
Dank „Else“ zurück zum Fußball
25.09.2026
Ein Zeckenbiss verändert Alexandra Kempers Leben – die Folgen sind schwer, ihre Beine sind gelähmt. Fußball scheint plötzlich Vergangenheit. Doch Alexandra gibt ihre Leidenschaft nicht auf – sie findet durch die FC-Stiftung einen Weg zurück auf den Platz. Im GeißbockEcho erzählt Sie Ihre Geschichte.
Alexandra Kemper braucht nicht lange, um den Ball zu kontrollieren: ein Kontakt, ein kurzer Blick, der nächste Pass. Auf dem Platz wirkt das wie selbst- verständlich. Man sieht ihr an, wie intuitiv und gekonnt sie mit dem Ball umgehen kann.
Fußball war schon immer ein wichtiger Teil ihres Lebens. Als Jugendliche trainierte Kemper viermal in der Woche. Sogar zu einem Probetraining bei den FC-Frauen wurde sie eingeladen. Dann, mit 17 Jahren, änderte ein Zeckenbiss alles. Kemper erkrankte an Neuroborreliose und erlitt schwere Folgeschäden. Beide Beine waren zeitweise gelähmt und auch ihr Arm hat Schäden erlitten, ein Jahr lang war sie auf den Rollstuhl angewiesen. Ihr rechtes Bein konnte nur durch eine hochdosierte Antibiotikabehandlung gerettet werden.
„Das war eine extrem schwere Zeit“, erinnert sie sich. Die großen Fußballträume lösten sich für die junge Frau plötzlich in Luft auf. Aber nicht nur das, selbst an Fußball als Hobby war nicht mehr zu denken. Mannschaftssport gehörte für sie zunächst der Vergangenheit an.
Heute ist Kemper im Alltag je nach körperlicher Verfassung auf den Rollstuhl angewiesen oder kann mithilfe einer computergesteuerten Orthese gehen. Seit drei Jahren begleitet sie die Schiene, die sie liebevoll „Else“ getauft hat. Sensoren erkennen ihre Bewegungen und unterstützen das Bein beim Gehen. Lange hatte Kemper allerdings gar nicht daran gedacht, noch einmal Mannschaftssport zu betreiben. Angebote, an denen sie mit ihrer Beeinträchtigung hätte teilnehmen können, waren selten. Auch klassische Parasportangebote kamen für sie nicht ohne Weiteres infrage: Die Schäden an ihrem Bein und ihrer Hand machen viele Sportarten im Rollstuhl oder auf Krücken schwierig bis unmöglich. Krafttraining und Fitnessstudio blieben als Möglichkeiten. Der Ball dagegen schien weit weg.

Ein neuer Anlauf
Doch dann änderte sich die Situation, die sie hellhörig werden lässt: Kemper sieht im Fernsehen einen Beitrag über das inklusive Walking-Football- Angebot der FC-Stiftung. Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts spielen dort gemeinsam – unabhängig davon, ob sie eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung haben.
Sie meldete sich bei der Stiftung. Zwei Wochen später stand sie zum ersten Mal seit Jahren wieder auf einem Fußballplatz. Mit Ball am Fuß. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich überhaupt jemals wieder einen Ball kicken kann.“ Der Moment, in dem sie zum ersten Mal wieder auf dem Platz steht, ist für Kemper ein überwältigendes Gefühl.
Der erste Versuch war körperlich anstrengend. Zwei Tage nach dem Training konnte Kemper kaum laufen. Bereut hat sie es trotzdem nicht. Sie wollte dem Sport eine Chance geben – trotz der Unsicherheit, ob ihr Körper die Belastung aushalten würde. „Aber das war es mir wert“, erzählt sie rückblickend und lacht.
„Hier im Training ist jeder willkommen“, sagt Markus ‚Metty‘ Mittmann, der Trainer der Mannschaft. Alter, Geschlecht oder körperliche und kognitive Beeinträchtigungen spielen keine Rolle. Gespielt wird ohne Rennen und ohne harte Zweikämpfe. Der Sport ermöglicht damit auch Menschen den Zugang zum Fußball, die an einem klassischen Training nicht teilnehmen könnten.

