Profis | 09.12.2021

Hüben wie drüben

Luhukay: „Zu Hause in Venlo“

Jos Luhukay spielte für Vereine in den Niederlanden und in Deutschland. Danach trainierte der 58-Jährige unter anderem den 1. FC Köln, den FC Augsburg und den VfB Stuttgart. Zwischenzeitlich heuerte Luhukay sogar auf der Insel an. Doch sein Herz blieb in Venlo.

Es ist schon nach 23 Uhr, als das Flugzeug mit dem Kennzeichen N1809E am 6. Juni 1989 vom Amsterdamer Flughafen abhebt. Die Maschine der Surinam Airways ist auf dem Weg zum Flughafen Zanderij nahe der surinamischen Hauptstadt Paramaribo. An Bord sind neun Besatzungsmitglieder und 178 Passagiere, darunter auch viele Spieler der „Kleurrijk Elftal“, einer Auswahl in den Niederlanden spielender Fußballer aus den früheren Kolonien, die im Sommer 1989 auf Welttournee geht. Eigentlich zählt auch Jos Luhukay, dessen Vater von den Molukken stammt, zum Team. Doch der damals 25-Jährige fliegt nicht mit, weil er mit seinem Verein, der VVV Venlo, noch ein Relegationsspiel bestreiten muss. Ein Spiel, das Luhukay wahrscheinlich das Leben rettet.

Denn am Morgen des 7. Juni 1989 verunglückt das Flugzeug beim Landeanflug auf den Flughafen Zanderij. Dabei verlieren die Besatzungsmitglieder und 167 der 178 Passagiere ihr Leben. Nur elf Menschen überleben das Unglück. „Es war reines Glück und Zufall, dass ich nicht im Flieger saß“, sagt Luhukay vor einigen Jahren der Bild. „Ein furchtbares und schlimmes Erlebnis. Ich habe lange gebraucht, um alles zu verarbeiten und zu ordnen.“

Im Sommer 1989 verlässt Luhukay seinen Heimatverein VVV Venlo, bei dem er zum Profi geworden ist. Trainer Dick Advocaat holt den Mittelfeldspieler zum SVV Schiedam, wo Luhukay zwei Jahre bleibt. Es folgt eine Station bei der RKC Waalwijk, bevor Luhukay zum SV Straelen nach Deutschland wechselt. 1995 holt ihn Friedhelm Funkel zum Bundesligisten KFC Uerdingen, für den Luhukay seine einzigen beiden Bundesliga-Spiele macht. Nur ein Jahr später geht es zurück zum SV Straelen, wo Luhukay seine aktive Zeit in der Oberliga Niederrhein ausklingen lässt und nebenbei Jugendliche in einer Fußballschule betreut.

Assistent von Koller und Stevens

Das Chef-Traineramt bei den Straelenern übernimmt Luhukay im Sommer 1998. Zwei Jahre hält es ihn dort, bevor er ab Sommer 2000 den KFC Uerdingen in der Regionalliga Nord trainiert. Wiederrum zwei Jahre später holt Friedhelm Funkel den Niederländer als Co-Trainer zum 1. FC Köln in die 2. Bundesliga. „Mir hat imponiert, wie er mit bescheidenen Mitteln großen Erfolg gehabt hat“, sagt Funkel rückblickend der Westdeutschen Zeitung.

Funkel und Luhukay gelingt in der Saison 2002/03 mit dem FC der Aufstieg in die Bundesliga. Als Funkel im Oktober 2003 entlassen wird, übernimmt Luhukay sogar interimsweise die Mannschaft und sitzt beim Heimspiel gegen Hannover als Cheftrainer auf der Bank. Doch ein Tor von Matthias Scherz reicht dem FC und Jos Luhukay nicht für einen Punktgewinn, das Spiel geht mit 1:2 verloren. Einen Tag später wird Marcel Koller als neuer Trainer vorgestellt, Luhukay bleibt als sein Assistent. Doch am Ende der Saison 2003/04 steigt der 1. FC Köln erneut in die 2. Bundesliga ab, Koller wird entlassen.

Huub Stevens übernimmt zur neuen Saison 2004/2005 den FC, gemeinsam mit Co-Trainer Jos Luhukay bildet er ein harmonisches Gespann am Geißbockheim. Die beiden Niederländer führen den FC als Zweitliga-Meister zurück in die Bundesliga. „Jos und ich, wir werden Köln niemals vergessen“, sagt Stevens via Stadionmikrofon vor dem letzten Heimspiel gegen den MSV Duisburg vor 50.000 Fans.

