
René Wagner: „Der Mannschaft das geben, was sie braucht“
23.08.2026
Im zweiten Teil des ausführlichen Interviews vor dem Saisonstart spricht FC-Trainer René Wagner über Ellyes Skhiri, Führungspersönlichkeiten, internationale Talente und die Abwägung zwischen Daten und Bauchgefühl.
René, in Ellyes Skhiri ist am Freitag noch ein Spieler dazu gekommen, den Du schon aus Deiner ersten FC-Zeit kennst. Welche Rolle soll er einnehmen?
René Wagner: Er wird auf dem Platz eine Führungsrolle einnehmen, dafür haben wir ihn geholt. Wir wissen, was wir mit ihm bekommen. Er soll uns im Spiel Sicherheit geben, uns fußballerisch nochmal einen Schritt nach vorne bringen und mit Leistung vorangehen. So können sich auch die anderen Spieler an ihm orientieren und auch ein Stück weit hochziehen. Ellyes ist keiner, der auf dem Platz immer die lauteste Stimme haben wird. Aber er geht mit Leistung und Einstellung voran, was unheimlich wichtig für uns ist.
Er gilt als absoluter Vollprofi. Also verkörpert er genau diese Eigenschaften, die Du noch mehr in die Mannschaft reinbringen wolltest?
Ganz genau.

Im Tor ist Marvin Schwäbe die Nummer eins und auch der Kapitän. Welche Bedeutung hat das für die Mannschaft?
Marvin ist das Sprachrohr in unsere Mannschaft, wir haben ein sehr enges Verhältnis. Wir kennen uns lange und vertrauen uns. Marvin spricht in der Kabine auch die unangenehmen Dinge an und ich kann mich darauf verlassen, dass die Dinge, wie wir besprechen, auch ankommen. Ich kann seine Rolle gar nicht hoch genug einschätzen.
Darüber hinaus sprichst Du von einer Tacheles-Gruppe. Wie findet sich diese?
Wir haben noch nicht festgelegt, wie sie sich genau zusammensetzen wird. Dafür werden wir abwarten, bis der Kader final ist. Bis jetzt gab es eine Mini-Tacheles-Gruppe, mit der wir aktuelle Themen auf schnellstem Weg besprechen konnten. Da sind ein paar Jungs dabei, von denen ich weiß, dass sie auch in Zukunft auf jeden Fall dazugehören werden.
Haben sich unter den Neuzugängen schon Spieler hervorgetan, die dafür in Frage kommen?
Gideon wird ein Spieler sein, der Verantwortung übernehmen kann und soll. Sebastian Sebulonsen ist zwar nicht neu, hat aber ebenfalls eine Führungsrolle übernommen. Locho soll auf dem Platz Lautstärke reinbringen. Ich könnte noch viele andere aufzählen. Mir ist auch wichtig, dass Führung nicht immer nur Lautstärke und Sprache bedeutet. Es gibt verschiedene Führungspersönlichkeiten.
Welche zum Beispiel?
Manche gehen mit ihrer Arbeitsmoral voran, andere in der Kabine, indem sie die Gruppe zusammenhalten. Manche gehen verbal auf dem Platz voran und andere übernehmen Verantwortung in schwierigen Situationen. Es gibt in jeder Phase verschiedene Führungspersönlichkeiten und jeder muss seine Rolle ein Stück weit finden.
In puncto Formation deutete in der Vorbereitung vieles auf eine Viererkette hin. Wird das die feste Formation?
Wir sind nicht auf eine Viererkette fixiert. Das mag in der Vorbereitung so ausgesehen haben, aber wir haben genug Innenverteidiger, um auch mit einer Fünferkette zu spielen. Es geht immer darum, der Mannschaft das zu geben, was sie braucht. Der Fußball ist ohnehin sehr variabel geworden, viele Mannschaften spielen mit einer hybriden Fünf: In der hohen Phase mit Viererkette, in der tiefen Phase mit Fünferkette. Andere spielen sehr mannorientiert, diese klassischen Strukturen gibt es eigentlich nicht mehr.
Du hast die Anzahl der Innenverteidiger angesprochen. Ist der Konkurrenzkampf dort derzeit am größten?
Auch auf anderen Positionen geht es sehr eng zu. Wir wollen am Ende jede Position doppelt besetzen. Dann hat im Normalfall jeder auf seiner Position einen direkten Konkurrenten, gegen den er sich durchsetzen muss.
Mit Spielern wie Paul Okon-Engstler und Reigan Heskey haben sich internationale Talente für den FC entschieden. Was sagt das über die Entwicklung des Clubs aus, dass sie ihre Chance auf den nächsten Schritt hier sehen?
