
Britta Carlson: Aus Liebe zum Fußball
29.09.2026
Werte, Beharrlichkeit und die Liebe zum Fußball: Wie es FC-Cheftrainerin Britta Carlson trotz Hindernissen als Spielerin und Trainerin weit gebracht hat. Und warum sie dennoch gerne einfach mal abtaucht.
Und dann schien plötzlich alles vorbei. Britta Carlson lag im Krankenhaus, als sie gerade einmal 16 Jahre alt war. Das Knie, der Knorpel. Die Ärzte sagten: Du wirst nicht mehr Fußball spielen können.
Aus der Traum.
Bis dahin war die Geschichte von Britta Carlson schon keine gewöhnliche für ein Mädchen in den 80er Jahren. Erst neun Jahr vor ihrer Geburt wurde das Verbot des Frauenfußballs vom DFB aufgehoben, das erste Frauen-Länderspiel der DFB-Auswahl fand erst drei Jahre nach ihrer Geburt statt. Vorbilder gab es also quasi keine. Britta Carlson wuchs in Altenholz, einem kleinen Ort nahe ihrer Geburtsstadt Kiel auf. Zum Strand waren es nur zehn Minuten mit dem Fahrrad.
Fußball spielte in der Familie keine Rolle. Und den noch hatte sie von klein auf schon immer gerne den Ball am Fuß, wie ihre Eltern ihr immer wieder erzählten. Die Eltern spielten ohnehin eine ganz wichtige Rolle. Sie vermittelten ihr Werte, Pünktlichkeit war ein wichtiges Thema. Die Eltern waren 68er mit konservativen Werten – eine gute Mischung. Und sie gaben ihr mit: Du kannst alles werden, was du möchtest.
Warum also nicht Fußballerin?
Mit fünf Jahren fing sie an, spielte in den ersten Jahren nur mit Jungs – und erarbeitete sich Respekt. Als ein Trainer sie nicht aufstellen wollte, weil sie ein Mädchen war, wollte sie den Verein wechseln. Doch die Jungs aus der Mannschaft setzten sich für sie ein, forderten den Trainer auf, sie spielen zu lassen. Weil sie gut war! Eine Geschichte, die aber schon zeigt: Ohne Hürden war Britta Carlsons Weg selten. Sie machte die Schule und die Ausbildung, pendelte dafür zwischen Kiel und Hamburg. Die Tage begannen früh und endeten spät. Alles wegen der Leidenschaft für den Fußball. Talent hatte sie sicherlich, sagt sie. Aber sie musste auch ein bisschen härter arbeiten als andere.

Und dann kam dieser Tag im Jahr 1994. Bis dahin war Carlsons Karriere steil verlaufen, nun kam der große Schock. Zurück im Krankenhaus, die erschütternde Diagnose der Ärzte. Der Durchschnitt der Menschen hätte zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich aufgegeben, nie mehr Fußball gespielt, die Ausbildung genutzt und sich ein Leben abseits des Sports aufgebaut.
Doch Carlsons Eltern vermittelten ihr immer: Du bist nicht Durchschnitt, kein Mensch ist Durchschnitt – jeder ist etwas Besonderes. Du kannst immer besser sein als der Durchschnitt. Also dachte sie auch in diesem Moment nicht daran, die Fußballschuhe an den berühmten Nagel zu hängen. „Die Ärzte können nicht bestimmen, ob ich weiter Fußball spiele. Es ist doch mein Leben“, sagt sie heute.
Es ist vielleicht eine Mischung aus Unvernunft und Hartnäckigkeit, man könnte es auch stur nennen. Oder eben Beharrlichkeit. Immer angetrieben von der Liebe zum Fußball.
Diese Liebe begleitet sie bis heute. Mit 30 Jahren beendete sie nach einer erneuten Knieverletzung ihre aktive Karriere – und wechselte vom Spielfeld auf die Trainerbank. Tina Theune, ihre Trainerin bei der Nationalmannschaft, hatte sie immer wieder dazu aufgefordert, die Lizenzen zu machen. Sie sah schon damals das Potenzial als Trainerin.

