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Vincent Müller: „Wenn ich Tommi höre, bekomme ich Gänsehaut“
23.08.2026
Zwölf Jahre lang spielte Vincent Müller für die FC-Akademie. Danach führte ihn sein Weg über Würzburg und Eindhoven nach Dänemark. Im Gespräch vor dem Pokalspiel zwischen seinen Ex-Clubs Würzburg und FC erzählt der Torhüter von einer ungewöhnlichen Karriere, einer Aufstiegsansage, die zunächst niemand ernst nahm, einem Frühstück neben Mario Götze – und davon, warum er manchmal einfach nur den Kölner Dom sehen möchte.
Vincent, wenn der 1. FC Köln auf die Würzburger Kickers trifft, spielen zwei Deiner ehemaligen Vereine gegeneinander. Wie besonders ist das für Dich?
Vincent Müller: Schon sehr besonders. Ich bin natürlich ganz klar für den FC. Ich war von meinem sechsten bis zu meinem 19. Lebensjahr beim Verein, habe dort praktisch meine gesamte Jugend verbracht. Und auch vorher war der FC durch die Familie schon immer mein Verein. Würzburg war meine erste richtige Station im Männerfußball – und ebenfalls eine unglaublich prägende Zeit. Ich bin von der für mich schönsten Stadt Deutschlands in die zweitschönste gegangen. Würzburg ist eine tolle Stadt und der Verein ist extrem familiär.
Wie intensiv verfolgst Du den FC noch?
Die FC-Spiele schaue ich bis heute, wenn es zeitlich passt. Und ich bin dann auch emotional dabei. Wenn eine große Chance vergeben wird, regt mich das auf, als würde ich selbst auf dem Platz stehen (lacht).
Deine Zeit beim FC begann als Feldspieler. Torwart wurdest Du eher durch einen Zufall.
Ja, so kann man das sagen. Ich hatte damals mit zehn oder elf Jahren Probleme mit beiden Knien und konnte lange nicht spielen. In dem Alter verstehst du noch nicht wirklich, was das bedeutet. Ich habe mich nur gefragt: Warum kann ich nicht spielen? Wir hatten damals in der Mannschaft noch keinen festen Torwart und haben durchgewechselt. Dann kam die Frage, ob ich es nicht dauerhaft im Tor versuchen möchte. So bin ich in diese Position hineingerutscht. Im Nachhinein war das mein Glück. Und der FC hat mich in dieser Zeit unglaublich unterstützt. Später haben mich vor allem Torwarttrainer wie Tetsuo Taguchi oder Alex Kynaß enorm geprägt. Ich durfte irgendwann auch bei den Profis mittrainieren – damals mit Thomas Kessler und Timo Horn. Als junger Spieler war das völlig verrückt.

Gab es in Deiner FC-Zeit neben der Verletzung weitere Rückschläge, aus denen du besonders viel mitgenommen hast?
In meinem ersten A-Jugend-Jahr saß ich zum Beispiel erst einmal auf der Bank. Das war für mich ungewohnt, weil ich vorher immer gespielt hatte. Aber genau daraus lernt man auch: Wie gehe ich mit Rückschlägen um? Was mache ich, wenn es nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe? Im zweiten A-Jugend-Jahr hatten wir dann unter Stefan Ruthenbeck eine überragende Saison. Am letzten Spieltag haben wir durch ein 0:1 gegen Leverkusen die Qualifikation für die Meisterschaftsendrunde verpasst. Das hat sich damals furchtbar angefühlt. Aber wir haben danach noch den Mittelrheinpokal gegen Leverkusen gewonnen. Stefan Ruthenbeck hat uns super auf den Männerfußball vorbereitet. Er ist nicht nur taktisch ein hervorragender Trainer, sondern auch menschlich. Er weiß, wie er Spieler anpacken muss.
2019 bist Du dann nach Würzburg gegangen – das erste Mal richtig weg von zu Hause. Wie war das?
Am Anfang war ich in einer Art Spielerhaus untergebracht. Wir haben es alle „Haus Anubis“ genannt. Es sah wirklich ein bisschen so aus und war ein bisschen gruselig. Für mich war das eine komplette Umstellung. Plötzlich musste ich selbst Wäsche waschen, einkaufen, kochen, putzen. Und dann ist kurz nach meinem Wechsel mein Opa plötzlich gestorben. Er war eine der wichtigsten Personen in meiner Familie. Ich war gerade zum ersten Mal von zu Hause weg und bekam nach wenigen Wochen diese Nachricht. Der Verein hat mich sofort unterstützt und gesagt, ich solle mir alle Zeit nehmen, die ich brauche. Aber ich wollte auch schnell wieder zurück. Ich wollte zeigen: Ich bin da. Diese Zeit hat mich extrem schnell erwachsen gemacht.
