Profis | 04.12.2020

GeißbockEcho

Timo Horn: Charakter und Kraft

Für Timo Horn zählen die vergangenen Monate zur ereignisreichsten Phase seiner bisherigen Karriere. Der 27-jährige FC-Keeper hat sich in schwierigen Momenten der Kritik gestellt, nie versteckt und zuletzt mit herausragenden Reflexen den wichtigen ersten Saisonsieg gesichert. Der Vizekapitän und gebürtige Kölner spielt seine neunte Profisaison und weiß, worauf es ankommt.

Timo, wie schwer war der Sack Steine, der dir und dem Team nach dem Spiel in Dortmund vom Herzen gefallen ist?
„Die Erleichterung war riesengroß, der Sack Steine ­natürlich auch (lacht). Dass wir gegen Dortmund die Trendwende schaffen, haben außerhalb der Mannschaft sicher nur die größten Optimisten geglaubt. Wir sind schon personell dezimiert nach Dortmund gereist, was keine optimale Vorbereitung auf das wichtige Spiel war. Aber dann hat die Mannschaft ihren Charakter und eine beeindruckende Teamleistung gezeigt.“

Wie war die Stimmung nach dem Spiel in der Kabine?
„Nach einer so langen Zeit hat man ja fast vergessen, wie sich Siege anfühlen. Es war einfach wichtig, dass wir uns endlich mal wieder für unsere Arbeit belohnen. Hier hängen sich alle voll rein und jeder zieht mit. ­Dieses Erfolgserlebnis müssen wir mit in die nächsten, schweren Aufgaben nehmen.“

Nach dem Spiel hast du in TV-Interviews schon ­gesagt, dass der Trainer einen besonderen Anteil an diesem Erfolg hatte …
„Der Trainer hat vor dem Spiel eine überragende ­Ansprache ans Team gehalten. Markus Gisdol trifft immer den richtigen Ton und hat einen optimalen Draht zur Mannschaft. Vor dem Spiel beim BVB hat er in unsere Köpfe bekommen, dass wir einen Schlussstrich ziehen müssen. Es wurde im Umfeld der Mannschaft und des Vereins so viel gesagt und geschrieben – das alles müssen wir ausblenden und nur auf uns selbst schauen. Zum Glück hat dann in Dortmund alles gepasst. Das war so wichtig. Natürlich hatte der BVB nicht seinen besten Tag und hat die Chancen nicht wie gewohnt eiskalt genutzt. Aber ein wenig Glück gehört eben auch dazu. Das Glück haben wir uns über 90 Minuten erarbeitet.“ 

Könnt ihr nach dem wichtigen Erfolg jetzt ein wenig durchschnaufen?
„Der Sieg tut gut, keine Frage. Aber es gibt überhaupt keinen Grund, sich auf diesem einen Erfolg auszuruhen. Das wissen wir alle. Unsere Situation ist nach wie vor brenzlig und nach der Niederlage gegen Union Berlin war allen klar, dass die Gegner nicht leichter werden. Wir mussten uns schnell steigern, um wichtige Punkte für unser Ziel Klassenerhalt zu erreichen. Wenn wir die Geschlossenheit und den Einsatz wie in Dortmund beibehalten, dann bin ich sicher, dass bald noch mehr Punkte auf unser Konto wandern werden.“

Du spielst deine neunte Profisaison und hast dementsprechend Erfahrung mit positiven und negativen Phasen gesammelt. Wie sehr hilft das im Tages­geschäft?
„Am schönsten wäre es natürlich, wenn man sich ausschließlich mit positiven Situationen beschäftigen müsste (lacht). Aber wir wissen unsere Lage sehr gut einzuschätzen. Man muss im Fußball auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Wenn es schlecht läuft, darf man nicht verzweifeln, und wenn es gut läuft, darf man nicht überheblich werden. Je länger man dabei ist, desto besser kann man jede Situation einordnen und damit umgehen. Wir müssen aus jeder Partie – egal ob gewonnen oder verloren – unsere Schlüsse ziehen und fokussiert ins nächste Spiel gehen. Nur so ist man in der Lage, seine maximale Leistung abzurufen.“

Wie schwer wird es, diesen Fokus beizubehalten, wenn man Woche für Woche auf einen Sieg warten muss?
„Zu Beginn einer Karriere nimmt man sich schlechte Phasen noch mehr zu Herzen, was dann auch zu ­Verkrampfung führen kann. Es ist immer sehr schwer, sich aus einem Tief heraus zu kämpfen. Mit mehr ­Erfahrung kann man diese Phasen etwas schneller einordnen und verarbeiten. Auf der anderen Seite weiß ich jetzt aber auch, dass wir uns für den Sieg in Dortmund nichts kaufen können. Wir müssen jetzt dranbleiben.“

Du hast dich in den vergangenen Wochen und ­Monaten neben den sportlichen Herausforderungen zudem oft öffentlicher Kritik stellen müssen und bist nie auf Tauchstation gegangen. Warum? 
„Zum einen werde ich viel gefragt, dann antworte ich natürlich (lacht). Zum anderen kommuniziere ich die Dinge, die mir am Herzen liegen, immer offen und ehrlich. So habe ich das immer gehandhabt. Wenn es gut läuft, fällt das leicht, das ist klar. Trotzdem muss man auch nach einer Niederlage oder bei Kritik dazu stehen. Ich habe noch nie ein Problem gehabt, die Sachlage offen anzusprechen. Dazu gehört aber auch, Kritik anzunehmen und sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Als Vizekapitän und Spieler, der schon ein paar Jahre dabei ist, sehe ich es als meine Verantwortung, nach den Spielen für die Mannschaft einzutreten.“

Hast du den Unmut der Fans also nachvollziehen können?
„Es fällt mir leicht, mich in die Lage der Fans hineinzuversetzen. Wenn man einen so langen Zeitraum nicht gewinnt, dann nagt das an einem. Das gilt nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Fans. Ich habe als Kind und Jugendlicher selbst in der Kurve gestanden und kann den Unmut, der geäußert wird, in weiten Teilen verstehen. Solange sportliche Argumente gebracht werden und das diskutiert wird, was auf dem Platz passiert, ist das auch völlig okay. Aber es darf eben nicht persönlich oder beleidigend werden. Mit allem anderen kann ich umgehen.“

Das komplette Interview mit Timo Horn gibt es hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
15DSC Arminia Bielefeld13
161. FC Köln11
17FC Schalke 047