
Klaus Fischer: „Auf den FC hat man geschaut“
23.10.2026
Als 20-Jährigen hat es Klaus Fischer aus seiner Heimat Bayern in den Westen verschlagen. Elf Jahre spielte er für den FC Schalke 04 und anschließend drei Saisons im Trikot des 1. FC Köln. Vor dem Duell seiner beiden Ex-Clubs spricht der ehemalige Stürmer über die beiden Clubs, seinen Werdegang, das Aufwachsen als Straßenfußballer und die Bedeutung von Heimat.
Herr Fischer, das letzte Bundesliga-Duell zwischen dem 1. FC Köln und Schalke 04 liegt fast vier Jahre zurück. Wie gut tut es der Liga, wenn solche Traditionsvereine dabei sind und solche Spiele stattfinden?
Klaus Fischer: Es gibt mehrere Traditionsvereine, die einfach in die Bundesliga gehören. Dazu zählen Köln, Schalke, aber auch der HSV zum Beispiel. Zu unserer Zeit waren die Duelle mit dem 1. FC Köln immer tolle Spiele. Köln hatte damals eine super Mannschaft, wir hatten ebenfalls eine gute Mannschaft. Ich habe bis heute immer auch ein Auge auf den FC, weil ich dort selbst gespielt habe. Das interessiert mich, und einem Verein, für den man gespielt hat, wünscht man natürlich alles Gute.
Sie sprechen bei Schalke von „Wir“, beim FC von „Köln“. Obwohl Sie für beide Vereine gespielt haben, hängt Ihr Herz heute stärker an Schalke?
Ich habe elf Jahre auf Schalke gespielt, die Amateure trainiert, lebe hier in der Stadt und schaue mir die Spiele an. Das ist etwas anderes, obwohl ich die Zeit beim 1. FC Köln nicht missen möchte. Ich wünsche dem 1. FC Köln wirklich alles Gute, schaue hin und interessiere mich für den Verein. Aber ich sage immer „wir“, wenn es um Schalke geht, weil ich seit mehr als 50 Jahren hier lebe. Schalke 04 ist mein Verein.
Wie blicken Sie heute auf die beiden Vereine?
Für Schalke ist das Wichtigste, nicht wieder abzusteigen. Man hat gesehen, wie lange es dauern kann, wenn man aus der zweiten Liga wieder hochkommen will. Genauso darf auch der 1. FC Köln für mich persönlich nicht absteigen. Das sind Vereine, bei denen man gerne gespielt hat und bei denen es immer eine tolle Atmosphäre gab. Allerdings muss ich sagen, dass die Stadien früher nicht so voll waren wie heute. Im Parkstadion hatten wir bei schlechtem Wetter manchmal nur 10.000 bis 12.000 Zuschauer. Das gibt es heute nicht mehr. Die Begeisterung ist riesig. Ich muss beispielsweise für Leute aus meiner Heimat im Bayerischen Wald ab und zu Karten für Schalke besorgen. Da sind dann auch Bayern-Anhänger dabei, aber die Atmosphäre auf Schalke begeistert sie.
Sprechen wir über Ihrer Karriere. Sie wechselten mit 20 Jahren von 1860 München zu Schalke 04. Wie kam es damals dazu?
Wir waren mit 1860 aus der Bundesliga abgestiegen. Ich war ein junger Mann und stand mit 19 Toren an zweiter Stelle der Torschützenliste. Bei Schalke gab es in Günter Siebert einen Präsidenten, der ein Auge für junge, talentierte Spieler hatte. Ich wollte in der Bundesliga bleiben und kein Zweitligaspieler werden. Dann kam das Angebot von Schalke.

Welche Strahlkraft hatte Schalke damals?
Ich hatte die Spiele gesehen und wusste, welche Spieler dort spielten. Stan Libuda war für mich der größte Rechtsaußen überhaupt, mit seinem Dribbling war er außergewöhnlich. Solche Spieler gibt es heute nicht mehr. Ich wusste also, dass über die Außenpositionen etwas kommen würde.
