
Kölns Straßen werden nie vergessen: Pedro Geromel
30.08.2026
Jeder Club hat seine Legenden. Spieler, die Titel gewannen, Rekorde brachen und die erfolgreichsten Mannschaften der Vereinsgeschichte prägten. Doch was ist mit denen, die keine großen Erfolge feierten und sich trotzdem in die Herzen der Fans spielten? Im Englischen gibt es für sie einen eigenen Ausdruck: The Streets Won't Forget. Gemeint sind Fußballer, die nicht wegen ihrer Trophäen in Erinnerung bleiben, sondern wegen ihrer Art oder eines Moments, der für immer bleibt. In diesem Sommer blickt fc.de auf eine Handvoll dieser besonderen Akteure zurück. Die Straßen Kölns werden Dich nicht vergessen: Pedro Geromel.
Es ist ein kalter Dezembertag in Köln. Im letzten Spiel vor Weihnachten empfängt der 1. FC Köln als Tabellenzwölfter den abstiegsbedrohten 1. FC Nürnberg. Der Schneefall im RheinEnergieSTADION wird im Laufe der ersten Hälfte immer heftiger, entsprechend zäh gestaltet sich das Spiel. Doch dann, die 37. Minute: Adil Chihi bringt eine Ecke an den zweiten Pfosten, wo sich Pedro Geromel hochschraubt. Der Brasilianer köpft ins linke Eck und profitiert davon, dass Club-Torwart Alexander Stephan die Kugel im dichten Schneegestöber nur schwer sehen kann. Stephan greift daneben – 1:0! Geromel läuft auf die tobende Südkurve zu. Er breitet die Arme aus und küsst das FC-Wappen. Eine Geste, die im heutigen Fußball viel zu inflationär Einzug erhalten hat. Doch dem Verteidiger nimmt man es ab. Er liebt den FC – bis heute.
Fast 17 Jahre später sitzt Geromel am Flughafen in São Paulo. Er hat es sich in einer Lounge gemütlich gemacht, um über seine Jahre in Köln zu sprechen. Er nimmt sich Zeit, obwohl er gleich in den Skiurlaub fliegen wird. Der August ist schließlich die Hauptsaison für Wintersport in Südamerika. „Ich freue mich sehr auf den Urlaub, als Fußballer konnte ich sowas nie machen“, sagt er. Der 40-Jährige hat vor anderthalb Jahren seine Karriere beendet. Mittlerweile sitzt er im Vorstand seines eigenen Unternehmens, arbeitet dort aber eher im Hintergrund. Denn heute ist Geromel vor allem eines: Papa. „Ich will die Zeit lieber mit meiner Familie nachholen, die ich während meiner aktiven Karriere nicht hatte“, sagt er. Vor einem Monat ist Geromel mit seiner Familie von Porto Alegre nach São Paulo gezogen. Dort sind er und seine Frau aufgewachsen. Das Paar wollte wieder näher am Rest der Familie leben. „Ich habe drei Kinder. Ich fahre sie zur Schule, zu Freunden oder zum Training. Ich bin eigentlich ein Uber-Fahrer“, erzählt er und lacht. „Ich gehe gerne mit, wenn sie Fußball oder Volleyball spielen und schaue zu. Ich genieße es gerade sehr, sie aufwachsen zu sehen.“

Joga Bonito am Rhein
Geromel berichtet, dass er noch heute oft an seine FC-Zeit zurückdenkt: „Die vier Jahre in Köln gehörten zu den besten meiner Karriere.“ Der Brasilianer lief in 123 Pflichtspielen für den FC auf, erzielte dabei vier Tore und bereitete zwei weitere vor. In seinem letzten Jahr führte er die Mannschaft als Kapitän aufs Feld. „Ich bin immer noch ein großer FC-Fan. Ich schaue viele Spiele und checke die Ergebnisse und den Tabellenstand an jedem Wochenende. Diese Verbindung zum FC wird mein ganzes Leben halten.“
Geromel wechselte im Sommer 2008 aus Portugal nach Köln. Zum ersten Mal lebte er hier in einem Land, dessen Sprache er nicht sprach. „Das war ein großer Schritt für mich. Die Menschen waren so offen und herzlich, das hat es mir sehr einfach gemacht anzukommen“, blickt er zurück. Das zeigte sich auch auf dem Platz. In seinem dritten Bundesligaspiel dribbelte der Innenverteidiger in die Hälfte des Karlsruher SC, spielte einen Pass aus der Drehung und bekam die Kugel sofort zurück. Im Strafraum ließ er den nächsten Gegenspieler mit einem Haken aussteigen und löffelte den Ball anschließend butterweich auf den Kopf von Milivoje Novakovic, der zum 1:0 einköpfte. „Das war eines meiner größten Highlights“, sagt Geromel selbst heute fast noch euphorisch. Die Anekdoten zu seiner FC-Zeit sprudeln fast schon aus ihm heraus. „In München hatte ich ein ähnliches Solo. Damals waren zwei Freunde aus Brasilien im Stadion. Sie wollten sich eigentlich zurückhalten, weil sie im Heimbereich saßen, aber sind dann aufgesprungen und völlig ausgerastet. Das war sehr lustig. Wir sprechen heute noch davon.“

Geromel war ein kompromissloser Zweikämpfer mit einem feinen Füßchen. Seine Grätschen waren perfekt getimed, seine Sololäufe legendär. Sein erstes Ligator erzielte er im Heimspiel gegen Hannover 96 – standesgemäß mit der Hacke. Er spielte eben so, wie er es schon in seiner Jugend in Brasilien gemacht hatte. „Als Kinder haben wir den ganzen Tag auf der Straße gespielt. Ich musste immer um 20 Uhr zum Abendessen zu Hause sein. Bis dahin habe ich nur Fußball gespielt.“ Nun brachte er das brasilianische Spiel von der Straße in die Bundesliga.
Den FC im Herzen
Eine lange Karriere in Europa sollte es für Geromel jedoch nicht mehr geben. Nach dem Abstieg des FC in der Saison 2012/13 verließ er die Domstadt und wechselte zu RCD Mallorca, wo er nur anderthalb Jahre blieb. Danach zog es ihn zurück nach Brasilien. „Ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere und bereue nichts“, sagt er heute. Geromel spielte bis zu seinem Karriereende für Gremio Porto Alegre. Er war einer der besten Verteidiger in Südamerikaund wurde sogar mehrfach für die brasilianische Nationalmannschaft nominiert. Im Sommer 2018 war er Teil des WM-Kaders. Für die Seleção stand er insgesamt zweimal auf dem Feld.

Den FC trägt er bis heute im Herzen. Gerne würde Geromel noch einmal nach Köln kommen – dann aber mit seiner Familie. „Während der FC-Hymne als Kapitän ins Stadion einzulaufen, war einmalig. Ich habe meinen Kindern davon erzählt, aber man kann diesen Moment nicht richtig in Worte fassen. Irgendwann möchte ich mit ihnen nach Köln reisen, damit sie das erleben und Hennes Hallo sagen können.“
Bis dahin wird er weiter fleißig die Ergebnisse checken. Bevor er sich in den Flieger verabschiedete, wollte er aber noch etwas loswerden: „Könnt Ihr das bitte den Fans ausrichten: Vielen Dank an alle FC-Fans! Dafür, dass Ihr mich so toll aufgenommen und immer supportet habt. Das werde ich nie vergessen. Ich sende Euch allen schöne Grüße aus Brasilien.“















