Club | 26.04.2020

Interview zum Geburtstag

Peter Neururer: „Ich feiere jeden Tag“

An diesem Sonntag wird Peter Neururer 65 Jahre alt. Im Interview spricht er über sein biologisches Alter, seine besondere Beziehung zum 1. FC Köln – und das Gefühl, in einer Schublade zu stecken.

Peter Neururer, was wünschen Sie sich zum 65. Geburtstag?

Auf jeden Fall nichts Materielles. Ich wünsche mir, dass der Corona-Wahnsinn endlich aufhört, dass unsere Mediziner und Politiker das Thema in den Griff bekommen. Dass das Leben wieder so normal wird, wie es mal war.

Wie feiern Sie denn unter diesen Bedingungen?

Das wird eine Überraschung sein von meiner Frau. Ich gehe aber davon aus, dass die Kinder kommen und wir uns auf die Terrasse setzen. Das darf man ja. Aber ansonsten keine Gäste. Wir müssen uns alle solidarisch verhalten. Normalerweise habe ich die Geburtstage immer bei uns im Golfclub gefeiert, mit 100, 150 Leuten. Das war immer eine schöne Nummer. Sowas ist in diesem Jahr nicht möglich. 

Bedauern Sie das?

Nein. Ich feiere jeden Tag. Mir geht es prächtig. Gesundheitlich könnte es nicht besser sein. Ich hatte am 9. Juni 2012 diesen Herzstillstand mit vier Tagen Koma. Seitdem sehe ich einige Dinge ein bisschen anders und rege mich nur noch über Sachen auf, die ich beeinflussen kann. Ich feiere jeden Tag – aber nicht, als ob es der letzte wäre. Diese Endgültigkeit sehe ich noch nicht.

Sie werden ja auch 65 und nicht 95.

Auf die Frage, wie alt ich werde, antworte ich: offiziell 65 Jahre, gelebte 150 Jahre, aber gefühlte 42 Jahre. Ich habe letzte Woche einen Test gemacht, da kam wirklich raus: 42 ist mein biologisches Alter. Aber ich habe die Erfahrung eines 150-Jährigen. Wenn dann der Kopf noch klar ist, ist doch alles wunderbar. Da ist die Frage: War er bei mir klar, ist er noch klar? Ich sage einfach mal: ja.

Wie beschäftigen Sie sich im Moment?

Ich fahre jeden Tag eine Stunde mit meiner Harley durch die Gegend. Und ich chippe im Garten. Die Golfplätze wurden ja auch zugemacht. Obwohl ich da 50 Meter von meiner Frau entfernt stehe. Aber zu Ikea darf ich gehen. Ich sehe da keine Konsequenz in den Maßnahmen. Dabei sehe die Notwendigkeit, überhaupt keine Frage.

Machen Sie sich Sorgen wegen Corona? FC-Fans haben noch vor Augen, wie Sie mit Zigarette auf der Trainerbank saßen. Rauchen gilt als Risikofaktor für einen schweren Krankheitsverlauf.

Ich war Hochleistungsraucher. Aber nach dem Herzinfarkt habe ich damit aufgehört. Ich fühle mich körperlich wieder so fit, dass ich mir um mich keine Sorgen mache, eher um unsere Gesellschaft. Wie viele Menschen in die Pleite, in den Ruin getrieben werden, weil die Jalousien komplett runtergezogen wurden. Wie geht es mit dem Fußball weiter? Die Spiele ohne Zuschauer sind notwendig, vollkommen klar. Denn wenn die nicht stattfinden, sind viele Vereine in der ersten und zweiten Liga bald zahlungsunfähig. Das wäre traurig.

Es gibt die Meinung, dass die Bundesliga ein Spaß ist, den man sich im Moment nicht erlauben kann.

Fußball ist nicht einfach nur der größte Spaß der Welt. Was am Fußball dranhängt, ist eine Menge. Der Fußball insgesamt ist ein Großunternehmen. Und da hängen alle möglichen anderen Leute und Unternehmen dran, ob Taxifahrer, Kneipen, Hotels und so weiter. Wenn ich mir vorstelle, dass die Vereine und Fußballer der ersten und zweiten Liga anderthalb Milliarden Steuern und Abgaben bezahlen und dass 56.000 Arbeitsplätze allein in Deutschland am Profifußball hängen. Nochmal: Fußball ist nicht nur Spaß. Das ist ein großer Bestandteil unserer gesamten Gesellschaft. Diese Bindekraft, die der Fußball hat, die Emotionen, die er bringt – Begeisterung, Freude und oft auch Ärger: All das wird den Menschen im Moment genommen. 

Falls die Saison weitergeht: Was trauen Sie dem 1. FC Köln zu?

Die Serie, die der FC mit Markus Gisdol gehabt hat, ist wirklich sensationell. Der FC wird auf einer guten Ebene bleiben und ganz gesichert in die Planung für eine neue Erstligasaison gehen können. Aber man sollte nicht rumträumen, jetzt plötzlich international dabei zu sein, das wäre ein Riesenfehler. Trotzdem lebt der FC natürlich auch diese Saison von den Emotionen. Die dürfen auch sein, aber keine Träumereien.

Welche Emotionen verbinden Sie persönlich mit dem FC?

