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Littbarski im Interview: Die WM aus Sicht eines Weltmeisters

18.07.2026
In den vergangenen Wochen hat er sich die Nächte um die Ohren geschlagen: FC-Legende und Weltmeister Pierre Littbarski verfolgte jede Partie der laufenden Weltmeisterschaft live. Im Interview mit fc.de spricht der 65-Jährige über seine Eindrücke, blickt auf seine eigenen WM-Erfahrungen zurück und verrät, wem er im Finale die Daumen drückt.
Pierre, Du hast kürzlich verraten, dass Du alle Spiele der Weltmeisterschaft gesehen und sogar Deinen Tagesablauf danach ausgerichtet hast. Wie schafft man das?
Pierre Littbarski: Man muss auf jeden Fall bekloppt sein (lacht). Es hat sich so ergeben, da ich einige Spiele gemeinsam mit Thomas Helmer und Thomas Strunz auf einem Kreuzfahrtschiff moderiert habe. Zwischen den Partien habe ich dann ein oder zwei Stunden geschlafen und mir einen Wecker gestellt. Als ich wieder zuhause war, hat sich dadurch mein Lebensrhythmus verändert. Da musste ich mir dann trotzdem von 3 bis 5 Uhr das Argentinien-Spiel anschauen. Das habe ich mir alles reingezogen (lacht).
Wie verfolgt man die Spiele als Weltmeister? Kannst Du die Spiele genießen?
Auf alle Fälle kann ich sie genießen. Es wäre falsch, wenn man die Spiele von oben herab verfolgt. Es hat mich unheimlich gefreut, dass man mit Einsatz und Kämpferherz noch immer viel wettmachen kann. Die Mannschaft der Kap Verde hat immer mit einem Lachen im Gesicht gespielt und sich gegenseitig angefeuert. Das hat mich in meine Anfangszeit beim FC erinnert, als wir Stück für Stück auch zu einer verschworenen Truppe wurden. Diese Teams haben mich zu Beginn des Turniers fasziniert.
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Wie fällt Dein WM-Fazit aus?
Zum Großteil fand ich die Spiele attraktiv. Nur wenigen Nationen hat die fußballerische Qualität gefehlt, um die Partien offen zu gestalten. Die vermeintlich kleinen Nationen haben nicht nur den Bus geparkt, sondern konnten einiges einbringen. Sie hatten einige Spieler in den Reihen, die einfach nur Fußball spielen wollten. Das hat mir richtig Spaß gemacht.
Man hört heraus, dass Du die Erweiterung auf 48 Teilnehmer eher positiv siehst. Stimmt das?
Ich war eigentlich ein Verfechter eines kleinen Turniers. Doch die Eindrücke dieser WM haben das verändert. Ich schaue nur auf die Qualität der Spiele und die Reaktionen der Fans. Und da muss man sagen, dass es den Menschen Spaß gemacht hat. Das ist der Grund, weshalb auch ich Fußball gespielt habe. Ich wollte den Leuten Freude bereiten und an den wichtigsten Turnieren teilnehmen.
An diesem Wochenende steigt das Finale. Stehen die beiden besten Teams im Finale?
Ich bin kein Freund davon, dass man darüber diskutiert, ob sich einer der Finalisten durch das Turnier gemogelt hat. Du musst jedes Spiel erstmal gewinnen. Spanien ist nicht perfekt gestartet, hat in der K.O.-Phase aber vor allem spieltaktisch überragend gespielt. Gleichzeitig haben sie auch körperlich gut dagegengehalten. Argentinien tritt unfassbar diszipliniert auf und produziert dabei seine Chancen sehr durchdacht. Davor kann man nur den Hut ziehen. Die Mannschaft ist im Vergleich zu 2022 nochmal reifer geworden und Messi ein Teil eines großartigen Teams. Deswegen stehen die beiden Teams dort vollkommen zurecht.
Wie hast Du das DFB-Team erlebt?
Grundsätzlich muss man sagen, dass die Spieler die gute Form aus den Clubs leider nicht für die Nationalmannschaft auf den Platz bringen konnten. Selbst Deniz Undav, der uns zu Beginn viel Freude bereitet hat, konnte in den letzten Spielen nicht mehr an seinen guten Start anknüpfen. Uns hat schon einiges gefehlt. Zu den Topteams klafft mittlerweile eine große Lücke.
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Was braucht der DFB, damit es bei den nächsten Turnieren wieder besser läuft?
Das hören die Fußballfans bestimmt nicht gerne, aber Geduld. Wir müssen wieder die Tugenden reinbringen, die uns früher ausgezeichnet haben. Nach 2014 sollten alle kleine Spanier werden, das hat nicht funktioniert. Der Neustart wird nicht einfach, muss aber jetzt eingeleitet werden. Wir brauchen die richtigen Leute, die diese Tugenden an die Nationalspieler der Zukunft weitergeben. Da sehe ich zum Beispiel die Weltmeister von 2014 wie Per Mertesacker oder Miroslav Klose weit vorne.
Im Halbfinale wurde eine Grafik der besten Vorlagengeber der WM-Historie eingeblendet. Unter anderem mit den Namen Lionel Messi und Pierre Littbarski. Was ist das für ein Gefühl, immer noch im Kreise der Besten gelistet zu sein?
Das klingt etwas blöd, aber diese Statistik macht mir fast mehr Spaß als der Gewinn des WM-Titels. Es zeigt, dass ich eine wichtige Rolle eingenommen und mit meinen Toren und Vorlagen Einfluss auf unseren Erfolg hatte. Wenn man das dann im TV sieht, ist man natürlich stolz.

