Profis | 09.04.2021

Hüben wie drüben

Balitsch: „Ein Stück Rasen rausgerissen“

343 Spiele hat Hanno Balitsch in der Bundesliga absolviert. Die wenigsten davon für den 1. FC Köln und Mainz. Dennoch hat er in beiden Karnevalshochburgen einiges erlebt. Er kämpfte um den Klassenerhalt – mal erfolgreich, mal vergebens. Im Gespräch erinnert er sich an rege Diskussionen mit Ewald Lienen, Karnevalsabende auf der Playa – und erzählt, wieso es ihn als Fußballprofi mittags häufig in die Mensa der Deutschen Sporthochschule verschlug.

Es gibt Sprüche, die so allgemeingültig sind, dass sie als Weisheit auf fast jeden Menschen zutreffen können. Auf einen bestimmten Lebensbereich, auf bestimmte Entscheidungen, auf bestimmte Handlungen. Berühmte Dichter haben solche Aussagen getroffen, Philosophen natürlich auch – und Stromberg. Die Hauptfigur der gleichnamigen deutschen Comedy-Fernsehserie. „Stromberg habe ich begeistert geschaut – und früher auch gerne mal zitiert“, erzählt Hanno Balitsch. „Aber man muss bei Stromberg-Zitaten ein bisschen vorsichtig sein. Die bewegen sich am Rande des schwarzen Humors – politisch nicht immer ganz korrekt“, sagt er – und schmunzelt. Denn ein Spruch liegt ihm auf der Zunge. „Sieht aus wie ein Sargdeckel, könnte aber auch ein Sprungbrett sein“, heißt es in einer Folge. „Da könnte ich die eine oder andere Parallele zu meiner Karriere ziehen.“

Im Jahr 2000 unterschreibt der damals 19-Jährige beim Zweitligisten SV Waldhof Mannheim seinen ersten Profivertrag. Parallel meistert er sein Abitur. „Ich wollte zwei, drei Jahre schauen, wie weit ich im Profifußball komme. Hätte es dann nicht geklappt, wäre ich nach Köln gegangen, um Sport und Medien an der Sporthochschule zu studieren.“ Doch es klappt. Als A-Jugendlicher debütiert er für die Mannheimer in der 2. Bundesliga, in der Saison 2000/01 entwickelt er sich zum Stammspieler und überzeugt mit starken Leistungen. Mannheim verpasst als Tabellenvierter den Bundesliga-Aufstieg knapp, doch um Balitsch buhlen einige Spitzenclubs.

Sein Sprungbrett in die Bundesliga ist im Sommer 2001 der Wechsel zum 1. FC Köln. „Die Perspektive, als junger Dachs möglichst viel Erstligaluft zu schnuppern, war beim FC am größten“, erzählt Balitsch, der zu der Zeit Kapitän der deutschen U21-Nationalmannschaft ist. „Ich hatte noch nicht die Überzeugung, zu den Bayern zu gehen, um mal eben Jens Jeremies aus der Startelf zu drücken. Auch bei Dortmund wäre die Gefahr zu groß gewesen, wenig zu spielen.“ Von den Gesprächen mit FC-Trainer Ewald Lienen ist Balitsch jedoch auf Anhieb fasziniert. „Ewald hat sich unfassbar um mich bemüht und sich nicht nur mit mir als Spieler, sondern auch als Mensch beschäftigt.“

„Lieber Roonburg als Flamingo“

Mit entsprechend gutem Gefühl wechselt Balitsch zur Saison 2001/02 zum FC. Auch sein bester Schulfreund zieht nach Köln, um an der Deutschen Sporthochschule zu studieren. Gemeinsam gründen sie eine WG. „Bis heute haben wir zu unserem damaligen Vermieter, der über uns gewohnt hat, einen freundschaftlichen Draht.“ Balitsch beschränkt sein Umfeld und seinen Umgang nicht auf den Fußball und seine Mitspieler beim FC. Er gibt sein Geld nicht für teure Uhren und schnelle Autos aus, isst mittags gerne in der Mensa der Kölner Sporthochschule und bildet sich durch ein Fernstudium im Bereich Sportmanagement weiter. „Ich habe den Kontakt zu Gleichaltrigen und Gleichgesinnten gesucht und in der Freizeit viel mit meinem Kumpel und dessen Studienkollegen unternommen“, erzählt Balitsch – und fügt lachend an. „Dazu zählten auch Karnevalspartys auf der Playa. Auch später zu meiner Zeit in Leverkusen noch.“ 

