Profis | 26.11.2021

Hüben wie drüben

Broich: „Gast in der eigenen Kabine“

Als Riesentalent wechselte Thomas Broich im Alter von 22 Jahren an den Bökelberg. Er galt als große Hoffnung des deutschen Fußballs, war ein Feingeist auf und neben dem Platz. Während andere PlayStation spielten, las er Bücher und spielte Klavier. Er hatte die Fähigkeiten eines Dirigenten, war zu oft aber Solist. Vielleicht spielte Broich deshalb in der Bundesliga nie um Titel. Er kämpfte mit Gladbach gegen den Abstieg – und stieg mit dem 1. FC Köln auf. Erst am anderen Ende der Welt fand der Mittelfeldspieler sein sportliches Glück, wurde zum Fußballer des Jahrzehnts – und Filmstar.

Ein junger Mann, Anfang 20, mit dunklem, leicht zerzaustem Haar und einer Halskette aus Holz fährt in einem alten Mercedes zum Training. Es ist Thomas Broich. Aus den Boxen seines Autos ertönt klassische Musik. Sein Beifahrer schließt messerscharf auf Mozart. Falsch. „Ich habe ab und zu klassische Musik gehört, aber nicht Mozart“, sagt Broich. An jenem Tag läuft im Auto Carmina Burana von Carl Orff. Mannschaftskollege Stefan Reisinger ist das egal. Betritt Broich fortan die Kabine, fällt der Spitzname Mozart – und auch die Journalisten nennen ihn gerne so. „Ich fand es damals ganz nett, Mozart getauft zu werden.“

Broich sorge für die Musik im Gladbacher Mittelfeld, schreibt der Kicker im März 2004. Erst drei Monate zuvor war er als 22-Jähriger vom Zweitligisten Wacker Burghausen in die Bundesliga zu Borussia Mönchengladbach gewechselt. „Für mich als junger Spieler war es etwas Besonderes, für so einen großen Traditionsverein zu spielen.“ Die ersten Monate in Gladbach laufen fabelhaft. 

In der Rückrunde der Saison 2003/04 kommt Broich in 13 Ligaspielen auf sechs Scorerpunkte. Seine zentimetergenauen Pässe sind das Requiem für gegnerische Abwehrreihen. Rechts schauen, nach links spielen. Mit raschen Bewegungen aus dem Fußgelenk serviert er die Bälle in den Lauf der Stürmer. Trainer, Experten und Reporter schwärmen vom Mozart mit der Kugel. „Im ersten halben Jahr bin ich voll durchgestartet.“ Broich ist ein großes Versprechen an den deutschen Fußball. Eines, das in der Folge nie eingelöst wird. „Ich habe geglaubt, mein Weg würde einfach so weiter nach oben führen, habe aber weniger dafür getan. Mein Fokus auf das Wesentliche ist verloren gegangen.“ Der Mittelfeldstratege kommt in den darauffolgenden zwei Spielzeiten weiterhin regelmäßig zum Einsatz, doch mit guten Leistungen überzeugt er nur selten.

Sartre in der Kabine

Derweil zeichnen die Medien von Broich das Bild eines Intellektuellen, da er philosophische Lektüre und Romane „mit gewissem Anspruch lese.“ Sogar vor dem Training in der Kabine liest er. „Ich habe viele Fehler gemacht. Was bringt es mir auf dem Platz, wenn ich in der Kabine Sartre lese? Das musste nicht sein. Andere Mitspieler haben sich provoziert gefühlt. Das wollte ich gar nicht, war aber die logische Konsequenz. Es bringt nichts, Gast in der eigenen Kabine zu sein.“

Doch damals schmeichelt Broich das Bild des intellektuellen Rebellen zu sehr. „Das Mozart-Image hat meine Eitelkeit bedient. Besonders, als es sportlich nicht mehr so gut für mich lief. Ich dachte, ich stünde über den Dingen und habe mir das Leben dadurch unnötig schwer gemacht.“ Blauäugig baut sich Broich eine riesige Fallhöhe auf. „Ich dachte mir: Was soll’s? Kleide ich mich halt auch wie ein Intellektueller und ziehe Cord-Sackos an. Ich war nicht mehr ausreichend fokussiert darauf, auf dem Platz alles zu geben, um gemeinsam mit den anderen Jungs etwas Geiles zu reißen.“ 

Ansonsten wäre für Broich fußballerisch wohl mehr drin gewesen. „Das hätte ich mir auch gewünscht. Aber wenn man jung ist, macht man Fehler“, sagt er. „Fußball war immer meine Leidenschaft. Ich wollte nichts sehnlicher, als Erfolg zu haben. Das war mir in Gladbach zu einem gewissen Zeitpunkt nicht vergönnt – und dann habe ich falsche Schlüsse gezogen, wie ich damit umzugehen habe.“

„Die Trauben hängen bekanntlich nicht sehr hoch“

Immerhin schießt Broich während seiner Zeit bei der Borussia das 40.000 Tor der Bundesliga-Geschichte. „Man muss nicht viele schießen, um in den Geschichtsbüchern zu landen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Nur vier Treffer erzielt Broich in der höchsten deutschen Spielklasse. „Meine drei Jahre in Gladbach waren so lala. Ich glaube, das ist das Fazit für meine gesamte Karriere.“

