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Poldi und das Sommermärchen: Zurück in die WM 2006 mit Béla Réthy
24.06.2026
Vor genau 20 Jahren ließ Lukas Podolski Deutschland jubeln. Mit seinem Doppelpack im Achtelfinale gegen Schweden schoss der damals 21-Jährige Deutschland bei der Heim-WM ins Viertelfinale. Béla Réthy kommentierte damals live für das ZDF – und erinnert sich im Interview an die Anfänge des jungen Lukas Podolski und seinen Einfluss auf das „Sommermärchen“. Er spricht über die aktuelle WM, aufgeblähte TV-Übertragungen und ordnet das RheinEnergieSTADION in seinem persönlichen Ranking der besten Stadien ein.
Herr Réthy, heute vor 20 Jahren, Deutschland spielt bei der Heim-WM im Achtelfinale gegen Schweden. Ein junger, aufstrebender deutscher Stürmer schießt zwei Tore: Lukas Podolski. Sie haben das Spiel damals kommentiert. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Béla Réthy: Sehr schöne Erinnerungen. Das war eine frische, junge, von Jürgen Klinsmann ermutigte Mannschaft. Das Sommermärchen war im vollen Gange, die drei Gruppenspiele wurden gewonnen. Ich weiß noch, dass es ein früher Anstoß und sehr heiß in der Allianz Arena war.

Nicht nur sportlich strahlte die Mannschaft etwas aus.
Das stimmt. Wir waren zum Zeitpunkt des Spiels schon alle euphorisiert, allein von dieser Stimmung in Deutschland. Die Spieler strahlten etwas Positives und Fröhliches aus. Poldi und Schweini – dieses Duo, das für irgendwelche Knabbersachen Werbung gemacht hat. Sie wurden schnell zu Kultfiguren.
Und dann macht Podolski gegen Schweden noch den Doppelpack.
Beide Tore fielen früh im Spiel, beide vorbereitet von seinem Sturmpartner Miroslav Klose, dem späteren Torschützenkönig. Die beiden unterhielten sich damals übrigens auf dem Platz auf Polnisch, weil das die gegnerischen Verteidiger nicht verstanden.
Sie haben noch sehr detaillierte Erinnerungen. Ist das bei vielen Spielen so?
Ich habe ein gutes Gedächtnis und kann mich schon noch an viele Spiele gut erinnern, bei denen ich war. Ich war übrigens auch bei Podolskis Bundesliga-Debüt im Stadion, im Verlauf der Saison 2003/2004, eine 0:1-Niederlage gegen den HSV. Den Torschützen musste ich aber tatsächlich nachschauen: Sergej Barbarez, heute Nationaltrainer von Bosnien-Herzegowina. Der FC beendete die Saison bedauerlicherweise als Tabellenletzter und stieg ab. Es war die Fahrstuhlzeit des 1. FC Köln. Und noch eine Besonderheit fällt mir zu Podolski und Debüts ein.
Wir sind gespannt.
Sein Debüt für die Nationalmannschaft, übrigens noch unter Rudi Völler, gab er am selben Tag wie Bastian Schweinsteiger. Das war in Kaiserslautern, ich war mit meinen Kindern dort. Trainer der Ungarn war Lothar Matthäus. Es ist interessant, wie manchmal große Karrieren an einem Tag beginnen. 2010 haben Thomas Müller und Toni Kroos ihr erstes Länderspiel gemeinsam gemacht.
Podolski hatte bis zur WM 2006 schon einen Kurzeinsatz bei der EM vorzuweisen, in Testspielen und beim Confed-Cup regelmäßig getroffen. War es dennoch dieses Spiel, das ihn endgültig auf die internationale Fußball-Landkarte gebracht hat?