Stevens wandert danach Richtung Kerkrade ab – und auch Luhukay verlässt den FC. „Ich habe in Köln zwei Aufstiege und einen Abstieg erlebt. Die Zeit war sehr lehrreich“, sagt Luhukay der Berliner Zeitung vor einigen Jahre rückblickend. „Die Atmosphäre im Stadion ist einzigartig, da herrscht immer Karnevalsstimmung.“ Dennoch entschließt sich Luhukay zur Saison 2005/06 für einen Wechsel zum Zweitligisten SC Paderborn, wo er als Cheftrainer übernimmt. Bei den Ostwestfalen kommt es jedoch zu Differenzen mit dem Vorstand, sodass Luhukays Zeit dort nach etwas mehr als einem Jahr zu Ende geht.

Funkels Empfehlung für Heynckes

Im Januar 2007 wird Luhukay Co-Trainer von Jupp Heynckes bei Borussia Mönchengladbach. Friedhelm Funkel hatte Heynckes den Niederländer zuvor wärmstens empfohlen. „Jos ist ein ausgewiesener Fachmann, arbeitet absolut loyal, ist ein Teamarbeiter und gewinnt den Respekt einer Mannschaft durch seine natürliche Ausstrahlung“, so Funkel gegenüber der Westdeutschen Zeitung.

Als Heynckes nur einige Wochen später zurückritt, wird Luhukay Cheftrainer bei den Gladbachern. Den Abstieg aus der Bundesliga kann auch der Niederländer nicht mehr verhindern, doch in der folgenden Saison führt er die Borussia souverän zum Wiederaufstieg. „Juhukay“, feiert ihn die Presse – und zeichnet gleichzeitig das Bild eines ruhigen und gelassenen Mannes, der konzentriert arbeitet. Luhukay verabscheue Starkult, schreibt der Spiegel – „vor allem wenn es um ihn selbst geht.“ Das Fußballmagazin 11 Freunde nennt Luhukay den „Mann ohne Schlagzeilen“. Der Niederländer sei „einer, der nicht brüllt und zetert, einer der nicht droht oder weint, und vor allem einer, der auch im Privatleben nicht weiter auffällt und auffallen will.“

Luhukay selbst bezeichnet die Borussia gegenüber dem Spiegel als seinen „Traumverein“, weil Mönchengladbach nur 30 Kilometer von seiner Heimatstadt Venlo entfernt liegt. Luhukay ist ein Familienmensch, seine Ehefrau Ingrid lernt er mit 18 Jahren kennen, die beiden haben zwei gemeinsame Kinder. „Ich brauche die Nähe zu meiner Familie, um mich wohlzufühlen“, sagt er dem Spiegel. Deswegen habe er schon vor seiner Zeit bei Gladbach „nicht jedes Angebot angenommen, nur um irgendwo Trainer zu sein“.

„Die Bundesliga mit Bescheidenheit bereichern“

Im Sommer 2008 geht Luhukay dann in seine erste Vorbereitung als Cheftrainer einer Bundesliga-Mannschaft. Er werde „die Bundesliga mit Bescheidenheit bereichern“, schreibt die Welt. So findet das Sommer-Trainingslager der Fohlen nicht wie geplant in den USA statt, sondern im ostwestfälischen Bad Lippspringe. Doch die Saison beginnt sportlich enttäuschend – und Luhukay wird im Oktober 2008 nach einer 1:2-Heimniederlage gegen den 1. FC Köln entlassen. Milivoje Novakovic hatte kurz vor Schluss einen Freistoß direkt verwandelt.

Die nächste Trainerstation von Jos Luhukay ist beim FC Augsburg. Eigentlich hätte er den Zweitligisten erst zur Saison 2009/10 übernehmen sollen, aber weil der FCA in Abstiegsnot gerät, übernimmt Luhukay schon im April 2009. Der Niederländer hält mit dem FCA die Klasse und greift in der darauffolgenden Saison oben an. Die Augsburger beenden die Zweitligasaison auf dem dritten Platz, scheitern jedoch in der Relegation am 1. FC Nürnberg. In der darauffolgenden Spielzeit läuft es besser für die Fuggerstädter. Augsburg wird Zweiter und steigt das erste Mal in die Bundesliga auf. Am 8. Mai 2011 ist der bis dato größte Erfolg der Vereinsgeschichte perfekt.

