Club | 12.11.2022

Dr. Werner Wolf und Dr. Christian Keller im Interview

Der professionelle Fußball hat auch andere Gesichter als das in Katar

Der 1. FC Köln hat sich intensiv mit seiner Haltung zur Fußball-Weltmeisterschaft in Katar auseinandergesetzt und wird die WM kommunikativ anders begleiten als bei den vergangenen Turnieren. Präsident Dr. Werner Wolf und Geschäftsführer Dr. Christian Keller sprechen über die Hintergründe.

Am Donnerstag und Freitag haben viele Nationaltrainer ihre Kader für die anstehende Fußball-Weltmeisterschaft 2022 bekanntgegeben. Haben sie das genauer verfolgt? Gibt es bei aller Kritik an der WM auch eine Art Vorfreude?

Dr. Werner Wolf: „Ich habe das nicht verfolgt und diese Tage vor der Weltmeisterschaft, die sonst auch bei mir für eine gewisse Vorfreude sorgen, sind bei diesem Turnier nicht vorhanden. Es passt einfach viel zu wenig zusammen. Der Fußball kann eine sehr wichtige gesellschaftliche Aufgabe übernehmen, kann Brücken bauen, kann Werte vermitteln, kann eine Zusammengehörigkeit ausdrücken – aber bei diesem Turnier, sind schon seit der Vergabe vor 12 Jahren so viele dieser Werte mit Füßen getreten worden, da stimmt so vieles nicht mit den Kampagnen des professionellen internationalen Fußballs überein, dass meine Frustration nachwirkt und sich auch auf mein persönliches Verhalten bei diesem Turnier auswirken wird.

Wie geht es Ihnen damit, Herr Keller?

Dr. Christian Keller: „Bei mir steht das Turnier allein schon deshalb nicht im Fokus, weil wir noch mitten im Bundesliga-Geschäft sind. Der zusammengepresste Spielplan, die englischen Wochen, dann die sehr kurze Vorbereitung, die Austragung zur Weihnachtszeit, es ist schwer für Fußballfans, sich richtig darauf einzulassen. Wobei wir das Argument der Winter-WM sicher nicht zu hoch hängen dürfen. Andere Regionen der Welt spielen die WM sonst immer im Winter, aber Fakt ist: Die Bewerbung Katars im Jahr 2010 war damals die schlechteste im Rennen, sie galt für unseren Sommer und erst im Nachgang mussten viele Faktoren nachgebessert werden. Das war kein fairer Wettbewerb, das war eine von massiven Korruptionshinweisen geprägte Vergabe. Katar hatte keine Fußballkultur und sich vorher auch noch nie für eine WM qualifiziert. Man weiß heute, dass die WM in Katar die teuerste WM aller Zeiten ist. Die für die WM getätigten Infrastrukturinvestitionen in Stadien, Hotels, Verkehrswege usw. werden je nach Quelle auf 200 bis 300 Milliarden Euro geschätzt. Für die WM in Russland 2018 waren es lauf offiziellen Angaben rund 12 Milliarden Euro. Allein diese Dimension verdeutlicht den kompletten Irrsinn hinter der WM in Katar.“

Herr Wolf, was feuert denn ihre Verstimmung als Fußballfan an?

Dr. Werner Wolf: „Die gesellschaftspolitischen Auswirkungen werden gerade in den TV-Sendern, in den Tageszeitungen, Talkshows und Podcasts hoch und runter diskutiert. Da müssen wir nicht viel ergänzen. Ein Aspekt, der mir bei der massiven berechtigten Kritik an der Vergabe dieser WM besonders erwähnenswert ist, dass hier so offensichtlich gar kein Hehl daraus gemacht wird, dass es allen voran darum geht, Katar eine weltweite Bühne zu geben sowie der FIFA dadurch einen möglichst hohen Profit zu ermöglichen. Man kann den professionellen Fußball insgesamt kritisch sehen, aber so dreist wie bei diesem Turnier wurden die Interessen der weltweiten Fußballgemeinschaft noch nie ignoriert.

Können Sie das genauer beschreiben?

