
Kölns Straßen werden nie vergessen: Flemming Povlsen
15.08.2026
Jeder Club hat seine Legenden. Spieler, die Titel gewannen, Rekorde brachen und die erfolgreichsten Mannschaften der Vereinsgeschichte prägten. Doch was ist mit denen, die keine großen Erfolge feierten und sich trotzdem in die Herzen der Fans spielten? Im Englischen gibt es für sie einen eigenen Ausdruck: The Streets Won't Forget. Gemeint sind Fußballer, die nicht wegen ihrer Trophäen in Erinnerung bleiben, sondern wegen ihrer Art oder eines Moments, der für immer bleibt. In diesem Sommer blickt fc.de auf eine Handvoll dieser besonderen Akteure zurück. Die Straßen Kölns werden Dich nicht vergessen: Flemming Povlsen.
Ein Raunen geht durch das Müngersdorfer Stadion. Die 60.000 Fans sehen, wie die nächste Flanke vor das Gästetor fliegt. In der Mitte schraubt sich FC-Stürmer Flemming Povlsen in die Luft. Die Verteidiger können nur zusehen, wie der Ball im Tor einschlägt und der Däne ein zweites Mal zu jubeln beginnt. Nach nur 27 gespielten Minuten hat Povlsen bereits einen Doppelpack erzielt – ausgerechnet im Derby gegen Borussia Mönchengladbach. Der FC spielt den Lokalrivalen regelrecht an die Wand und gewinnt mit 4:1. Es ist der 10. Oktober 1987 – der FC ist Tabellenführer und feiert seinen neuen dänischen Torjäger, der sich endgültig in die Herzen der Fans geschossen hatte. Fast vier Jahrzehnte später ist der Jubel längst Geschichte – vergessen hat ihn in Köln trotzdem niemand.
Mittlerweile lebt Povlsen wieder in seiner dänischen Heimatstadt Aarhus. Dort ist er Jugendtrainer in der D-Jugend des aktuellen dänischen Meisters Aarhus GF. Nebenbei arbeitet der heute 59-Jährige als Experte im Fernsehen. Zuletzt war er während der WM oft im Einsatz. Für ihn kein Problem, denn Povlsen spricht gerne über Fußball – auch über den FC. Für ein Telefongespräch sagte er sofort freudig zu. „Ich blicke gerne zurück. Die Zeit beim FC zählte definitiv zu den besten, die ich erleben durfte. In Köln habe ich mir einen Namen gemacht“, erzählt er.

Obwohl er von Real Madrid in die Domstadt gewechselt war, galt Povlsen zunächst als unbeschriebenes Blatt. Denn aufgrund der damaligen Ausländerregelung hatte er für die Königlichen kein einziges Pflichtspiel für die Profis bestritten. In Madrid war er ausschließlich für das Amateurteam zum Einsatz gekommen. In Köln sollte sich das ändern. Dort stand er gleich am ersten Spieltag in Karlsruhe in der Startelf. „Ich wurde sehr herzlich aufgenommen“, erinnert Povlsen sich. „Die kölsche Mentalität hat einfach zu mir gepasst. Ich bin ein gesprächiger Mensch, der auch mal gerne Spaß hat. Die anderen Jungs in der Mannschaft waren ähnlich drauf. Das hat von Beginn an gepasst.“
Auf dem Platz brauchte Povlsen ebenfalls nicht lange, um die Kölner für sich zu gewinnen. In seinen ersten zwölf Spielen traf er siebenmal. Nach dem Doppelpack gegen Gladbach war aus dem Neuzugang endgültig ein Publikumsliebling geworden. „Ich war immer zugänglich und habe gerne Autogramme unterschrieben. Dazu habe ich dann schnell meine Tore gemacht. Das hat sicher geholfen“, erklärt Povlsen.

