Profis | 19.06.2020

FC-Geschäftsführer im Gespräch

Heldt: „Leistung richtig einordnen“

FC-Geschäftsführer Horst Heldt sprach am Donnerstag in einer Medienrunde über die Niederlage in Leverkusen, Erkenntnisse aus der Spielzeit – und über Jonas Hectors großen Stellenwert für die Mannschaft.

Horst Heldt über:

…das 1:3 in Leverkusen: Wir haben verloren, daher fühlen wir uns nicht gut. Dieser Zustand wird auch einen Tag nach dem Spiel nicht besser. Wir sind davon getrieben, Wettkämpfe mit einem guten Ergebnis zu bestreiten. Deshalb ärgern wir uns über diese und jede andere Niederlage. Es tut weh, verloren zu haben. Entscheidend ist, die Niederlage richtig einzuordnen. Das Spiel in Leverkusen muss anders bewertet werden als die Leistung gegen Union Berlin. Wir haben uns gegen Leverkusen gewehrt und hatten vor allem in der zweiten Hälfte Phasen, in denen wir drauf und dran waren, den Ausgleich zu erzielen. Die Statistik zeigt, dass unsere Mannschaft an diesem Spieltag die meisten Sprints aller Teams hingelegt hat. Wir haben mehr investiert, sind aber auf eine Mannschaft gestoßen, die alle Spiele gewinnen will, um in die Champions League zu kommen. So ist Leverkusen auch aufgetreten.

…die Ursachen für die Gegentore: Noah Katterbach hat sich vor dem ersten Gegentor wegdrücken lassen. Er ist ein Spieler, der schon viel Tolles gezeigt hat, aber eben auch erst 18 Jahre alt ist. Er muss noch dazulernen. Aber wir wollen diesen Weg mit unseren jungen, sehr talentierten Spielern gehen. Das ist eine Grundsatzentscheidung, von der wir überzeugt sind. Junge Spieler müssen Fehler machen dürfen. Die Entstehung des zweiten Gegentreffers war ärgerlich. Wir stehen bei einem Einwurf nicht gut. Daraus resultiert das 0:2. So etwas lässt sich verhindern. Das 3:1 resultiert dann aus einer tollen Einzelleistung von Diaby. Kai Havertz, der das zweite Tor erzielt hat, ist nicht ohne Grund in aller Munde. Wir müssen uns dennoch steigern, das steht außer Frage. Dass unsere Spieler nicht wollen und sich nicht interessieren, ist aber nicht der Fall. Meine Erfahrung als Spieler und als Manager hilft mir, Dinge gut einzuordnen. Und ich kann sagen, dass die Mannschaft einen guten Charakter hat. Dennoch können wir uns in vielen Bereichen verbessern.

…die Situation seit der Corona-Pause: Wie soll es denn mit dem 1. FC Köln weitergehen? So, wie in den vergangenen 25 Jahren, in denen man nur zweimal einen einstelligen Tabellenplatz erreicht hat, mehrfach auf- und wieder abgestiegen ist? Oder erkennen wir an, dass wir ein Aufsteiger sind? Es ist eine schwierige Saison mit Corona. Es gibt kein Handbuch für diese Situation, aber wir müssen uns dieser Lage stellen. Die Analyse fängt immer bei uns selbst an. Kritisch zu sein, ist unerlässlich. Wir nehmen ganz viele wertvolle Erkenntnisse für die kommende Saison mit. Aber es gehört auch dazu, alles richtig einzuordnen. Ansonsten wird sich der FC, dieser tolle und große Verein mit 110.000 Mitgliedern und einem unfassbaren Potenzial, nie stabilisieren.

…die Frische im Kopf der Spieler: Den Jungs geht es genauso wie jedem anderen, der gerade mit einer Maske durchs Leben gehen muss. Fieberthermometer und Corona-Test sind ein ständiger Begleiter. Und Fußballer sind auch nur Menschen. Der eine kommt besser damit klar, der andere schlechter. Auch außerhalb des Fußballs fällt es den Menschen unterschiedlich leicht oder schwer, mit den Einschränkungen klarzukommen. Man kann die Spieler verteufeln, es gibt aber auch die Möglichkeit, Verständnis zu zeigen. Trotz der widrigen Begleitumstände geben sich aber weder die Spieler noch ich mit den Ergebnissen der vergangenen Wochen zufrieden. 