Zeig denen mal, was es heißt, eine kölsche Jung zu sein.

Hennes Weisweiler zu Pierre Littbarski

Welche WM-Erinnerungen sind Dir besonders im Kopf geblieben?
Mein erstes WM-Spiel gegen Algerien. Damals ist Hennes Weisweiler extra nach Spanien gereist und hat mir noch die Worte zugerufen: ’Junge, spiel einfach wie beim FC drauf los. Zeig denen mal, was es heißt, eine kölsche Jung zu sein.’ Ansonsten war die Finalniederlage gegen Argentinien 1986 sehr prägend, weil wir nochmal rangekommen sind, es aber nicht gereicht hat. 1990 war es der Moment, als Franz Beckenbauer nach dem Titelgewinn allein über den Rasen gelaufen ist. Da wusste ich genau, was in ihm vorging. Einer seiner größten Träume war in Erfüllung gegangen.
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Du hast über die verschiedenen Anläufe gesprochen. Was entscheidet darüber, ob es am Ende zum Titel reicht?
Das sind verschiedene Kriterien: Ein guter Start, Harmonie in der Mannschaft, das Quäntchen Glück und ein gesundes Maß an Gelassenheit. Das habe ich vor allem in meinem letzten Finale gemerkt. Das kannst du natürlich erzählen, es können aber am Ende nur die anwenden, die es auch wirklich schon erlebt haben. Wenn du schon zwei Finalspiele verloren hast, weißt du einfach, was du beim nächsten Mal anders machen kannst.
Von jenem Abend, als Du Weltmeister wurdest, können Fans aktuell für den guten Zweck einige Unikate ersteigern. Worum geht es bei der Aktion?
Die Zusammenarbeit mit der Deutschen Diabeteshilfe war immer ein Herzensprojekt von Christoph Daum. Als er von der Krankheit schon gezeichnet war, hat er mich gebeten, seine Arbeit fortzuführen. Die Arbeit ist für mich ein Stück weit zur Lebensaufgabe geworden. Deshalb habe ich mir überlegt, mein letztes WM-Trikot in 1.990 Teile zu zerschneiden und sie in einer Box mit weiteren Sammlerstücken zum Kauf anzubieten. Das eingenommene Geld geht an die Stiftung der Deutschen Diabeteshilfe. Das ist rundum eine tolle Sache, wie ich finde.
Schauen wir zum Abschluss auf das Finale am Sonntag. Du hast erzählt, dass Du vor Deinem ersten WM-Finale nicht schlafen konntest. Was geht einem in diesen Momenten durch den Kopf?
In der Nacht vor dem Spiel denkst du darüber nach, dass du ein Teil der besten Mannschaft der Welt sein könntest. Du gehst durch, wie du das Spiel angehen musst, was natürlich vollkommen falsch ist. Da macht dir dein Gehirn einen Strich durch die Rechnung. Ich war schon immer ein Perfektionist und habe mir nochmal die argentinische Abwehrreihe angeschaut und mir überlegt, welche Räume bespielbar sein werden. Da gibt es viele Spieler, die so sind. In jener Nacht habe ich Klaus Fischer gefragt, ob er auch nicht schlafen kann. Der lag auch wach in seinem Bett (lacht). 1990 bin ich dann seelenruhig eingeschlafen, weil ich mich auf das Finale unheimlich gefreut habe. Da waren wir einfach selbstbewusst und waren uns sicher, dass wir jetzt dran sind, den Titel zu gewinnen.

Deshalb glaube ich, dass diese WM den König aller Zeiten nochmal krönen sollte.

Pierre Littbarski

Und wer setzt sich in diesem Jahr im Finale die Krone auf?
Ich werde Argentinien die Daumen drücken. Sie haben die Attribute, die bei uns früher gang und gäbe waren. Sei es als Team zu spielen, einen Gegner mal auszuschalten oder sich gemeinsam zu freuen. Dazu haben sie Lionel Messi in ihren Reihen. Ich habe von Pele über Maradona bis Messi alle gesehen und kann sagen, dass Messi das Beste ist, was dem Fußballuniversum passieren konnte. Maradona war über eine kurze Periode brillant, Messi hat den Fußball über 20 Jahre geprägt. Deshalb glaube ich, dass diese WM den König aller Zeiten nochmal krönen sollte.

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