Auch sportlich wurde Würzburg dann zu einer besonderen Geschichte. Schon damals war der heutige Trainer Michael Schiele Euer Coach.
Michael ist menschlich eine absolute Eins. Er ist aber auch vollkommen verrückt – im positiven Sinne. Wir standen damals vor der Corona-Unterbrechung auf Platz 15. Es ging eigentlich nur darum, irgendwie über dem Strich zu bleiben. Dann kam das Teammeeting vor dem Neustart. Michael zeigte eine Präsentation, darauf war eine Leiter zu sehen. Und dann sagte er: „Wir klettern die Leiter jetzt hoch und steigen auf.“ Wir saßen alle da und wussten überhaupt nicht, was wir dazu sagen sollten. Aber er hat nie von seiner Idee abgelassen. Nach dem Restart haben wir plötzlich angefangen, alles zu gewinnen. Irgendwann haben wir uns selbst gefragt: Wie geht das eigentlich? Wir waren irgendwann in einem richtigen Rausch.
Was war das Besondere in dem Moment?
Michael hat es geschafft, diese Mentalität in die Mannschaft zu bekommen. Er konnte auch die Spieler mitnehmen, die nicht gespielt oder es nicht einmal in den Kader geschafft haben. Die sind dennoch von draußen voll mitgegangen. Das habe ich selten erlebt. Für mich war das bis heute eine der besten Mannschaften, in denen ich gespielt habe – nicht wegen der einzelnen Spieler, sondern wegen der Atmosphäre. Jeder hat jedem alles gegönnt.
Wie waren Eure Bedingungen?
Die Bedingungen waren damals natürlich nicht mit denen beim FC zu vergleichen. Unser Trainingsgelände war sehr überschaubar. Teilweise haben wir auf gemieteten Plätzen trainiert. In der Nähe gab es eine Turnhalle und einen Kraftraum, den eigentlich ein Gewichtheberverein nutzte. Es wurde erzählt, dass früher auch Dirk Nowitzki, der ja gebürtiger Würzburger ist, dort trainiert hat. Und die Kabinen im Stadion waren so klein, dass sich beim DFB-Pokalspiel gegen Hoffenheim ein Teil der gegnerischen Mannschaft in einer angrenzenden Boxhalle umziehen musste. Da wurden einfach Stühle hingestellt.

Dein Profidebüt hast Du gegen 1860 München gefeiert – an einem Montagabend.
Das war schon besonders. Würzburg kann wirklich unangenehm werden, wenn das Stadion voll ist. Auch die Fans von 1860 waren super. Wir haben 2:1 gewonnen. Ich habe kurz vor Schluss noch einen Ball gehalten und durfte mir danach ungefähr sechs Minuten lang anhören, was Sascha Mölders von mir hält (lacht). Nach dem Spiel kam er dann aber direkt zu mir. Ein super Typ. Auf dem Platz geht es eben manchmal heiß her.
Nach dem Aufstieg ging es für Dich dann nach Eindhoven.
Eigentlich wollte ich gar nicht weg, sondern in Würzburg Stammspieler in der 2. Liga werden. Dann gab es aber einige Entwicklungen im Verein und plötzlich war vieles anders. Kurz vor dem ersten Saisonspiel kam Michael Schiele zu mir und sagte, dass ich nicht spielen würde. Ich hatte das Gefühl, dass er mir das selbst eigentlich gar nicht sagen wollte, sondern dass es von anderer Stelle vorgegeben war. Und so kam Eindhoven auf den Tisch.
Ausland, ein großer Club - wie war die Umstellung für Dich?
Dort war dann plötzlich alles eine Nummer größer. Ich kam aus meiner kleinen Wohnung in Würzburg und bekam auf einmal Häuser zur Auswahl geschickt. Am Ende wohnte ich allein in einem riesigen Haus mit Garten und Garage – weil das in Eindhoven günstiger zu mieten ist als eine Wohnung. Und dann sitzt du drei Wochen später beim Frühstück neben Mario Götze, der Deutschland zum WM-Titel geschossen hatte, als ich 14 war. Ich dachte mir nur: Was passiert hier eigentlich? Dazu kamen Spieler wie Cody Gakpo, Noni Madueke, Philipp Max und viele andere. Bei den ersten Torschussübungen dachte ich teilweise: Ich habe überhaupt keine Chance. Irgendwann merkst du dann: Die anderen Torhüter haben bei manchen Schüssen auch keine Chance. Du musst manchmal einfach spekulieren und hoffen, dass du richtig liegst.