Dennoch war es ein großer Schritt mit 20 Jahren…
Als ich meiner Mutter sagte, dass ich ins Ruhrgebiet gehen würde, ist sie beinahe umgefallen. Sie fragte mich: Was willst du denn im Ruhrgebiet? Da kannst du doch kein weißes Hemd anziehen. Solche Vorstellungen hatte man damals von dieser Region. Natürlich hat sich inzwischen vieles verändert. Für mich war vor allem wichtig, in der Bundesliga zu bleiben. Bayern München kam nicht infrage, denn dort spielte Gerd Müller.
Und man wechselt auch nicht von 1860 München zum FC Bayern.
Darüber gab es überhaupt keine Debatte. Gerd Müller war damals Nationalspieler, und ein solcher Wechsel war für mich nicht zu machen. Man sollte Spieler ohnehin nicht miteinander vergleichen. Ich hatte meine Qualitäten: Ich war schnell und hatte ein gutes Kopfballspiel. Im technischen Bereich musste ich mich verbessern. Das habe ich durch zusätzliches Training getan. Schalke 04 war für mich ideal.
Elf Jahre blieben Sie auf Schalke, dann folgte der Wechsel nach Köln. Was bedeutete der 1. FC Köln damals?
Der FC war über Jahre ein Verein, zu dem man aufgeschaut hat. Damals war Wolfgang Overath ein herausragender Spieler und der Verein hatte große Erfolge gefeiert. Wir hatten auch zu meiner Zeit eine gute Mannschaft. Wir hatten Rinus Michels als Trainer. Der war brutal, das muss man einfach so sagen.
In welcher Hinsicht? War er besonders hart?
Ja, er war knallhart. Diese Art passte nicht zu jedem. Man muss bedenken, dass eine Mannschaft eine Gruppe junger Menschen ist, die manchmal unterschiedlich angepackt werden müssen. Man muss mit den Spielern reden, so wie es heute auch gemacht wird. Ein Fußballer ist nicht nur Fußballer, sondern auch Mensch. Mit dieser Mannschaft und dieser Klasse wäre mehr drin gewesen als der Pokalsieg, den wir geholt haben. Schumacher, Steiner, Littbarski, Allofs – wir hatten enorme Qualität.

Haben Sie während dieser Zeit auch den Verein und die Stadt Köln ins Herz geschlossen?
Ja, Köln ist eine tolle Stadt. Ich habe allerdings nicht direkt in Köln gewohnt.
Sie sind damals von Gelsenkirchen gependelt?
Genau. Meine Kinder waren noch klein, und ich wollte sie nicht aus der Schule nehmen und nach Köln bringen. Deshalb habe ich das Pendeln auf mich genommen und bin immer gefahren. Einmal im Jahr durften wir zu spät kommen, ansonsten mussten wir Strafe bezahlen. Ich bin insgesamt nur ein einziges Mal zu spät gekommen. Dafür bin ich einfach früher losgefahren. Vielleicht wäre es noch schöner gewesen, direkt in der Stadt zu wohnen. Ich bin gerne dorthin gefahren und habe es beim 1. FC Köln auch wieder in die Nationalmannschaft geschafft.
Sie leben seit mehr als 50 Jahren in Gelsenkirchen und sind bis heute als Schalke-Botschafter unterwegs. Was macht die Stadt und das Ruhrgebiet für Sie aus?
Man muss diese Stadt erleben. Es hat sich viel verändert, die Zechen gibt es nicht mehr, alles ist stillgelegt. Wenn Sie heute in Gelsenkirchen sind, wo ich wohne, sind Sie in drei Minuten im Wald. Dort kann man laufen und spazieren gehen. Inzwischen gibt es hier viele Grünanlagen. Natürlich gibt es auch Straßen, bei denen man sagt, dass man dort lieber aufpassen sollte. Aber das ist in jeder Stadt so. Meine Frau, unsere Kinder und ich fühlen uns hier aber wohl. Wir leben mit unserer Tochter und unseren Enkelkindern in einem Haus.
Was zeichnet die Menschen in Gelsenkirchen und im Ruhrgebiet aus?
