Club | 27.01.2020

Sülz 07 und der KBC im Nationalsozialismus

Gedenken: Das Schicksal der Brüder Levy

Die Mitglieder der Vorgängervereine des 1. FC Köln, Sülz 07 und der Kölner Ballspiel-Club, litten unter den drastischen Maßnahmen des Nationalsozialismus. Einige wenige Schicksale und Geschehnisse sind gesichert.

Der Machtantritt der Nationalsozialisten im Januar 1933 brachte dem Sport und damit auch dem Fußball einschneidende Veränderungen. Die  populären Arbeitersportvereine wurde sofort verboten, manche lösten sich auf, um einem Verbot zuvorzukommen. Es folgte die Gleichschaltung des „bürgerlichen“ Sports. Regionale Sportgaue und reichsweite „Fachsäulen“ lösten die  Fachverbände, wie den Westdeutschen Spielverband, ab. Von den zumeist konservativ-national geprägten Funktionären gab es kaum Widerstand. Wie viele andere auch, waren sie dem nationalen Rausch um Hitlers Machtantritt verfallen. Bereits am 9. Juli 1933 stimmte der DFB der Selbstauflösung zu und wurde anschließend zur „Fachsäule 2“ innerhalb des Reichsbundes für Leibesübungen. Die Vereine erhielten einheitliche Satzungen, nach der beispielsweise ein für die politische Schulung zuständiger „Dietwart“ eingestellt werden musste und jüdische Mitglieder ausgeschlossen waren. Die Vorstandsposten der Vereine übernahmen oft linientreue Parteigenossen, sofern sich die bisherigen Amtsinhaber nicht entsprechend anpassten. So musste Karl Büttgen, langjähriger Vorsitzender von Sülz 07 und seit 1931 Mitglied der SPD, aus politischen Gründen aus dem Sülzer Vorstand ausscheiden. Auch in der Klub-Publizistik machte sich der Umsturz bemerkbar: Wurden in der Festschrift zum 30-jährigen Jubiläum des KBC (1931) die jüdischen Fußballpioniere Otto und „Addy“ Levy noch erwähnt, sucht man diese in der KBC-Festschrift von 1941 (40-jähriges Jubiläum) vergeblich.

Adolf und Otto Levy  
Der Ausschluss der jüdischen Mitglieder war vor allem für den KBC von besonderer Schwere, denn der Klub war seit frühester Zeit auch von ihnen geprägt gewesen und wurde vom Volksmund zuweilen sogar als „Jüddeklub“ (Kölsch: „Judenklub“) bezeichnet. Der Ausschluss aus dem geliebten Sportverein war in der Regel erst der Anfang eines langen Leidensweges der jüdischen Mitglieder, wie das Beispiel der Gebrüder Otto und Adolf (genannt „Addy“) Levy zeigt. Beide waren mindestens ab 1902 Mitglieder des 1901 gegründeten KBC. Nachweislich bis 1906, wahrscheinlich aber länger, spielten Otto und Adolf Levy in der 1. Mannschaft. Sie engagierten sich auch abseits des Fußballplatzes. Durch Kontakte und Vermittlungsgeschick hatten die Gebrüder Levy maßgeblichen Anteil daran, dass der Rheinisch-Westfälische Spielverband im Mai 1905 an den DFB angeschlossen wurde, wovon letztlich auch der KBC profitierte. Dies lässt den Schluss zu, dass Otto und „Addy“ Levy sich auch auf Verbandsebene einbrachten und auf entsprechende Verbindungen zurückgreifen konnten. 

Zu den Biographien der Gebrüder Levy konnten nur noch wenige Details recherchiert werden. Adolf Levy wurde am 23. Januar 1883 in Köln geboren. Letzte ermittelbare Anschrift war die Spichernstraße 30 im Kölner Stadtteil Neustadt-Nord. In dem Anwesen lebte zudem die ebenfalls jüdische Familie Leiser. An der Roonstraße, nur gut anderthalb Kilometer von der Spichernstraße entfernt, wurde im Jahre 1899 die Synagoge Köln eingeweiht. Laut den Unterlagen des Bundesarchivs deportierten die Nazis Adolf Levy am 30. Oktober 1941 von Köln aus nach Lodz im heutigen Polen, wo er im dortigen Ghetto leben musste und nicht einmal ein Jahr später, am 8. September 1942, starb. Über die Todesursache ist nichts bekannt.

Otto Levy (*27.03.1885) war ebenfalls gebürtiger Kölner. In den vorliegenden Dokumenten wird als Beruf Chocolatier angegeben. Nach 1933 zogen Otto Levy und dessen aus Dresden stammende Ehefrau Katharina Levy (geborene Schwarz, *17.08.1896) nach Berlin, wo er als Hilfsarbeiter bei  Daimler-Benz beschäftigt war. Am 14. und 16. Januar 1943 mussten die Eheleute Levy gemäß der elften Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.11.1941 der „Vermögensverwertungsstelle“ Vermögenserklärungen abgeben. Die entsprechende Akte (Nr. 22423) ist im Brandenburgischen Landeshauptarchiv einsehbar. Der Vermögenserklärung folgte die Vermögenseinziehung und laut den Daten des Bundesarchivs am 29. Januar 1943 die gemeinsame Deportation in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Dort verliert sich die Spur der Eheleute Otto und Katharina Levy.

