Profis | 20.09.2017

Jhon Cordoba im GeißbockEcho

Glaube an die Kraft

Wie es Jhon Cordoba aus einer kolumbianischen Krisenregion in die Bundesliga geschafft hat

Jeden Winter zwischen Weihnachten und Neujahr macht Jhon Cordoba etwas, wovon das Auswärtige Amt dringend abrät. Er reist nach Kolumbien, in den Nordwesten des Landes, in die Provinz Choco. Dort, so warnt das Auswärtige Amt auf seiner Internetseite, seien „Entführungen, Raub und andere Gewaltdelikte bis hin zu offenen Kämpfen krimineller Banden jederzeit möglich“. Natürlich weiß Jhon Cordoba um die Gefahr. Der Neuzugang des 1. FC Köln ist mit ihr aufgewachsen. Denn in Choco liegt seine Heimat.

Jhon Cordoba stammt aus Istmina, einer kleinen Stadt nahe der kolumbianischen Westküste an einer Flussgabelung mitten im Pazifik-Dschungel. Bretterbuden und Häuschen aus unverputztem Backstein mit rostroten Wellblechdächern säumen das Ufer. „Die ­Armut ist sehr groß und überall spürbar, trotzdem ist es ein lebhaftes Städtchen mit fröhlichen Menschen“, sagt Cordoba. Die Mehrheit der etwa 25.000 Bewohner ist afrokolumbianisch. Ihre Vorfahren waren afrika­nische Sklaven, die einst in den Goldminen von Choco schuften mussten.

Noch immer gibt es enorme Goldvorkommen in ­Cordobas Heimatregion, doch die Schürfrechte sind im Besitz von Großkonzernen – und der illegale Gold­abbau wird von linken Guerillagruppen, rechten ­Milizen und den Drogenkartellen kontrolliert. Kolumbien ist ein Land, in dem nach mehr als einem halben Jahrhundert Bürgerkrieg auch heute vielerorts das Recht des Stärkeren gilt. Bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Guerillas, Paramilitärs, dem Staat und später auch Drogenkartellen haben seit Mitte der 1960er-Jahre mindestens 220.000 Menschen das Leben gekostet. Choco gehört zu den von diesen Konflikten besonders betroffenen Gebieten. Zwar haben die kolumbianische Regierung und die größte Rebellen­gruppe, die Farc, im vergangenen Jahr ein Friedens­abkommen unterzeichnet – doch in das entstandene Machtvakuum drängen jetzt andere Guerillas und Gruppierungen der organisierten Kriminalität.

Über die Gewalt und Kriminalität in seiner Heimat möchte Jhon Cordoba selbst nicht viele Worte verlieren. Nur so viel: „Ich habe noch Verwandte in Istmina. Im Vergleich zu anderen Orten der Region Choco ist es dort recht sicher.“ Jhon Cordoba wird dort 1993 geboren und wächst als drittes von fünf Geschwistern auf. Die Mutter kümmert sich um die Kinder, während der Vater in den 1980er- und 90er-Jahren als Fußballprofi durch die kolumbianische Liga tingelt und es sogar in die Nationalmannschaft schafft. Reich wird er damit nicht, doch er verdient genug, um die Familie zu ernähren. „Ich bin in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, ohne Luxus. Aber wir hatten immer etwas zu essen“, sagt Cordoba.

Seine Kindheit verbringt er mit dem Ball am Fuß. „Wir haben jeden Tag Fußball gespielt, barfuß auf der staubigen Straße. Vom Schotter hatte ich oft Schürfwunden.“ Meist kicken Jhon und die Kinder aus seinem Viertel am nahegelegenen Krankenhaus. Der Parkplatz für den Krankenwagen ist mit einem massiven Gitterzaun gesichert, den die Kinder als Tor nutzen. Mit sieben Jahren schließt sich Jhon der örtlichen Fußballschule an. Er träumt davon, eines Tages Profifußballer zu werden. So wie sein Vater. Mit der Zeit wird klar, dass er das in den Tiefen des Regenwalds versteckte Istmina dafür verlassen muss.

Ein Lehrer stellt Kontakt her zum Envigado FC, einem für seine ausgezeichnete Jugendarbeit bekannten Club, bei dem unter anderem James Rodriguez vom FC Bayern ausgebildet wurde. Jhon ist begeistert, doch seine Mutter möchte den damals Zwölfjährigen nicht gehen lassen. Denn Envigado liegt am Rande von ­Medellin. Und Medellin ist eine völlig andere Welt. In die 305 Kilometer entfernte Millionenmetropole braucht man damals von Istmina mit dem Auto zwölf Stunden. Über Schotterpisten, die sich durch den Dschungel schlängeln. Doch die Cordobas haben zu der Zeit ohnehin keinen Wagen. Und es ist auch nicht so sehr die Distanz, die der Mutter so Sorgen macht, sondern die Sicherheitslage. Medellin ist als Drogenhochburg berüchtigt, in den 1990er-Jahren galt sie nicht nur wegen ihrer hohen Mordrate als wohl ­gefährlichste Stadt der Welt. „Meine Mutter hatte Angst, dass mir etwas passieren könnte“, sagt Jhon, „ich selbst hatte aber keine Angst. Ich wollte unbedingt meinen Traum verwirklichen.“ 

Jetzt das komplette Porträt über Jhon Cordoba in der GeißbockEcho-App für Smartphones und Tablets lesen. 

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PL. Verein Pkt.
15 SV Werder Bremen 0
17 1. FC Köln 0
18 1. FSV Mainz 05 0

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