Frauen | 22.09.2021

FC-Spielerin im Porträt

Manjou Wilde: Ihr größtes Kompliment

Manjou Wilde ist eine vielseitige Fußballerin – nicht nur auf dem Platz. Wilde liebt es, zu gewinnen, aber es gibt Dinge, die sind ihr bei allem Ehrgeiz noch wichtiger.

Manjou Wilde trainiert auf den Jahnwiesen in Köln-Junkersdorf. Die 26-Jährige schießt den Ball nach oben und nimmt ihn mit dem ersten Kontakt in Richtung Tor mit. Danach dribbelt sie, führt den Ball eng am Fuß. Der Platz ist nicht ganz eben, aber wer den Ball dort kontrollieren kann, der kann das erst recht auf dem feinen Geläuf des Franz-Kremer-Stadions. Ein Schusstraining steht später noch auf dem Programm und Steigerungsläufe rund um das RheinEnergieSTADION. „Ich mache gerne zusätzliche Einheiten, um mich zu verbessern und ich liebe dabei den Blick auf das Stadion. Die Atmosphäre bei den Heimspielen der Profis ist unglaublich und es gibt ja auch im Frauenfußball ein ganz besonderes Spiel, das hier ausgetragen wird. Der Anblick des Stadions während des Trainings ist eine zusätzliche Motivation.“ Obwohl sie zusätzliche Motivation eigentlich nicht benötigt. Wilde hat schon immer sehr ehrgeizig für ihre Träume gearbeitet und ihren Alltag strukturiert, um die Basis für den sportlichen Erfolg zu legen. Sie legt viel Wert auf eine gesunde Ernährung, auf ausreichend Schlaf und sorgt dafür, dass sie sich durch zusätzliches Training nicht überbelastet. „Ich achte bei allen Mahlzeiten sehr genau drauf, was und vor allem warum ich es zu mir nehme. Ich möchte meinen Körper mit dem Kraftstoff versorgen, den er am Tag braucht“, sagt Wilde, die von ihren Eltern gelernt hat, was es bedeutet, diszipliniert für etwas zu arbeiten. „Ich bin meiner Mutter sehr dankbar, weil ich weiß, wie hart sie gearbeitet hat, damit ihre vier Kinder überhaupt Fußball spielen konnten. Ich verdanke ihr alles. Dass sie mich heute in der höchsten Liga des Landes sehen kann, ist meine Art, Danke zu sagen. Für mich ist es also selbstverständlich den Anspruch zu haben, dass keiner härter arbeitet als ich. Sie verdient, dass ich die beste Spielerin werde, die ich nur sein kann. Und dafür werde ich alles tun.“
 

Von der Schwimmhalle zu den Bolzplätzen

Wilde kommt gebürtig aus Bremen und wuchs dort auf, ihr Vater stammt aus Indien, ihre Mutter aus Deutschland. Manjous Weg zum Fußball nahm allerdings zunächst einen Umweg. „Ich habe mit drei Jahren mit dem Schwimmen angefangen. Vor dem Schwimmen muss man sich abduschen. Ich war noch klein und schüchtern und in meiner Gruppe das einzige Mädchen. Ich bin dann nie an den Duschknopf gekommen und habe mich nicht getraut, jemanden danach zu fragen. Das war mir unangenehm“, erzählt Wilde die Geschichte, über die sie heute mit ihrer Familie herzlich lachen kann. „Wie es als Kind eben ist, führte das letztlich dazu, dass ich da einfach nicht mehr hin wollte und ohne die Probleme mit dem Duschknopf zu erwähnen mit meinen vier Jahren zu meiner Mama gesagt habe, dass ich ab jetzt lieber Fußball spielen möchte.“ Wilde kickte auf Bolzplätzen, lernte, sich gegen Jungs durchzusetzen und eignete sich als Straßenfußballerin eine gute Technik an. „Der Bolzplatz fragt nicht nach Größe, Herkunft, Geschlecht oder Alter. Zeig was du drauf hast und du darfst mitspielen, das war die einzige Regel. Ich war immer die Jüngste, musste zuerst ins Tor, bis ich mich bewiesen hatte. Bei uns gab es keine kleinen Kunstrasenplätze oder Tore mit Netzen. Wir haben Tag ein Tag aus auf irgendwelchen Straßen und Schulhöfen gespielt, Tore mit Pullis oder Flaschen gebaut und die Zeit unseres Lebens gehabt. Wir alle haben davon geträumt, Fußballprofi zu werden – und den Traum habe ich nie losgelassen. Das hat mir alles gegeben, was mich heute als Spielerin auszeichnet.“

Später wollte sie dann auch in einen Fußballverein, sie spielte zunächst beim heimatnahen Club FC Huchting, danach ging es in den Nachwuchsbereich von Werder Bremen. Mit der U17 von Werder wurde sie Norddeutsche Meisterin und schaffte in Bremen den Sprung in die erste Mannschaft in der 2. Bundesliga Nord. Ihr großes Talent blieb auch dem Deutschen Fußball-Bund nicht verborgen und so wurde Wilde ab der U15 in die Nationalmannschaften der Juniorinnen berufen. Wilde war erfolgreich. Im Jahr 2012 wurde sie mit der U17 Europameisterin in der Schweiz und gewann gegen Frankreich den Titel im Elfmeterschießen. Zwei Jahre später folgte der Weltmeistertitel mit der U20 in Kanada. Dort bezwang Deutschland im Finale die Auswahl Nigerias mit 1:0 nach Verlängerung. „Das waren unvergessliche Momente“, erzählt Wilde. „Der Fußball hat mir schon früh die Möglichkeit gegeben, etwas von der Welt zu sehen und Orte kennenzulernen, die ich sonst nicht so schnell hätte bereisen können. Dafür bin ich sehr dankbar.“
 