Ernst (Hermann) Pelzer
Ebenso tragisch verlief die Lebensgeschichte von Ernst (Hermann) Pelzer. Am 28. April 1896 in Köln geboren, war Pelzer als selbständiger Unternehmer in seiner Heimatstadt tätig. In seinem Betrieb absolvierte unter anderem der spätere „Amateurchef“ und langjährige 3. Vorsitzende des 1. FC Köln, Karl-Heinz „King“ Schäfer, eine kaufmännische Ausbildung. Nach 1933 wurde das Unternehmen arisiert, was bedeutete, dass Ernst Pelzer die Firma zum Tiefstpreis an einen Deutschen Unternehmer „arischer Herkunft“ veräußern musste. Vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hatte Pelzer sich intensiv als Betreuer im Nachwuchsbereich des KBC engagiert, wurde dann jedoch, wie die anderen jüdischen Mitglieder, aus dem Verein ausgeschlossen. Die Deportation in das Ghetto Lodz fand laut den Daten des Bundesarchivs am 22. Oktober 1941  statt. Später wurde Ernst Pelzer für tot erklärt. Als Sterbedatum/Sterbeort wird der 6. Dezember 1942 in Lodz geführt.

Ernst Pelzers Mutter, Emma Pelzer, überlebte die NS-Zeit und wohnte nach 1945 im jüdischen Elternheim in Köln, einer sozialen Einrichtung in der kranke und alte Menschen betreut und gepflegt werden. Vermittelt vom Kölner Oberbürgermeister und FC-Verwaltungsratsmitglied Theo Burauen sowie von DFB-Präsident Peco Bauwens, dessen Rolle in der NS-Zeit nicht unumstritten ist, kam der 1. FC Köln im Winter 1960 mit Emma Pelzer in Kontakt. Eine Abordnung des FC-Vorstandes, darunter der ehemalige Pelzer-Lehrling Karl-Heinz Schäfer, besuchte die inzwischen 90-jährige Dame, die den Tod ihres Sohnes nie verarbeiten konnte, im jüdischen Elternheim. „Nachdem wir bisher nichts von ihm hörten, haben wir nun leider die Gewissheit, dass auch er der Nazizeit zum Opfer gefallen ist“, berichteten die FC-Clubnachrichten im Dezember 1960 über das Schicksal von Ernst Pelzer. Sehr deutliche Worte im Vergleich zur sonst in den Nachkriegsjahren eher auf Verdrängung bedachten Sportpublizistik. Der FC schenkte Emma Pelzer zu Weihnachten 1960 einen neuen Sessel und hielt die Verbindung fortan aufrecht. Für die Aufmerksamkeit des 1. FC Köln bedankte sich Emma Pelzer mit einem Brief, der in den FC-Clubnachrichten (Ausgabe Februar 1961) veröffentlicht wurde.

Quelle: "Im Zeichen des Geißbocks", Dirk Unschuld, Verlag Die Werkstatt


NIE WIEDER

Am 27. Januar 2020 jährte sich zum 75. Mal der Tag, an dem die Überlebenden im Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit wurden. Mit dem „Erinnerungstag im deutschen Fußball“ gedenken die DFL und die Clubs der Bundesliga und 2. Bundesliga am 19. und 20. Spieltag der Opfer des Nationalsozialismus.

Der Gedenktag durch die Initiative „Niewieder” wurde 2004 ins Leben gerufen. Die Initiative hat sich die Botschaft der Überlebenden des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau zu eigen gemacht. Der Tag erinnert die Fußballfamilie daran, dass Menschen aus ihren Reihen von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Dass dieses grausame Verbrechen gelang, daran hatte auch der Fußball seinen Anteil. Der Ausschluss und damit die Preisgabe der jüdischen und kommunistischen Vereinsmitglieder, sehr oft als jubelnde Erfolgsmeldung in den Vereinsnachrichten veröffentlicht, wird unvergessen bleiben.

Neben Juden, politischen Gegnern und anderen ausgegrenzten Gruppen waren im Besonderen die deutschen und europäischen Sinti und Roma in der NS-Zeit schrecklicher Verfolgung ausgesetzt. Hunderttausende fielen der Vernichtungspolitik der Nazis zum Opfer; allein im KZ Auschwitz wurden mehr als 20.000 von ihnen ermordet. In Zeiten von zunehmendem Populismus, sowohl in Deutschland wie auch in den europäischen Nachbarländern, gilt es umso mehr, sich auf die gemeinsamen europäischen Werte zu besinnen und sich zu Demokratie und Toleranz zu bekennen.

Dieses Engagement ist alternativlos. Die Fußballfamilie hat das verstanden. Immer mehr Fans und Fanprojekte, Amateur- und Profivereine, Fußballverbände und zivilgesellschaftliche Initiativen arbeiten mit Phantasie und Mut für ein den Menschenrechten verpflichtetes Gemeinwesen und für eine offene und solidarische Gesellschaft. Der 1. FC Köln steht voll hinter diesen Werten und verdeutlicht dies auch in seiner Charta.

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PL.VereinPkt.
13Hertha BSC26
141. FC Köln23
151. FSV Mainz 0522

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