Profis | 13.08.2021

Hüben wie drüben

Tretschok: „Der FC ist speziell“

Mit dem Henkelpott im Gepäck wechselte René Tretschok 1997 zum 1. FC Köln. Er überzeugte auf Anhieb, konnte den ersten ­Abstieg des FC aber nicht verhindern – und wechselte in die Hauptstadt. Mit der Hertha spielte er jedes Jahr im Europapokal, trainierte später die U19 und kurz sogar die Profis. Mittlerweile organisiert „Tretsche“ mehr als 50 Jugendturniere im Jahr, Angela Merkel ist Schirmherrin des Projektes. Im Gespräch blickt der 52-Jährige auf seine Zeit in beiden Vereinen zurück, spricht über die integrative Kraft des Straßenfußballs – und über ein Drama auf Schalke, das ihn bis heute begleitet.

René Tretschok klickt auf seinem Tablet herum, ein Video erscheint hinter ihm auf der Leinwand. Er spielt es ab. Das Bild ist etwas unscharf. Rauschender Dauerlärm von den Tribünen ist zu hören, dann ein Schuss – und ein Handspiel. Aufgebrachte Spieler in rot-orangenen Trikots stürmen auf den Schiedsrichter zu, sie fordern vehement Elfmeter. Der Unparteiische aber zeigt in Richtung Eckfahne. „Wir waren fassungslos“, sagt Tretschok, der den Ball aufs Tor geschossen hatte. Das Video zeigt Szenen vom 29. April 1998. Dramatische Momente aus dem Gelsenkirchener Parkstadion beim Bundesliga-Spiel des FC auf Schalke.

Es ist die Nachholpartie vom 27. Spieltag der Saison 1997/98. Der FC befindet sich im Abstiegskampf. Zehn Minuten vor Spielende steht es 0:0, als Schalkes Abwehrspieler Oliver Held den Schuss von Tretschok mit der linken Hand über die Latte lenkt. Schiedsrichter Uwe Kemmling sieht das Vergehen nicht. Auf Nachfrage beteuert Held seine Unschuld. „Er hatte nicht den Mut, sein Handspiel zuzugeben. Wir hätten das Spiel wahrscheinlich gewonnen“, sagt Tretschok. „Es hätte Elfmeter für uns gegeben, Toni Polster war ein super Elferschütze.“ Stattdessen nimmt das Unglück seinen Lauf. Schalkes Latal trifft in der 90. Minute. Der FC rutscht auf einen Abstiegsplatz ab. „Das war der große Knackpunkt“, sagt Tretschok. Zwei Wochen später steigt der FC erstmals aus der Bundesliga ab. 

Vielleicht hätte ein Sieg den Abstieg verhindert. Vielleicht wäre Tretschok dann länger in Köln geblieben. „Das ist spekulativ“, sagt er. „Aber das Verhalten von Oliver Held hat vieles beeinflusst. Vielleicht hat der FC sogar bis heute an diesem ersten Abstieg zu knabbern.“

Mit mehreren Integrationspreisen ausgezeichnet

Das Handspiel von Oliver Held spielt auch bei Tretschoks aktueller Tätigkeit eine zentrale Rolle. „In meinen Projekten vermittle ich Kindern und Jugendlichen, wie wichtig es ist, den Mut zu haben, Fehler zuzugeben.“ Tretschok ist Gründungsmitglied und Vize­präsident der Deutschen Soccerliga, mit der er unter anderem die Sparkassen Fairplay Soccer Tour organisiert, die mit jährlich mehr als 25.000 Teilnehmenden eines der größten Jugendsozialprojekte in Deutschland ist. Schirmherrin der Kampagne ist zum dritten Mal Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mit der Unterstützung zahlreicher Partner sind die Turniere für jeden kostenfrei. „Wir wollen niemanden ausschließen. Ich war selbst Straßenfußballer. Ich hatte auch nichts anderes als den Fußball.“

In Drei-gegen-Drei-Duellen treten die Teilnehmenden im Alter von sechs Jahren aufwärts gegeneinander an – deutschlandweit in bis zu 50 verschiedenen Städten. Schiedsrichter gibt es nicht, die Spieler zeigen Foulspiele selbst an. Respekt, Fairness und Verständigung stehen im Vordergrund. Jedes Jahr im Juli steigt das große Bundesfinale auf der Insel Rügen. „Wir haben eine sportliche Wertung und eine Fairplay-Wertung. Es nehmen Teams an der Endrunde teil, die zuvor kein Spiel gewonnen, sich aber durch faires Verhalten qualifiziert haben“, sagt Tretschok. „Solche Werte über den Sport zu vermitteln, ist ein unschlagbares Zusammenspiel.“ Das Projekt wurde mit mehreren Integrationspreisen ausgezeichnet.

Zudem betreibt er seit 25 Jahren eine Fußballschule. „Die Kids kennen mich ja gar nicht. Ich habe gespielt, als sie noch gar nicht auf der Welt waren. Deshalb zeige ich ihnen gerne Videoszenen aus meiner Karriere“, sagt Tretschok. Natürlich auch das Handspiel von Held. „Erzählen kann man viel. Wenn die Kinder die ­Szenen sehen, ist es anschaulicher.“

„Ey, das war doch Hand. Der gibt das nicht zu“, rufen die Jugend­lichen, als Tretschok ihnen die Szene aus dem Schalke-Spiel an der Leinwand zeigt. „Ehrlich und fair zu sein, ist wichtig. Das versuche ich zu vermitteln“, sagt der 52-Jährige.

