Profis | 08.07.2021

Es ist nicht das Derby-Tor

Risse: Mein ganz besonderer FC-Moment

Sieben Jahre spielte Marcel Risse für den 1. FC Köln, in der vergangenen Saison war Cello an Viktoria Köln ausgeliehen. Am Donnerstag hat der Publikumsliebling seinen Vertrag beim FC aufgelöst. Im Abschiedsinterview spricht er über seine persönlichen Höhepunkte beim FC.

Cello, deine Zeit beim 1. FC Köln geht offiziell zu Ende, du hast deinen Vertrag aufgelöst. Was ging dir durch den Kopf, als du die Vertragsauflösung unterschrieben hast?
Der ganze Tag heute war etwas seltsam. Einerseits freue ich mich, dass jetzt alles geregelt ist und ich wieder auf dem Platz stehen kann. Das ist für einen Fußballer immer das Schönste, andererseits bin ich auch traurig, dass meine Zeit beim FC heute offiziell zu Ende geht. Ich habe sieben Jahre zum Kader gehört, war ein Jahr ausgeliehen. Ich habe hier viele emotionale Momente und Höhen und Tiefen erlebt. Die Gespräche bei der Vertragsauflösung waren sehr fair und unkompliziert, dafür bin ich dem FC sehr dankbar. 

Du hast zwei kleine Kinder. Was sind die Momente aus deiner Zeit beim FC, von denen du ihnen erzählen wirst, wenn sie größer sind?
Wenn die Frage mal kommt, muss ich mir mehr als einen Nachmittag freinehmen, um alles erzählen zu können. Da gibt es einfach super viele schöne Momente. Als ich hergekommen bin, war der Club im Umbruch und es gab überhaupt keinen Trainer. Mein Berater hatte gesagt, du kannst nicht unterschreiben, solange nicht feststeht, wer der neue Trainer wird. Ich habe dann noch etwas abgewartet, aber ich wusste schon, dass ich unbedingt nach Köln wollte. Wir sind dann mit dem FC aufgestiegen. Ich hatte hier schöne Jahre, auch wenn in diese Zeit ein Abstieg und Verletzungen fallen.

Gibt es einen Moment unter vielen schönen, der herausragt?
Viele würden wahrscheinlich denken, dass es das Siegtor im Derby gegen Borussia Mönchengladbach ist. Mein ganz besonderer Moment ist allerdings tatsächlich, als wir in der Saison 2017/18 nach der 2:3-Niederlage beim SC Freiburg abgestiegen sind und in die Kurve zu unseren Fans gegangen sind. Keiner wusste, was uns erwartet, als wir vor unseren Fans standen und natürlich rechnet man mit negativen Reaktionen. Alle waren traurig, aber dann haben wir mit unseren Fans zusammen gesungen. Es gab keinen Hass und keine Vorwürfe. Wir waren zusammen mit den Fans eine ganz geschlossene Einheit. Das bleibt für mich der emotionalste Moment, auch wenn es ein extrem trauriger war. Diesen Zusammenhalt kann man sich in der heutigen Zeit nur wünschen. In schweren Zeiten bedingungslos zusammenzustehen war einfach außergewöhnlich. Das war mit Sicherheit auch ein Faktor, warum so viele Jungs im Anschluss geblieben und mit in die zweite Liga gegangen sind.

Deine Freistöße waren legendär. Jetzt kannst du es ja verraten: Wie macht man das?
Ich habe einfach unheimlich viel geübt, mir immer auch nach Trainingseinheiten den Ball geschnappt und Freistöße geschossen. In der Jugend habe ich versucht, David Beckham zu imitieren – mit der Zeit habe ich aber eine eigene Technik entwickelt. In der Bundesliga gab es später jedes Jahr einen anderen Ball mit veränderten Flugeigenschaften. Also habe ich für jeden neuen Ball meinen perfekten Schuss gesucht. Ich habe versucht, den Ball bei Freistößen so über den Spann rutschen zu lassen, dass es schwer für den Torwart war, die Flugbahn einzuschätzen. 