Dankbarkeit spielt in ihrem Leben eine große Rolle. „Ich nehme viele Dinge nicht als selbstverständlich wahr. Ich weiß es zu schätzen, dass ich hier in der höchsten Liga, bei einem Traditionsverein, in einer tollen Stadt und in einer Mannschaft spielen darf, in der ich mich wohlfühle“, sagt Wilde. Seit dieser Saison läuft Wilde für den FC in der Bundesliga auf, zuvor spielte sie beim SC Freiburg und fünf Jahre bei der SGS Essen. Das große Ziel ihres neuen Clubs ist, zum ersten Mal in der Clubhistorie den Klassenerhalt in der Bundesliga zu schaffen, dabei möchte Wilde helfen. „Ich freue mich über das Vertrauen von unserer Sportlichen Leiterin Nicole Bender und unseres Trainer-Teams, dass sie mich unbedingt in ihrer Mannschaft haben wollten. Nun liegt es an mir zu bestätigen, dass sie eine gute Entscheidung getroffen haben“, erklärt Wilde. In der Bundesliga erwischten die FC-Frauen ein schweres Auftaktprogramm. Nach einem 1:1 bei der SGS Essen folgte trotz starker Leistung eine knappe Niederlage gegen die TSG Hoffenheim und eine deutliche bei Eintracht Frankfurt. Gegen die TSG Hoffenheim machte Manjou Wilde ihr erstes Tor zur zwischenzeitlichen 1:0-Führung. „Wir haben das Potenzial, auch wenn wir ein Aufsteiger sind, jedem Gegner mit breiter Brust entgegenzutreten und ich glaube aus tiefster Überzeugung an diese Mannschaft. Wir möchten gemeinsam mit dem Club wachsen. Es werden Spieltage kommen, an denen wir noch besser eingespielt sind und jeder Faktor stimmt. Dann sind wir nur schwer zu schlagen“, sagt Wilde und fügt hinzu. „Wenn keiner mit uns rechnet, macht es doch am meisten Spaß.“

„Ich lebe lieber in der Realität“

Neben dem Fußball studiert Manjou Wilde Jura im achten Semester an der Ruhr-Universität Bochum. „Ich mag es, den Kopf zu beanspruchen und bilde mich gerne weiter. Für mich ist es wichtig, sich beruflich nicht nur auf ein Standbein zu fokussieren und über den Tellerrand hinauszuschauen.“ Ihre Vielseitigkeit ist auch auf ihrem Instagram-Kanal zu erahnen, auf dem sie fast 10.000 Follower hat. „Man sollte die Social Media Welt nicht zu wichtig nehmen. Mir ist bewusst, dass das heutzutage der wohl beste Weg ist, viele Menschen zu erreichen und zu inspirieren, und das ist auch meine ganze Intention bei der Sache. Aber ich sehe jeden Tag wie immer mehr Menschen sich über ihre Online-Auftritte definieren, überall die Kamera draufhalten, und dabei verlernen, wie schön das echte Leben da draußen ist. Ich gehe häufig ohne Handy aus dem Haus. Ich liebe es einfach, Momente bewusst wahrzunehmen und im Hier und Jetzt zu sein. Manche nennen es vielleicht oldschool, aber ich lebe lieber in der Realität.“

Wilde mag tiefgründige Gespräche, die Philosophie, achtet auf die Menschen, die ihr wichtig sind, interessiert sich für Wirtschaft und Wertpapiere und nutzt Yoga und Meditation, um sich einen Ausgleich im Alltag zu verschaffen. Darüber hinaus arbeitet sie ehrgeizig für ihre Ziele auf und neben dem Platz. „Wir wollen unseren Zuschauern in dieser Saison die Show bieten, die sie verdienen. Und ich hoffe, dass wir alle zusammen Fußballdeutschland zeigen, was es heißt, ein Verein zu sein“, sagt Wilde, die sich auf dem Platz für die Mannschaft zerreißt, sich aber nicht nur darüber definiert. „Ich freue mich über jeden Applaus für meine sportliche Leistung, dafür arbeite ich jeden Tag.“ In ihrem Leben sind ihr aber besonders auch die Dinge wichtig, die sie durch ihre indischen Einflüsse gelernt hat. Dankbar zu sein, für das, was man hat, respektvoll miteinander umzugehen und aufeinander zu achten. Wilde sagt: „Ich möchte, dass sich Menschen in meiner Gegenwart wohl fühlen. Du kannst talentiert sein, hart arbeiten und ein erfolgreicher Sportler sein, wie tausende vor dir. Aber wenn jemand sagt, dass man auch ein guter Mensch ist, ist das für mich das größte Kompliment.“

Ihr nächstes Spiel bestreiten die FC-Frauen am Sonntag, 26. September 2021, 14 Uhr, im DFB-Pokal bei Arminia Bielefeld.

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Tabelle

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
71. FSV Mainz 0513
81. FC Köln13
9VfL Wolfsburg13

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