Es war damals ein junger Spieler, aber es warenschon seine Länderspieltore 14 und 15. Da war schon viel los um den jungen Mann und der Karriereweg war geebnet. Er ist ein paar Mal gewechselt, aber ich finde es toll, wie er im Herzen seinem Heimatclub 1. FC Köln immer treu geblieben ist. Der Wechsel zum FC Bayern war im Nachhinein kein riesiger Karriereschritt. Aber wenn die Bayern locken, kann auch ein Herzenskölner nur schwer widerstehen. Er hat eine große Karriere gemacht und war ein europäischer Star. A star was born, vielleicht auch durch die beiden Treffer an diesem Nachmittag in München.
Sie haben die Kombination aus Podolski und Schweinsteiger schon angesprochen. Wie viel Einfluss hatten die beiden auf die aufkommende Euphorie beim Sommermärchen?
Sie passten ins gesamte Bild. Wir waren alle wirklich stolz auf unser Land bei diesem Turnier, wie man nationale Euphorie und Patriotismus auch positiv interpretieren kann. Das bestand aus verschiedenen Puzzleteilen: Franz Beckenbauer, das Wetter, eine junge, frische Mannschaft, der neue Bundestrainer Jürgen Klinsmann, auch wenn er davor schwer in der Kritik stand. Und dann waren da diese beiden Sympathieträger, die mit ihren Albernheiten, ihrem Wortwitz und Humor dem Ganzen auch ein bisschen die Schwere genommen haben.

Podolski, geboren in Polen, nach Deutschland eingewandert und diese Karriere gemacht – welche Rolle spielte er als Identifikationsfigur auch neben dem reinen Fußballer?
Deutschland zeigte sich von seiner weltoffenen Seite. Klose, der letzte Superstar, der keine Akademie besucht hat, war ja auch in Polen geboren. Es folgten weitere Nationalspieler mit Migrationshintergrund. Und das ist gut so, dass ein Querschnitt unserer Gesellschaft auch in der Nationalmannschaft abgebildet wird. Das war nicht immer selbstverständlich und ist es für manche leider bis heute nicht.
Aktuell kommt rund um die Nationalmannschaft nur sehr spärlich eine Euphorie auf. Wenn Sie die Stimmung von damals mit der Stimmung von heute vergleichen – was ist seitdem passiert?
Es ist klar, dass eine WM im eigenen Land etwas anderes auslöst als ein Turnier woanders. Aber heute gibt es politische Diskussionen, 2022 vor der WM in Katar genau wie jetzt mit Donald Trump. Das ist auch ein Teil der gesellschaftlichen Entwicklung, dass man sich gerade bei uns in Deutschland schwertut, Freude aufkommen zu lassen. Es wird oft nur gesehen, was nicht funktioniert. Manchmal könnten wir auch sehen, was gut funktioniert.
Hat das auch Einfluss auf die Mannschaft?
Was ich von den Kollegen vor Ort höre, soll der Geist in der Mannschaft und die Atmosphäre sehr gut sein. Scheinbar wächst da etwas zusammen. Was man auch nicht vergessen darf: 2006 gab es die sozialen Medien noch nicht so ausgeprägt. Dieses Zerstörungspotenzial, das heute ganze Gruppen spaltet. Es sind zwar relativ wenige Menschen, diese sind aber sehr, sehr laut. Das gab es damals noch nicht, da war die Welt in der Hinsicht noch ein bisschen angenehmer.
Aber wir hören raus, es ist ein Stück weit eine deutsche Eigenheit, rund um die Nationalmannschaft erst einmal skeptisch zu sein?
Ja, nach den Blamagen bei den letzten beiden Turnieren finde ich das aber auch erstmal berechtigt. Die beiden WMs mit dem Ausscheiden nach der Gruppenhase gaben keinen Grund zur Vorfreude. Und dann gibt es die Detailfragen. Die Torwartdiskussion wurde überflüssig ausgelöst, ich finde, Kimmich ist auf der Rechtsverteidigerposition nicht gut aufgehoben. Dazu die Diskussionen um Deniz Undav. Das wird es aber immer geben. Und manche Schlaumeier sagen, man hätte versuchen sollen, Zweiter in der Gruppe zu werden, um Frankreich erst mal aus dem Weg zu gehen…
Das ist definitiv nicht das Denken einer Gewinnermannschaft.