Weil er die gängigen Klischees eines Fußballprofis selten bedient, beschreiben die Medien Balitsch bezogen auf die Fußballbranche als Charakterkopf, Außenseiter und Sonderling. „Ich kann das verstehen, habe aber nicht bewusst so gewirkt, sondern immer aus dem Gefühl heraus gehandelt“, sagt er. „Es hat einfach Bock gemacht, mit den Jungs von meinem Kumpel um die Häuser zu ziehen. Die Roonburg war eher meins als das Flamingo.“ Balitsch sagt, was er denkt, und scheut sich auch als junger Spieler nicht davor, am Trainerbüro anzuklopfen. „Ich bin Ewald hin und wieder auch auf den Sack gegangen, das hat er oft genug gesagt. Ich hatte meine eigene Meinung und habe sie geäußert. Aber nur im Sinne der Mannschaft. Ich wäre damit nie zur nächstbesten Zeitung gerannt.“

„Hanno, Ewald will mit dir sprechen“

Eines Tages sitzt Balitsch für ein Gespräch bei Lienen im Büro. Der FC-Trainer zückt seinen Notizblock und schreibt eifrig mit. „Man hat sich von ihm als Spieler total wertgeschätzt und abgeholt gefühlt.“ Zwei Wochen nach besagter Unterhaltung kommt Co-Trainer Jan Kocian plötzlich in die Kabine und sagt: „Hanno, Ewald will mit dir sprechen.“ Ohne Vorahnung schlendert Balitsch in Richtung Trainerbüro. 

„Du, pass mal auf Hanno“, sagt Lienen. „Ich habe mir nochmal Gedanken über unser Gespräch gemacht. Zu Punkt eins: Ja, da ist etwas Wahres dran. An dem Thema bleiben wir dran. Punkt 2: Ich kann verstehen, warum du das so siehst, aber aus Trainersicht und für die Mannschaft halte ich es anders für besser. Und Punkt drei kannst du mal komplett vergessen, Hanno. Den Scheiß kannst du direkt mal streichen. Das ist ja mal völliger Blödsinn, den du dir da ausgedacht hast.“ Bis heute ist Balitsch amüsiert, wenn er an diesen Moment zurückdenkt. „Ich war sicher kein einfacher Spieler und Ewald hat mich auch einige Male zurechtgewiesen. Aber wir haben bis heute ein gutes Verhältnis.“

Sportlich bezeichnet Balitsch seine Zeit beim FC als „eine der besten Lebensschulen für einen Profifußballer.“ Der FC befindet sich von Beginn an im Abstiegskampf, weshalb Ewald Lienen zu Beginn der Rückrunde entlassen wird. Unter Nachfolger Friedhelm Funkel ist Balitsch weiter unangefochtener Stammspieler, doch für den Klassenerhalt reicht es nicht. „Das war kein Zuckerschlecken und sehr traurig.“ Dennoch hat er sich in der Domstadt unglaublich wohlgefühlt. „Für mich ist Köln die schönste Stadt Deutschlands. Ich mag die verschiedenen Veedel und finde es außergewöhnlich, wie stark sich die Menschen in guten wie in schlechten Zeiten mit dem FC identifizieren.“