Dann hattest Du Corona.
Wir hatten eine große Corona-Welle in der Mannschaft. Bei mir hat das meine Lungenfunktion um 20 Prozent verringert. Während der Erkrankung selbst ging es mir eigentlich gut. Aber als ich wieder trainieren wollte, bin ich bei den ersten Laufeinheiten fast zusammengebrochen, weil ich keine Luft mehr bekommen habe. Es hat ungefähr zwei Monate gedauert, bis ich wieder richtig fit war. Mein Immunsystem war danach völlig durcheinander. Immer wenn ich wieder belastbar war und Gas gegeben habe, wurde ich direkt wieder krank. Bis heute habe ich auch manchmal Probleme, mich an Dinge zu erinnern. Dazu kam die Einsamkeit. Wegen Corona konnte meine Familie nicht einfach kommen. Ich saß an Weihnachten allein in meinem Haus und habe per Video mit meiner Familie telefoniert. Irgendwann wollte ich einfach wieder näher nach Hause. Trotzdem war Eindhoven eine unfassbare Erfahrung. Ich habe dort auf einem Niveau trainiert, das mich enorm weitergebracht hat.
Nach einer Zwischenstation in Duisburg spielst Du nun schon seit zwei Jahren in Aalborg in Dänemark. Was ist dort besonders?
Die Lebensqualität. Wirklich. Du verstehst irgendwann, warum die Dänen mit als die glücklichsten Menschen gelten. Viele Menschen gehen morgens in die Arbeit und sind um 15.30 Uhr wieder zu Hause. Es gibt keine Post mehr, alles läuft digital ab. Wenn du nach Dänemark kommst, gehst du zum Amt und bekommst eine Karte mit einer Nummer – über diese läuft dann wirklich alles. Für mich war das eine Umstellung. Ich habe zum Beispiel Winterreifen gekauft und mehrfach nach einer Rechnung gefragt. Es kam aber keine, deshalb konnte ich sie noch nicht bezahlen. Oder wir brauchten einmal am Wochenende dringend etwas und haben unserer Managerin geschrieben. Die Antwort kam Montagmorgen: „Sorry, mein Handy ist am Wochenende aus. Da arbeite ich nicht.“ Als Deutscher muss man sich daran erst einmal gewöhnen.
Wie ist der Fußball in Dänemark?
Die besten Mannschaften wie Kopenhagen oder Brøndby könnten in der Bundesliga mitspielen. Danach würde ich vieles ungefähr mit gutem Zweitliga- oder Drittliga-Niveau vergleichen. Die Fankultur ist ebenfalls interessant. Bei uns in Aalborg gibt es eigentlich eine gute Stimmung, aktuell protestieren die Fans aber wegen unseres Investors. Was mich überrascht hat: Es gibt teilweise kaum Sicherheitskontrollen. Meine Frau und meine Eltern waren im Stadion und sagten hinterher: „Ich habe einfach mein Ticket gezeigt und konnte rein.“ In vielen Stadien kannst du während des Spiels sogar problemlos auf die andere Seite gehen, wenn dort bessere Plätze frei sind.
Wie ist Deine Bindung zu Köln?
Ich würde am liebsten alle paar Wochen nach Hause fahren. Ich frage meinen Trainer immer frühzeitig vor der Länderspielpause, wann frei ist, und buche die Reise. Fliegen ist aber durch unseren Hund kompliziert. Von Aalborg gibt es auch keinen Direktflug. Für den nächsten Besuch haben wir uns ein Auto gemietet und werden die sieben Stunden nach Hause fahren.
Was bedeutet Köln für Dich?
Manchmal sage ich zu meiner Frau: Ich möchte nur zurück in die Stadt und den Dom sehen. Für mich ist das Lied Tommi von AnnenMayKantereit etwas ganz Besonderes, schon bevor es jeder gehört hat. Ich höre es manchmal auch, wenn ich nachdenklich bin. Dann stelle ich mir vor, ich stehe am Rhein und schaue auf den Dom. Da bekomme ich Gänsehaut. Und ich glaube, das wird auch nie weggehen. Irgendwann werde ich wieder in Köln leben.