Ganz genau. Und dann wurde Nagelsmann kritisiert, dass er den Titel als Ziel ausgegeben hat. Ja was soll er denn sonst sagen? Soll er sagen, wir sind zufrieden mit dem Viertelfinale und dann war es ein schönes Turnier? Wir sind viermaliger Weltmeister. Deutschland kann jede Mannschaft schlagen, kann aber auch von fast jeder geschlagen werden – das ist das Problem.
Wie verfolgen Sie die aktuelle WM? Schauen Sie die Spiele bis in die Nacht hinein oder beschränken Sie sich auf die Highlightspiele und die Zusammenfassungen?
Nein, ich bin schon ein Live-Mensch. Die Mitternachtsspiele habe ich meistens noch gesehen. Die 3-Uhr-Spiele noch nicht, aber die Partien um 5 oder 6 Uhr morgens schaue ich wieder. Ich habe an zehn Weltmeisterschaften teilgenommen, bei zwei als Redakteur und bei acht als Kommentator, 1994 das erste Mal. Die WM war natürlich immer das Highlight meiner beruflichen Laufbahn und ich bin immer noch Fan.
Fehlt es Ihnen manchmal, die Spiele zu kommentieren?
Manchmal ist ein bisschen Melancholie dabei, wenn man das erste Mal seit 1986 nicht bei einer WM ist. Man kennt die Kolleginnen und Kollegen und weiß genau, wie ihre Tagesabläufe sind. Man denkt so, es hat etwas von Endlichkeit. Es war eine schöne Zeit. Es wäre aber auch unlogisch, wenn ich nicht etwas Wehmut fühlen würde. Sonst hätte ich den Job nicht mit Herzblut gemacht.
Die Übertragungsrechte werden auch bei der WM vielfältiger, neben den Öffentlich-Rechtlichen überträgt auch MagentaTV mit einem prominenten Aufgebot um Jürgen Klopp und Thomas Müller. Belebt Konkurrenz das Geschäft?
Ich finde die Zerfaserung ein bisschen viel, aber da geht es natürlich um Refinanzierung, weil die Kosten für die Rechte so horrend sind, dass es gar keine andere Möglichkeit mehr gibt, als sie zu verteilen. Solange der Kunde das mitmacht, die Stadien voll sind und die Abos verkauft werden, haben diejenigen Recht, die damit Geld verdienen wollen, wir sind im Kapitalismus. Ich befürchte nur, dass die Leute irgendwann die Schnauze voll haben, weil sie gar nicht mehr durchblicken.

Wie sieht es für den Kommentator aus?
Für den Reporter verändert sich gar nichts. Man sitzt im Stadion, kriegt das rote Licht und einer ruft: Ab. Und dann wird ein Fußballspiel kommentiert.
Zudem gibt es dieses Mal bei der WM mehr Teams und damit mehr Spiele…
Das Feld ist aufgebläht, das ist einerseits richtig. Aber wenn man sich diese Mannschaften wie die Demokratische Republik Kongo, den Iran oder Curaçao anschaut: Diese kleinen Mannschaften beleben das Geschäft. Es ist ein aufgeblähtes Feld für große Nationen wir Brasilien, Deutschland oder Frankreich. Aber dieser Blick ist ein bisschen eurozentristisch. Lass sie doch auch mal an der WM teilnehmen. Bei der WM in Katar hieß es, es sei die erste WM im Winter. Ja, in Europa war Winter, aber in Australien, Südamerika oder Katar war Sommer. Deshalb ist der Blick ein bisschen eingeengt.
Gibt es eine Kombination aus Moderator, Experten und Kommentator, die Sie besonders mögen?
