren zog er ins Sportinternat Köln, direkt neben dem RheinEnergieSTADION. „Ich musste ab dem Zeitpunkt lernen, selbstständig zu sein. Ich werde wahrscheinlich kein guter Koch, aber meine Pasta mit Pesto kann man mittlerweile essen“, sagt er schmunzelnd.

„Ich war in dem Moment so glücklich“

An sein erstes Training mit den FC-Profis kann sich Nartey noch gut erinnern. Jörg Jakobs, mittlerweile Mitglied des FC-Aufsichtsrats, hatte ihn angerufen und ihm gesagt, dass er dabei ist. „Ich konnte es gar nicht glauben und war in dem Moment so glücklich. Bei der ersten Einheit war ich noch etwas nervös, aber das hat sich schnell gelegt“, erzählt Nartey. Die FC-Spieler erleichterten ihm die Eingewöhnung, besonders Landsmann Frederik Sörensen nahm sich viel Zeit für das dänische Mittelfeldtalent. Nartey arbeitete an seinen Schwächen und zeigte immer bessere Leistungen – auch für die dänischen Juniorennationalmannschaften, für die er regelmäßig nominiert ist.

Er trainierte mit den FC-Profis, schaffte es in den Lizenzkader und sammelte Spielpraxis in der U21 in der Regionalliga West. In der zweiten Mannschaft des FC gewöhnte er sich an die Wettkampfhärte im Seniorenfußball. „Diese Spiele sind sehr wichtig für mich, um mich weiterzuentwickeln“, sagt Nartey.

Am Aufschwung der U21 in der aktuellen Rückrunde und der Serie mit fünf Siegen in Folge hat auch Nartey einen großen Anteil. Beim SV Straelen hämmerte er zwei Distanzschüsse ins Tor, beim Derbysieg gegen Borussia Mönchengladbach II nagelte er den Ball nach einer schönen Kombination in den Winkel.

U21-Trainer André Pawlak sagt: „Er zeigt immer wieder, welch großes Potenzial und feine Technik er mit seinem linken Fuß hat. Er ist ein wichtiger Faktor in unserem Spiel geworden.“ Dank fünf Siegen in den vergangenen sechs Spielen hat die U21 wieder gute Chancen auf den Klassenerhalt, der in der Winterpause noch in weiter Ferne lag. „Ich möchte mich durch gute Leistungen in der U21 für die Profimannschaft empfehlen. Es ist großartig, im RheinEnergieSTADION aufzulaufen“, sagt Nartey und fügt grinsend hinzu: „Bei meinem letzten Spiel für die FC-Profis wurde zu schnell abgepfiffen. Das nächste Mal möchte ich mindestens einen Ballkontakt.“

Dieser Text erschien im GeißbockEcho 15. Die gesamte Ausgabe gibt es hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

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