So wie sie sich als Spielerin ihren Weg hart erarbeitete und am Ende Champions-League-Siegerin, Deutsche Meisterin, Pokalsiegerin und Europameisterin geworden ist, ging sie auch als Trainerin Schritt für Schritt. Sie begann als Co-Trainerin bei ihrer letzten Spielerstation, dem VfL Wolfsburg. Dort sammelte sie nicht nur zahlreiche Titel mit der Champions League, drei Meisterschaften und vier Pokalsiegen, sie lernte auch Step für Step die Sicht einer Trainerin. Weil es zunächst kein Fulltimejob war, arbeitete Carlson in Wolfsburg zunächst zusätzlich als WM-Botschafterin für den DFB und baute im Frauenbereich die Medienarbeit mit auf. Auch hier nahm sie viel Arbeit in Kauf – aus Liebe zum Fußball.
In Wolfsburg erlebte sie, wie sich ein Verein auch im Frauenfußball stetig professionalisierte und in der nationalen und internationalen Spitze dabei war. Es ist eine Entwicklung, die kaum möglich schien, als Britta Carlson als Mädchen in ihrer norddeutschen Heimat erstmals gegen den Ball getreten hatte. Und auch später, als sie mit dem Fußball kein Geld verdiente, in einer Bank arbeitete und viel in Kauf nahm, um Fußball spielen zu können. Oder als sie beim Hamburger SV spielte und die Frauenmannschaft die letzte Platzzeit bekam. Sie lernte auf ihrem Weg: Erfolg kommt nicht einfach, man muss bereit sein, die Hürden dafür zu nehmen. „Wenn du hart arbeitest, kommst du irgendwann ans Ziel“, sagt sie.
So war es auch als Spielerin. Mit 26 hatte sie die Chance, nach Potsdam zu wechseln. Ein Top-Club zu dieser Zeit, mit dem sie Titel gewinnen und Champions League spielen konnte. Dafür nahm sie auch die örtliche Trennung von ihrem Mann in Kauf – und arbeitete weiterhin nebenbei, unter anderem beim Filmpark Babelsberg. Es wurde zum Teil dreimal täglich trainiert. „Ich dachte, ich habe schon hart trainiert, aber das war noch einmal eine andere Haus nummer“, erinnert sie sich. Carlson wurde wieder Nationalspielerin, ein Thema, das sie eigentlich schon abgehakt hatte.
Der DFB sollte auch später wieder eine wichtige Rolle spielen. Nachdem sie fast zehn Jahre Co-Trainerin in Wolfsburg war, unterbrochen von zwei Jahren als Verbandssportlehrerin, um eine andere Perspektive kennenzulernen, wechselte sie als Co-Trainerin zur Nationalmannschaft. Dort traf sie auf Hort Hrubesch, der Interimstrainer war und ab 2023 nochmal Bundestrainer wurde.

Für die HSV-Legende war Britta Carlson aber kein neues Gesicht, er hatte sie schon kennengelernt, als sie noch Verbandssportlehrerin in Barsinghausen in Niedersachsen war. Und schon der erste Eindruck war positiv. „Britta hatte schon damals viel Wissen und wusste genau, was sie tut. Zudem hatte sie ein Gefühl dafür, dass es nicht nur um die sportlichen Themen geht, sondern auch darum, mit Menschen zu arbeiten“, sagt Hrubesch. Gerade in der Nationalmannschaft später habe man immer mit den besten Spielerinnen zu tun gehabt, da sei es nicht mehr in erster Linie darum gegangen, sie fußballerisch weiterzuentwickeln. „Da geht es darum, sich aufeinander einzustellen, auch eine Ehrlichkeit zu leben“, sagt Hrubesch. Und Carlson habe schon immer gewusst, dass auch Mentalität eine Qualität ist. Und sie habe selbst immer dazulernen wollen.
Deshalb ist Hrubesch auch nicht überrascht vom Weg Carlsons. Schon als sie seine Co-Trainerin war, sah er das Potenzial zur Cheftrainerin bei ihr. „Ich habe ihr in unserer Zusammenarbeit schon immer viel Verantwortung übertragen“, sagt Hrubesch. Was er an ihr geschätzt hat: „Sie hatte immer eine Meinung, die sie vertreten hat.“ Hrubesch wollte niemanden an seiner Seite, der alles nur abnickt. Die gemeinsame Zeit sollte eine erfolgreiche werden. An Hrubeschs Seite gewann Carlson 2024 die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen.
Zuvor hatte Carlson nach dem Aus von Martina Voss-Tecklenburg die Nationalmannschaft interimsweise als Cheftrainerin betreut. Nach der enttäuschenden WM war die Stimmung schlecht, die Verantwortung groß und Carlson war auf sich gestellt. Doch es klappte, und es machte Spaß. Zwar stand sie auf eigenen Wunsch nicht weiter als Bundestrainerin zur Verfügung und arbeitete unter Hrubesch wieder als Co-Trainerin. Doch sie hatte nun insgeheim Gefallen daran gefunden, die Dinge nach ihren Vorstellungen umzusetzen. Sie war viele Jahre eine gute Co-Trainerin, loyal, zuverlässig, unterstützend. Aber nun wollte sie mehr. Geplant war diese Karriere nicht, Carlson ging die nächsten Schritte dann, wenn sie sich gut angefühlt haben.
Gut angefühlt hat sich für sie im Januar 2025 der 1. FC Köln.

