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Jimmy Hartwig: „Solange ich lebe, werde ich mich dafür einsetzen“
17.09.2026
Er war einer der besten Mittelfeldspieler der 1970er und 80er Jahre. Über 200 Spiele absolvierte Jimmy Hartwig für den 1. FC Köln, TSV 1860 München und Hamburger SV. Heute ist der 71-jährige Schauspieler und setzt sich lautstark für Integration ein. Im Interview mit fc.de spricht Hartwig über seine Karriere, die Liebe zu Köln sowie Hass und Diskriminierung im Fußball.
Jimmy, wie geht’s Dir? Wo erwischen wir Dich gerade?
Mir geht es hervorragend. Ihr habt Glück, Ihr erwischt mich gerade an meinem Haus in Inning am Ammersee.
Am Wochenende treffen zwei Deiner Ex-Vereine aufeinander. Inwiefern verfolgst Du Deine ehemaligen Clubs noch?
Ich verfolge sie immer. Den FC habe ich in der letzten Saison gegen Wolfsburg im Stadion gesehen. Zu beiden Clubs habe ich noch einige Kontakte. Mit Steffen Baumgart, der nun mal beide Vereine trainiert hat, spreche ich häufig. In der letzten Saison habe ich mit beiden Clubs gezittert, dass sie den Klassenerhalt schaffen. Mir gefällt es sehr, dass der FC wieder auf viele junge Leute setzt. Das ist genau der richtige Weg.
Der Fußball spielt also immer noch eine große Rolle in Deinem Leben.
Ja, sicherlich. Ich war 2024 noch Sportbotschafter für das Auswärtige Amt und bin während der Europameisterschaft viel herumgereist. Ich versuche mir so viele Spiele anzuschauen, wie nur möglich. Da kommt es immer drauf an, wie viel ich gerade Theater spielen muss oder Filme drehe. Da kann ich nicht sagen, dass ich heute nicht da bin, weil ich ins Stadion möchte (lacht).

Für den HSV hast Du die meisten Spiele in Deiner Karriere absolviert, die meisten Tore geschossen und Meisterschaften gefeiert. Ist der HSV Dein Club?
Ich sag immer, dass es in meinem Leben zwei Vereine gibt: den HSV und den 1. FC Köln. Aber klar, der HSV hat mich zum Nationalspieler gemacht. Dort habe ich die größten Erfolge gefeiert.
Trotzdem hast Du Hamburg verlassen und bist zum FC gewechselt.
Ich wollte unbedingt nach Köln, ich weiß gar nicht genau wieso. Der HSV wollte mich eigentlich nicht weggehen lassen. Sportlich lief es beim FC dann nicht ganz so rund, doch der Wechsel hat sich gelohnt, allein für die Fans. Ich kann heute noch in ein Taxi steigen und werde von älteren Taxifahrern angesprochen: ‚Hör ens Jung, bist du der Hartwig?‘ Ich freue mich jedes Mal, nach Köln zu kommen.
Weshalb lief es sportlich nicht so gut wie beim HSV?
Ich hatte meine Differenzen mit Trainer Hannes Löhr. Ich habe nicht viel gespielt, wenn ich aber auf dem Platz stand, habe ich meine Leistung gebracht. Siehe meine Spiele im Europapokal. Wäre ich besser in die Mannschaft integriert worden, hätte der FC einen super Mittelfeldspieler gehabt. Das hat mir sehr wehgetan. Ich wollte aus Köln nicht weg. Meine Frau hat dann aber gesagt: ‚Du warst dreimal Deutscher Meister, hast die Champions League gewonnen und viele Tore geschossen. Das kannst du nicht mit dir machen lassen.‘

