Profis | 23.10.2021

Hüben wie drüben

Schuster: Der blonde Engel mit dem „B“ davor

Bernd Schuster war einer der genialsten Spielmacher seiner Zeit. Doch er war auch streitbar, launisch – bisweilen unberechenbar. Er wurde Europameister und schaffte es dreimal unter die Top drei bei der Wahl zu Europas Fußballer des Jahres. Eine gelernte Kosmetikerin handelte seine Verträge aus. Er spielte als erster Ausländer bei drei großen spanischen Clubs und schlief in einem Zimmer mit Diego Maradona. Seine Profikarriere begann im Alter von 18 Jahren beim 1. FC Köln, 16 Jahre später neigte sie sich auf der anderen Rheinseite dem Ende entgegen.

Um dem kalten Winter zu entkommen, hält der 1. FC Köln sein Trainingslager im Dezember 1977 im israelischen Tel Aviv ab. Zur selben Zeit findet auch ein internationales Jugendturnier in Israel statt. FC-Cheftrainer Hennes Weisweiler schaut sich gemeinsam mit Manager Karl-Heinz Thielen und Co-Trainer Hannes Löhr eine Partie der deutschen Junioren-Nationalmannschaft an. Ein Spieler fällt ihnen besonders auf. Ein blonder Junge, Libero, der seine langen Pässe haargenau serviert, so unvermutet, weil er zwei Spielzüge vorausdenkt. Sein Name ist Bernd Schuster. Er ist gerade erst volljährig und spielt in der Jugend des FC Augsburg.

Fasziniert von den Fähigkeiten des Blondschopfes nehmen die FC-Verantwortlichen Kontakt zu ihm auf. Einige Wochen später unterzeichnet Schuster in der Geschäftsstelle am Geißbockheim seinen Vertrag. Was Thielen und Weisweiler zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen: Der viel umworbene Schuster unterschreibt auch bei Borussia Mönchengladbach einen Vertrag. Vermutlich aus Naivität. Womöglich auf Drängen des FC Augsburg, der eine höhere Ablösesumme für seinen Rohdiamanten wittert. Vielleicht aber auch, weil die Angebote von Gespräch zu Gespräch lukrativer werden und Schuster den jeweils höher dotierten Vertrag unterzeichnet, bis es eben zwei sind. Der Fall landet vor dem Arbeitsgericht und geht zugunsten des FC aus.

Es ist eins von mehreren Fettnäpfchen, in das Schuster während seiner Spielerkarriere tritt. 1978 wäre der FC Augsburg wohl deutscher A-Jugendmeister geworden, „wenn sich der Kindskopf nicht so undiszipliniert vor dem Spiel an den Autobahnsee in die Sonne gelegt hätte“, erzählte Augsburgs Jugendtrainer Heiner Schuhmann vor rund zwei Jahren auf dfb.de. Schuster holt sich einen Sonnenbrand und der FCA verliert gegen Duisburg 1:2.

„Dat Luder muss weg“

Bald darauf, im Sommer 1978, erscheint das Augsburger Ausnahmetalent dem Gerichtsbeschluss entsprechend zum Trainingsauftakt am Geißbockheim statt am Bökelberg. Trainer Weisweiler sagt damals freudig: „Bernd bringt alles mit, was ein Mann der Spitzenklasse haben muss.“ Der FC ist amtierender Deutscher Meister und Pokalsieger. Schuster wirkt während seiner ersten Wochen in Köln schüchtern. Plötzlich trainiert der Jungspund an der Seite von Stars wie Toni Schumacher, Bernd Cullmann, Heinz Flohe und Dieter Müller, die er bis dahin nur aus dem Fernsehen kannte. Doch Weisweiler fördert die jungen Talente – Schuster und Littbarski. „Die Stars brüllte Weisweiler bei jeder Gelegenheit zusammen, aber uns ließ er völlig in Ruhe. Das gab uns Selbstvertrauen“, berichtete Schuster im Oktober 2011 im Magazin 11Freunde. 

Allmählich wird Schuster wichtiger Bestandteil der Verteidigung. In seinem ersten Profijahr, der Saison 1978/79, erreicht er mit dem FC das Halbfinale im Europapokal der Landesmeister. Als Anerkennung für seine überzeugenden Leistungen beruft Bundestrainer Jupp Derwall den jungen Senkrechtsstarter am 22. Mai 1979 zum Spiel in Dublin gegen Irland erstmals in die A-Nationalmannschaft. Schuster spielt auf Anhieb durch.

Wohnte Schuster bis März 1979 noch zur Untermiete in Hürth-Efferen bei Frau Hammermann, zieht er danach mit seiner neuen Freundin Gaby nach Rösrath. Mit 20 heiratet er das sechs Jahre ältere Foto-Model, eine ausgebildete Kosmetikerin, die fortan auch als seine Beraterin fungiert. Sie ist die erste Spielerfrau, die auf diese Weise im Fußball auftaucht. Ein Urknall in der konservativen Männerdomäne der achtziger Jahre. Vielen ist das ein Dorn im Auge. Sie verhandelt hartnäckig, geschickt und sorgt für einen großen medialen Aufschrei. Als Frau Schuster während des Trainings in Lack und Leder am Seitenrand posiert, fordert Weisweiler: „Dat Luder muss weg.“ Doch Schuster ist glücklich mit ihr. Mit 23 hat er schon drei gemeinsame Kinder mit Gaby, die in Zeitungen als „Inkarnation einer Spielerfrau“ umschrieben wird.