In einem Interview auf der Webseite des FC Augsburg erinnert sich Luhukay vor Kurzem nochmal an den Moment des Aufstiegs zurück. „Ich glaube, solche Glücksmomente erlebt man nur ganz selten im Leben“, sagt er. In der darauffolgenden Bundesliga-Saison 2011/2012 gelingt Luhukay mit dem FCA der Klassenerhalt. Augsburg beendet die Saison auf dem 14. Platz. „Man muss diese Platzierung genauso hoch bewerten, wie den Aufstieg“, sagt Luhukay auf der Vereinswebseite rückblickend. Nach dem Klassenerhalt ist für Luhukay beim FC Augsburg jedoch Schluss. Im Mai 2012 bittet der Niederländer die Verantwortlichen des FCA um die Auflösung seines noch gültigen Vertrages.

Zurück zu den Wurzeln

Noch im gleichen Sommer unterschreibt Luhukay beim Zweitligisten Hertha BSC. Die Berliner führt er in der Saison 2012/13 zur Meisterschaft in der zweiten Bundesliga und damit zum direkten Wiederaufstieg. Für Luhukay persönlich ist es der dritte Bundesliga-Aufstieg als Cheftrainer. Sportlich läuft es für Luhukay und die Hertha, doch so richtig heimisch scheint sich der Trainer in der Hauptstadt nicht zu fühlen. Auch mehr als ein Jahr nach Amtsantritt lebt Luhukay noch in einem Berliner Hotel. „Hier ist alles sehr groß, sehr hoch, sehr massig“, beschreibt Luhukay die Hauptstadt damals gegenüber 11 Freunde. „Dreieinhalb Millionen Einwohner, dazu die Touristen. Da bin ich froh, wenn ich ein bis zwei Mal im Monat zu Hause bin und das Tempo drossele. In Venlo kann ich richtig durchatmen.“ Der Lebensmittelpunkt der Familie Luhukay bleibt trotz der unterschiedlichen Trainerstationen stets Venlo. „Meine Familie sollte nie ihr Leben an meines anpassen, nur, weil ich Fußballtrainer bin“, sagt Luhukay der Berliner Zeitung. In der Saison 2013/14 schafft der Niederländer mit der Hertha den Klassenerhalt in der Bundesliga, bevor er im Februar 2015 entlassen wird.

Zur neuen Saison 2015/16 heuert Luhukay beim Zweitligisten VfB Stuttgart an. Das Ziel ist klar: Luhukay soll den VfB zurück in die Bundesliga führen. Doch dazu kommt es nicht. Denn Luhukay tritt nach nur vier Zweitligaspielen mit dem VfB entnervt zurück. Die Differenzen mit Sportvorstand Jan Schindelmeister sind zu groß. Eine Abfindung verlangt Luhukay nicht.

Im Januar 2018 wird Luhukay dann Trainer des englischen Zweitligisten Sheffield Wednesday. Es ist seine erste Trainerstation außerhalb Deutschlands. Fast ein Jahr hält es Luhukay auf der Insel, kurz vor Weihnachten 2018 wird er entlassen. Einen neuen Job findet er im April 2019 und übernimmt den Zweitligisten FC St. Pauli. Die Saison 2018/19 beenden die Hamburger auf Platz neun, im darauffolgenden Jahr schafft Luhukay mit seinem Team nur knapp den Klassenerhalt. So muss der Niederländer seinen Posten im Sommer 2020 räumen.

Inzwischen ist Luhukay zurück bei VVV Venlo. Seit März dieses Jahres ist der Niederländer dort Cheftrainer. Acht Spieltage vor Schluss steigt Luhukay ein, den Abstieg aus der ersten niederländischen Liga kann er allerdings nicht mehr verhindern. Doch Luhukay verlässt die VVV nicht, er trainiert den Klub auch in der zweiten niederländischen Liga. „Venlo ist mein Herzensverein“, begründet der Niederländer seine Entscheidung gegenüber der Bild. „Da habe ich mit zehn, elf Jahren angefangen, Fußball zu spielen.“ Und so scheint es, als wäre Luhukay im Alter von 58 Jahren endlich wieder zu Hause angekommen. Bei seinem Herzensverein in seiner Heimatstadt. 

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
6Sport-Club Freiburg55
71. FC Köln52
81. FSV Mainz 0546

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