
Schiele und Ruthenbeck: Nicht gesucht, aber gefunden
20.08.2026
Michael Schiele hat Mitte März zum zweiten Mal als Trainer bei den Würzburger Kickers übernommen und stieg am Ende über die Relegation in die 3. Liga auf. Besondere Zeiten verbinden ihn auch mit FC-U19-Trainer Stefan Ruthenbeck, beide bildeten in Aalen und Fürth ein Trainerteam. Die Freundschaft ist bis heute geblieben. Im Interview sprechen beide über ihr Verhältnis, gemeinsame Erlebnisse und das DFB-Pokalspiel am Montagabend zwischen den Kickers und dem FC.
Michael und Ruthe, man spürt vom ersten Moment an, dass Euch ein besonders Verhältnis verbindet. Wie intensiv ist Euer Austausch auch rund zehn Jahre nach der gemeinsamen Zusammenarbeit noch?
Stefan Ruthenbeck: Das ist wirklich besonders. Wir arbeiten seit zehn Jahren schon nicht mehr zusammen, aber der Kontakt ist nie abgebrochen. Das sieht im Alltag so aus, dass Micha schon mal ein U19-Spiel besucht, wenn wir in der Nähe seiner Heimat spielen. Und ich habe mir Spiele von ihm angeschaut, wenn er hier in Köln gespielt hat. Dazu telefonieren wir unregelmäßig regelmäßig (lacht).
Michael Schiele: Unregelmäßig regelmäßig trifft es ganz gut. Mal ist es mehr, mal weniger. Aber auch wenn wir uns mal länger nicht hören, ist es sofort wieder so, wie es immer war, als würden wir uns jeden Tag sehen. Es ist ein inniger Austausch, wir reden uns aber schon auch mal blöd an und sind für einen Spaß zu haben.
Ruthe sagt, Ihr sprecht über Spieler. Was sind sonst Themen? Geht’s auch um die Familie?
Ruthenbeck: Ja, klar. Also Micha kennt jeden aus meiner Familie und ich kenne seine Familie. Zur Aalener Zeit, als ich als Auswärtiger dazu kam und meine Familie weiter in Linz gewohnt hat, hat er mich oft zu sich nach Hause eingeladen, wir haben gegrillt und ein paar Bierchen getrunken. Deshalb kenne ich natürlich seine Söhne und seine Frau. Wir haben also schon diesen privaten Draht. Was ich sagen muss: Micha denkt ein bisschen mehr an meinen Geburtstag als ich an seinen. Aber er ist auch nie sauer, wenn ich seinen Geburtstag mal wieder vergessen habe (lacht).
Schiele: Unsere Kids sind auch ungefähr im gleichen Alter. Deshalb haben die sich auch immer mal getroffen und man konnte sich austauschen, wie es gerade in der Schule läuft zum Beispiel.
Und wie läuft der Austausch zu sportlichen Themen?
Ruthenbeck: Wir tauschen uns beispielsweise über Spieler aus. Ich kenne die jungen Spieler hier in der Region gut und da haben wir einen klaren Austausch.
Gibt es ein konkretes Beispiel eines Tipps von Ruthe für einen Spieler, der dann in Würzburg durchgestartet ist?
Schiele: Vincent Müller fällt mir da auf Anhieb ein. Der kam direkt aus der FC-Jugend, stand dann bei unserem Aufstieg 2020 im Tor und wir haben ihn anschließend zur PSV Eindhoven verkauft. Das war schon ein Top-Tipp.
Ruthenbeck: Micha fragt schon mal nach Spielern, die hier aus der Region kommen und möchte eine Einschätzung, das betrifft gar nicht in erster Linie die Spieler des FC. Und dann kann es auch mal wichtig sein zu sagen: Mach es besser nicht.

Gehen wir zurück ins Jahr 2013, als Eure gemeinsame Reise begonnen hat. Kann man drüberschreiben: Nicht gesucht, aber gefunden?
Schiele: Das kann man so stehen lassen.
Ruthenbeck: Was bei uns beiden besonders war: Wir waren immer auf Augenhöhe. Micha hatte schon ein bisschen länger im Profifußball stattgefunden, ist als Co-Trainer mit Ralph Hasenhüttl aus der dritten in die zweite Liga aufgestiegen. Und so haben wir uns immer auf Augenhöhe gesehen. Micha wusste, wo er mich machen lassen muss, und ich wusste, wo Micha dann seine Stärken hat. Wie wichtig Micha für mich war, habe ich später noch gespürt.
Wann war das?
