Profis | 15.01.2021

Porträt im GeißbockEcho

Ondrej Duda: Lehrreiche Spuren

Mitte September 2020 ging es schnell – Koffer packen in Berlin und Medizincheck in Köln. Mit Ondrej Duda verpflichtete der 1. FC Köln ­einen Techniker und Spielmacher, der genau in das Anforderungsprofil passte. Der slowakische Nationalspieler war kurz zuvor erst aus England in die Hauptstadt zurückgekehrt. Der 26-Jährige hat bereits viel im ­Profifußball erlebt – vor allem, dass sich Pläne schnell ändern können. Aber die Lust am Spiel, die mit einem ganz besonderen Kuscheltier ­begann, hat sich Ondrej Duda nie nehmen lassen.

„Der Weg war nicht leicht. Aber eines steht über allem: Aus meinem Hobby einen Beruf gemacht zu haben, ist ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist“, sagt Ondrej Duda, der am Nikolausabend 1994 in Snina, einer slowakischen Kleinstadt im tiefen Osten des Landes, zur Welt kommt. Die Leidenschaft für den Fußball wird ihm vom Vater Ondrej Senior buchstäblich in die Wiege gelegt. Während die meisten Kinder Stofftiere zum Kuscheln mit ins Bett nehmen, sind es bei Ondrej Junior die Fußballschuhe seines Vaters. „Es waren Copa Mundial“, lacht Ondrej Duda über diese Anekdote aus seiner Kindheit. Der Klassiker unter den Fußballschuhen. „Ich fand sie so toll, dass ich sie als Kind tatsächlich mit ins Bett genommen habe.“

Bereits mit vier Jahren nimmt Ondrej Senior seinen Sohn mit zum Fußballplatz des lokalen MFK Snina. Dort trainiert der Vater Jugendmannschaften, während sich Ondrej Junior mit dem Ball austobt und Grundlagen für Technik und Ballgefühl legt. Ondrej Senior hat selbst nie erstklassig gespielt, dafür aber als Jugendlicher bereits im Ausland. „Meine Großeltern haben einige Jahre als Ärzte in Tripolis, der Hauptstadt Libyens gearbeitet. Und in dieser Zeit hat mein Vater dort Fußball gespielt. Als mein Vater volljährig war, ist er in die Heimat zurückgekehrt.“ Später spielt Vater Ondrej kurz in der 2. slowakischen Liga und ­heuert sogar für knapp vier Jahre in Saudi-Arabien als Trainer eines Zweitligisten an. Heute ist er in ­beratender Funktion für seinen Sohn tätig.

Vereinswechsel mit 14 Jahren
Bei Ondrej Junior deutet sich bereits frühzeitig an, dass ihn sein fußballerisches Talent weiterbringen kann, als es bei seinem Vater der Fall war. „Ich habe aufgrund der Leidenschaft meines Vaters mit dem Fußball begonnen, aber er hat mich nie zu etwas ­gezwungen oder gedrängt.“ Dass er Profi geworden ist, liegt laut eigener Einschätzung ohnehin eher am charakterlichen Erbgut seiner Mutter Bibiana, die ­aufgrund ihrer Tätigkeit als Klavierlehrerin nicht nur sich selbst ein hohes Maß an Disziplin abverlangt. „Charakterlich unterscheiden sich mein Vater und ich. Ich würde sagen, dass ich mehr Spaß am Wettbewerb habe und ehrgeiziger bin. Insgesamt war es in meiner bisherigen Laufbahn am wichtigsten, dass ich mich nie auf Erreichtem ausruhe und immer weiter hart arbeite.“ Manch einen Fußball-Vater würde diese Einordnung eher kränken – anders bei den Dudas. „Mein Vater hat selbst mal zugegeben, dass er manchmal ­etwas zu faul war, um fußballerisch weiterzukommen. Obwohl er den Fußball auch sehr liebt.“ Talent ist nur ein kleiner Teil des Erfolgs. Für den Rest muss man hart arbeiten. Diese Philosophie hat Ondrej Duda oft von seinem Vater gehört und verinnerlicht. Ondrej ­Senior trainiert damals nicht nur Jugendteams, er leitet zwischenzeitlich sogar die Nachwuchsabteilung in Snina. Trainer des Teams, in dem sein Sohn spielt, will der Vater aber bewusst nicht sein. „Es ist in Snina nur ganz kurz dazu gekommen, dass er der Trainer meiner Mannschaft war – und das wollte er auch vermeiden. Er wusste, dass es manchmal zu Problemen führen kann, wenn ein Trainer seinen Sohn in der eigenen Mannschaft hat. Nicht nur untereinander, sondern auch mit anderen Spielern oder Eltern.“

Aus diesem Dilemma wird die Jugendabteilung des MFK Snina ohnehin bald erlöst. Mit 14 Jahren wechselt Ondrej Junior zum FC VSS Kosice – ein professioneller Club mit Jugend-Akademie rund 110 Kilometer vom Heimatort Snina entfernt. Neben dem Fußball hat für Familie Duda jedoch die schulische Ausbildung zunächst Priorität. Die Regel-Schulzeit in der Slowakei beträgt neun Jahre. „Ich hatte acht Jahre rum, als Kosice auf uns zukam. Eigentlich wollte ich die Schule in Snina beenden, aber in Kosice wurde mir die Möglichkeit gegeben, in einem Internat zu wohnen und parallel den Schulabschluss zu machen.“ Auch Ondrej Dudas ein Jahr ältere Schwester Alexandra ist eine gute Schülerin, studiert Medizin, lebt und arbeitet heute als Ärztin auf einer Geburtenstation eines ­Krankenhauses in Prag.