Diese Entwicklung freut uns sehr. Wir haben mit Jahmai im vergangenen Jahr ein gutes Beispiel geliefert mit einem Spieler, der kam, gut performt und sich in eine Rolle gespielt hat. Wir wollen eine Mischung aus Jungs, die sich noch beweisen müssen und gefestigten Spielern. Wir müssen uns aber auch nicht in die Tasche lügen: Wir sind kein Verein, bei dem sich ein Top-Top-Spieler zehn Jahre lang sieht. Wir sind aktuell ein Verein für Spieler, die sich entwickeln und den nächsten Schritt gehen wollen. So wie bei Jakub Kaminski, der nach einem schweren Jahr in Wolfsburg bei uns Fuß gefasst und richtig gut performt hat. Dann kann es auch zu einem Verkauf kommen, der uns an anderen Stellen Möglichkeiten eröffnet. Perspektivisch wollen wir uns auf einem Level in der Bundesliga etablieren, wo es für einen Spieler Sinn ergibt, nicht direkt nach dem nächsten Schritt zu suchen, sondern diesen bei uns zu gehen.
Bei Paul Okon-Engstler wurde berichtet, dass er besonders im Datenscouting aufgefallen ist. Wie wichtig ist das Thema Daten auch für Dich? Und wie entscheidend ist dennoch auch das Bauchgefühl?
Das Bauchgefühl ist viel wichtiger als die Daten. Diese liefern in vielen Teilbereichen harte Fakten, die man nicht wegdiskutieren kann. In diesen Bereichen nutzen wir die Daten auch. Mittlerweile kann man sich darin aber auch leicht verlieren und manchmal können sie Dinge sogar verkomplizieren. Deshalb ist ein Mix wichtig. Wir werden uns nicht nur auf Daten verlassen, werden aber auch nicht ausschließlich auf das Bauchgefühl hören.
Ist es auch bei neuen Spielern so, dass das persönliche Gespräch wichtiger ist als der rein sportliche Eindruck?
Definitiv. In den Erstgesprächen geht es die erste halbe, dreiviertel Stunde nur um den Menschen: Über seine Familie, seine Persönlichkeit, wie er den Job sieht. Alles andere kann man über Daten, Videoscouting und Sichtungen vor Ort herausfinden. Spieler sind inzwischen in dieser Hinsicht sehr gläsern geworden. Aber man kann eben nicht in den Kopf schauen. Deshalb ist dieser persönliche Austausch bei Spielern, die wir dazu holen wollen, viel wichtiger.
Du darfst den 1. FC Köln zum ersten Mal als Cheftrainer in eine neue Saison führen. Was macht das mit Dir?
Ich liebe den Verein und die Stadt. Deshalb fühle ich mich unfassbar geehrt, hier Cheftrainer sein zu dürfen. Ich kenne die Besonderheiten der Stadt und des Standorts, das lasse ich auch in meine Arbeit einfließen. Wir wissen alle, dass es hier ein besonders emotionaler Standort ist, dass die Fans schnell anfangen zu träumen, aber auch schnell wieder aufhören zu träumen und es in die andere Richtung gehen kann. Wir müssen dabei die Balance halten: Uns dieser Besonderheiten bewusst sein, und uns davon nicht leiten lassen. Wir wollen versuchen, so neutral und objektiv wie möglich zu bleiben und einen bestmöglichen Job zu machen, unabhängig davon, wie die Gefühlslage in der Stadt gerade ist. Dafür ist es auch schön, Kess (Thomas Kessler, Anm. d. Red.) an meiner Seite zu haben, der mich sehr gut kennt und ein richtig guter Sparringspartner in solchen Situationen ist.

Wie wohl fühlst Du Dich inzwischen in dieser Rolle als Cheftrainer – im Umgang mit der Mannschaft und dem Staff, aber auch mit der Öffentlichkeit?
Im letzten Jahr ging es nur darum, die Klasse zu halten, darauf habe ich mich konzentriert. Wenn man zusammen in eine neue Saison geht, kann man die Dinge natürlich ganz anders angehen. Mir ist wichtig, dass mich die Mannschaft kennt und dass sie weiß, wie ich ticke. Nach außen versuche ich, so offen und ehrlich wie möglich zu kommunizieren. Ich gebe mich so, wie ich bin. An einem Medienstandort, einem emotionalen und großen Standort gehört die Öffentlichkeit natürlich dazu. Das darf aber nicht von meiner Hauptaufgabe ablenken, Trainer der Mannschaft zu sein.
Wann ist die kommende Saison für Dich ein Erfolg?
Wenn wir uns in der Liga stabilisiert haben, mit einem guten Gefühl auf das Jahr zurückblicken können und uns in den Teilbereichen, die wir uns vorgenommen haben, auch tatsächlich verbessert haben.