Ruthenbeck: Im zweiten Fürth-Jahr hat mir Micha wirklich gefehlt, besonders bei schwierigen Themen. Er hat parallel zum Co-Trainer-Amt den Fußballlehrer gemacht und war nicht immer da. Deshalb war die Entwicklung sehr schade, denn wir waren beide noch nicht fertig in Fürth, als wir freigestellt worden sind. Es gab viele Gründe dafür, warum es nicht funktioniert hat – wobei, irgendwie hatte es trotzdem funktioniert, wir lagen auf Platz 13 oder 14.
Was waren die Themen, bei denen er besonders gefehlt hat?
Ruthenbeck: Auf jeden Fall im Austausch, er war kein klassischer Co-Trainer für mich.
Schiele: Wenn es vielleicht mal nicht so läuft, wirst du als Trainer vom Verein ja auch mit Dingen konfrontiert. Dann brauchst du auch mal einen Puffer, wo du auch mal etwas sagen kannst, was du nur dieser Person sagst oder vielleicht noch zu Hause der Frau.
Ein so vertrauensvolles Verhältnis entwickelt sich oft erst über eine gewisse Zeit. War es von Euch von Tag eins an da?
Ruthenbeck: Das war sofort da. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sich das groß entwickeln musste. Es gab schon eine Phase, als Ralph Hasenhüttl eine schwere Viruserkrankung hatte, da haben wir zusammen die Vorbereitung gemacht. Da war Micha der Cheftrainer und ich habe ihn unterstützt. Da haben wir schon gemerkt: Sollte es mal zu dieser Konstellation kommen, dann kann das funktionieren.
Schiele: Genau, wir kannten uns schon und das Verhältnis war von Anfang an top. Und jeder wusste, wo seine Themen liegen. Stefan hatte den Fußballlehrer schon, ich damals noch nicht. Ich war ein bisschen wilder, Stefan war strukturierter und klarer. Er hat mir viel mitgegeben, was mir dann auch beim Fußballlehrer geholfen hat. Also nicht nur Freund und Kumpel, sondern auch ein Mentor, von dem ich viel mitgenommen habe.
Hast Du, Ruthe, früh erkannt, dass Michael auch Cheftrainer kann?
Ruthenbeck: Das war für mich von Anfang an klar. Wenn Micha bei unserem Start den Fußballlehrer schon gehabt hätte, als Ralph Hasenhüttl weggegangen ist, wäre er auch eher schon der Cheftrainer geworden. Mein Traum war auch gar nicht unbedingt, im Profifußball zu arbeiten, sondern immer schon mehr im Nachwuchsbereich. Mein Wunsch in Fürth war, dass ich das noch ein, zwei Jahre gemacht hätte und dann Micha übernimmt. Für mich war klar, dass ich wieder nach Köln möchte, dass ich mehr in der Ausbildung arbeiten will. Micha war schon immer mehr für den Herrenfußball gemacht. Im Profifußball geht es sehr ergebnisorientiert zu, da ist Micha stärker als ich.
Schiele: Vielleicht ein bisschen pragmatischer. Das habe ich auch gelernt über die Zeit. Es geht nicht immer nur um den schönsten Fußball, sondern vor allem um das Ergebnis.

Der Fußball ist ein sehr schnelllebiges Geschäft. Ist es besonders, dass sich aus der gemeinsamen Zeit eine solche Freundschaft entwickelt hat?
Ruthenbeck: Das zeigt sich dann immer nach der gemeinsamen Zeit. Viele Trainer, Staffs und Teams haben ein tolles Gefühl miteinander. Aber in dem Fall, wenn du zehn Jahre später immer noch einen solchen Kontakt hast, dann sagt das schon viel aus. Und ich habe mich damals so gefreut, als Micha morgens um 11 Uhr bei fünf Grad auf dem Kunstrasen zu unserem U19-Spiel in Heidenheim gekommen ist.
Schiele: Jeder ist nach unserer Zeit seinen eigenen Weg gegangen und trotzdem ist der Austausch immer geblieben. Das ist viel wert und ich freue mich einfach, dass es so ist. Und wir haben in unserer Zeit viel erlebt.
Ruthenbeck: Höhen und Tiefen. Gerade das erste Aalen-Jahr war sehr besonders. Im zweiten Jahr waren wir nicht so erfolgreich und sind am Ende abgestiegen. Aber keiner wollte uns gehen lassen. Sie haben um uns gekämpft. Ich habe in dem zweiten Jahr so viel gelernt. Es war eine besondere Zeit und es hat uns echt wehgetan zu gehen.