Man muss wirklich sagen: Hier bist du gleich einer von ihnen. Hier bin ich einfach der Klaus. Die Leute sprechen dich an und sind offen. Natürlich hängt vieles mit Schalke 04 zusammen. Ich komme mit den Menschen hier hervorragend zurecht.
Der 1. FC Köln stellt das Thema Heimat und Heimweh rund um das Spiel in den Mittelpunkt, spielt zu Ehren von Willi Ostermann in einem Sondertrikot. Was bedeutet Heimat für Sie?
Heimat ist der Ort, an dem man geboren wurde und aufgewachsen ist, also in meinem Fall der Bayerische Wald. Dort habe ich die Grundlagen gelernt, um im Profifußball bestehen zu können. Ich denke gerne daran zurück. In meinem kleinen Heimatort gab es keinen Fußballplatz. Wir haben auf einer Wiese Fußball gespielt. Dort haben wir uns vieles angeeignet, was uns später stark gemacht hat.
Was genau meinen Sie?
Natürlich braucht man bestimmte Voraussetzungen. Schnelligkeit ist eine davon, die hat man oder man hat sie nicht. Alles andere kann man sich erarbeiten. Das habe ich von Anfang an getan. Ein kleines Beispiel vielleicht.
Gerne.
Ich war schon elf Jahre alt, als ich in einen Verein kam. Bis dahin war es schwierig, überhaupt dorthin zu gelangen. Es fuhr kein Bus fahren und ich hatte kein Fahrrad. Zu Fuß bis nach Zwiesel zu laufen, war zu weit. Deshalb habe ich bis dahin überall Fußball gespielt, wo es möglich war. Wir haben alle miteinander gespielt, egal wie alt wir waren. Es bringt dich weiter, wenn du dich gegen Ältere durchsetzen musst. Mit 17 Jahren habe ich mit einer Sondergenehmigung in der ersten Mannschaft gespielt. Ich habe mich durchgesetzt und Tore gemacht. Mit 18 Jahren bin ich zu 1860 München gekommen. Ich wollte mich immer verbessern. Ich habe in Zwiesel am Kopfballpendel gearbeitet, später bei 1860 München und auch bei Schalke 04. Ich behaupte von mir selbst, dass ich dadurch viele Fähigkeiten erworben habe, die mich zu einem so guten Kopfballspieler gemacht haben. Vieles habe ich mir am Kopfballpendel erarbeitet. Dieses Trainingsgerät gibt es heute kaum noch. Wenn ich sehe, wie Spieler heute Bälle köpfen und wohin sie sie köpfen, muss ich manchmal lachen. Aber so ist es nun einmal.
Was fehlt aus Ihrer Sicht?
Der Straßenfußballer fehlt einfach. Die Kinder spielen kaum noch Fußball. Sie gehen zweimal in der Woche zum Training. Wenn Sie heute durch Köln oder Gelsenkirchen gehen, sehen Sie dann irgendwo Kinder auf der Straße oder auf einer Wiese Fußball spielen? Früher waren wir von morgens bis abends draußen und haben Fußball gespielt. Heute gibt es Spielformen wie zwei gegen zwei, drei gegen drei, vier gegen vier oder fünf gegen fünf. Gar keine Frage: Solche Formen kann man ins Training einbauen. Aber Kinder wollen aufs Tor schießen. Sie wollen spielen.
Sie haben Ihren Heimatort erwähnt. Sie sind in Kreuzstraßl aufgewachsen, richtig?
Ja, das war ein kleiner Ort. Zwiesel war die größere Stadt in der Umgebung und hatte ungefähr 10.000 Einwohner.
Bestand Ihr Leben nur aus Fußball?
Im Winter war es das Eisstockschießen, im Sommer haben wir immer Fußball gespielt.
Haben Sie noch viel Kontakt zu Ihrer Heimat?
Das sind ungefähr 700 Kilometer, da kann ich nicht alle 14 Tage hinfahren. Aber ich fahre gerne nach Hause. Die Verwandtschaft meiner Frau lebt noch dort. Meine Eltern leben nicht mehr. Trotzdem ist mir meine Heimat wichtig, und ich fahre gerne dorthin und der Bayerische Wald ist auch sehr schön.















