Club | 03.10.2016

Rico Steinmann

Talent aus dem Osten

Die Wiedervereinigung Deutschlands veränderte auch den deutschen Fußball. Spieler wie Matthias Sammer oder Andreas Thom prägten die Bundesliga. Für den 1. FC Köln bot sich durch die so genannte Wende die Chance, eines der größten Talente der DDR unter Vertrag zu nehmen.

Zahlreiche Einsätze in DDR-Juniorennationalmannschaften, U18- Europameister, Dritter bei der U20-Weltmeisterschaft, DDR-Oberligadebüt für den FC Karl-Marx-Stadt im zarten Alter von 17 Jahren, das erste Spiel im Dress der DDR-Nationalmannschaft mit 19 Jahren – diese Zahlen belegen eindrucksvoll, warum Rico Steinmann seinerzeit als eines der größten Talente der Deutschen Demokratischen Republik galt. Sein Weg zum Spitzenspieler im vereinten Deutschland schien entsprechend vorgezeichnet. Denn die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands 1990 hatte unmittelbare Auswirkungen auf den Fußball.

Werben um Talente


„Durch die Wiedervereinigung und die Spieler der DDR wird Deutschland auf Jahre unschlagbar sein“, gab Teamchef Franz Beckenbauer nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 zu Protokoll. Denn viele Toptalente der damaligen Zeit waren für die Nationalmannschaft der DDR im Einsatz und konnten nun mit den besten Spielern des amtierenden Weltmeisters in einer Mannschaft vereint werden. Auch die finanzkräftigeren Bundesligateams aus dem Westen profitierten und machten sich daran, die Talente der DDR-Mannschaften abzuwerben.

"Das kann mal ein ganz Großer werden." (Dino Zoff über Steinmann) Der erste Spieler, der den Schritt von der DDR-Oberliga in die Bundesliga wagte, war Stürmer Andreas Thom. Er war der große Offensivstar des Serienmeisters Dynamo Berlin. In Dresden hatten Matthias Sammer und Ulf Kirsten auf sich aufmerksam gemacht. Großes Potenzial wurde jedoch auch einem gewissen Rico Steinmann vom FC Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) zugesprochen, der auf den Wunschlisten zahlreicher westdeutscher Clubs stand. Mit ein Grund für diese hohe Wertschätzung waren zwei Auftritte im Uefa-Cup. 1989 lieferte der offensive Mittelfeldspieler in den Spielen gegen Juventus Turin derart starke Leistungen ab, dass selbst der Trainer der gegnerischen Mannschaft, Dino Zoff, im Anschluss begeistert war: "Das kann mal ein ganz Großer werden."

Der FC bekommt den Zuschlag

Die Bemühungen von Borussia Dortmund und Werder Bremen, den damals 23-Jährigen Steinmann zu verpflichten, blieben erfolglos. Stattdessen gelang dem 1. FC Köln nach zähen Verhandlungen der große Coup und man verpflichtete 1991 erstmals einen Spieler aus der ehemaligen DDR – für die damalige Rekordablöse von kolportierten 3,6 Millionen D-Mark. Die Entscheidung Steinmanns für den FC wurde maßgeblich vom damaligen Sportdirektor Udo Lattek beeinflusst. "Er besuchte mich mehrfach in Chemnitz und gab mir das Gefühl, mich unbedingt haben zu wollen", so Steinmann. 

„Das Umfeld machte den Unterschied, und der Konkurrenzkampf, den ich so vorher nicht kannte." (Rico Steinmann) Angesichts der hohen Ablösesumme war die Erwartungshaltung an den Chemnitzer Neuzugang groß – doch auch die persönliche Umstellung für den jungen Spieler war riesig. Was Steinmann besonders zu schaffen machte, bekannte er 2014 in einem Interview: „Das Umfeld machte den Unterschied, und der Konkurrenzkampf, den ich so vorher nicht kannte. In Chemnitz hatten wir nicht jede Position doppelt besetzt, da gab es Stammspieler, die immer aufliefen. Das war in Köln anders.“ Auf Steinmanns Lieblingsposition hinter den Spitzen war Pierre Littbarski gesetzt, mit den anderen Positionen, auf denen er spielte, kam Steinmann nicht so richtig zurecht. Die großen Erwartungen konnte Rico Steinmann auch deshalb in den folgenden sechs Jahren nur selten erfüllen. Dem Druck in einem Club, der sportlich abwärts rutschte, war der sensible Fußballer nicht gewachsen. "Steinmann hat nie gelernt, sich durchzusetzen, ihm fehlt das Basiswissen im Überlebenskampf der Bundesliga“ – dieses vernichtende Urteil fällte Jörg Berger über Steinmann, sein zweiter Trainer beim FC. Sein letzter Trainer in Köln, Peter Neururer, sah die Schuld 1996 dagegen eher im Umfeld: „In Köln wurde Rico heruntergewirtschaftet. Heute hat er hier so wenig Kredit, dass ich ihn nicht mehr einsetzen kann. Aber ich lasse weder sportlich noch menschlich etwas auf ihn kommen.“

Steinmann - das Vorbild für Michael Ballack

Obwohl er sportlich und in den Herzen der Fans nie den Durchbruch schaffte, absolvierte Steinmann zwischen 1991 und 1997 immerhin 139 Bundesligaspiele für den 1. FC Köln und erzielte dabei zehn Tore. Nach einem gescheiterten Wechsel zu Hertha BSC Berlin zog es ihn schließlich in die Niederlande zum FC Twente Enschede, wo er seine Karriere nach einer schweren Verletzung beendete. Welche Qualität als Fußballer Steinmann trotz der unglücklichen Zeit in Köln hatte, verdeutlichen Aussagen von Michael Ballack. Der ehemalige Kapitän der Nationalelf hat in Interviews stets angegeben, in seiner Jugend nur ein einziges Vorbild gehabt zu haben: Rico Steinmann.

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Tabelle

Gesamttabelle
PL. Verein Pkt.
11 1. FSV Mainz 05 0
11 1. FC Köln 0
15 Bayer 04 Leverkusen 0

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