… die Arbeit von Markus Gisdol: Wir haben noch zwei Spiele, um den Klassenerhalt vollumfänglich selbst zu regeln. Es gibt noch keinen Grund, auf den Ligaverbleib anzustoßen. Das mache ich erst, wenn es faktisch so weit ist. Wir müssen uns aber auch nicht für 35 Punkte entschuldigen, die wir bereits geholt haben. Als der FC im November letzten Jahres auf Trainersuche war, haben die Kandidaten nicht Schlange gestanden. Es gab nicht viele, die sich das zugetraut haben. Markus hat die Mannschaft übernommen, als sie sieben Punkte hatte. Seine Leistung nur ansatzweise in Frage zu stellen, ist absolut töricht. Und bei allen Stärken und Schwächen, die unsere Mannschaft hat, verteidige ich sie. Sie haben sich im ersten Saisondrittel selbst in diesen Sumpf gebracht, sich aber auch selbst wieder daraus befreit. Das ist eine extrem gute Leistung für einen Aufsteiger.

... Erwartungen und Ziele: Wir müssen akzeptieren, wer wir sind. Das fängt damit an, dass wir die Leistung in dieser Saison richtig einordnen. Es gibt viele Menschen und Mitglieder, die die Situation immer richtig eingeordnet haben. Träumen ist in Ordnung, aber niemand ist vor der Saison mit dem Ziel in die Spielzeit gegangen, um die Europapokal-Plätze zu spielen. Es ging von Anfang an um den Klassenerhalt. Auch in der nächsten Saison geht es um den Klassenerhalt und darum, im DFB-Pokal möglichst weit zu kommen. Niemand hat Bock, auf Dauer um Platz 14 oder 15 zu spielen. Aber wir benötigen erst einmal Stabilität und Ruhe. Jeden kotzt es an, wenn wir verlieren. Mich, den Trainer und die Spieler. Da gibt es keine lachenden Gesichter in der Kabine. Niemand reißt dann Witze. Wir haben den Trieb, jedes Spiel zugewinnen. Damit sind wir aufgewachsen. Wenn wir verlieren, bekommen wir auf die Nuss. Das müssen wir akzeptieren, annehmen, reflektieren und einordnen. Die Niederlage gegen Union Berlin ist anders zu bewerten als das 1:3 in Leverkusen. Spiele wie gegen Union Berlin sollten wir vermeiden. Es macht wütend, wenn man neun Kilometer weniger läuft als der Gegner. Dennoch gibt es Vereine, die in der Tabelle hinter uns stehen und gerne mit uns tauschen würden.

…das Fehlen der Fans: Dass die Fans fehlen, soll nicht als Alibi dienen. Es unterstreicht aber die Bedeutung der Menschen, die uns normalerweise immer begleiten. Diese Menschen fehlen uns. Andere Vereine tun sich offenbar leichter, ohne Zuschauer zu spielen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Atmosphäre in Köln sehr besonders ist. Wir sind immer wieder in diesen Genuss gekommen. Die Unterstützung durch die Fans lässt sich vielleicht sogar mit einer Droge vergleichen, die wir einfach brauchen. Auch in anderen Stadien ist Stimmung, aber beim FC ist es etwas ganz Besonderes. Das verbindet.
Deshalb fehlen uns die Zuschauer. Wir müssen aber lernen, damit umzugehen, da es sein kann, dass die Fans zu Beginn der nächsten Saison auch noch fehlen.

…Jonas Hectors Pause in Leverkusen und seine Rolle: Jonas hat sich in den vergangenen Wochen des Öfteren trotz kleiner Wehwehchen zur Verfügung gestellt. Viele Spieler ins unserem Kader stehen vor einer Gelbsperre. In einer englischen Woche fließen viele Parameter bei der Benennung der Startelf mit ein. Jonas wird am Samstag gegen Frankfurt nochmal alles aus sich herausholen. Ich bin heilfroh, dass er beim FC ist. Er lebt diesen Club. Er spielt mit voller Hingabe und voller Überzeugung für den Verein. Ich definiere Jonas als absoluten Führungsspieler. Er hat einen richtig guten Charakter und ein großes soziales Gespür.
Er ist kein Schreihals und gestikuliert auf dem Platz nicht wild herum. Aber was er sagt, hat Gewicht. Er gibt in jedem Training Vollgas und treibt die anderen an. Er arbeitet auch nach dem Training weiter. Er ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild. Er thematisiert Dinge, die nicht gut laufen. Als Nationalspieler in die Zweite Liga zu gehen, ist nicht selbstverständlich. Er hat dadurch seine Nationalmannschaftskarriere aufs Spiel gesetzt, er hat das für den Club in Kauf genommen. Ich weiß nicht, ob zu meiner Zeit als FC-Spieler jemand im Kader war, der sich in dieser Intensität mit diesem Verein identifiziert hat, wie es Jonas tut. Mir fällt spontan niemand ein.

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
131. FSV Mainz 0537
141. FC Köln36
15FC Augsburg36