Ich war vom siebten Lebensjahr an FC-Fan. Davor war ich ein halbes Jahr Fan in Anführungszeichen von einem Verein, den kein Mensch mehr kennt: Hamborn 07. 1962 habe ich dann zum ersten Mal den 1. FC Köln spielen sehen, im August-Thyssen-Stadion in Hamborn, Oberliga West. Von diesem Zeitpunkt an war ich der größte FC-Fan, den man sich vorstellen kann. In meiner Studentenzeit in Köln habe ich in Gilbert’s Pinte gekellnert, um mir Kohle zusammenzukratzen, damit ich mit dem FC zu UEFA-Pokalspielen fahren kann. 1978 habe ich neben der Bank von Hennes Weisweiler im Innenraum gesessen, als der FC gegen St. Pauli das Double perfekt gemacht hat. Die Karten hat mir Rolf Herings besorgt, wir kannten uns von der Sporthochschule. Meine emotionale Verbindung zum FC war unglaublich. Dann bin ich 1996 Trainer beim 1. FC Köln geworden. Von da an war ich kein Fan mehr.

Wieso?

Wenn du als totaler Fan vom 1. FC Köln Trainer des 1. FC Köln wirst und trotzdem Fan bleibst, dann erschießt du dich nach drei Wochen. Die Siege feierst du als Trainer genau wie ein Fan – aber die Niederlagen, die du als Trainer erleidest, wenn du die auch noch als Fan an dich ranlässt, bist du ganz schnell ein psychisches Wrack. Als ich zum FC kam, war es keine glorreiche Phase, da ging es um die Sicherung des Klassenerhalts, da waren Niederlagen programmiert. Obwohl ich davon dann gar nicht so viele kassiert habe: Das hätte ich als Fan nicht durchgehalten. Trotzdem habe ich natürlich mit voller Überzeugung und voller Enthusiasmus bis zum letzten Tag für den FC gearbeitet.
 

Wie haben Sie Ihre Zeit als FC-Trainer in Erinnerung?

Die Zeit war großartig. Die Entwicklung dieser Mannschaft, nachdem wir in meinem ersten Jahr nicht nur durch das Tor von Holger Gaißmayer in Rostock den Klassenerhalt perfekt gemacht haben. Wir sind in der folgenden Saison als Fast-Abstiegskandidat in den UI-Cup gekommen. Wir hatten dann leider nicht das große Geld zur Verfügung, um uns so zu verstärken, wie wir das gerne gemacht hätten. Und wir sind im UI-Cup-Halbfinale wirklich beschissen worden. Es gab da in Montpellier mehr als kuriose Schiedsrichterentscheidungen. In der nächsten Saison bin ich dann beurlaubt worden. Das war aber absehbar, weil zwischen mir und dem neuen Sportdirektor Carl-Heinz Rühl nicht gerade der Funke übergesprungen ist. Das passte nicht zwischen uns. Deswegen musste ich gehen. 

Tut Ihnen diese Trennung heute noch weh?

Ja klar. Der FC hatte mit Klaus Hartmann einen super Präsidenten. Mit Geschäftsführer Wolfgang Loos habe ich sehr vertrauensvoll gearbeitet, wir kannten uns schon lange. Die Mitarbeiter waren überragend. Die Symbiose zwischen Mannschaft und mir war toll. Gefühlt haben wir uns ständig weiterentwickelt – aber dann kam dieser Bruch. 

Wenn Sie mit jetzt 65 Jahren auf die Vergangenheit zurückschauen, werden Sie da sentimental?

Nein, mit Sicherheit nicht. Ich habe bisher eine tolle Karriere gehabt. Mit einigen Hochs und einigen Tiefs. Ich bin seit 1986 als Trainer im Profibereich unterwegs. Ich habe in der ganzen Zeit glücklicherweise immer ein und dieselbe Frau und ein und dieselbe Familie gehabt. Die hat immer zu mir gehalten, in guten wie auch in mieseren Zeiten. Da hat es nie Unstimmigkeiten gegeben – bis auf die normalen: Das Essen schmeckt, das Essen schmeckt nicht. Ich will dahin in den Urlaub, du aber dorthin. Ansonsten gab es keine größeren Diskrepanzen. Von daher kann ich sagen: Ich habe alles erreicht, was ich im Leben wollte.

In der Öffentlichkeit werden Sie, so haben Sie es selbst mal gesagt, zum Teil als schillernder Vogel wahrgenommen. Sind Sie zufrieden mit diesem Image oder fühlen Sie sich in eine Schublade gesteckt?

Ich fühle mich schon seit zig Jahren in eine Schublade gesteckt. Aber das ist mir mittlerweile egal. Diejenigen, die ein großes Lob auf mich aussprechen, mich aber noch nie gesprochen oder bei meiner Arbeit erlebt haben, die berühren mich null. Genauso wenig berühren mich die, die negativ über mich denken – das sind ja auch viele Menschen – aber auch noch kein einziges Mal mit mir gesprochen haben oder bei meiner Arbeit dabei waren. Von objektiven Urteilen und objektiver Kritik halte ich eine Menge. Aber alles andere berührt mich nicht. Das hat mich am Anfang meiner Karriere interessiert. Da habe ich mir noch Gedanken über mein Image gemacht. Aber das ist vorbei. Schon lange.

Ab 65 beginnt das offizielle Rentenalter – denken Sie an die Rente oder ist das noch weit weg?

(lacht) Da muss meine Frau dran denken, dass ich die irgendwann mal beantrage. Aber solange ich so fit bleibe, wie ich es glücklicherweise bin, will ich dabei sein, will ich arbeiten. Golfen und Harley fahren ist schön. Aber wenn das mein Lebensinhalt sein soll? Herzlichen Glückwunsch, nein danke. 
 

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
10FC Schalke 0437
111. FC Köln34
12Eintracht Frankfurt32