Du bist mit dem FC den Weg aus der zweiten Liga bis nach Europa gegangen – und dem Club auch nach dem Abstieg treu geblieben. Was hat den FC und die Zeit hier für dich besonders gemacht?
Der FC war für mich immer mein Kindheitsverein. Viele sagen ja, sie hätten in der Bettwäsche eines Vereins geschlafen – und ich habe halt wirklich in FC-Bettwäsche geschlafen (lacht). Als es das Angebot gab, musste ich nicht lange überlegen. Vor 2013 war es beim FC lange unruhig und danach haben wir es geschafft, vier Jahre lang in Ruhe zu arbeiten und die Ergebnisse haben auch gestimmt. Wir hatten einen großen Zusammenhalt und ich glaube, das war zu dieser Zeit unser Erfolgsrezept. Ich habe noch zu vielen Jungs beim FC Kontakt, auch zu Spielern, die heute nicht mehr da sind wie Freddy Sörensen oder Simon Terodde – oder auch Thomas Kessler, der ja jetzt eine neue Position übernommen hat. Ich hoffe, er lädt mich in der neuen Saison mal zu einem Heimspiel ein (lacht).

Zu deiner Geschichte beim FC gehört auch eine schwere Verletzung. Im Dezember 2016 ist im Spiel gegen Hoffenheim dein Kreuzband gerissen – und das in einer Zeit, in der du in absoluter Topform warst. Dein Knie hat dir danach immer wieder zu schaffen gemacht. Haderst du manchmal damit und fragst dich, wie deine weitere Karriere ohne die Verletzung gelaufen wäre?
Klar, habe ich schon mal darüber nachgedacht. Leider hat mich die Verletzung ausgebremst. Es gibt nie günstige Zeitpunkte für eine Verletzung, aber der Moment damals war besonders bitter. Man versucht anschließend alles, dass es wieder so wird, wie vor der Verletzung. Das hat aber eine ganze Zeit lang leider nicht funktioniert. Mittlerweile habe ich glücklicherweise wieder ein gutes Gefühl im Knie. 

Gefühlt warst du damals auf dem Sprung in die Nationalelf. Du warst zuvor U-Nationalspieler. Hatte sich die Tür zur A-Nationalelf tatsächlich einen Spalt weit geöffnet?
Ich persönlich habe nicht unbedingt daran gedacht, aber ich habe im Nachhinein gehört, dass ich zu der damaligen Zeit nicht so weit davon entfernt war. Es ist Spekulation, was gewesen wäre, wenn ich mich nicht schwer verletzt hätte, mein Weg verlief halt einfach anders. Wir hatten super viele Highlights mit der Mannschaft, auch wenn für mich persönlich die Saison kein gutes Ende hatte. 

In der vergangenen Saison bist du für Viktoria Köln in 29 Spielen auf zehn Scorerpunkte gekommen. Wie geht es jetzt bei dir in Sachen Karriere weiter?
Ich spiele die nächste Saison wieder bei Viktoria Köln. Ich habe dort meinen Spaß am Fußball wiedergefunden. Der kommt allerdings auch nur zurück, wenn die Leistungen stimmen. Ich spüre, dass mein Körper mitmacht und ich nicht aufhören muss und auch nicht aufhören will. Ich bleibe in Köln, muss nicht von meiner Familie wegziehen, deshalb passt alles wunderbar für mich. 

Du bist jetzt 31 Jahre alt. Hast du auch schon Pläne für die Zeit nach der aktiven Karriere?
Pläne ja, aber das ist noch nicht konkret. Ich würde gerne im Fußballbereich arbeiten, vielleicht im Nachwuchsfußball. Ich merke, dass ich gerne mit jüngeren Spielern meine Erfahrungen teile und ihnen gerne helfe.

Mit deiner freundlichen und immer zugänglichen Art warst du hier am Geißbockheim und auch bei den Fans immer sehr beliebt. Was möchtest du den Fans zum Abschied sagen?
Ich möchte sagen, dass ich unfassbar dankbar bin für die schöne Zeit und die Unterstützung in all den Jahren – in guten und auch in schlechten Zeiten. Es hat super viel Spaß gemacht, für den FC zu spielen, die Hymne zu hören und Tore im RheinEnergieSTADION zu schießen. Ich freue mich darauf, irgendwann mit meinen beiden Kindern ins volle Stadion zu gehen, die Atmosphäre zu genießen und ihnen zu erzählen, wie es war, für diesen besonderen Club zu spielen.

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PL.VereinPkt.
11. FC Köln0
21. FC Union Berlin0
31. FSV Mainz 050

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