Walking Football wird mittlerweile in vielen Vereinen angeboten, häufig richtet sich das Format aber an ältere Menschen. Das Besondere am Angebot der FC-Stiftung ist der inklusive Ansatz. Hier spielen ältere und jüngere Menschen mit unterschiedlichen körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen gemeinsam Fußball.
Beim Training fällt vor allem eines auf: Es geht um Fußball, aber nicht nur darum. Zwischen den Übungen wird geredet und gelacht, auf dem Platz wird um den Ball gekämpft und zugleich aufeinander geachtet. „Wenn ich zum Training komme, dann ist für mich jede Person gleich“, schildert Mittmann. „Ich sehe das einfach nicht mehr.“
Kemper ist inzwischen ein wichtiger Teil dieser Mannschaft. Für Mittmann ist sie eine Bereicherung und das auch, weil sie offen über ihre Geschichte spricht. „Ich ziehe den Hut vor ihrer Stärke, immer wieder ihre Geschichte zu erzählen“, betont Mittmann. Kemper gehe mit ihrem Mut voran und mache es auch anderen leichter, über die eigenen Erfahrungen und Einschränkungen zu sprechen.
Dass sie ihre Geschichte inzwischen so offen erzählt, hat allerdings auch einen anderen Hintergrund. In den vergangenen Wochen hat Kemper immer wieder über ihre Erkrankung und ihren Weg zurück zum Fußball erzählt. Gemeinsam mit der FC-Stiftung und FC-TV stand sie als Protagonistin für einen Film über das Walking-Football-Angebot vor der Kamera.
Sie blickt darin auf den Weg mit ihrer Erkrankung zurück, spricht von den Einschränkungen, die seitdem zu ihrem Alltag gehören, aber auch von dem Moment, in dem sie wieder einen Fußball vor den Füßen hatte.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Bedeutung des Walking Footballs für sie: Nicht nur wieder Sport treiben zu können, sondern wieder Teil einer Mannschaft zu sein. „Für mich ist der Dienstag das Highlight der Woche“. Ohne den FC und die Stiftung wäre Fußball für sie heute gar ihr nicht möglich. Dass sie nun wieder auf dem Platz stehen kann, bedeutet ihr viel. Sie wünscht sich, dass es künftig mehr solcher Möglichkeiten gibt. Angebote, bei denen Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen gemeinsam Sport treiben können. „Ich würde mir wünschen, dass das Team noch inklusiver wird und noch mehr Menschen mit einer Beeinträchtigung dazukommen.“ Das Verständnis untereinander sei einfach größer und man sei dadurch im Spiel besser aufeinander abgestimmt, sagt sie.
Und dann ist da noch der FC
Der 1. FC Köln war für Kemper schon vor ihrer Erkrankung der Herzensverein. Über das Walking Football Team ist diese Verbindung nun auf eine unerwartete Weise zurück in ihr Leben gekommen. Gemeinsam mit Mittmann, ihrem Trainer und ebenfalls überzeugtem FC-Anhänger, wurde sie zum ersten Heimspiel der Saison eingeladen.
Vor dem Spiel standen die beiden an der Mixed-Zone und begrüßten die Spieler bei der Busankunft im Stadion. Anschließend ging es für die beiden in die Loge. Sie sahen den FC spielen, fieberten mit und am Ende durften sie sogar einen Heimsieg feiern. Für die Beiden war es ein besonderer Tag. Einer, der ihnen noch lange in Erinnerung bleiben wird. Für Kemper war es mehr als ein Stadionbesuch. Nach Jahren, in denen Fußball für sie vor allem mit Verlust verbunden war, hat er wieder einen festen Platz in ihrem Leben. Vielleicht nicht so, wie sie es sich als Jugendliche vorgestellt hat, aber auf eine Weise, die ihr heute wieder so viel Freude gibt.
Dieser Text ist zuerst im GeißbockEcho (Ausgabe 1, Saison 2026/27) erschienen. Weitere Hintergrundstorys zum FC lest Ihr hier im geschlossenen Mitgliederbereich. Falls Ihr die neue Ausgabe in gedruckter Form lesen wollt, könnt Ihr Euch das GeißbockEcho hier im Fanshop bestellen. Mehr zum Walking Football und der Geschichte von Alexandra Kemper erfahrt Ihr in der neuen Doku-Folge von FC-TV:















