Profis | 11.05.2019

Langjähriger FC-Kapitän

Lehmann: „Es war eine Ehre“

Noch zwei Spiele, dann endet die Zeit von Matthias Lehmann als Profi beim 1. FC Köln. Nach sieben Jahren, mindestens 187 Pflichtspielen, zwei Aufstiegen und einer Qualifikation für Europa. Am Sonntag gegen Regensburg wird Lehmann verabschiedet. Für FC.de blickt der langjährige Kapitän zurück. Auf eine Ära beim FC, die schwierig begann – und doch die schönste seiner Karriere wurde.

„Noch zwei Spiele, dann höre ich auf. Dann hänge ich meine Fußballschuhe beim FC an den Nagel. Ich bin stolz auf meine Zeit hier. Die Zeit war riesig, für den Verein und für mich persönlich. Es hat einfach richtig Bock gemacht, hier zu spielen.

Auch wenn es nicht gut losging.

Im Sommer 2012 begann meine Zeit am Geißbockheim. Der 1. FC Köln sollte nach dem Abstieg sofort wieder hoch. Dafür kam Holger Stanislawski, den ich aus meiner Zeit bei St. Pauli kannte. Stani hat mich angerufen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, nach Köln zu kommen. Nach dem Aufstieg mit Frankfurt hatte ich das Gefühl, dass ich eine Veränderung brauche. Deshalb musste ich nicht lange überlegen, weil die Zusammenarbeit mit Stani bei Pauli super war. Aber wenn ein Trainer einen Spieler holt, mit dem er schon mal zusammengearbeitet hat, wird der Spieler immer doppelt und dreifach beäugt. Das ist normal. Und leider war mein erstes Jahr beim FC wirklich nicht gut. Viele haben mich kritisch gesehen. Ich kann nicht behaupten, dass mich das nicht gejuckt hätte. Man bekommt als Spieler im Stadion mit, was die Leute von einem halten. Das war nicht so einfach für mich. Aber ich kann den Leuten nicht diktieren, was sie über mich denken.

Außerdem war das, was danach kam, umso schöner.

Ohne mich selbst groß zu loben oder mir meine Geheimratsecken zu streicheln: Ich glaube, ich habe ab dem zweiten Jahr den Eindruck aus dem ersten Jahr revidiert. Es gibt bestimmt noch immer Fans, die finden, dass ich sieben Jahre zu lange beim FC war. Ich hoffe aber, es sind nicht so viele.

Ich bin kein Brasilianer. Ich bin eher ein Arbeiter. Ich habe mich nie vor irgendwas gescheut, ich habe mich immer voll reingeworfen, ohne Rücksicht auf den eigenen Körper. Deshalb kann ich auch gut in den Spiegel gucken und sagen: Ich bin sehr stolz auf das, was ich mit dem FC geleistet habe.

In meiner Anfangszeit als Profi habe ich noch offensiver gespielt, auf der Acht und auf der Zehn. Später hat es sich nach hinten verlagert. Auf die Sechs. Für mich war immer klar: Auf der Sechs muss ich so einfach wie möglich spielen, keine Überdinger machen, gut organisieren und mich vor allem immer voll reinhauen. Man darf sich für nichts zu schade sein und darf sich auch nicht denken: Oh, wenn ich jetzt in den Zweikampf gehe, könnte ich mich verletzen. Stattdessen heißt es: Reinfliegen in jedes Duell und hoffen, dass danach der andere liegt und nicht du.

Lehmann

Ich hätte anfangs nicht gedacht, dass der FC meine letzte und längste Station sein würde. Das kann man ehrlich sagen: So etwas denkst du nicht als Spieler. Als ich zum FC kam, ging es einfach nur darum, aufzusteigen. Das hat im ersten Jahr nicht geklappt. Deshalb war ich umso glücklicher, dass wir es im zweiten Jahr geschafft haben. Mit einer super Saison und kaum Gegentoren.

Ich weiß noch, dass kein Gegner Bock hatte, gegen uns zu spielen. Weil sie genau gewusst haben: Sie kommen nicht durch. Das hat man teilweise schon während des Spiels gemerkt. Wenn du auf dem Platz hörst, wie deine Gegenspieler sich gegenseitig anschnauzen, wenn sie resignieren und sagen, es bringt alles nichts, dann ist das für dich als Fußballer das Größte. Das macht einen noch heißer. Dann weißt du, warum du dich quälst, in der Vorbereitung und bei all den Läufen.

Vor der Saison 2013/14, in der wir aufgestiegen sind, kam Peter Stöger als Trainer zum FC. Es hat von Anfang an gepasst mit uns, wir hatten eine sehr gute Trainer-Spieler-Beziehung. Aber nicht nur wir beide. Mit Manfred Schmid, Alex Bade, Jörg Schmadtke, Alex Wehrle und dem Vorstand gab es einfach einen Haufen Typen, die damals alle ein Ziel hatten: den FC wieder nach oben zu bringen. Das war eine gute Gesamtkonstellation, nicht nur für mich, sondern für den ganzen Verein.

2015 bin ich FC-Kapitän geworden. Das war eine Riesenehre. Als Kapitän stehst du an vorderster Front. Danach kommen der Vizekapitän und der Mannschaftsrat. Das sind die, die in der ersten Reihe stehen. Ich war mein ganzes Fußballerleben jemand, der gerne Verantwortung getragen hat, schon in der Jugend und in der Junioren-Nationalmannschaft. Ich war bei 1860 damals der jüngste Kapitän der Vereinsgeschichte und bei Pauli im Mannschaftsrat. Kapitän ist das höchste Amt. Dass ich das hier beim 1. FC Köln ausüben durfte, war einfach klasse. 

Lehmann

Mein Anspruch als Kapitän war: Die Mannschaft so zu führen, dass sie charakterlich sauber ist. Keine Skandale. Ich wollte, dass die Zeiten beim FC, in denen vieles nach außen getragen wurde, zu Ende sind. Weil es einer Mannschaft das Genick brechen kann, wenn du Theater innerhalb der Mannschaft hast. Und wenn das Klima in der Kabine sauber ist, macht das auch viel auf dem Platz aus.

Das Kabinenleben ist übrigens das, was mir nach meiner Zeit als Fußballer am meisten fehlen wird. Nirgends wird so viel dummes Zeug gelabert wie in der Kabine. Albernes Geschwätz, schlechte Witze und gegenseitiges Verarschen. In der Kabine passieren die lustigsten Sachen – aber sie bleiben auch dort. Die Kabine ist heilig und tabu. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz.

Ich habe nie alleine geführt, sondern immer mit den Kollegen vom Mannschaftsrat. Ich werde auch nie sagen: Ich war der Kapitän, der den FC nach Europa gebracht hat. Sondern: Ich war Teil eines grandiosen Teams, das den FC nach Europa geführt hat. Ich hatte bloß die Ehre, Kapitän dieser Mannschaft zu sein.

Ich bin seit 19 Jahren Profifußballer. Ich hatte auch bei Pauli die Ehre, in einer super Mannschaft zu spielen. Damals war St. Pauli wirklich noch der Rebellenverein. Aber die Zeit hier beim FC ist mit nichts zu vergleichen. Wir waren ein eingeschworener Haufen. Wenn nachts um halb vier der Trainer angerufen und gesagt hätte: Wir trainieren, hätte keiner Faxen gemacht. Um vier Uhr wären alle am Geißbockheim gewesen und hätten trainiert.

Wir waren nicht immer die beste Mannschaft, das ist kein Geheimnis. Wir waren auch nicht die Mannschaft mit den besten Einzelspielern. Aber wir waren immer eine der Mannschaften, bei der du wusstest, dass wir Mentalität haben, dass jeder für jeden durchs Feuer geht und dass du nie Angst haben musst, dass dich jemand auf dem Platz im Stich lässt.

Wir haben den Europapokal nicht mit Zauberfußball erreicht. Wir haben ihn erreicht, weil wir effizient waren und unser Wille irgendwann so groß war, dass er alle Widerstände übertrumpft hat. Wir wussten, wir spielen eine großartige Saison, wir spielen vielleicht sogar über unseren Verhältnissen. Und wir haben jetzt diese große Chance – und die wollen wir ergreifen. So sind wir auch aufgetreten. Das war sensationell.

Die Krönung war das Heimspiel gegen Mainz, als wir die Europa League perfekt gemacht haben. Was da im Stadion und in der Stadt abging, war der absolute Wahnsinn. Ich weiß noch, wie ich mir im Stadion das Megafon geschnappt habe und gesagt habe, dass das ein neuer Feiertag im Kölner Kalender ist. Ich bin sonst nicht der große Redner. Ich bin eher derjenige, der anpackt und macht. Aber das war einfach ein Gefühlsausbruch in einem ganz besonderen Moment. Diesen Tag werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen.

Fast auf den Tag genau ein Jahr später sind wir abgestiegen. Da sieht man, wie schnell es gehen kann im Fußball.