Mit Deiner Karriere bist Du heute trotzdem zufrieden?
Ich habe im Fußball alles erreicht, was man erreichen kann. Ich habe 244 Bundesligaspiele gemacht, 16 Länderspiele absolviert und bin mehrfach ausgezeichnet worden. Aus gesundheitlichen Gründen musste ich meine Karriere dann beenden, hatte aber das Glück Schauspieler zu werden. Ich habe mir auf der Bühne einen Namen gemacht und durfte interessante Hauptrollen spielen. Das Einzige, was mir noch fehlt, ist im Millowitsch-Theater aufzutreten (lacht).
In den vergangenen Jahren warst Du auch als Integrationsbeauftragter des DFB tätig. Warum war es Dir wichtig, Dich zu engagieren und was waren Deine Aufgaben?
Ich habe die Vereine besucht und habe den jungen Spielern gezeigt, dass es egal ist, welche Herkunft man hat. Es zählt nur die Leistung auf dem Fußballplatz und, dass man sich anständig benimmt. Es gibt keine Unterschiede zwischen uns. Ich bin in einem harten Viertel aufgewachsen. Da wäre Ehrenfeld früher ein Villenviertel dagegen gewesen (lacht). Da habe ich mich herausgekämpft und wollte etwas zurückgeben. Das mache ich bis heute sehr gerne. Wenn der FC mal einen Integrationsbeauftragten sucht, braucht Ihr mich nur nochmal anzurufen (lacht).
Welche Erfahrungen hast Du früher mit Rassismus machen müssen?
Ausdrücke wie ‚Negerschwein‘ waren damals an der Tagesordnung. Das hat mich aber immer nur stärker gemacht. Ich wollte dadurch nur noch besser werden. Das gebe ich auch heute den Profis noch mit. Du darfst dich nicht verunsichern lassen, sondern musst noch eine Schippe drauflegen.
Wie hast Du die Entwicklung in den letzten Jahren wahrgenommen? Hat der Hass abgenommen?
Nein. Du musst dir nur das aktuelle politische Umfeld anschauen. Wir sind auf einem Weg, wo es diese Dinge weiterhin geben wird – auch in den Stadien. Ich möchte den Fans zurufen: ‚Jeder hat seinen Club und darf den auch verteidigen. Das hat aber mit Gewalt nichts zu tun.‘ Wir können diese Kraft viel besser einsetzen. Der Fußball hat eine unfassbar integrative Kraft, denn auf der ganzen Welt wird Fußball gespielt. Ich kann mit einem Ball in den Orbit hochfliegen und ihn von dort aus fallenlassen. Und egal, wo er auf der Erde aufkommt. Ich kann dir versichern, dass es keine zehn Minuten dauert, bis Kinder damit spielen, die sich im Leben noch nie gesehen haben.

Was ist wichtig für einen respektvollen Umgang im Fußball?
Das fängt in der Jugend an. Da sind auch die Eltern gefragt. Die Eltern denken oft, dass es die Aufgabe des Trainers ist. Der ist meist die ärmste Sau. Die Eltern müssen ihren Kindern das Handwerkszeug mitgeben, respektvoll mit seinen Gegnern umzugehen. Wenn ich aber bei Jugendspielen sehe, dass viele Eltern von außen pausenlos reinschreien, werde ich wahnsinnig. Das lässt mir keine Ruhe. Solange ich lebe, werde ich mich dafür einsetzen – für Minderheiten oder Menschen mit Beeinträchtigungen.
Was würdest Du Dir in Zukunft für den Fußball wünschen?
Ich wünsche mir, dass die obersten Köpfe, die Infantinos dieser Welt, nicht immer nur daran denken, wie sie noch mehr Knete verdienen. Das Geld sollte lieber in Fußballvereine gesteckt werden, damit wir mehr Kinder zum Sport hinführen. Da wäre es doch hervorragend angelegt.
Kommen wir abschließend nochmal zum Spiel am Samstag zurück. Schaust Du Dir die Partie an?
Selbstverständlich. Leider nicht in Hamburg, weil der Anstrich des Oktoberfests für mich Pflicht ist. Das Spiel werde ich aber im Fernsehen verfolgen. Beim Rückspiel wäre ich dann gerne im Stadion dabei. Ich habe jetzt Angst, ein Ergebnis zu sagen, deshalb werde ich diplomatisch antworten und auf ein Unentschieden tippen (lacht).