Der fleißige Däne
Povlsen war ein mannschaftsdienlicher Spieler. Auch beim FC stach er als uneigennütziger Torjäger heraus. Er war ständig unterwegs, riss Lücken für seine Mitspieler und scheute keinen Zweikampf. Das gehörte damals zum Spiel eines Stürmers dazu: „Zu meiner Zeit wurde man als Stürmer nicht so sehr geschützt wie heute. Die Verteidiger durften dir damals härter und öfter auf die Knochen hauen. Da musstest du gegenhalten. Man könnte sagen: Heute spielt man wie Spanien, früher eher wie Argentinien“, sagt Povlsen und lacht dabei.
Beim FC lief er an der Seite zahlreicher großer Namen auf. Der damals noch junge Cheftrainer Christoph Daum hatte ein echtes Starensemble beisammen und ließ offensiven Fußball spielen. Neben Povlsen stürmte Thomas Allofs, dahinter wirbelten Pierre Littbarski und Thomas Häßler. Jürgen Kohler, Paul Steiner und Bodo Illgner hielten den Angreifern den Rücken frei. Die offensive Ausrichtung kam Povlsen entgegen – und seine Laufarbeit wiederum seinen Mitspielern. In Daum hatte er einen Förderer, der es verstand, seine Spieler zu erreichen. „Ich kann mich erinnern, wie der Trainer uns vor den Spielen gepusht hat. Das ist ihm eindrucksvoll gelungen“, erzählt Povlsen.

Seine erste Saison wurde zugleich zur besten seiner Karriere. Povlsen schoss 13 Tore – mehr sollten es in einer Spielzeit nicht mehr werden. Der FC landete auf dem dritten Platz und qualifizierte sich für den UEFA Cup. Köln hatte wieder ein Spitzenteam.
Ungekröntes Ende
Auch in der nächsten Saison spielte der FC oben mit. Povlsen schoss diesmal nur fünf Tore, war aber in allen 34 Spielen dabei und blieb mit dem FC dem Tabellenführer aus München dicht auf den Fersen. Es entwickelte sich ein spannender Zweikampf – auch abseits des Platzes. Nachdem der FC ausgerechnet eine Woche vor dem Showdown gegen die Bayern beim nahezu abgestiegenen Hannover 96 remis gespielt hatte, waren FC-Trainer Daum und Münchens Uli Hoeneß im ZDF-Sportstudio zu Gast.
Auch Povlsen saß vor dem Fernseher und sah, wie sich die beiden Verantwortlichen ein verbales Feuerwerk lieferten. „Du überschätzt dich maßlos“, giftete Hoeneß. „Um das Maß an Überschätzung zu erreichen wie du, muss ich 100 Jahre alt werden“, schoss Daum zurück. „Ich saß zuhause im Wohnzimmer und dachte mir nur: Was geht denn jetzt ab?“, erinnert sich Povlsen und lacht. Die Sendung schlug hohe Wellen. Ganz Deutschland blickte auf das entscheidende Spiel in Müngersdorf.
Am 25. Mai 1989 war es so weit. „Ich weiß noch, dass der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Stadion war und vor dem Spiel jeden Spieler persönlich begrüßte. Das hat sich wie ein Endspiel angefühlt“, erzählt Povlsen. 58.000 Fans peitschten den FC an – jedoch erfolglos. Die Daum-Elf verlor mit 1:3. Der Traum der vierten Meisterschaft war zerplatzt. „Wir hatten nur wenige Spieler, die damals schon in solch großen Spielen auf dem Platz gestanden hatten. Diese eine Partie hat über deine Identität als Spieler entschieden. Da ist es uns nicht gelungen, diesem Druck standzuhalten“, sagt der Stürmer.

Das Saisonende war auch das Ende von Povlsens Zeit in Köln. Nach 80 Pflichtspielen und 20 Toren wechselte er zur PSV Eindhoven. Zwölf Monate später kehrte er allerdings nach Deutschland zurück und heuerte beim BVB an. Seinen größten Erfolg feierte er im Sommer 1992, als er mit der dänischen Nationalmannschaft überraschend die Europameisterschaft gewann.
Nach Deutschland kommt Povlsen auch heute noch gerne zurück. Meist um seine Tochter zu besuchen, die aktuell in Niedersachsen wohnt. In Köln möchte er bald wieder vorbeischauen. Dann darf auch ein Besuch in Müngersdorf nicht fehlen. „Ich schaue mir gerne FC-Spiele an. Die Stimmung im Stadion ist jedes Mal beeindruckend“, sagt er. Und bei einem Punkt ist er sich ganz sicher: „Wenn wir dieses Stadion mit dieser Atmosphäre damals schon gehabt hätten, wären wir auf jeden Fall Meister geworden.“