Ondrej Junior hat mit 14 Jahren noch keinen detaillierten Karriereplan. „Damals war mir der Schritt zu einem größeren Club mit besserer Perspektive überhaupt nicht wichtig – ich wollte einfach nur Fußball spielen. Aber sie haben sich sehr bemüht und es mir und meinen Eltern so einfach wie möglich gemacht.“ Aufgrund der Nähe zum Elternhaus bleibt ein regelmäßiger und intensiver Kontakt bestehen. „Mal fuhr ich an spielfreien Wochenenden nach Hause, mal ­kamen sie die kurze Strecke mit dem Auto zu mir.“

Durchbruch in Warschau
Den Umzug ins Internat nach Kosice bezeichnet Ondrej Duda rückblickend als wichtigsten Schritt ­seiner ­Karriere. „Für mich war es wichtig zu lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Zudem wurde zu dieser Zeit klar, dass ich aus dem Fußball mehr machen kann als nur ein Hobby.“ Der FC VSS Kosice ist eine der ­besten Nachwuchs-Akademien der Slowakei – neben den großen Clubs in Bratislawa. „Mit 16 Jahren habe ich meine ersten Spiele bei den Profis gemacht und ­meinen ersten echten Vertrag unterschrieben. Leider hatte der Verein damals finanzielle Schwierigkeiten und konnte manchmal nichts zahlen, aber das war mir nicht so wichtig. Ich war glücklich, dass ich es überhaupt soweit geschafft hatte.“

Junge Talente und Juniorennationalspieler wecken Interesse und bleiben größeren Clubs nicht verborgen. Zunächst macht der polnische Traditionsverein und aktuelle Rekordmeister Legia Warschau im Frühjahr 2014 das Rennen um das damals 19-jährige Talent. 2014 wird Ondrej Duda mit dem Peter-Dubovsky-­Preis für den besten U21-Spieler der Slowakei ausgezeichnet. Ob ihn die Auszeichnung damals überrascht hat? „Um ehrlich zu sein, nein (lacht). Nein, ehrlich, das soll nicht eingebildet klingen, aber ich habe damals ja verfolgt, was um mich herum passiert. Ich war 19 Jahre alt und spielte bereits in der U21-Nationalmannschaft und mit Warschau in der Europa League. Für einen Spieler aus der Slowakei ist das nichts ­Alltägliches. Ich habe mich natürlich total über die Auszeichnung gefreut, weil es einem zeigt, dass sich harte Arbeit lohnt.“

Mit Legia Warschau gewinnt Duda jeweils zweimal den nationalen Pokal (2015 und 2016) sowie die ­Meisterschaft (2014 und 2016). Aber bei allen Erfolgen gilt es – wie bei nahezu allen Spielerkarrieren – auch, Rückschläge zu verkraften. „Der Fußball in Polen ist etwas anders als in Deutschland. Dort ist der Hype von den Medien und den Fans um einen erfolgreichen Club noch größer als hier. Das war damals auch für mich nicht immer einfach.“ Erfolg wird erwartet und einzelne Verletzungen werfen den jungen Slowaken zurück. „Dann musste ich mich wieder herankämpfen. Das sind prägende Phasen in einer Karriere, die man dazu nutzen muss, um stärker und charakterlich ­gefestigter zu werden. Und eben nicht abzuheben.“ Nicht abzuheben ist auch bei Lobpreisungen von ­Trainern eine nicht immer einfache Tugend.

Henning Berg, ehemaliger Spieler bei den Blackburn Rovers und bei Manchester United, ist Dudas Trainer in Warschau und nennt ihn den besten 19-Jährigen in ganz Europa. „Im Nachhinein freut es mich, das zu ­hören. Zu mir persönlich hat er es zum Glück nie gesagt (lacht). Henning Berg war einer der wichtigsten Trainer meiner Karriere. Aber mehr als Lob schätze ich es, wenn man Kritik äußert und Verbesserungen aufzeigt. Das ist für die Entwicklung oft hilfreicher. Ich habe auch manche Spiele nicht gespielt, wenn er ­unzufrieden mit mir war.“

Berlin statt Mailand oder Florenz
Nach rund eineinhalb Jahren wechselt Ondrej Duda fast nach Italien in die Serie A. 2015 will Inter Mailand den Spielmacher verpflichten – hat jedoch Probleme mit dem Financial Fairplay. „Mein Vater war in Mailand und hat Gespräche geführt. Während wir im Trainingslager in Österreich waren, hat der Sportdirektor von Legia angerufen und gesagt, ich solle am nächsten Tag nach Mailand fliegen und dort unterschreiben. Am Abend habe ich mich dann von den Spielern und vom Trainer verabschiedet.“ Doch der Abschied erfolgt zu früh. Am nächsten Tag erreicht Duda noch vor dem Abflug die Nachricht, dass der Transfer nicht zustande kommt. „Das war eine schwierige Phase.“ Duda hatte in der Vorbereitung wenig Testspiele absolviert, um das Risiko einer Verletzung zu minimieren. „Mir wurde dann vorgeworfen, dass ich mit dem Kopf schon in Mailand und nicht mehr bei Legia gewesen wäre. ­Dabei ist das ein ganz normaler Vorgang. Als dann klar war, dass ich in Warschau bleibe, musste ich ­natürlich Trainingsrückstand und Spielpraxis auf­holen – keine leichte Zeit.“ Aber eine Zeit, die abermals lehrreiche Spuren hinterlässt.

Das komplette Porträt von Ondrej Duda gibt es hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

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PL.VereinPkt.
13FC Augsburg26
141. FC Köln21
15Hertha BSC18

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