Aber selbst der Abstieg ist ein Moment, der in meinem Kopf bleiben wird. Weil die Mannschaft nicht zerfallen ist. Das war eine große Erfahrung. Zu sehen, wie eine Truppe sich verhalten kann, obwohl es richtig scheiße läuft. Wir sind trotzdem jeden Tag ans Geißbockheim gekommen, mit der Motivation, es besser zu machen. Wir haben verloren und verloren – und trotzdem ist jeder zum Training gekommen und hat sich reingehauen. Wir haben es einfach nicht geschafft, am Wochenende Ergebnisse zu erzielen. Dann kam die eine Verletzung dazu, dann die nächste und noch eine. Irgendwann waren bis zu 13, 14 Spieler verletzt. Wir mussten mit Jugend- und Nachwuchsspielern auffüllen. Wir konnten nicht mehr groß rotieren und hatten alle drei Tage ein Spiel. Als Spieler bist du dann irgendwann einfach leer. Und du weißt es auch – aber du musst trotzdem funktionieren und spielen, weil keine anderen Spieler da sind. Wir sind auf dem Zahnfleisch gegangen. Das war wirklich eine Ausnahmesituation.

Eine Fußballmannschaft kann sich in einer solchen Phase gegenseitig zerfleischen. Aber nicht eine Mannschaft mit diesem Charakter. In den Jahren nach dem Aufstieg hatten wir jedes Jahr einen Charakter, wie ihn sich jede Mannschaft wünscht. Nicht nur, weil sich jeder in den Armen gelegen hat und sich jeder mochte oder liebgehabt hat. Sondern, weil wir wussten: Wenn der Gegenspieler mich ausspielt, ist der Kollege hinter mir da und bügelt das aus.

Lehmann

Die Qualifikation zum Europapokal war der schönste Moment meiner Zeit beim FC. Der erste Aufstieg war auch sehr, sehr schön. Und der diesjährige Aufstieg wird es auch sein.

Die jetzt zu Ende gehende, letzte Saison für mich beim FC war extrem lehrreich. Weil ich mich schon darauf vorbereiten konnte, wie es ist, wenn ich mit dem Fußball aufhöre. Weil dieser wöchentliche Wettkampfdruck nicht da war. Meine Funktion auf dem Platz war nicht mehr so gefordert. In der Kabine versuchst du als erfahrener Spieler immer, deinen Teil beizutragen. Trotzdem ist es kein Geheimnis: Wenn du Spieler bist, willst du spielen. Wenn du Woche für Woche keinen Wettkampf hast, lässt die Motivation nach. Ich glaube, das ist bei jedem Arbeitnehmer so, der keine Perspektive mehr sieht. Es gab Tage, da bin ich besser damit umgegangen und es gab auch Tage, wo es verdammt schwer war. Als ich zwischendurch ein paar Scheiß-Tage hatte, haben mir die anderen Jungs geholfen.

Als vor der Saison klar war, dass ich nicht länger Kapitän bin, war ich nicht beleidigt. Das ist eben der Lauf der Dinge. Ich weiß noch, wie ich unten in der Kabine im Zeugwart-Raum saß und zu Jonas gesagt habe, dass er meinen Segen hat und ich gerne zur Verfügung stehe, wenn es Fragen gibt.

Auch wenn die Saison für mich persönlich nicht so gelaufen ist, wie ich mir das vorgestellt habe: Wieder Zweitliga-Meister zu werden, wieder die Medaille zu bekommen, das ist etwas Besonderes. Deshalb freue ich mich auf das Spiel gegen Regensburg. Darauf, mit auf der Bühne sein zu dürfen und die Schale entgegen zu nehmen.

Ich bin kein sentimentaler Typ, aber bei so einem Abschied kann es schon sein, dass die ein oder andere Träne läuft. Wenn du so lange mit den Kollegen gespielt hast und für den Verein viele Schlachten geschlagen hast – nicht nur in der Europa League, sondern auch in der Bundesliga, zum Beispiel die ganzen Derbys, dann wird man schon emotional. Weil es doch auch wehtut. Aber ich werde älter und irgendwann reicht es einfach.

Es sieht danach aus, dass ich meine aktive Karriere beenden werde. Es sei denn, es kommt noch ein super reizvolles Angebot. Aber momentan zeigt der Zeiger ganz klar in Richtung Karriereende. Falls ich als Fußballer aufhöre, setzen wir uns zusammen und schauen, ob es hier beim FC eine Zukunft für mich gibt. Mein Vertrag gilt noch bis 30. Juni. Es ist also noch genug Zeit, Gespräche zu führen.

Ich will immer ehrliche Arbeit abliefern. Das war das Motto meiner Karriere und wird es auch weiterhin sein. Ehrlich und geradeaus. Das ist der beste Weg.

Ich hoffe, dass mich auch die Fans so in Erinnerung behalten: Als ehrlichen Spieler, der sich für nichts zu schade war und immer alles für den FC gegeben hat.“

Aufgezeichnet von Simon Pröber

Lehmann
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Gesamttabelle
PL. Verein Pkt.
1 1. FC Köln 63
2 SC Paderborn 07 57
3 1. FC Union Berlin 57

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