Im Juni 2006 wechselt er 50 Kilometer rheinabwärts zum 1. FC Köln, der gerade in die 2. Bundesliga abgestiegen war. „Viele haben mich damals gefragt, warum ich in die Zweite Liga gehe. Aber ich hatte schon viele Freunde in Köln und in Gladbach war alles ein Stück weit verbraucht. Ich wollte einen frischen Start in einer Stadt, die ich mochte.“ Obwohl er vom Erzrivalen kommt, mögen ihn die FC-Fans auf Anhieb. „Die Menschen in Köln sind generell sehr herzlich. Die Stadt hat überhaupt nichts Versnobtes. Man kann sehr gut feiern, das ganze Jahr über, an jedem Wochentag. Dafür haben die Menschen hier ein Talent.“

Broich wohnt in einer WG in der Kölner Südstadt. Feucht-fröhliche Partys bleiben da nicht aus. „Ich bin in eine Stadt mit vielen Studenten gezogen und habe auch gelebt wie einer. In Köln hängen die Trauben bekanntlich nicht besonders hoch“, sagt er lächelnd. „Aber mein unprofessionelles Verhalten war logischerweise kein Ausweg aus meiner unbefriedigenden sportlichen Lage.“ Zu selten gibt Broich im Mittelfeld des FC entscheidend den Takt an. In der Saison 2006/07 verpasst der FC als Tabellenneunter den direkten Wiederaufstieg deutlich. Die Hinrunde läuft noch passabel, doch nach dem Mittelfußbruch von Torjäger Patrick Helmes geht es bergab. „Mit dem Bruch kam auch der sportliche Bruch. Patti hat uns massiv gefehlt, er war sportlich der absolute Wahnsinn.“

„Es war eine totale Befreiung“

Der Kölner Boulevard hält nach dem verpassten Aufstieg mit scharfer Kritik nicht hinter dem Berge. „Ich fand krass, wie wir als Spieler in den Zeitungen völlig vernichtet wurden. Ich erinnere mich an Schlagzeilen, als Fotos von einzelnen Spielern abgebildet waren. Dann hieß es sinngemäß: So sehen Versager aus.“ Broich muss schlucken. „Wenn man als Spieler nicht das mentale Rüstzeug für so etwas mitbringt, kann es schnell mal brutal den Bach runtergehen.“

Doch im zweiten Anlauf gelingt 2008 die angestrebte Rückkehr in die Bundesliga. Am vorletzten Spieltag macht der FC durch einen 2:0-Erfolg gegen Mainz 05 den Aufstieg perfekt. Broich schnappt sich anschließend seine Gitarre, setzt sich auf die Tribüne und feiert mit den Fans. „Das war ein krasser Moment der Erleichterung, Freude und Euphorie. Es war gigantisch, was für eine Energie im Stadion und in der Stadt herrschte. Gemeinsam mit den Fans haben wir den Aufstieg gewuppt.“

In der Bundesliga-Saison 2008/09 aber kommt der Rechtsfuß unter Trainer Christoph Daum nur noch zwölfmal zum Einsatz. Da sein auslaufender Vertrag nicht verlängert wird, wechselt er im Sommer 2009 zum 1. FC Nürnberg. Zwei Jahre später unterschreibt Broich beim australischen A-League-Club Brisbane Roar und findet den Spaß am Fußball wieder. „Ich hatte dort den Raum, um ganz anders über Dinge nachzudenken. Ich war nicht mehr zu dieser defensiven Rechtfertigungshaltung gezwungen. Es gab keine Notwendigkeit, zu rebellieren oder mich zu isolieren. Ich war das erste Mal in der Lage, meine eigenen Fehler zu sehen und zu hinterfragen. Es war eine totale Befreiung für mich. Ich hatte ein tolles Leben dort.“

Fußballer des Jahrzehnts und Filmstar

Im Jahr 2011 erscheint der Dokumentarfilm „Tom meets Zizou“, eine filmische Langzeitstudie, die Broichs Leben und dessen Karriere ab 2003 bis 2011 beleuchtet. In Australien wird Broich dreimal Meister. 2014 wird er in der A-League zum Fußballer des Jahrzehnts gewählt. Im August 2017 beendet Broich seine aktive Karriere und beginnt in Deutschland seine Ausbildung zum Fußballtrainer. Zudem war er in den vergangenen Jahren als Sportschau-Experte für die ARD tätig, kommentierte Bundesliga-Spiele für die DFL, war Experte im Radio und bei Champions-League-Spielen. Darüber hinaus trainierte er in der Saison 2020/21 die U15 von Eintracht Frankfurt. 

„Fünf Jobs gleichzeitig waren aber irgendwann zu viel. Jetzt gerade lege ich einfach mal eine Pause ein, bilde mich weiter, lese viel und hospitiere bei Vereinen.“ Perspektivisch will Broich als Jugendtrainer wieder arbeiten. „Der Job bei der Eintracht hat mich extrem happy gemacht. Ich glaube, dass vieles von dem, was später passiert, mit der kindlichen Prägung zusammenhängt. Ich habe große Lust, Jugendlichen fußballerisch und menschlich etwas zu vermitteln.“

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PL.VereinPkt.
6Sport-Club Freiburg55
71. FC Köln52
81. FSV Mainz 0546

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