Aufstieg zum Weltstar

Sportlich wird Ehemann Bernd beim FC in der Saison 1979/80 zu einer der bestimmenden Figuren im Mittelfeld. Er zieht mit seiner überragenden Technik die Fäden, springt – wenn Not am Mann ist – auch in der Abwehr, als Libero oder sogar in der Angriffsreihe ein. Dann aber verlässt im April 1980 Weisweiler den FC in Richtung New York Cosmos – und das Tischtuch zwischen Schuster und dem neuen Übungsleiter Karl-Heinz Heddergott reißt schnell. Eine verbale Schlammschlacht in den Medien beginnt. Schuster soll Heddergott als „Flasche“ und „Amateur“ bezeichnet haben, Heddergott kontert „Rotzlöffel“. Schuster muss eine saftige Geldstrafe zahlen. Seinem Spitznamen – blonder Engel – fügen einige fortan ein „B“ hinzu. Blonder Bengel. 

Im DFB-Pokalendspiel 1980 verliert der FC gegen Fortuna Düsseldorf mit 1:2. 16 Tage später beginnt für Schuster und die DFB-Auswahl die Europameisterschaft in Italien. Deutschland wird Europameister. Schuster erhält das Silberne Lorbeerblatt und wechselt für kolportierte 3,6 Millionen D-Mark zum FC Barcelona, wo er endgültig zum Weltstar wird. Er teilt sich ein Zimmer mit Mitspieler Diego Maradona, wird Meister, dreimal spanischer Pokalsieger und gewinnt den Europapokal der Pokalsieger. Nach acht Jahren in Katalonien erweitert er seine Titelsammlung bei Real Madrid. Später spielt er für den Stadtrivalen Atletico.

Schusters Karriere in der Nationalmannschaft hat zu diesem Zeitpunkt bereits ein jähes Ende gefunden. Nur 21 Länderspiele absolviert er. Gemessen an seinen Qualitäten ein schlechter Scherz. Es hätten mindestens viermal so viele sein müssen. Letztmals trägt er das deutsche Trikot 1984 – mit 24. Schuster hatte sich nie sonderlich gut mit Bayern Münchens Paul Breitner verstanden. Die DFB-Elf war in Gruppen gespalten. Einer privaten Einweihungsfeier von Nationalmannschaftskollege Hansi Müller, auf der es Erzählungen nach „viel Obst und Getreide in flüssiger Form gab“, blieb Schuster als einziger aus dem Team fern. Er wollte am nächsten Morgen nicht übernächtigt und verkatert in die Frühmaschine nach Barcelona steigen müssen. Doch von diesem Beweggrund erzählt hatte er niemandem.

„Einen PR-Wert wie Frank Sinatra“

Vor der WM 1986 versuchte dann der neue DFB-Teamchef Franz Beckenbauer, den blonden Mittelfeldvirtuosen zurückzuholen. Bernd war grundsätzlich bereit, doch Gaby forderte für die Teilnahme ihres Mannes an der WM eine Million D-Mark – netto. Ein Vorgang, der die Nation schockierte und die Tür zur Nationalmannschaft für immer schloss.

Eine weitere Rückkehr sollte sich ebenfalls zerschlagen. Im Herbst 1990 wird Udo Lattek Sportdirektor beim 1. FC Köln. Schuster, der laut 11Freunde-Magazin zwischenzeitlich „Antje, das Walross“ zu werden droht, wird dem FC angeboten. Lattek lehnt dankend ab – mit den Worten: „Er ist zu langsam geworden. Und er ist zu dick.“

Doch was ist ein Mann schon ohne seinen Bauch, hat sich Rainer Calmund wohl gedacht und holt Schuster zur Saison 1993/94 zu Bayer 04 Leverkusen. Leverkusen wird Dritter, Schuster spielt groß auf und bringt Glamour in den Werksclub. „Der hat einen PR-Wert wie Frank Sinatra“, schwärmt Calmund damals. Zwei Jahre lang läuft es wie am Schnürchen, Schusters Weitschusstreffer im August 1994 gegen Frankfurt wird in der ARD-Sportschau zum Tor des Jahrzehnts gewählt. Dann aber streitet er sich mit Trainer Erich Ribbek und wird am 3. November 1995 aus dem Kader gestrichen. Weil er sich dennoch trotzig auf die Bayer-Bank setzt, verliert er auch die Rückendeckung seiner Mitspieler und wird als Kapitän abgesetzt. Seine aktive Karriere beendet Schuster 1997 bei UNAM Pumas in Mexiko-Stadt.

Trainer von Real Madrid

Danach absolviert er das Fußballlehrerdiplom an der Sporthochschule Köln und wird noch vor Examensablegung Cheftrainer beim Zweitligisten Fortuna Köln. Er weckt das Interesse von FC-Präsident Albert Caspers, der Schuster 1997 zum soeben in die 2. Bundesliga abgestiegenen 1. FC Köln lotst. Der direkte Wiederaufstieg wird mit der historisch schlechtesten FC-Saison auf Platz 10 der 2. Bundesliga verfehlt und Schuster nach nur einem Jahr durch Lienen ersetzt. Im Anschluss trainierte er mehrere spanische Erstligisten. Real Madrid führt er 2008 zur Meisterschaft. Mittlerweile ist Schuster 61 Jahre alt und in zweiter Ehe mit einer Spanierin liiert. Seine Ehe mit Gaby endete 2011 nach mehr als 30 Jahren.

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Gesamttabelle
PL.VereinPkt.
11Eintracht Frankfurt15
121. FC Köln15
13VfL Bochum 184813

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