Dr. Werner Wolf: „Es gab sicher immer wieder Unregelmäßigkeiten bei so großen Veranstaltungen, aber dieses Turnier ist nicht mal im Ansatz damit verbunden, Brücken zu bauen. Wenn man die WM in die Golfregion vergibt, hätte es sicher Potenzial gegeben, verschiedene Parteien an einen Tisch zu bekommen, um bestehende Konflikte zwischen den Kulturen, Religionen oder auch in der Politik der Region zu beleuchten und konstruktive Impulse zu geben. Es gibt doch diese positiven Beispiele in der Sportgeschichte – die WM in Japan und Südkorea 2002 hatte diese Elemente, der Einmarsch gesamtkoreanischer Teams in der olympischen Geschichte. Die gesamtdeutschen Olympiateams 1956, 1960 und 1964. Katar spielt doch diese Rolle, sich überall als Partner anzubieten. So etwas hätte ich mindestens erwartet, stattdessen habe ich das Gefühl, dass hier ein sehr reiches, sehr kleines Land, das bisher so gut wie nichts mit Fußball am Hut hatte, eine Hochglanz-Bühne eingekauft hat, um seine Botschaften zu senden. Die nicht vorhandenen Voraussetzungen wurden durch finanzielle Aspekte ausgehebelt.“

Dr. Christian Keller: „Nehmen wir nur das Beispiel Frauen-Nationalmannschaft. Eine solche Mannschaft gilt als Voraussetzung für eine WM-Bewerbung. Katar hat sein Frauenteam im Jahr 2009 eigens für die Bewerbung gegründet. Sein erstes offizielles Länderspiel hat das Team dann im Oktober 2010, also kurz vor der WM-Vergabe bestritten.  In der Weltrangliste kommt das katarische Frauenteam bis heute nicht vor, weil nur einige wenige Freundschaftsspiele bestritten wurden und in den vergangenen Jahren gar keine Auftritte mehr stattgefunden haben. Mit diesem Missstand sind wir noch gar nicht beim grundsätzlichen Umgang von Katar mit Frauen und gesellschaftlichen Randgruppen, deren Rechte jeweils stark eingeschränkt sind. Das sind solche Punkte, die sicher das Gefühl von Werner Wolf verstärken.“

Was machen sie mit diesem Gefühl? Wie geht der 1. FC Köln mit der Fußball-Weltmeisterschaft um?

Dr. Werner Wolf: „Wir werden unserer Kritik an diesem Turnier sehr aktiv Ausdruck verleihen. Wir spüren, dass es vielen unserer Mitglieder ein Bedürfnis ist, diese Kritik in irgendeiner Form auszuleben. Wir hatten schon vor einem Jahr den klaren Auftrag, diese Kritik beim DFB zu hinterlegen und uns dafür stark zu machen, dass Protestaktionen stattfinden. Wir haben solche Gespräche geführt. Natürlich sind wir im Weltfußball nur ein kleines Rad, dennoch halten wir es für falsch, die Missstände rund um die WM in Katar unkommentiert zu lassen. Wir sind Teil des professionellen Fußballs mit all seinen Stärken und Schwächen, aber wenn wir nichts tun, vermitteln wir den Eindruck, dass der Profifußball sich in der Katar-WM tatsächlich wiederfindet. Gerade in Köln nehmen wir zwar Teil an diesem Millionen-Geschäft, aber wie vielen anderen Klubs der Bundesliga ist es uns wichtig, soziale Aspekte zu berücksichtigen, uns für Teilhabe einzusetzen, für FairPlay und Solidarität. Wir wollen Brücken bauen zwischen den Menschen, Kulturen und Religionen. Wir bringen Menschen zusammen – vollkommen unabhängig von Hautfarbe und oder sexueller Orientierung. Unser Motto ‚Lebe wie du bist‘ ist uns sehr wichtig. Auch das kann der Profifußball für eine Gesellschaft leisten und vieles davon können wir bei dieser WM nicht erkennen. Dieser Eindruck darf sich nicht festsetzen in den Köpfen der Menschen. Der professionelle Fußball hat auch andere Gesichter als das in Katar.“

Dr. Christian Keller: „Wichtig ist uns in den kommenden Wochen, dass wir nicht belehrend auftreten wollen. Aber wir wollen unsere Sicht auf die Dinge zeigen. Wir wollen beitragen, dass auch über die Hintergründe dieser WM gesprochen wird. Wir können und müssen als 1. FC Köln unseren Anteil dazu leisten, dass es im Profifußball nicht in erster Linie um immer noch mehr Kommerzialisierung geht. Im Mittelpunkt muss das Spiel stehen und die soziale Kraft, die von diesem Spiel ausgehen kann, nämlich wie von Werner Wolf beschrieben, Menschen unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht, Religion etc. zusammenzubringen und gemeinsam integre Normen- und Wertevorstellungen zu leben.