Namen möchte ich nicht nennen. Aber ich achte natürlich auch auf das Handwerkliche, und da machen alle einen guten Job, sind auf den Punkt gut vorbereitet. Das muss man allerdings auch erwarten können. Der Rest ist dann Geschmackssache.
Was ist Ihr Tipp für den WM-Titel?
Ich hoffe auf Deutschland, als zweites auf England mit Thomas Tuchel. Aber ich glaube, es wird Frankreich.
Sprechen wir noch einmal über Lukas Podolski. Er hat kürzlich, 20 Jahre nach dem Sommermärchen, seine Karriere beendet. Wie ordnen Sie seine Laufbahn ein?
Großartig. Er hat noch einen Titel geholt in seinem Geburtsland, ein total emotionales Ende. Und genau das verbinde ich mit Poldi: Emotionen, Emotionen, Emotionen. Er war kein typischer Profi, er hatte einfach immer Bock, Fußball zu spielen. Er ist immer der junge Lukas geblieben, der gerne gegen den Ball tritt und hat sich diese Seele für den Fußball bewahrt.
Podolski hat international viel erlebt, in fünf Ländern den Pokal gewonnen, für Weltvereine wie Arsenal oder Inter Mailand gespielt. Dennoch ist er irgendwo immer der Kölsche Jung geblieben. Ist das ein Grund, warum er so viele Sympathien erhalten hat?
Ja. Er wurde ein Star, hat sich seine Bodenständigkeit und die Liebe zu dem, wo er herkommt, immer bewahrt. Er hat auf allen Stationen gesagt, dass er Kölner sei. Er hatte nie irgendwelche Allüren. Dazu kommt dieses positive Auftreten.

Was hat er aus Ihrer Wahrnehmung heraus für die Außendarstellung Kölns und des FC getan?
Poldi hat einiges dafür getan, dass das Wort Köln immer wieder fällt. Er ist nicht so groß wie der Dom, wird aber auch sehr hoch angesehen. Er ist ein toller Botschafter für die Stadt und den Verein. Und würde er als Bürgermeister kandidieren, würden ihn die Menschen wahrscheinlich auch wählen (lacht).
Der FC steht vor dem zweiten Bundesliga-Jahr nach dem Wiederaufstieg. Wie blicken Sie von außen drauf und welche Entwicklung trauen Sie dem FC mittelfristig zu?
Ich bin Traditionalist und blicke mit großer Sympathie auf den FC, den ersten Bundesliga-Meister. Zur Corona-Zeit hatten wir nichts zu senden und haben eine kleine Reihe aufgelegt, die Geschichte der Bundesliga-Meister. Damals haben wir mit dem 1. FC Köln angefangen. Ich habe ein langes Gespräch mit Wolfgang Overath geführt, mit Wolfgang Weber, mit Karl-Heinz Thielen in dessen Garten. Toni Schumacher kenne ich gut. Die Geschichte mit den schneeweißen Trikots, das Real Madrid des Westens. Der FC war immer ein Verein, der die Herzen bewegt hat. Ich glaube, Thomas Kessler macht einen guten und pragmatischen Job. Ich bin gespannt, was die neue Saison bringt, meine Sympathien hat der Club. Der FC tut der Bundesliga gut, wir haben ein bisschen zu wenige Traditionsvereine.
Sie haben in Ihrer Laufbahn in vielen Stadien kommentiert. Wo ordnet sich das RheinEnergieSTADION in Ihrem Ranking ein?
International steht Celtic Glasgow auf Platz eins, das ist einfach eine fantastische Atmosphäre. In Deutschland bin ich bei der Frankfurter Eintracht zu Hause. Aber der 1. FC Köln kommt nicht weit dahinter, ich war immer sehr, sehr gerne dort. Es gab Zeiten, da waren die Gesänge schöner als der Fußball, die Atmosphäre war immer sensationell in Müngersdorf. Köln ist unter meinen Top fünf auf jeden Fall dabei.
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