Profis | 17.01.2020

Interview im GeißbockEcho

Markus Gisdol: „Ich bin voller Energie“

Markus Gisdol wurde am 19. November 2019 als neuer Cheftrainer am Geißbockheim vorgestellt. Mit zehn Punkten aus sechs Spielen kletterte der FC vor der Winterpause aus der Abstiegszone. Trotz der Ausgangslage sieht sich der Trainer nicht als Feuerwehrmann. Vielmehr steht für Gisdol eine kontinuierliche, zielstrebige Entwicklung im ­Vordergrund – wozu er auch mal außer­gewöhn­liche Maßnahmen ergreift.

Herr Gisdol, 4-4-2, was bringen Sie damit in Ver­bindung?
„Wenn ich die Zahlen addiere, ergeben sie 10. Zehn Punkte haben wir seit meinem Start geholt (lacht). Oder wollen Sie auf ein Spielsystem hinaus?“

Nein, eigentlich nicht.
„Sondern?“

Genau 442 Höhenmeter verteilt auf einen Kilometer musste Ihre Mannschaft am letzten Tag des Trainingslagers einen Berg hochrennen. Und das nach einem Sechs-Kilometer-Lauf. Warum?
„Wenn man eine Mannschaft in der laufenden Saison übernimmt, fehlen viele gemeinsame Trainingseinheiten. Und man kann nicht beliebig viel trainieren, weil man am Wochenende die Frische für 90 Minuten Bundesliga braucht. Trotzdem haben wir auch schon in der Phase vor der Pause mehr und intensiver trainiert, als man das normalerweise macht. Es ist nunmal keine normale Situation. Während der kurzen Vorbereitung in Benidorm hatten wir immer die Rückrunde im Kopf, und die Herausforderungen, die uns bis zum Ende der Saison erwarten. Dementsprechend haben wir unsere Trainingsinhalte gestaltet: Wir haben ­im fußballerischen Bereich gearbeitet, wir haben im ­athletischen Bereich einiges draufgepackt und die Jungs mit der hohen Belastung an ihre Grenzen gebracht.“

Ist es das, worauf es im Kampf um den Klassen­erhalt ankommen wird? Was Sie von Ihren Jungs erwarten?
„Es geht in erster Linie nicht darum, meine Erwartungen zu erfüllen. Klar, bin ich als Trainer derjenige, der einen Weg vorgibt. Aber die Jungs müssen ihn selbst gehen. Genau das haben alle bei diesem Lauf gemacht, keiner hat aufgegeben, alle haben die Zähne zusammen­gebissen und sind da oben angekommen, obwohl sie schon nach dem letzten Testspiel stehend k.o. waren. Wenn du so etwas schaffst, dann weißt du, dass du auch noch die fünf Minuten der Nachspielzeit überstehen kannst. In diese Situation werden wir in der Rückrunde kommen. Und dieses Selbstbewusstsein nehmen die Jungs definitiv mit in die nächsten Spiele.“

Die Rückrunde startet wieder mit dem anspruchsvollen Spielplan, der in der Vorrunde den Weg in die Abstiegszone vorgezeichnet hat. Spielt das irgendeine Rolle für Sie?
„Nein. Wenn ich mich mit den Jungs über den Saison­start unterhalte, habe ich immer das Gefühl, dass man versucht hat, ihn zu überstehen. Nach dem Motto: ­Danach holen wir schon unsere Punkte. Diesmal gehen wir das anders an. Wie vor Weihnachten in der eng­lischen Woche betrachten wir jedes Spiel für sich. Wir haben gegen jeden Gegner eine Chance. Wenn wir die Intensität und die Leidenschaft reinwerfen, mit der wir zu Hause gegen Leverkusen und Bremen gewonnen haben, können wir auch gegen Wolfsburg mit unseren Fans im Rücken einen guten Start hinlegen. Das wollen wir unbedingt. Aber egal, wie das Spiel ausgeht – auch danach geht es weiter.“