Welche Momente haben Eure gemeinsame Zeit geprägt?
Ruthenbeck: Ich wusste, dass diese Frage kommt und habe mich vorbereitet (lacht). Da nenne ich natürlich die Derbysiege. Mit Aalen in Heidenheim oder mit Fürth gegen Nürnberg. Das erste Derby haben wir in Fürth gewonnen, das war überragend. Dann das Weiterkommen im Pokal gegen Mainz. Und ich habe den Heimsieg gegen Kaiserslautern im Kopf, am fünften Spieltag im ersten Aalen-Jahr. Wir hatten schon einige coole Spiele. Wir haben nie in Leipzig verloren, haben einige Male dort gespielt mit Aalen und Fürth. Weißt du noch, als wir auf St. Pauli 3:0 gewonnen haben?
Schiele: Ohja, das war geil.
Ruthenbeck: Mit Manuel Junglas im Mittelfeld, Michael Klauß, Sascha Traut, Joel Pohjanpalo. Und dann am vorletzten Spieltag gewinnen wir 3:0 daheim gegen Union, Uwe Neuhaus war Trainer. Und wir haben eine Strafe bekommen. Weißt Du noch wofür?
Schiele: (überlegt) Nein.
Ruthenbeck: Das Spiel wurde zu spät angepfiffen, weil 14 Spieler verabschiedet worden sind. Uwe Neuhaus kam irgendwann und sagte zu mir: Wie lang geht das hier noch? Wir mussten nach dem Jahr fast alles abgeben.
Schiele: Ich kann mich noch erinnern, als es in Wolfsburg im Pokal 0:0 steht und der Klaußi von der Mittellinie allein auf den Torwart zuläuft.
Blicken wir ins Hier und Jetzt. Der eine schafft mit Würzburg den Aufstieg, der andere holt mit der FC-U19 Titel und füllt das RheinEnergieSTADION. Wie intensiv verfolgt Ihr den jeweils anderen?
Schiele: Was Stefan mit den Meisterschaften und Finalteilnahmen macht – da ist er natürlich der Titelsammler des FC. Auch wenn er begehrt bei anderen Vereinen ist, glaube ich, macht ihm das einfach richtig Spaß, die Talente auszubilden. Es spricht für ihn, wie lange er im Verein ist. Ich muss sagen, dass ich nicht jede Woche auf das Ergebnis schaue, aber ich verfolge das schon sehr interessiert.
Ruthenbeck: Das hört Micha jetzt vielleicht nicht gerne. Aber er hat so viele Aufstiege geschafft und viele Erfolge gefeiert, normalerweise müsste er so viele Angebote haben jedes Jahr. Wenn du aus der dritten in die zweite Liga aufsteigen willst, dann auf jeden Fall. Wenn ich Ergebnisse nachgucke, ist das Team von Micha immer eines der ersten, auf das ich schaue. Ab und zu schicke ich ihm dann auch eine Glückwunsch-Nachricht, wenn ich weiß, dass es für ihn ein wichtiges Spiel war. Micha ist gut darin, Spiele zu gewinnen.
Das soll als Fußballtrainer nicht von Nachteil sein.
Ruthenbeck: Ja, aber man kann es auch anders angehen und noch mehr Fokus auf die Entwicklung der einzelnen Spieler legen. Das macht Micha auch, aber ich bin überzeugt, dass es kein Zufall ist, dass er jetzt mit Würzburg wieder aufgestiegen ist. Die haben es die Jahre davor ja auch probiert. Dann kommt der Micha, ist ein paar Wochen da und steigt auf.
Michael, Du bist schon das zweite Mal als Trainer in Würzburg. Warum gefällt es Dir dort so gut?
Schiele: Ich bin ehrlich: Ich konnte es mir lange nicht vorstellen. Würzburg hat schon länger versucht, mich wieder zu holen. Als Nürnberg II den Verzicht auf den Aufstieg erklärte hatte, habe ich mich ein bisschen mehr damit befasst und nachdem die Verantwortlichen nicht lockergelassen haben, habe ich zugesagt. Mir gefällt es hier. Der Verein ist ein bisschen kleiner, die Stadt ist super, ich fühle mich sehr wohl. Beide Seiten wissen, was sie aneinander haben. Wir können hier etwas entwickeln. Wir haben nicht so viele Mitarbeiter wie andere Vereine, aber die geben richtig Gas.
Wie sehen Eure Bedingungen in Würzburg aus?