Stammspieler unter Jürgen Klopp 

Trotzdem wechselt Balitsch nach dem Abstieg zu Bayer Leverkusen. Bei der Werkself wird er auf Anhieb Stammspieler, spielt in der Champions League und debütiert für die deutsche Nationalmannschaft. Zwei Jahre lang läuft es in Leverkusen gut für den Mittelfeldspieler, ehe er in der Saison 2004/05 nur noch sporadisch zum Einsatz kommt und den Entschluss fasst, in der Winterpause zum 1. FSV Mainz 05 wechselt. Bei den von Jürgen Klopp trainierten, abstiegsbedrohten Mainzern spielt Balitsch regelmäßig. Nach einer 0:3-Heimniederlage gegen Hertha BSC am 20. Spieltag trennt die 05er zwischenzeitlich allerdings nur noch ein Platz von den Abstiegsrängen. „Wir waren in meinen Augen völlig chancenlos, sind von den Fans aber trotzdem noch klatschend und feiernd verabschiedet worden“, erinnert sich Balitsch. „Mich hat das damals gestört und das habe ich offen angesprochen. Ich hatte in diesem Moment das Gefühl, dass der Fokus auf den Abstiegskampf fehlte.“ In den darauffolgenden Wochen läuft es sportlich deutlich besser, sodass die Mainzer den Klassenerhalt las Tabellenelfter vorzeitig perfekt machen. Der Unmut jedoch, den Balitsch einige Wochen zuvor geäußert hatte, hallt in der Öffentlichkeit nach.

 „Hanno hat geschimpft, wir seien eine Sekte. Er hat Mainz 05 nicht begriffen“, behauptet Mainz-Präsident Strutz. „Das ist das meistgenannte Zitat, das ich nie gesagt habe“, beteuert Balitsch. „Viele Journalisten haben das Zitat einfach übernommen, ohne vorher mit mir gesprochen zu haben. Einen Journalisten habe ich daraufhin auch angerufen und ihm eine heftige Ansage gemacht.“ Das halbe Jahr bei den Rheinhessen will Balitsch dennoch nicht missen. „Es war ja nicht alles schlecht. In Mainz wurde ich als Stammspieler wieder attraktiv für andere Bundesligisten.“

Ein Stück Rasen als Erinnerungsstück

Balitsch wechselt im Sommer 2005 zu Hannover 96, wäre beinahe aber zum FC zurückgekehrt. „Ich war mir schon einig mit dem FC. Leider ist der Wechsel an den Verhandlungen zwischen Mainz und Köln gescheitert.“ Im Jahr 2016 beendet er seine aktive Karriere und wird TV-Experte beim ZDF. Im Sommer 2021 wird er als Co-Kommentator bei der Europameisterschaft zu hören sein. „Der Job macht riesig Spaß. Der Medienbereich hat mich immer schon interessiert.“ Zusätzlich ist Balitsch als Co-Trainer aktuell noch für die deutsche U20-Nationalmannschaft tätig, absolviert die Ausbildung zum Fußball-Lehrer und hat ein Studium in Sportmanagement abgeschlossen. „Ich könnte mir perspektivisch auch vorstellen, als Sportlicher Leiter oder NLZ-Leiter zu arbeiten.“

Im Moment aber genießt Balitsch es, relativ viel Zeit mit seiner Frau und seinen drei Kindern verbringen zu können. Der älteste Sohn ist zehn, in Köln geboren und FC-Fan. 2017 erlebte Balitsch zusammen mit seiner Familie im RheinEnergieSTADION, wie der FC sich gegen Mainz für den Europapokal qualifizierte. „Nach Abpfiff haben wir uns schön ein Stück Rasen herausgerissen und es in Köln bei guten Freunden in deren Garten eingepflanzt.“ Nach wie vor verfolgt Balitsch den FC intensiv. „Der Punkt zu Hause gegen Dortmund war ein Lichtblick. Die Mannschaft muss in jedem Spiel voll dagegenhalten, dann bleibt der FC auch in der Liga.“

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PL.VereinPkt.
16DSC Arminia Bielefeld31
171. FC Köln29
18FC Schalke 0413

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