Ist das eine Art Credo von Ihnen? In der Saisondoku 24/7 FC haben die Fans erfahren, dass Sie in der Halbzeit gegen Leverkusen zur Mannschaft gesagt haben, im Zweifel spielen wir hier stabil 0:0.
„Ja, weil ich fest davon überzeugt bin, dass es uns nicht hilft, wenn wir jedes Spiel zum Endspiel ausrufen. Die Mannschaft und der gesamte Verein stehen ohnehin unter unglaublichem Druck. Es bringt nichts, ihn auf diese Weise weiter zu erhöhen, positiv wie negativ. Manchmal muss man einfach einen Punkt mit­nehmen.“

Stichwort Saisondoku: Sie und Ihre Mannschaft werden da auf Schritt und Tritt begleitet. Ganz ­ehrlich: Stört Sie das nicht?
„Als ich kam, war die Entscheidung, das zu machen, gefallen. Es ist eine Rahmenbedingung meiner Arbeit. Selbst wenn es mich persönlich stören würde: In ­unserer Situation zum Einstieg Energie darauf zu verschwenden, so etwas zu diskutieren, wäre eine völlig falsche Priorität gewesen. Jeder muss sich auf seinen Job konzentrieren, auf das, was er zum Erfolg bei­tragen kann. Bei mir ist das die Arbeit mit der Mannschaft, da lege ich alle Konzentration rein. Aber es stört mich tatsächlich nicht. Natürlich musste ich die Jungs, die uns begleiten, erstmal kennenlernen. Inzwischen habe ich einen sehr guten Eindruck. Das Team aus der Medienabteilung weiß, wann sie nah dran sein dürfen und wann sie sich besser zurückziehen. Das klappt sehr gut und ich glaube, die Fans bekommen einen guten Eindruck davon, wie wir arbeiten und miteinander umgehen.“

Sie haben es anfangs erwähnt. Seit Ihrem Amts­antritt am 19. November haben Sie zehn Punkte geholt, sind vor Weihnachten auf einen Nicht-­Abstiegsplatz gesprungen. In Köln herrschte fast schon Euphorie.
„Die Siege waren für alle extrem wichtig – und diesen Schwung haben wir auch mit ins neue Jahr genommen. Und jetzt kommt das große ‚Aber‘: Seit wir hier sind, haben Horst Heldt und ich gesagt, dass wir bis zum Ende dieser Saison für unser Ziel kämpfen müssen. Nach einem Trainerwechsel hoffen immer alle auf eine Art Wunder und sind dann ernüchtert, wenn man nicht gleich die ersten drei Spiele gewinnt. Deshalb habe ich immer betont, dass es nicht um ein, zwei Spiele geht, sondern darum, die Mannschaft für die gesamte restliche Saison zu entwickeln.“

Als Sie den Posten übernahmen, war das Team Vorletzter und hatte nur sieben Punkte auf dem Konto. Warum haben Sie sich trotzdem für diesen Job entschieden?
„Weil es mich einfach gepackt hat. Der FC ist ein Club, der mich von Anfang an fasziniert hat. Schon vorher in der Saison habe ich viele Spiele verfolgt und mir ­gedacht: Das ist eine Mannschaft, bei der ich mir gut vorstellen könnte, mit ihr zu arbeiten. Und die ­Gespräche haben sich vom ersten Moment an gut ­angefühlt.“

Kann man also sagen: Sie haben auf den FC gewartet?

„Genau (lacht). Aber im Ernst: Ich habe bewusst nicht das erstbeste Angebot angenommen. Das hatte ich meiner Frau versprochen und ich bin im Nachhinein stolz darauf, dass ich es durchgehalten habe. Die ­Pause hat mir gutgetan, ich bin voller Energie.“

Das komplette Interview mit Markus Gisdol gibt es hier oder in der GeißbockEcho-App für Apple und Android.

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PL.VereinPkt.
121. FC Union Berlin26
131. FC Köln26
14Hertha BSC26

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