Schiele: Wir haben ein Top-Team drumherum. An den Strukturen hat sich in den letzten Jahren, seit ich weg war, nicht viel verändert. Auch der Dalle, unser Stadion, ist noch so wie damals, auch die Trainingsbedingungen, wo auch die Jugend trainiert. Wir sind hier in Containern. Aber es wird auch investiert in Plätze, in ein Funktionsgebäude. Das ist auch wichtig, sonst kannst du zwar mal ein bisschen oben bleiben, wirst aber irgendwann auch wieder runterfallen. Es ist ein Ansporn, das hier gemeinsam zu entwickeln.
In die aktuelle Saison seid Ihr mit vier Punkten aus zwei Spielen gestartet. Damit kann man als Aufsteiger zufrieden sein, richtig?
Schiele: Ja. Ingolstadt ist dieses Jahr eine Top-Mannschaft, die waren sehr sauer, dass sie nur ein 2:2 gegen uns geholt haben. Dann ist der Punkt umso wertvoller für uns. Wir hatten fünf, sechs Debütanten dabei, die noch nie 3. Liga gespielt hatten. Das hat man in der ersten Halbzeit auch gemerkt, die Abstimmung hat noch nicht so gepasst, wir haben ein bisschen ängstlich gespielt. Im zweiten Spiel sind wir acht, neun Minuten schlecht reingekommen, dann war es aber auch eine gute Leistung, wieder gegen eine Top-Mannschaft, die ausgegeben hat, dass sie aufsteigen will. Von daher sind wir mit vier Punkten absolut zufrieden.

Ruthe, wie sehr muss sich der FC in Acht nehmen für diesen Kickers, die schon voll im Spielbetrieb sind und mit Selbstvertrauen antreten?
Ruthenbeck: Was ich weiß: Micha wird sich etwas einfallen lassen. Der FC ist der Favorit, klar. Würzburg braucht einen sehr guten Tag und muss über sich hinauswachsen. Ich weiß, dass der Micha das kann und es für uns auch sehr unangenehm werden könnte. Von daher müssen wir auf jeden Fall aufpassen und dürfen gar nichts unterschätzen.
Mit welcher Einstellung geht Ihr in das Duell, Michael?
Schiele: Keiner geht in das Spiel und sagt: Wir wollen gut spielen und verlieren. Wir wollen Paroli bieten, vielleicht lassen wir uns das eine oder andere einfallen. Wir wissen um die Stärken des FC, der klarer Favorit ist. Trotzdem haben wir ein Heimspiel, Pokal, erste Runde. Das Stadion ist ausverkauft. Ich freue mich darauf.
Es wird das allererste Aufeinandertreffen der beiden Clubs in einem Pflichtspiel. Was muss der Kölner über die Kickers wissen?
Schiele: Dass unser Präsident des e.V. absoluter FC-Fan ist. Die ganze Familie ist da ganz verrückt nach dem FC. Aber ich weiß, dass sein Herz am Montag auch für seine Rothosen schlagen wird.
Der Pokal ist ein ganz besonderer Wettbewerb. Welche Erinnerungen habt Ihr daran?
Ruthenbeck: Mit Fürth der Sieg gegen Mainz war schon besonders und ist bei mir hängen geblieben. Die nächste Runde wäre gegen Gladbach gewesen. Da durften wir leider nicht mehr, weil wir davor freigestellt worden sind. Micha und ich konnten in der Verbindung diese „Finalspiele“. Das ist das Besondere: Es ist ein Spiel, da kann so viel passieren. Ich bin auch nicht gerne in der Favoritenrolle, sondern lieber in dieser Jägerrolle. So sind wir mit der U19 auch Deutscher Meister geworden. Da gab es qualitativ bessere Mannschaften. Aber wir haben es als Mannschaft dennoch geschafft. Ich fühle mich in der Rolle sehr wohl und ich weiß – der Micha auch.
Schiele: Als ich das erste Mal hier Trainer war, haben wir auch am Dalle gegen Hoffenheim gespielt. Wir sind in die Verlängerung gekommen, sind über uns hinausgewachsen, sind dann im Elfmeterschießen ausgeschieden. Aber wie wir in den Pokal eingezogen sind: Im Viertelfinale im bayerischen Pokal durch ein ganz, ganz schlechtes Spiel in Illertissen. Da schießen wir im Elfmeterschießen an die Latte, der Ball springt dem Torwart an den Rücken und geht rein… Auch in Braunschweig hatte ich tolle Spiele, da sind wir gegen Hertha weitergekommen. Dann hatten wir ein Nachbarschaftsduell gegen Wolfsburg. Das sind super Spiele, die Fans gehen voll mit.