Wie genau wird der 1. FC Köln während der Weltmeisterschaft seiner kritischen Haltung Ausdruck verleihen?

Dr. Christian Keller: „Wir rufen nicht zu einem Boykott auf, aber wir werden einen aktiven Beitrag zum Nachdenken und zur kritischen Selbstreflektion leisten. Jeder Fußballfan soll die WM so verfolgen, wie er möchte, aber wir werden mögliche Alternativen aufzeigen. Wir werden über unsere Kanäle alternative Veranstaltungshinweise für Köln und Umgebung geben. Wir werden unsere Reichweite nutzen, um über Interviews kritischen Stimmen eine Plattform zu bieten. Darüber hinaus werden wir auch an themarelevanten Podiumsdiskussionen teilnehmen, so beispielsweise Carsten Wettich am kommenden Montagabend im Sport- und Olympiamuseum. Sportlich akzeptieren und unterstützen wir, dass die WM für die teilnehmenden Spieler, unter anderem auch für unseren Spieler Ellyes Shkiri, ein absoluter Karriere-Höhepunkt sein wird. Über diese Spiele werden wir sachlich berichten. Natürlich drücken wir auch der deutschen Nationalmannschaft ganz fest die Daumen und hoffen auf tolle sportliche Leistungen. Allen anderen PR-Aspekten aus Katar werden wir beim FC aber keine Bühne geben.“

Der 1. FC Köln wird darüber hinaus auch selbst Impulse setzen, was die kritische Auseinandersetzung mit Katar betrifft?

Dr. Werner Wolf: „Das ist so. Der 1. FC Köln holt eine Sonderausstellung des Künstlers Mohamed Badarme nach Köln ins Deutsche Sport- und Olympiamuseum, die sich mit dem Leben der migrantischen Stadionarbeiter beschäftigt, die der Fotograf zwischen 2017 und 2022 immer wieder in Katar und Nepal besucht hat. Wir werden dort auch eine Podiumsdiskussion gegen Ende der WM veranstalten, um zu bilanzieren, was der Protest gebracht hat. Die Ausstellung wird vom 19. November bis 15. Januar laufen. Außerdem prüfen wir gerade noch, ob wir es möglich machen können, mit einem besonderen Dokumentarfilm Kölner Schulklassen die Thematik näher zu bringen. Hier stehen wir mit dem Projektteam im Austausch und versuchen sie auch von Terminen in Köln zu überzeugen.“

Wie sieht denn die Arbeit für einen Geschäftsführers mit Sportverantwortung in dieser Zeit aus? So eine WM ist ja oft auch Dreh- und Angelpunkt für Scouting und berufliche Verpflichtungen?

Dr. Christian Keller: „Wir werden die WM nicht mit Scouts vor Ort in Katar besetzen. Ehrlicherweise muss ich allerdings dazu sagen, dass wir das mutmaßlich auch bei einem anderen Austragungsland nicht gemacht hätten. Die meisten Spieler, die bei einer solchen WM auffällig werden, bewegen sich in der Regel jenseits unserer aktuellen Preisklasse. Unabhängig von der reinen Scouting-Perspektive sind wir uns in den Führungsgremien des FC aber auch einig, dass keiner von uns Einladungen zur WM nach Katar annehmen beziehungsweise einen privaten WM-Besuch abhalten wird.“

Dr. Werner Wolf: „Wir nehmen keine Einladungen an, fahren als Gremien-Vertreter nicht hin. Aber wir sprechen Einladungen zu alternativen Anlässen aus. Entweder zu der erwähnten Sonderausstellung im Sport- und Olympiamuseum, zu den Bundesliga-Spielen unserer FC-Frauen und zu den Spielen unserer NLZ-Teams. Lasst uns doch unsere Fußball-Begeisterung in den kommenden Wochen auf die FC-Teams abseits unserer Herrenmannschaft fokussieren. Spannender Frauen- und Nachwuchsfußball auf deutschen Topniveau. Unsere Bundesliga-Frauen spielen beispielsweise in Potsdam um den Einzug ins DFB-Pokal-Viertelfinale und haben zwei Heimspiele gegen Meister VfL Wolfsburg (27.11.2022 im Franz-Kremer-Stadion) und den SC Freiburg (11.12.2022 im Franz-Kremer-Stadion). Das wäre doch ein schöner Effekt dieser WM, wenn wir das Franz-Kremer-Stadion noch voller machen in dieser Zeit. Professioneller Fußball hat auch diese Seite.“

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