„Die Erwartungshaltung war enorm“
 
Ein Zeitsprung zurück in die Neunzigerjahre: 1997 gewinnt Tretschok mit Borussia Dortmund die Champions League. Im Halbfinal-Hinspiel gegen Manchester United erzielt er den 1:0-Siegtreffer. In der Startelf steht er nur manchmal. „Der BVB wollte mich unbedingt halten, aber ich wollte mehr spielen.“ Die „sehr verlockende und spannende“ Anfrage vom 1. FC Köln kommt also gelegen. Tretschok wechselt ans Geißbockheim und ist einer der wenigen Lichtblicke. In der Saison 1997/98 ist er mit acht Treffern zweiterfolgreichster Torschütze hinter Toni Polster. Doch die Mannschaft insgesamt enttäuscht. Zu Saisonbeginn sorgen das Erstrunden-Aus im DFB-Pokal beim SSV Ulm und das frühe Ausscheiden im UI-Cup für Unruhe.

„Es fehlte der Zusammenhalt. Auf dem Papier hätten wir im oberen Tabellendrittel landen müssen“, sagt Tretschok. „Aber man kann nur erfolgreich sein, wenn die Mannschaft die gesamte Spielzeit über zusammenhält. Das hat nicht funktioniert. Deshalb wäre es nicht fair, zu behaupten, wir seien nur wegen Helds Handspiel abgestiegen.“ Die Zeit beim FC will Tretschok dennoch nicht missen „Der FC ist sehr speziell. In der alten Müngersdorfer Schüssel zu spielen, war fantastisch“, sagt er, erinnert sich aber auch an die Unruhe in Köln. „Die Erwartungshaltung war enorm. Der Boulevard-Journalismus trägt seinen Teil dazu bei. Wenn der FC drei Spiele gewinnt, ist er Meisterschaftskandidat. Wenn die Mannschaft drei Partien verliert, ist sie verflucht.“

Tretschok bleibt nach dem Abstieg erstklassig und wechselt zu Hertha BSC. „Ich hätte mir vorstellen können, beim FC zu bleiben und es wiedergutzumachen.“ Aber die Hertha ist hartnäckig und will Tretschok unbedingt. „Am Ende war der Wechsel eine Win-Win-­Situation. Ich wollte schon immer gerne in die Hauptstadt und der FC hat Ablöse für mich bekommen.“ Einen Umstand bedauert der 52-Jährige zutiefst. „Leider müssen wir für immer damit leben, dass wir für den ersten Bundesliga-Abstieg des FC verantwortlich sind.“

Champions League mit Hertha

Der Wechsel zum Hauptstadtclub aber lohnt sich. Tretschok ist unangefochtener Stammspieler und hat maßgeblichen Anteil daran, dass sich die Hertha in der Saison 1998/99 erstmals für die Champions League qualifiziert. Nie mehr sollte der Zuschauerschnitt im Berliner Olympiastadion höher sein als zu jener Zeit. „Mein erstes Jahr bei der Hertha war sensationell. Wir haben als Mannschaft Begeisterung ausgelöst. Und das ganz ohne Marketingkampagnen“, sagt Tretschok. Viele Spieler im Kader kamen damals aus den alten und neuen Bundesländern. „Es war eine spannende Mischung. Wir standen sinnbildlich für die Wiedervereinigung, viele Menschen aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind zu unseren Spielen gekommen.“

In der darauffolgenden Saison verletzt sich Tretschok dann schwer. Die Sehne zwischen seinem großen Zeh und der Ferse reißt. Neun Monate fällt er aus, ist in der Saison 2000/01 aber wieder fit und Stammspieler. Als Tabellenfünfter gelingt die Qualifikation für den UEFA-Pokal. Genauso wie ein Jahr später – dann sogar als Vierter. 

In der Saison 2002/03 spielt Tretschok aber kaum noch. Zwischen ihm und Herthas neuem Trainer Huub Stevens „stimmte die ­Chemie nicht.“ Tretschok lässt seine Karriere bis 2005 in der 2. Mannschaft ausklingen. Danach wird er Trainer der U19, übernimmt im ­Februar 2012 interimsweise für ein Bundesligaspiel die Profimannschaft und wird anschließend bis zum Saisonende Co-Trainer unter Otto Rehhagel. Danach beschließt Tretschok, sich nur noch seinen Projekten zu widmen. „Ich habe gemerkt, dass ich für meine Fußballschule und die Soccer Tour mehr brenne.“

Seine ehemaligen Vereine verfolgt er noch intensiv. „Hertha wird in dieser Saison nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben. Dem FC drücke ich die Daumen, dass es eine ruhige Spielzeit wird. Besonders für Steffen Baumgart würde es mich freuen, den ich noch aus meiner Profizeit kenne. Er kann das Maximum aus jedem Spieler herausholen. Das wird wichtig sein. Ich hoffe, dass ihm die nötige Zeit gegeben wird. Dann kann es eine erfolgreiche Zeit werden.“

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
6Bayer 04 Leverkusen7
71. FC Köln7
81. FC Union Berlin6

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