
Die vier Schotten vom Geißbockheim
04.10.2026
Vier Schotten, ein Camper und der Parkplatz am Geißbockheim. Was zunächst nur als Schlafplatz gedacht war, wurde zum Beginn einer besonderen Freundschaft. Denn die Tartan Army und die FC-Fans verbindet vor allem eines: die gemeinsame Liebe zum Fußball.
Juni 2024. Es ist mitten in der Nacht, als ein Camper auf den Parkplatz am Geißbockheim rollt. An seiner Karosserie hängen schottische Fahnen. Vier Männer steigen aus. Sie sind müde. Hinter ihnen liegen mehr als 15 Stunden Fahrt.
Der Grund für ihre Reise: die Europameisterschaft in Deutschland. Die schottische Nationalmannschaft ist in der Domstadt – und hat tausende Fans mitgebracht. Auch Joseph Fallan will die Spiele nicht verpassen. Gemeinsam mit seinem Sohn Ciaran und zwei Freunden ist er dafür mit dem Camper nach Deutschland gefahren. Einen Platz auf einem der Campingplätze haben sie nicht mehr bekommen. Also wird kurzerhand der Parkplatz am Trainingsgelände des 1. FC Köln zum Schlafplatz.
Am nächsten Morgen erkunden die Schotten das Geißbockheim. Lange bleiben sie dabei nicht unbemerkt. „Die Leute haben sich natürlich gewundert, was wir dort machen“, erinnert sich Joseph Fallan. „Wir wurden gefragt, wo wir übernachten. Da haben wir gesagt: ‚Auf dem Parkplatz.‘ Sie haben dann nur gelacht, weil sie dachten, wir würden es nicht ernst meinen.“ Sie meinten es ernst. Und was zunächst wie eine Notlösung aussieht, wird zum Beginn einer besonderen Verbindung zwischen vier Schotten und dem 1. FC Köln.
Fußball ist alles
Fußball ist alles Joseph Fallan ist heute 50 Jahre alt. Er wohnt in Airdrie, einem Vorort nordöstlich von Glasgow. Sein 21-jähriger Sohn Ciaran wohnt einen Ort weiter. Gerade einmal 15 Autominuten trennen die beiden. Sie sehen sich oft – vor allem aber verbindet sie der Fußball. Beide sind Fans von Celtic Glasgow. „Die Liebe zum Fußball wird dir von deinem Vater weitergegeben“, sagt Joseph. Bei ihm war es genauso. Sein Vater nahm ihn mit ins Stadion, später gab er die Leidenschaft an Ciaran weiter.

Als sein Sohn noch jung war, nahm Joseph ihn das erste Mal mit in den Celtic Park. Er wusste nicht, wie Ciaran auf das große Stadion und die vielen Menschen reagieren würde. Doch seine Sorge war unbegründet: Ciaran war begeistert. Fortan besuchten Vater und Sohn die Spiele regelmäßig. Es dauerte nicht lange, bis Ciaran seine eigene Dauerkarte bekam. „Wenn ich ihn beim Fußball sehe, bin ich einfach stolz. Ich erkenne mein jüngeres Ich in ihm wieder“, sagt Joseph.
Beide arbeiten hart, der Fußball ist ihr Ausgleich. Schon am Montag beginnt die Vorfreude auf das nächste Spiel. Ciaran reist mit Celtic auch zu zahlreichen Auswärtsspielen durch Europa. „Fußball bedeutet alles für mich“, sagt er. Vor allem die Nationalmannschaft verbindet die Menschen in Schottland. Die Freunde, die mit den Fallans im Camper reisen, sind Fans der Glasgow Rangers. In der Liga sind Celtic und Rangers bittere Rivalen, doch bei Länderspielen jubeln sie Arm in Arm. „David und Stevie sind ganz in Ordnung“, sagt Ciaran mit einem Augenzwinkern. „Wir kommen gut miteinander klar, ziehen uns aber oft gegenseitig auf.“
Köln und Schottland – das passt einfach
Für das zweite schottische Gruppenspiel reisen rund 60.000 Fans der Tartan Army nach Köln. Für Ciaran ist es das erste große Turnier, das er mit der schottischen Nationalmannschaft vor Ort erlebt. Schon Monate zuvor steht fest: Gemeinsam mit seinem Vater, David und Stevie will er eine Woche lang mit dem Camper durch Deutschland reisen. Die Spiele in Köln und Stuttgart sind fest eingeplant.
Eigentlich ist alles vorbereitet. Der Camper ist gebucht und muss nur noch abgeholt werden. Doch dann der Schock: „Als wir unseren Camper abgeholt haben, ist uns aufgefallen, dass er keinen GB-Sticker auf der Rückseite kleben hatte. Wir haben nachgefragt, da wurde uns nur gesagt: ‚Mit der Karre kannst du nicht nach Deutschland.‘“ Joseph lacht. Kurzerhand organisieren sie eine Alternative. Ein zweiter Camper muss her – und der wird in Edinburgh abgeholt.