Obwohl sie sich als typisch norddeutsch beschreibt: eher ruhig, direkt, trockener Humor. Wenn Norddeutsche jemanden ins Herz geschlossen haben, dann richtig. Auf der anderen Seite Köln, das jeden von Beginn an umarmt, laut und offen ist. Doch es war nie ein Widerspruch, Carlson fühlte sich von Beginn an wohl in Köln. Sie hatte sich bewusst dafür entschie den. Sie feiert den Karneval und ist auf dem CSD-Wagen – und möchte all das nicht mehr missen. Horst Hrubesch hatte ihr einmal einen Rat gegeben: Sie solle nicht alles so ernst nehmen, mehr lächeln. Es ist eine Entwicklung, die Carlson bei sich durchaus festgestellt hat. Birgit Prinz hat ihr ebenfalls dabei geholfen und sie hat gelernt, die eigene Sichtweise nicht immer für die einzige Wahrheit zu halten, andere Perspektiven zu erkennen. „Früher war ich definitiv verbissener“, sagt sie.
Das hilft ihr heute auch in der Mannschaftsführung. Das weniger Verbissene auf der einen Seite, ohne aber Prinzipien und Werte aufzugeben. Sie setzt klare Leitplanken, innerhalb dieser gibt es für Staff und Spielerinnen aber auch Freiheiten, um sich zu entfalten und Verantwortung zu übernehmen. Da gibt es klare Regeln wie Pünktlichkeit, die sie von ihren Eltern mitgegeben bekam. Aber auch ein offenes Ohr. „Du arbeitest in erster Linie mit Menschen zusammen“, sagt Carlson. Und Familie habe ohnehin immer Vorrang vor dem Fußball. Und dennoch ist sie ihrer direkten Art treu geblieben. „Sie ist eine ehrliche Trainerin, bei der jede Spielerin weiß, woran sie ist“, sagt beispielsweise Verteidigerin Laura Donhauser. „Durch Klarheit kriegst du auch Harmonie“, sagt Carlson zu ihrer Art.
Der Mix funktioniert. Seit Carlson als Cheftrainerin übernommen hat, ging die Entwicklung der FC-Frauen stetig nach oben. Im ersten halben Jahr gelang der Klassenerhalt, in ihrer ersten vollen Spielzeit legte sie mit der Mannschaft die erfolgreichste Saison der Geschichte hin. Doch darauf ruht sich Carlson nicht auf, sie ist hungrig nach mehr. Sie will die Mannschaft und auch den Verein stetig weiterentwickeln. Dazu gehören auch immer bessere Rahmenbedingungen. „Hier haben wir schon Schritte gemacht, aber es gibt auch noch viel Potenzial“, sagt sie. Den Prozess der stetigen Professionalisierung hat sie in Wolfsburg schon einmal eng begleitet.
Horst Hrubesch verfolgt auch aus Hamburg ganz genau, was Britta Carlson mit den FC-Frauen macht. Die beiden verbindet ein Vertrauensverhältnis auch abseits des rein sportlichen, sie kennen die Familien und haben regelmäßig Kontakt. Und auf die Frage, wie er Britta Carlson persönlich einschätzen würde, kommt das wohl größtmögliche Lob von Horst Hrubesch: „Ich habe selbst keine Tochter. Aber wenn ich eine Tochter brauchte, dann hätte ich sie genommen.“

Britta Carlson ist eben nicht nur Fußballtrainerin, sondern vor allem Mensch. Und so braucht es für sie bei aller Liebe zum Fußball manchmal auch ein bisschen Abstand, um klar im Kopf zu bleiben. Dann zieht es sie ans Meer. Keine Überraschung, wuchs sie doch nur unweit davon auf. Das Wasser hat für sie einen meditativen Charakter, dort kann sie am besten herunterfahren. Und es fühlt sich nach Heimat an.
Mit der Zeit kam das Tauchen dazu. Ihr Mann und sie probierten es im Urlaub aus, als Tischtennis und Beachvolleyball nicht mehr reichten. Sie machten den ersten Tauchschein und verliebten sich in das Hobby. Seitdem suchen sie auch die Urlaubsziele danach aus. Malediven. Mauritius. Sansibar. Ägypten. Immer dabei: ihr Mann Nils. „Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich bin“, betont Carlson. Er war selbstlos und hat sie zu 100 Prozent unterstützt. „Er hat mich zu den Schritten ermutigt und immer selbst auf vieles verzichtet.“
Das schönste Erlebnis? Mantas auf den Malediven.
Unter Wasser ist Britta Carlson dann weit weg von allem, was ihren Alltag bestimmt. Keine Aufstellung, keine Medientermine, keine Tabelle und keine Erwartungen. Es ist der perfekte Gegenpol zum schnelllebigen Fußball. Und es ist ein Stück weit eine Rückkehr dahin, wo für sie alles angefangen hat. Im Norden, am Meer. Als kleines Mädchen mit der Liebe zum Fußball.
Dieser Text ist zuerst im GeißbockEcho (Ausgabe 1, Saison 2026/27) erschienen. Weitere Hintergrundstorys zum FC lest Ihr hier im geschlossenen Mitgliederbereich. Falls Ihr die neue Ausgabe in gedruckter Form lesen wollt, könnt Ihr Euch das GeißbockEcho hier im Fanshop bestellen.