In Köln angekommen, zieht das Gefährt mit den schottischen Fahnen schnell die Aufmerksamkeit auf sich. „Es dauerte nicht lange, bis wir von den ersten auf ein Kölsch eingeladen wurden“, sagt Ciaran. Auch einige FC-Mitarbeiter werden auf die vier Schotten aufmerksam und erlauben ihnen, die Duschen zu nutzen. „Köln hat uns mit offenen Armen empfangen. Die Menschen waren superfreundlich“, erklärt Ciaran. „Wir haben es in Köln geliebt. Es hat uns sogar so sehr gefallen, dass wir erst nicht weiter nach Stuttgart fahren wollten.“
Was Ciaran und Joseph in Köln erleben, erinnert sie an das, was sie am Fußball in Schottland lieben: Menschen kommen zusammen, lernen sich kennen, trinken und feiern miteinander. Auch wenn es für die vier keine Tickets für das Spiel gegen die Schweiz gibt, wollen sie die Stimmung in der Stadt nicht verpassen. Sie schauen die Partie in der Fanzone am Rhein. „Wir trinken und feiern einfach gern zusam men. Der Fußball ist einfach nur ein vorgeschobener Grund dafür“, sagt Joseph und lacht.
Das nächste Wiedersehen
Mit einigen FC-Fans freunden sich die vier Schotten an. Sie eröffnen einen Gruppenchat auf WhatsApp, über den sie sich regelmäßig schreiben. Der Kontakt hält bis heute. Im Frühjahr 2025 kehrt Joseph nach Köln zurück und erlebt sein erstes FC-Heimspiel – ausgerechnet im Derby gegen Fortuna Düsseldorf. „Die Stimmung im Stadion war unbeschreiblich. Es hat mir sehr gefallen“, sagt er.

Noch mehr beeindruckt ihn allerdings das Erlebnis rund um die 90 Minuten. „Als ich aus Köln zurückgekommen bin, habe ich meinen Freunden nur gesagt: ‚Der Fußball in Deutschland ist perfekt‘. Das Spieltagserlebnis ist einfach unschlagbar. Du kannst früh ins Stadion und bekommst auch dort noch ein Bier.“ In Schottland ist der Verkauf von Alkohol in den Stadien seit den 1980er-Jahren aufgrund von Ausschreitungen verboten.
Auch Ciaran hat die FC-Atmosphäre inzwischen selbst erlebt. Nachdem Celtic in der vergangenen Saison in der UEFA Europa League beim VfB Stuttgart gespielt hatte, reiste er weiter nach Augsburg und sah sich dort das Auswärtsspiel des FC an – direkt neben dem Gästeblock.
Die Verbindung nach Köln ist also geblieben. Was als EM-Abenteuer begann, ist längst mehr als eine Erinnerung an einen Sommer. Die vier Schotten haben Freunde gefunden – und der FC neue Fans, die auch aus der Ferne den Blick nach Köln richten und die Ergebnisse an jedem Wochenende verfolgen.
Für die aktuelle Saison ist noch nichts Konkretes geplant. Einen weiteren Besuch in Köln hat Ciaran aber bereits im Kopf. „Wenn es während der Saison wieder mit einem Auswärtsspiel von Celtic passt, würde ich mich freuen, Köln nochmal zu besuchen.“
Dieser Text ist zuerst im GeißbockEcho (Ausgabe 1, Saison 2026/27) erschienen. Weitere Hintergrundstorys zum FC lest Ihr hier im geschlossenen Mitgliederbereich. Falls Ihr die neue Ausgabe in gedruckter Form lesen wollt, könnt Ihr Euch das GeißbockEcho hier im Fanshop bestellen.















